Bildungsungleichheit. Dringende Notwendigkeiten einer Reform


Hausarbeit, 2003

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der sozialen Ungleichheit und Schichtdifferenzierung
2.1. Soziale Ungleichheit – ein Definitionsversuch
2.2. Unterscheidungsmerkmale der sozialen Ungleichheit
2.3. Exkurs: Der Begriff Chancengleichheit

3. Bildungsexpansion und ihre Folgen

4. Bildungsungleichheit und die Merkmale für die unterschiedlichen Bildungschancen
4.1. Gleiche Bildungschancen für alle?
4.2. Sozioökonomische Lage des Elternhauses und kulturelles Kapital
4.3. Bildung und Berufstätigkeit (Humankapital) der Eltern
4.4. Familienstruktur und im Elternhaus gesprochene Sprache
4.5. Engagement und Kommunikation innerhalb der Familie und soziale Kompetenz
4.6. Soziale Auslese durch das Schulsystem

5. Bildungsungleichheit bei Kindern mit Migrationshintergrund
5.1. Größere Bildungsbarrieren für Ausländerkinder
5.2. Gründe für die Differenzierung in den Bildungswegen von Migranten

6. Fazit und mögliche Bildungsreformziele

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Armut hat schwarze Haare". So wurde ein Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Drieschner, 2003, 3) betitelt. Da Armut sich auch über mangelnde Bildung bedingt[1], kann man die Überschrift umformen und erhält: „Bildungsarmut hat schwarze Haare.“ Diese Aussage deutet an, dass Ausländerkinder weniger Chancen auf einen hohen Bildungsabschluss haben als deutsche Kinder[2].

Das deutsche Bildungssystem ist -wie spätestens nach der PISA-Studie allgemein bekannt ist- nicht in der Lage, soziale Ungleichheit auszugleichen. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit und Bildungsbenachteiligung; die soziale Herkunft hat in Deutschland massive Auswirkungen auf die Bildungskompetenz der Kinder. Ins Auge fallen vor allem gravierende Unterschiede der Bildungsbeteiligung und des Kompetenzerwerbs in Abhängigkeit von dem Migrationsstatus.

In der Bundesrepublik gilt jedoch die Forderung nach uneingeschränkter Chancengleichheit. Diese besagt im Bildungsbereich, dass alle entsprechend ihren Leistungen und Fähigkeiten gleiche Chancen zum Erwerb mittlerer oder höherer Bildungsabschlüsse haben sollen.

In der vorliegenden Seminararbeit soll untersucht werden, inwieweit diesen Maßstäben genüge getan werden kann, was unter Bildungsgleichheit bzw. -ungleichheit zu verstehen ist und ob ausländische Schüler bzw. Schüler, deren Muttersprache nicht die Unterrichtssprache ist, tatsächlich stärker benachteiligt sind als deutsche Kinder. Der Schwerpunkt wird hier auf die unterschiedlichen erreichbaren Zugangsmöglichkeiten der einzelnen Schülergruppen gelegt.

Zunächst soll ein Überblick über die verschiedenen Begriffe der Ungleichheit geschaffen und ihre Entstehungsgründe beleuchtet werden. Anschließend wird die Bildungsungleichheit im Allgemeinen skizziert, sowie die erschwerten Bildungsmöglichkeiten der ausländischen Kinder im Besonderen veranschaulicht werden.

Daran anknüpfend sollen die Ursachen für diese Bildungsbarrieren herausgearbeitet werden.

Schließlich soll zusammenfassend die Problematik im Bildungswesen und die dringende Notwendigkeit einer Reform dargestellt und der Frage nachgegangen werden, wodurch diese Bildungsbarrieren entstehen und wie sie möglicherweise behoben werden können.

2. Definition der sozialen Ungleichheit und Schichtdifferenzierung

2.1. Soziale Ungleichheit – ein Definitionsversuch

Mit der sozialen Ungleichheit wird allgemein das Ergebnis der unterschiedlichen Bewertung und Anerkennung des beruflichen Status und der Einkommens– und Vermögenslage in der Gesellschaft bezeichnet.[3]

In der Ungleichheitslage haben einzelne Personen oder Personengruppen unterschiedlichen Zugang zu ökonomischen Ressourcen, die sozialen Positionen differieren und der Zugang zu Bildung ist je nach Personengruppe unterschiedlich. Die Ungleichheit wird als eine Begleiterscheinung der für den Fortschritt notwendigen Arbeitsteilung gewertet (Koch, 1970, 34).

Bis zur Zeit der Aufklärung galt die soziale Ungleichheit im aristotelischen Sinne als gott– und naturgegeben. Mit der Durchsetzung der Auffassung der rechtlichen Gleichheit wurde soziale Ungleichheit vor allem durch Rousseau und Hobbes als ein von der Gesellschaft konstruiertes Gebilde gesehen.

Die soziale Ungleichheit wurde bis Mitte der siebziger Jahre durch die meritokratische Triade Bildung, Beruf und Einkommen bestimmt (Kreckel, 1983, 15).

Was aber sind Schichten? Mit dem aus der Geologie entlehnten Begriff der Schicht wird schon angedeutet, dass es hier um vertikale Strukturierungen der Verteilung der Güter geht, die traditionell aus der Stellung im Erwerbsleben resultieren bzw. diese mit beeinflussen können, wie Beruf, Prestige, Macht und Einkommen.

Mitglieder einer sozialen Schicht befinden sich in einer vergleichbaren sozialen Lage, die ähnliche Optionen und Lebenschancen bietet bzw. ähnliche Verhaltensweisen und Lebensstile zum Ergebnis hat. So impliziert soziale Schichtung auch soziale Ungleichheit.

Heute ist man zunehmend der Meinung, dass neben der vertikalen Ungleichheit zunehmend andere Formen der Ungleichheit zu beobachten sind. Durch soziale Bewegungen, Globalisierung, Emanzipation und das sich ändernde Erwerbssystem kann die soziale Ungleichheit aber nicht mehr nur an den drei o.a. Dimensionen abgelesen werden. Es müssen auch Komponenten wie z. B. soziale Herkunft, ökonomisches Umfeld und Lebensstile berücksichtigt werden.

Diese Ungleichheiten[4] werden als horizontale Ungleichartigkeiten (Lagen) bezeichnet. Sie beziehen sich auch nicht unbedingt auf die traditionellen Dimensionen Beruf, Bildung und Einkommen, weil sie nicht notwendig über den Arbeitsmarkt vermittelt werden. Sie dokumentieren eine Verschiedenartigkeit von Werten und Normen (Sahner, 2003, 44).

Darüber hinaus wird neben dem Modell der sozialen Lagen in der Sozialstrukturanalyse der neue Ansatz der sozialen Milieus entwickelt (Geißler, 2000, 59). Diese Ungleichheiten, die Bedingungen beschreiben, unter denen man seine Lebensverhältnisse gestalten kann, gewinnen immer größere Bedeutung.

Die Ausdrücke „soziale Schicht“, „soziale Lage“ und „Milieu“ sollen in der folgenden Arbeit synonym verwendet werden. Auch wird hier nur auf die Unterscheidung zwischen Schichtmerkmalen eingegangen, da die Differenzierung von Milieu- und Lagenmerkmalen den Rahmen der Arbeit sprengen würden.

2.2. Unterscheidungsmerkmale der sozialen Ungleichheit

Die soziale Ungleichheit soll in groben Zügen anhand einiger ausgewählter Merkmale differenziert werden. Die Schichtzugehörigkeit variiert je nach Ausmaß dieser Kriterien (Schäfers, 1998, 616).

- Einkommensverteilung

Die Lebenschancen hängen von der Einkommensverfügung ab und können proportional zur Höhe der Einkünfte gegeneinander abgegrenzt werden. Die Einkommensverteilung hat sich in den letzten vier Jahrzehnten kaum verändert, das reichste Fünftel hat etwas mehr als das Doppelte, das ärmste Fünftel weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Haushaltseinkommens zur Verfügung.

- Vermögensverteilung

Die Chancen, Ersparnisse zu bilden und Vermögen anzulegen, variieren. Wer kein großes Einkommen hat, kann auch nicht viel sparen. Die Vermögensunterschiede fallen ausgeprägter aus als die Unterschiede beim Einkommen. Das reichste Zehntel verfügte 1993 fast über die Hälfte des Gesamtvermögens der Bundesrepublik, die untere Hälfte nur über etwas ein Zehntel des Vermögens.

- Stellung im Beruf

Das Sozialprestige, das ein bestimmter Beruf impliziert, ist an die Möglichkeit gekoppelt, sich die geforderten beruflichen Qualifikationen aneignen zu können. Die Ungleichheit besteht u.a. in der Gliederung der Qualifikationsanforderungen. So haben zum Beispiel Ärzte ein hohes öffentliches Ansehen, da die Ausbildung sehr lange dauert.

- Bildungsungleichheit

In der Bundesrepublik ist eine vertikale Ordnung der Bildungsabschlüsse zu bemerken. Diese Unterscheidungen lassen sich unter anderem aus den verschiedenen Ausbildungszeiten herleiten. Die Startchancen der einzelnen sozialen Schichten sind ungleich, sie werden nicht nur durch die Bildungsvoraussetzung und -motivation der Eltern, sondern auch zum Beispiel durch das ökonomische Umfeld der Familien bestimmt.

Diese Kriterien sind die entscheidenden Variablen des Statuszuweisungsprozesses in der modernen Gesellschaft[5]. Die Merkmale sind ineinander verwoben, sie beeinflussen sich gegenseitig.

Es zeigt sich in zahlreichen Studien, dass Menschen in den unteren sozialen Schichten durch die sozioökonomischen Bedingungen oft nicht in der Lage sind, die Berufsqualifikationen zu erreichen, die für eine erwünschte Stellung im Beruf und das damit angestrebte Sozialprestige erforderlich sind und die ihren Leistungen entsprechen. Der zukünftige Sozialstatus wird erheblich durch die schichtspezifischen Unterschiede in den Bildungswegen beeinflusst, auf die im Folgenden eingegangen werden soll.

[...]


[1] Bildung und Qualifizierung haben drei Zieldimensionen, die immer zusammen zu sehen sind: Entwicklung der Persönlichkeit, Teilhabe an der Gesellschaft und Beschäftigungsfähigkeit. Wenn Kinder nicht entsprechend ausgebildet werden, haben sie keine Chance auf einen entsprechenden Beruf und sind dann oft auf Sozialhilfe angewiesen.

[2] Der überwiegende Teil der Migrantenfamilien ist den sozial schwächsten Schichten zuzurechnen.

[3] In der folgenden Arbeit soll die soziale Ungleichheit als soziales Problem nur umrissen werden und nur auf eine Ursache der Ungleichheit – der Ungleichheit durch Bildung – eingegangen werden.

[4] Unter "neuen" sozialen Ungleichheiten versteht man Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, Ungleichheiten zwischen Regionen und die Disparitäten zwischen Ethnien und Gruppen (Randgruppen).

[5] Als Statuszuweisungsprozess wird der Prozess bezeichnet, in dem Individuen im Laufe ihres Lebens in Positionen gelangen, die ihren sozialen Status determinieren.

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Details

Titel
Bildungsungleichheit. Dringende Notwendigkeiten einer Reform
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Einführung in die Sozialstrukturanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V47467
ISBN (eBook)
9783638444125
ISBN (Buch)
9783638659444
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungsungleichheit, Gleiche, Bildungschancen, Einführung, Sozialstrukturanalyse
Arbeit zitieren
Anna-Lisa Esser (Autor), 2003, Bildungsungleichheit. Dringende Notwendigkeiten einer Reform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47467

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