René Girard ist einem fundamentalen Wirkungsmechanismus auf der Spur: dem der Gewalt, die Opfer und Täter in einer endlosen Spirale aus Rache fortwirken lässt. Den „Gründungsmythos eines Opfersystems“ glaubt Girard in Jakobs Segnung durch seinen dem Sterben nahen Vater Isaak erkannt zu haben (Gen 27): „Zwei Typen von Stellvertretung stoßen hier aufeinander, jene des einen Bruders durch den anderen und jene des Menschen durch das Tier.“ Die mit einhergehender Verkennung verbundene Opferstellvertretung der Gewalt „zieht die überall vorhandenen Ansätze zu Zwistigkeiten auf das Opfer und zerstreut sie zugleich, indem sie sie teilweise beschwichtigt“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ambivalenz des Opfers und die Rolle der Gewalt
3. Das Ersatzopfer und der Gründungsmythos
4. Rituelle Systeme und die Entstehung von Gewalt
5. Die christliche Perspektive und das Bedürfnis nach Gewalt
6. Die Rache als endloser Prozess
7. Institutionalisierung des Vergeltungsprinzips
8. Die Gefahr der Gewalt in der Moderne
9. Kategorien der Racheprävention
10. Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die fundamentalen Wirkungsmechanismen von Gewalt und Opfersystemen im Denken von René Girard und analysiert, wie diese Prozesse das menschliche Zusammenleben, die Kulturgeschichte und die moderne Rechtssprechung beeinflussen.
- Die philosophische Bedeutung von Gewalt und Opfer als menschliche Konstanten
- Die Funktion des rituellen Ersatzopfers zur Kanalisierung von Aggressionen
- Der Zusammenhang zwischen Rache, Vergeltung und der Entwicklung von Rechtssystemen
- Die Auseinandersetzung mit der christlichen Sichtweise auf Schuld, Sünde und Erlösung
- Die Analyse der strukturellen Gewalt in modernen Gesellschaften
Auszug aus dem Buch
Die Rache als endloser Prozess
Wurden falsche, also zu sehr in der Gesellschaft verwurzelte Menschen geopfert, konnte der Verdacht des Mordes aufkommen und Rache, sogar die berüchtigte Blutrache, nach sich ziehen. Das konnte und kann in jeder Gesellschaft eine gefährliche Kettenreaktion auslösen: „Die Rache stellt also einen unendlichen, endlosen Prozess dar. Wann immer sie an einem beliebigen Punkt innerhalb der Gesellschaft auftaucht, neigt sie dazu, sich auszubreiten und die gesamte Gesellschaft zu erfassen.“
Martin Heidegger (1889-1976) ging mit der Frage „Was heißt Denken?“ auf Friedrich Nietzsches Denken ein und betonte, dass es der Erlösung vom Geist der Rache gegolten habe: „Sein Denken gilt einem Geist, der als Freiheit von der Rache vor jeder bloßen Verbrüderung, aber auch vor allem Nur-bestrafen-wollen, vor aller Friedensbemühung und vor jedem Betreiben des Krieges liegt, vor dem Geist, der die Pax, den Frieden, durch Pakte begründen und sichern will. Der Raum dieser Freiheit von der Rache liegt ebenso vor jedem Pazifismus wie vor jeder Gewaltpolitik. Er liegt ebenso vor jedem schwächlichen Gleitenlassen der Dinge und dem Sichdrücken um das Opfer, wie vor dem blinden Handeln um jeden Preis.“
Um der Rache und heute besonders den Kriegen ein Ende zu setzen, genüge es nach Girard keinesfalls, nur moralisch von der Verabscheuungswürdigkeit der Gewalt überzeugt zu sein, denn dort, wo sie am strengsten geächtet werde, triumphiere sie am höhnischsten, und sei es in den modernen Formen des Kalten Krieges, des Mobbing oder der political correctness. Hier kann jedermann in irgendeiner Lebensphase zum Opfer werden. Und wenn es dann nicht gelänge, den unweigerlich aufkommenden Hass „produktiv“ zu machen, dann wäre es nach Karl Kraus (1874-1936) gescheiter, gleich zu lieben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung thematisiert die Zirkularität des Opferbegriffs und die Ambivalenz von Gewalt als blutige Realität unserer Zivilisation.
2. Die Ambivalenz des Opfers und die Rolle der Gewalt: Untersuchung der Aggressionsmechanismen und der Neigung des Menschen, Gewalt als irrational abzutun, obwohl sie tief verwurzelte Ursachen hat.
3. Das Ersatzopfer und der Gründungsmythos: Analyse der Suche nach Sündenböcken und der Funktion des Opfers im biblischen Kontext, etwa am Beispiel von Kain und Abel.
4. Rituelle Systeme und die Entstehung von Gewalt: Erörterung der rituellen Opferung im antiken Drama und deren Funktion als bekömmliche Nahrung für die Gewalt.
5. Die christliche Perspektive und das Bedürfnis nach Gewalt: Girard beleuchtet die christliche Schöpfungs- und Erbsündenlehre und hinterfragt moderne pazifistische Ideologien hinsichtlich ihrer empirischen Wirksamkeit.
6. Die Rache als endloser Prozess: Darstellung der Rache als unkontrollierbare Kettenreaktion, die durch die Auseinandersetzung mit Nietzsche und Heidegger philosophisch eingeordnet wird.
7. Institutionalisierung des Vergeltungsprinzips: Untersuchung, wie das Gerichtswesen den Teufelskreis der Rache begrenzen und durch staatliche Instanzen ersetzen konnte.
8. Die Gefahr der Gewalt in der Moderne: Kritik an der heutigen Wahrnehmung, Gewalt sei ein rein prämodernes Problem, und Aufzeigen struktureller Gewalt anhand des Beispiels der DDR-Aufarbeitung.
9. Kategorien der Racheprävention: Systematisierung der menschlichen Mittel gegen die Rache in Prävention, Dosierung und rechtliche Institutionen.
10. Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung: Abschließende Betrachtung, inwiefern technischer Fortschritt und archaische Gewaltstrukturen auch heute noch unauflöslich miteinander verwoben sind.
Schlüsselwörter
René Girard, Gewalt, Opfer, Rache, Ambivalenz, Sündenbock, Christentum, Vergeltungsprinzip, archaische Gesellschaften, Zivilisation, Aggression, strukturelle Gewalt, Ritual, Versöhnung, Rechtswesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Theorien von René Girard über die Rolle von Gewalt und Opfersystemen in der menschlichen Gesellschaft und Kulturgeschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die psychologischen Wurzeln von Gewalt, das rituelle Opfer, die Dynamik der Rache und der Übergang von archaischen zu rechtsstaatlich strukturierten Gesellschaften.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Gewalt kein veraltetes Phänomen ist, sondern ein fundamentaler Wirkungsmechanismus bleibt, der auch moderne Gesellschaften prägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kulturwissenschaftliche und philosophische Analyse, die mit Literaturtheorie, Theologie und anthropologischen Stufenmodellen arbeitet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Girards Thesen zur Stellvertretung durch das Opfer, die Kritik am modernen Pazifismus und die Notwendigkeit rechtlicher Institutionen zur Befriedung der Rache behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gewalt, Opfer, Rache, Sündenbock, Ambivalenz und zivilisatorischer Fortschritt charakterisiert.
Wie bewertet Girard die Funktion des Gerichts im Vergleich zum rituellen Opfer?
Girard sieht im Gerichtswesen eine notwendige Weiterentwicklung, die den unendlichen Prozess der Rache durch eine institutionalisierte Vergeltungsinstanz begrenzt und damit zivilisiert.
Welche Rolle spielt die christliche Lehre in der Argumentation?
Die christliche Schöpfungs- und Erbsündenlehre dient als Rahmen, um die universelle Verbreitung der Gewalt zu verstehen, ohne sie jedoch als naturgegebene Wesensnatur festzuschreiben.
- Quote paper
- Siegmar Faust (Author), 2003, Zu: René Girard: "Das Opfer", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47449