Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Identitätsfrage als einer zentralen Problematik in Heinrich von Kleists Drama „Amphitryon. Ein Lustspiel nach Molière“ von 1807. Amphitryon, Alkmene und Sosias werden in ihrer Wahrnehmung, dem Zweifel an der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit, dem Umgang mit dieser Störung und der versuchten Gegenwehr gezeigt, wobei Verstand, Gefühl und Sinne als Erkenntnismöglichkeiten von den drei Personen exemplarisch abgedeckt werden. Der Begriff der „sozialen Rolle“ soll in der Untersuchung ebenso Verwendung finden wie ein psychologischer und soziologischer Identitätsbegriff um zu zeigen, wie Identität im Stück verwandt wird und was sie für die Figuren jeweils bedeutet. Die Figur des Jupiter soll untersucht werden im Hinblick auf seine Bedeutung als Auslöser der Identitätskrisen, das wiederholte Ausbrechen aus seiner selbstgewählten Rolle als Amphitryon und in der ungewöhnlichen Zusammensetzung der Gottesfigur, die pantheistische, alt- und neutestamentarische Züge sowie Elemente der römischen und griechischen Antike in sich vereint. Zuletzt soll kurz auf Kleists Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit des Menschen eingegangen werden, was die Konzeption des Stückes näher beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Begriffserläuterungen
1. Identität
2. Soziale Rolle
III. Hauptteil
1. Zum Drama
2. Jupiter
2.1 Zusammengesetzte Gottesfigur
2.2 Auslöser der Identitätsproblematiken der Menschen
2.3 Jupiters Motiv und seine Beziehung zu Alkmene
2.4 Seine Rolle als Amphitryon und das Ausbrechen aus dieser
3. Amphitryon
3.1 Wahrnehmung und Weltsicht: Verstand
3.2 Umgang mit dem Identitätsraub
4. Alkmene
4.1 Wahrnehmung und Weltsicht: Gefühl
4.2 Umgang mit Wahrnehmungszweifel und Betrug
5. Sosias
5.1 Wahrnehmung und Weltsicht: Sinne
5.2 Merkur
5.3 Umgang mit dem Identitätsraub
IV. Kleists Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit des Menschen
V. Schlussbemerkung
VI. Verwendete Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Identitätsproblematik in Heinrich von Kleists Drama „Amphitryon“. Sie analysiert, wie die Figuren mit dem Zweifel an ihrer eigenen Wahrnehmungsfähigkeit, dem durch Götter ausgelösten Identitätsraub und der daraus resultierenden psychischen Belastung umgehen.
- Analyse der Identitätskrise von Amphitryon, Alkmene und Sosias.
- Untersuchung der Rolle Jupiters als Auslöser der Identitätsverluste.
- Gegenüberstellung von Verstand, Gefühl und Sinnen als Erkenntnismöglichkeiten.
- Erörterung des Begriffs der sozialen Rolle und deren Verlust.
- Auseinandersetzung mit Kleists allgemeinem Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit des Menschen.
Auszug aus dem Buch
2.4 Seine Rolle als Amphitryon und das Ausbrechen aus dieser
Jupiter hat zusammen mit Amphitryons Identität auch dessen gesellschaftliche Rollen usurpiert, von denen er vornehmlich an der Beziehungsrolle als Ehemann Alkmenes interessiert ist. Um diese Rolle glaubhaft spielen zu können, muss er auch Amphitryons andere Rollen (als Feldherr und Hausherr) spielen, z.B. in V. 418f.: „Sie sind dem Krieg geraubt, die Augenblicke,/ Die ich der Liebe opfernd dargebracht“. Jupiter versucht, die entscheidende Beziehungsrolle zu Alkmene in einen „gesellschaftlichen und einen individuellen Teil aufzuspalten, wobei er die gesellschaftliche Identität als Ehemann Amphitryon abzulegen sucht, um sich nur mit der individuellen Rolle des „lover“ zu identifizieren.“ Alkmene kann diese Trennung der Aspekte der Rolle nicht nachvollziehen, für sie gehören diese untrennbar zusammen. Das zeigt sich bei jedem Versuch in der Szene II, 5.
Jupiters Problem im Durchgang durch das Stück besteht darin, dass er ersehnt, um seiner selbst willen geliebt zu werden, von Amphitryon also unterschieden, während er zugleich nicht zugeben darf, dass er nicht Amphitryon ist.
Denn hätte er sich als Jupiter sogleich zu erkennen gegeben, so wüßte er nicht, ob er nur um seiner Macht als Gott willen empfangen worden wäre. Er muß also eine Nichtidentität Amphitryons mit sich selbst proponieren und gerade das muß Alkmene unverständlich bleiben.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit führt in die Identitätsfrage in Kleists Lustspiel ein und stellt die Schwerpunkte auf psychologische Prozesse sowie den Umgang der Figuren mit Wahrnehmungsstörungen dar.
II. Begriffserläuterungen: Es werden die zentralen theoretischen Begriffe Identität (in psychologischer und soziologischer Sicht) und soziale Rolle definiert.
III. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert das psychologische Drama und untersucht detailliert die Rollen und Identitätskrisen von Jupiter, Amphitryon, Alkmene und Sosias.
IV. Kleists Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit des Menschen: Dieses Kapitel verknüpft die Identitätskrisen mit Kleists allgemeinem Pessimismus bezüglich einer sicheren menschlichen Welterkenntnis.
V. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass Identität in der Welt des Stücks intersubjektiv begründbar ist und ein dauerhafter Verlust bzw. eine dauerhafte Zeichnung der Figuren am Ende des Dramas steht.
VI. Verwendete Literatur: Verzeichnis der Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Amphitryon, Heinrich von Kleist, Identitätsproblematik, soziale Rolle, Wahrnehmung, Rollenraub, Identitätsverlust, Jupiter, Alkmene, Sosias, Erkenntnisfähigkeit, Doppelgänger, Ich-Identität, Selbstgewissheit, psychologisches Drama.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Identitätskrisen der Hauptfiguren in Heinrich von Kleists „Amphitryon“, ausgelöst durch göttliche Rollenusurpation.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Identität, soziale Rollen, Wahrnehmungspsychologie, die Rolle der Götter sowie Kleists erkenntnistheoretischer Pessimismus.
Was ist die primäre Zielsetzung der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Identität im Stück konstruiert ist, welche Rolle die Außenwahrnehmung spielt und warum für die Figuren eine sichere Identität unmöglich wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, gestützt durch soziologische und psychologische Identitätskonzepte (u.a. von Jauss, Luckmann, Greiner).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Jupiter als Auslöser, sowie die detaillierte Untersuchung der Reaktionen von Amphitryon, Alkmene und Sosias auf den Identitätsraub.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Identität, soziale Rolle, Rollenraub, Erkenntnisfähigkeit und Spiegelung sind die zentralen Begriffe.
Warum leidet Alkmene unter einer solch schweren psychischen Identitätskrise?
Alkmene baut ihre Identität auf einem unfehlbaren inneren Gefühl auf; als dieses durch den Betrug Jupiters ins Wanken gerät, verliert sie ihre gesamte Weltsicht.
Welche Rolle spielt Jupiter in Bezug auf die Identität der Menschen?
Er fungiert als bewusster Auslöser von Krisen, indem er Menschen ihre Rollen und Identitäten abspricht, wobei er sich selbst in seiner Rolle als Amphitryon in Widersprüche verstrickt.
Kommt Sosias am Ende besser mit dem Identitätsraub zurecht?
Sosias zeigt eine hohe Anpassungsfähigkeit und Rollendistanz, da er sich primär auf materielle Bedürfnisse fokussiert und den Doppelgänger pragmatisch akzeptiert, solange seine Leiblichkeit gewahrt bleibt.
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- Claudia Kollschen (Author), 2002, Die Identitätsproblematik in Kleists 'Amphitryon' - 'Wie kann ich sein, wenn ich meiner selbst am anderen irre werden muss?', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47473