Geschlechterphantasien der frühen Neuzeit: Wittenwilers 'Ring'


Seminararbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Protagonisten
2.1. Hofieren mit stechen und turnieren

3. Mätzli auf dem Speicher
3.1. Mätzlis „sexual awakening“[1]

4. Mätzli beim Arzt
4.1. Festlegung von Geschlechterdifferenz durch Gewalt
4.2. Geschlecht sozial-kulturell definiert

5. Die Hochzeit
5.1. Die Hochzeitsnacht

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

An Heinrich Wittenwilers Ring, entstanden um 1400, scheiden sich die Forschungsgeister. Größtenteils wird das Werk im Kontext höfischer Literatur gesehen, was zu einer Fokussierung auf die teilweise stark herausgearbeiteten sexuellen Elemente führt. Diese oft detaillierten Beschreibungen von Genitalen und sexuellen Handlungen, die als häufig als „mehr oder weniger unterhaltsame“[2] Teile einer moralisch-didaktischen Erzählung angesehen werden, brachten dem ‚Ring’ einen (unverdienten) Ruf von Obszönität ein. So bezeichnet Jürgens-Lochthove, die sich in ihrem Buch eingehend mit dem Obszönen im ‚Ring’ auseinandergesetzt hat, als „eine sich selbst genügende literarische Gestaltung des Sexuellen, die auf der Freude an Sexualität beruht und der man möglicherweise den Stimulationseffekt, der häufig mit obszönen Inhalten verbunden ist, nicht ganz absprechen kann.“[3] Eine solche Beurteilung, so Schmitt, kann nur das Resultat einer Betrachtung der Handlung in deren gestalterischem Zusammenhang mit der höfischen Literatur sein, weswegen die Forschung oft genug versuche, den Kontrast zwischen höfischer Minne, welche als ’natürlich’ angesehen ist, und des auf die körperliche Ebene beschränkten Werbens von Bertschi hervorzuheben.[4]

In dieser Diskussion kommt allerdings die Frage, ob sich Sexualität und Geschlechteridentität (gender) in Wittenwilers ‚Ring’ tatsächlich als etwas Natürliches oder von Gesellschaft und Kultur Konstruiertes darstellen, zu kurz. Bereits Judith Butler hebt hervor, dass Sexualität „immer durch Diskurs und Machtverhältnisse konstruiert ist, wobei der Begriff „Macht“ teilweise im Sinne heterosexueller und phallischer Kulturkonventionen verstanden wurde“[5], weswegen es keine Sexualität „vor“, „außerhalb“ oder „jenseits“[6] solcher Machtverhältnisse geben könne. Dabei ergibt sich durch die Schaffung einer ’natürlichen Heterosexualität’, innerhalb derer Geschlechteridentitäten als binär –nämlich männlich und weiblich[7] – dargestellt werden, eine „innere Kohärenz“[8] von sex (biologisches Geschlecht) und gender (Geschlechteridentität).

Mit Blick auf diese theoretischen Zusammenhänge soll nun untersucht werden, wie sich männliche und weibliche Sexualität darstellt und gegenseitig bedingt, und wie Geschlechteridentitäten und Machtverhältnisse innerhalb des gender -Gerüsts konstruiert und gesellschaftlich legitimiert werden. Es soll vor allem auf die Figur Mätzli eingegangen werden, deren sexuelle Identität besonders vor dem Hintergrund der literarischen Tradition der fabliaux[9] gesehen werden muss.

2. Die Protagonisten

Zunächst wird dem Zuhörer, beziehungsweise dem Leser Bertschi Triefnas vorgestellt, Ein degen säuberleich und stoltz (v.63), der sich selbst als junkherr titulieren lässt. Dabei ist dem Publikum sogleich klar, dass die Figur Bertschi ironisch dargestellt ist, zum einen durch das vorangehende esler pauren (v.59), bei welchem es sich um ein Wortspiel mit ‚edler’ handelt, und zum anderen durch den Namen des Protagonisten, der die Erwartungshaltung des Publikums in eine bestimmte Richtung lenkt: ‚Bertschi’ ist zum Beispiel bei Neidhart die Bezeichnung für einen „Vertreter der älteren Bauerngeneration“[10], sein Nachname zeugt ebenfalls von bäurischem Verhalten.[11]

Mätzli Rüerenzumphs Beschreibung, nach dem Schema eines Lobpreises auf die höfische frouwe aufgebaut, ist wesentlich ausladender, als Bertschis. Es fällt sofort auf, dass die Lobrede auf ihr ’gutes’ Aussehen eine völlige Umkehrung des höfischen Schönheitsideals ist. So beschreibt Wittenwiler sie beispielsweise als von adel lam und krumpf (v.76) mit wängel rosenlecht sam äschen (v.89)[12]. Auch ihr Name ist von appellativer Natur: ‚Mätzli’ ist eine Bauerndirne, ‚Rüerenzumph’ –und hier beginnt bereits die Konstruktion von gender – zeigt ihre Funktion in einer heterosexuell ausgerichteten Beziehung, worauf unter Punkt 4 näher eingegangen werden soll.

2.1. Hofieren mit stechen und turnieren

Bertschi ist so sehr für Mätzli in ’Liebe entflammt’, Das er nach ir zerserten wolt (v.102). Das Wort zerserten erhält im ‚Ring’ mehrfache Bedeutung; einerseits ist damit seine grenzenlose ’Liebe’ zu Mätzli gemeint, andererseits klingen darin Bertschis aggressiver Charakter und sein folgender Umgang mit seiner Angebeteten an. Um sie zu erobern, möchte er für sie, ganz nach höfischen Vorbild, ein Turnier gewinnen: Do huob sich ein hofieren mit stechen und turnieren (v.103f.).

Die folgenden Szenen mit der detaillierten Beschreibung des Turniers sind durchsetzt von phallischer Symbolik; so kann man in dem stechen mit Speeren, das auf die kriegerische Auseinandersetzung deutet, auch die sexuelle Komponente des Werks erkennen.

Das Turnier und die damit verbundene Aggressivität und Teilnahme an einem Krieg wird also als etwas Phallisches dargestellt und dem als ‚männlich’ konstruierten Bereich zugewiesen. Durch diese phallisch dominierte Szenerie und die Passivität Mätzlis werden die von Butler beschriebenen Machtverhältnisse in einem binär generierten Geschlechtersystem inszeniert[13]. Männlichkeit wird dabei zum normativen Ausgangspunkt für eine Konstruktion von Weiblichkeit gewählt. Bezeichnenderweise wird Mätzlis Reaktion auf Bertschis Aktivitäten im Text nicht erwähnt, es ist aber anzunehmen, dass sie dem Geschehen zusammen mit den anderen Frauen beiwohnt. Sie muss als geschlechtlicher Gegenpart erst geschaffen, ihre Rolle im Geschlechtersystem erst noch durch die Position des Gegengeschlechts definiert werden.[14] Davon zeugt ebenfalls die Tatsache, dass Mätzli sich bis zu ihrem Aufenthalt auf dem Speicher einem eigenen sexuellen Begehrens überhaupt nicht bewusst ist und sie genauso wenig versteht, dass sie beziehungsweise ihr Genital das Objekt der männlichen Begierde ist.[15]

3. Mätzli auf dem Speicher

Die Szene mit Mätzli auf dem Speicher (v.1562-1617), in welcher sie einen Dialog mit ihrer mutzen führt und dieser zunächst Gewalt antut, um sie im nächsten Augenblick zu liebkosen, wurde, wenn man der gängigen Forschung folgt, von Wittenwilers zeitgenössischem Publikum und wird vom heutigen Leser in höchstem Maße als obszön empfunden. So stellt Jürgens-Lochthove den Speicheraufenthalt mit der genauen „Beschreibung des weiblichen Genitale“[16], sowie verschiedene weitere Handlungselemente, zum Beispiel die Arztszene, als sittenwidrig dar und beruft sich dabei weitestgehend auf Stempel, welcher der mittelalterlichen Literatur in seinem Aufsatz ‚Mittelalterliche Obszönität als literarästhetisches Problem’ Obszönität als grundlegende Selbstverständlichkeit zuweist[17]. Belitz stellt die Speicherszene der Darstellung des Motivs der „alleine gelassenen Frau“[18] in der höfischen Literatur gegenüber und weist auf eindeutige Parallelen hin: So könnten die Verse Mätzli sas allaine,/ sei schawt ier weissen paine (v.1564f.) aufgrund des sprachlichen Stils „einem höfischen Gedicht entnommen sein“[19]. Dabei dient die Farbe weiß nicht nur der parodistischen Anspielung auf die Hautfarbe einer edlen frouwe, sondern auch der Kontrastierung zur brauen Farbe der mutzen, die als etwas Schmutziges und Niederes (analog zum niederen Bauerntum) dargestellt wird. Wittenwilers Ziel sei es demnach, das höfische Benehmen der edlen Minnedame und das triebhafte Verhalten noch stärker in Kontrast zueinander zu setzen. Jedoch muss an dieser Stelle der völlig andere, möglicherweise auch freiere Umgang mit Sexualität und deren Darstellung im Spätmittelalter in Betracht gezogen werden[20] ; in diesem Zusammenhang weisen unter anderem Puchta-Mähl und Riha[21] auf die Entsprechungen der Speicherszene zu dem Schwankmäre ‚Der weiße Rosendorn’[22] hin, in welchem eine junkvrouw eine Diskussion mit ihrem Genital über die wahren Gründe für die intensive Werbung der Männer um sie führt, um nach einer zeitweiligen Abspaltung davon zur Erkenntnis der eigentlichen Funktion ihres Geschlechtsteils zu kommen.

[...]


[1] Mueller, S.31.

[2] Schmitt, S.129.

[3] Jürgens-Lochthove, S.200.

[4] Vgl. Schmitt, S.129f.

[5] Butler, S.56.

[6] Ibid.

[7] Wenn in dieser Arbeit von ‚männlich’ und ‚weiblich’ die Rede ist, sind damit in Anlehnung an Butler (Das Unbehagen der Geschlechter) gesellschaftliche Konstrukte gemeint.

[8] Butler, S.56.

[9] Die fabliaux, so Gaunt (vgl. S.284f.) schaffen einerseits eine Grundlage für eine Konstruktion von Geschlechterdifferenzen, die sich in einer Unterscheidung männlicher und weiblicher Genitale begründen, untergraben diese aber gleichzeitig.

[10] Belitz, S.80.

[11] Vgl. ibid., S.79-81 und Schlaffke, S.15f.

[12] Da das zeitgenössische Publikum von einer Übereinstimmung von Äußerem und Inneren überzeugt war, kann die Beschreibung Mätzlis als eindeutiger Hinweis auf ihren „hässlichen“ Charakter gelesen werden (vgl. Röcke, S.163).

[13] Vgl. Butler, S.56.

[14] Die Konstruktion des Weiblichen, in diesem Fall Mätzlis, weist Parallelen zur Entstehung Evas aus Adams Seite auf. Im Gegensatz zur Generierung von Geschlecht im ‚Ring’ wird Adam zunächst als androgynes Wesen erschaffen, das seine Geschlechtsbestimmheit erst durch die Schaffung Evas als geschlechtliches Gegenstück erfährt. (Vgl. Mueller, S.78).

[15] Vgl. Schmitt, S.151.

[16] Jürgens-Lochthove, S.202. Als weiteres Beispiel für die Entrüstung über einzelne Episoden ist hier Gottfried Gervinus’ Äußerung, das Werk sei eine Anhäufung von „ungeheueren Zoten und wüsten Schweinereien“ (S.184) zu nennen.

[17] Helfenbein macht darauf aufmerksam, dass der Begriff ‚obszön’ an sich nur wertend sei und damit keine Grundlage für eine objektive Auslegung der Mätzli-Episoden biete. (Vgl. S.54).

[18] Belitz, S.58.

[19] Ibid., S.59.

[20] Vgl. Puchta-Mähl, S.220.

[21] Vgl. ibid., S.218f. und Riha, S.122.

[22] In: Von der Hagen, Friedrich Heinrich [Hrsg.]: Gesammtabenteuer. Bd.1, Stuttgart u. Tübingen 1850.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Geschlechterphantasien der frühen Neuzeit: Wittenwilers 'Ring'
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Geschlechterphantasien
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V47485
ISBN (eBook)
9783638444262
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechterphantasien, Neuzeit, Wittenwilers, Ring, Geschlechterphantasien
Arbeit zitieren
Nadine Scherny (Autor), 2005, Geschlechterphantasien der frühen Neuzeit: Wittenwilers 'Ring', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47485

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