Zu: René Girard: "Das Opfer"


Referat (Ausarbeitung), 2003

10 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Doch das Opfer samt der Opferung ist leider mehr als ein Gefühl, viel­mehr eine blutige Tatsa­che wie zum Beispiel ein Verkehrsunfall in seines Wor­tes dop­pelter Bedeutung. Ob nun als unerwünschte Schwangerschaft oder als ungewoll­ter Zu­sammenprall von Fahr- oder Flugzeu­gen jeder Art, die zahlrei­chen Opfer sind von alters her von Geheimnissen umwittert und blei­ben selbst heute noch im Zwielicht hängen, während man in die Täter - und das nicht nur im „Krimi“, son­dern aus dem Alltag bis in die Rechtssprechung hinein - viel mehr in­vestiert.

Vor dieser Banalität hatte sich gewissermaßen ein Mysterienkult herausge­bil­det. Klar ist in­des­sen, dass da­bei stets Aggression im Spiele war und ist. Ob­wohl der wie auch im­mer aus­gebro­chenen Gewalt zumeist „Irrationalität“ zuge­schrie­ben wird, „man­gelt es ihr nicht an Beweg­gründen“.[1] Selbst als friedli­che Ge­sell­schafts­we­sen erleben wir täg­lich, mit welchen Unterschie­den zwi­schen sich und den Ande­ren man sich an­freunden oder anfeinden möchte, wenn man den ei­gent­lich noch schlim­meren Zustand der Indifferenz mal beiseite lässt. Ei­fer­sucht, Neid, un­gestilltes Begehren kann sich allzu leicht zum Hass steigern, der sich entladen will oder muss, nach innen oder außen, einzeln oder kollektiv. So bleibt das Le­ben immer im Zu­stand der Ambiva­lenz, denn man weiß ja nie, ob unsere Zi­vili­sation „vorka­tastrophisch oder vor­reformatorisch“[2] ist.

Der aggressionsgeladene Mensch sucht und findet zumeist ein Ersatzopfer, und sei es ein Tier, das sich dann oft dadurch ausgezeichnet findet, dass es ein Nutz­tier ist oder irgendwie menschliche Züge aufweist, wie der konservative Denker Joseph de Maistre (1753-1821) meinte, der auch sah, dass im rituellen Opfer immer ein „unschul­diges“ Geschöpf für einen „Schuldigen“ zahlen, soll heißen: den Kopf hinhalten musste. Zumeist reagiert sich der aufge­brachte Mensch heute im All­tag jedoch an sich selber, an harmlosen Geschöpfen, Sucht­mitteln oder Gegens­tänden ab, die sich in Reichweite befinden. Noch zivilisier­tere, also „ab­geklärte“ Zeit­genos­sen donnern nur eine Kanonade Be­schimp­fun­gen los, die zu­meist mit Begriffen aus Brehms Tierlexikon gespickt und zu­dem durch ausge­sprochen menschliche Attribute wie blöde, dämlich oder doof aufge­rüstet sind.

So kann das vorhandene Gewalt-Potential überlistet und verharmlost wer­den, aber leider funk­tioniert das nicht immer auf so ungefähr­liche Weise. Ein klassi­sches, biblisches wie tragisches Beispiel sind die Brü­der Kain und Abel; Vieh­züchter der eine, Ackerbauer der andere. Das Lammop­fer Abels nimmt Gott an, Kains qualmende Feldfrüchte jedoch nicht. Kain erschlägt schließlich ent­täuscht seinen Bruder Abel - soweit die so genannten Tatsachen. Hinter die­ser Ge­schichte wie hinter vielen weiteren, die auch in griechischen Mythen oder deut­schen Haus­märchen unter „feindlichen Brüdern“ vorfal­len, ver­bergen sich Span­nungen, die unser Leben bis in die Gegenwart nicht nur be­glei­ten, sondern bis­weilen sogar bedin­gen.

[...]


[1] Ebenda, S. 11

[2] Sloterdijk, Peter: Erwachen im Reich der Eifersucht, Nachwort zu René Girards kritischer Apologie des Christentums: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz, München 2002, S. 252

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Zu: René Girard: "Das Opfer"
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Philosophische Fakultät II)
Veranstaltung
Proseminar: Religion und Religionskritik
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
10
Katalognummer
V47449
ISBN (eBook)
9783638443982
ISBN (Buch)
9783656587972
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vollständige Zitierung über Fußnoten, daher kein Literaturverzeichnis
Schlagworte
René, Girard, Opfer, Proseminar, Religion, Religionskritik
Arbeit zitieren
Siegmar Faust (Autor), 2003, Zu: René Girard: "Das Opfer", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47449

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