Universalkritik an Revolutionen in "Animal Farm" von George Orwell


Hausarbeit, 2019
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Milch und Äpfel

2. Fabeltheorie
2.1 Epische Fiktionalität
2.2 Transfersignale
2.3 Globale Anthropomorphisierung
2.4 Darstellungsform

3. Animal Farm als Fabel
3.1 A Fairy Story
3.2 It must have done so
3.3 Von Menschen und Schweinen
3.4 Animal Farm als hyperphysische Fabel

4. Verschiebung des Machtkaleidoskops

Bibliographie:

1. Milch und Äpfel

Probleme, die zu einem vorangegangenen Zeitpunkt nicht wichtig aussehen, sind oftmals der erste Schritt zu einer Katastrophe. In Beziehungsenden, psychischen Zusammenbrüchen, aber auch in Kriegen war die Ursache oft klein und unwichtig, hat jedoch eine Lawine an Ereignissen ausgelöst.

„You do not imagine, I hope, that we pigs are doing this in a spirit of selfishness and privilege? […] It is for your sake that we drink that milk and eat those apples. […] So it was agreed without further argument that the milk and the windfall apples (and also the main crop of apples when they ripened) should be reserved for the pigs alone.“1

Was sich nach einem harmlosen Streit nach Essen anhört, ist in Wirklichkeit der Wendepunkt einer ganzen Revolution, der zum Scheitern dieser führt. In der Geschichte Animal Farm stürzen die Bauernhoftiere ihren Bauern um sich selbst zu versorgen, besser zu leben und keinen diktatorischen Führer mehr zu haben. Stattdessen endet es mit denselben schlechten Lebensumständen, nur mit anderen Machthabern, den Schweinen statt Mr. Jones.

Animal Farm zeigt eine dystopische Weltanschauung, die eine Satire auf das kommunistische Russland im zweiten Weltkrieg darstellt. Durch die Einordnung des Textes in die Gattung Fabel und dadurch der Verwendung eines globalen Anthropomorphs wird die Allgemeingültigkeit der Ideen über diese Art der Revolution dargestellt, und dass diese nur zu einem Wechsel des Oberhauptes führt und nicht zu einer Änderung der Lebensbedingungen. Eine Rebellion kann nur funktionieren ohne Parteien oder Personen, die ihr eigenes Wohl über das der anderen stellen.

Das Werk wird anhand der folgenden Definition in die Gattung Fabel eingeordnet.

2. Fabeltheorie

Die Fabel ist eine eigene Textsorte. Es ist jedoch schwer zu sagen, ob sie eine Untergattung der Parabel ist oder auf der gleichen Ebene steht. Denn sie sind sehr ähnlich konstituiert, sie sind beide episch fiktional und haben ein oder mehrere Transfersignale, die auf die globale Uneigentlichkeit hinweisen.2 Parabeln und auch Fabeln haben nicht nur einen einzigen Sinn, sondern sollen dazu anregen, eine Allgemeinheit zu entwerfen, die vom Text differenziert ist.3 Das dritte Kriterium beider Textsorten ist das Figural. Hier unterscheiden sich die Fabel und die Parabel, denn die Fabel weist „eine globale Anthropomorphisierung von der Realität entlehntem Figural“4 auf. Die Fabel hebt sich auch durch die besondere Dramatik ab, die durch die Höherstellung der Bildebene bewirkt wird.5

2.1 Epische Fiktionalität

Das erste Kriterium der beiden Textsorten Fabel und Parabel ist, dass der Text episch fiktional ist. Das bedeutet, dass er „von alltäglicher Sprachverwendung abweicht“6 und dies explizit oder implizit zeigt. Ein explizites Zeichen kann der Paratext oder ein gattungsübergreifender Textanfang sein.7 Ein weiteres Zeichen für die epische Fiktionalität generell ist die literarische Konstruiertheit eines Erzähltextes. Hier wird an histoire und discourse deutlich, dass eine Parabel Dinge schildert, „die zwar nicht geschehen sind, während die Fabel vollends Unmögliches und nicht Geschehenes erzählt.“8 Zymner erklärt auch, dass eine Rede episch fiktional ist, wenn diese nicht danach strebt referentialisierbar oder erfüllt zu sein9 und „als Erzählung zusammenhängt und wenigstens teilweise den […] semantischen Bedingungen unterliegt.“10

2.2 Transfersignale

Um eine Erzählung nicht nur als konstruiert zu erkennen, sondern als Parabel oder Fabel, gibt es verschiedene Transfersignale. Diese Indikatoren zeigen dem Rezipienten an, dass die Erzählung mehrsinnig ist. Das bedeutet, dass eine Anwendung oder Verallgemeinerung vorgenommen werden soll.11

Fabeln werden oft nach der aesopischen Struktur aufgebaut. Dabei wird eine explizite Lehre voran- oder nachgestellt und eine Handlung eingefügt. Diese besteht aus Auslöser, Reaktion und Ergebnis.12

Um den Text als mehrsinnige Fabel zu erkennen, muss ein Transfer der Handlung und der Lehre vorgenommen werden. Die Signale dafür werden in explizite und implizite Transfersignale unterschieden. Für explizite Signale ist zuerst die ausdrückliche Lehre der Fabel zu nennen.13 Des Weiteren auch Aufforderungen zum Vergleich durch Wendungen, die einen Sachverhalt einem anderen gegenüberstellen.14

Als implizites Transfersignal führt Zymner zuerst die Pointe ein. Diese ist ähnlich einer Lehre, aber es wird implizit darauf hingewiesen, die Pointe mit dem Erzählten in Zusammenhang zu bringen und dadurch wird eine rekonstruierte Motivation gezeigt.15 „Die Richtungsbestimmung bleibt unscharf im Rahmen des Wortlautes des Textes.“16 Die Pointe, die einen Transfer zwar begünstigt, ist aber nur in Verbindung mit anderen Transfersignalen ein Signal für eine Parabel oder Fabel und ermöglicht die Mehrsinnigkeit zu erläutern.17 Ein weiteres Signal sind ungewöhnliche Formulierungen oder Elemente, die eine Interpretation der Pointe ermöglichen.18 Auch der Kontext oder die Rahmenerzählung, in die die Parabel eingearbeitet ist, können ein Transfersignal sein und sogar die Interpretationsrichtung bestimmen.19 Dadurch bekommen die Worte textinterne Konnotationen und bilden neue Beziehungen, die sogenannte „Neue Textsemantik“20.

Transfersignale für eine Sinnrichtung sind parallel und oft punktuell gestreut, aber erst im globalen Zusammenhang des Textes machen sie eine Parabel und deren Bedeutung aus.21

2.3 Globale Anthropomorphisierung

Global ist in der Fabel auch die Verwendung des Figurals, von Gegenständen oder Tieren, die unreale Eigenschaften besitzen.22 Durch dieses unterscheidet sich die Fabel von der Parabel. Zwar können auch in der Parabel Dinge und Tiere vorkommen, diese müssen aber physikalische und konventionelle Gesetzlichkeiten einhalten. In der Fabel dagegen sind sie phantastische Elemente, sie können reden oder lachen, und sind damit nicht mehr im Bereich des real Möglichen.23 Eine partielle Anthropomorphisierung findet dann statt, wenn die Phantastik thematisiert und hinterfragt wird.24 Diese findet nach Zymner in einer Fabel nicht statt.25 Beim Gebrauch von Tieren werden in Fabeln oft menschliche Charakteristika verwendet um diese als wunderbar darzustellen, in einigen Fabeln – nicht allen - stimmen auch die Attribute überein. Eine Ameise wird beispielsweise häufig als intelligent bezeichnet.26 Lessing sieht diese Eigenschaften als Grund für die Verwendung von Tieren, da hier jedem Tier sein eigenes, bereits bekanntes Merkmal zugeteilt wird.27

2.4 Darstellungsform

Die Fabeln werden nach Lessing in weitere Unterkategorien aufgeteilt. Darunter gibt es die „vernünftige“28 Fabel und die „sittliche“29 Fabel. Die Mischform der beiden nennt sich die „vermischte“30 Fabel. Die Geschichte einer vernünftigen Fabel ist nicht möglich. Die Sittliche dagegen ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich, diese wird weiterhin unterteilt in die „mythische“31 und die „hyperphysische“32 Fabel. In der mythischen Fabel werden meist allegorische Personen oder fantastische Wesen wie Götter o. ä. benutzt, die dann nur in dieser Welt existieren und dadurch die Voraussetzung erfüllen. In der hyperphysischen Fabel werden die Fähigkeiten der Wesen erweitert, sie werden „erhöhet“33.

Eine Fabel von prosaischer Länge müsse nach Lessing - um einer aesopische Fabel gerecht zu werden – drei Punkte erfüllen: Es muss nur eine einzige Lehre gezeigt werden, das Werk muss in Abschnitte teilbar sein und schließlich muss jeder dieser Teile einer einzelnen Fabel entsprechen.

3. Animal Farm als Fabel

Der Text Animal Farm gehört zu den Gattungen der Parabel, genauer der Fabel. Mit der Geschichte rund um den Aufstand einiger Bauernhoftiere, die sich selbstständig machen und unabhängig vom Menschen werden, schreibt George Orwell eine politische Satire. Dabei berücksichtigt er neben der Kritik am kommunistischen System in der Sowjetunion mehrere wichtige Aspekte. Gleichzeitig wird nachweislich auch das Motiv von gescheiterten Revolutionen behandelt, aber auch die Vernachlässigung und Misshandlung von Tieren und schließlich die Komplexität von biologischer Sprache im Kontext mit Politik.34 Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der kommunistischen Revolution und dem - nach Ansicht des Werkes - generellen Scheitern vieler politischen Revolutionen.

3.1 A Fairy Story

[...]


1 George Orwell: Animal Farm. London, Penguin Books, 2000.

2 Vgl. Rüdiger Zymner: Uneigentlichkeit. Paderborn, Schöningh, 1991. S. 152.

3 Vgl. ebd., S. 99.

4 Ebd., S. 152.

5 Vgl. Kurt Erlemann, Irmgard Nickel-Bacon, Anika Pajonzek: Gleichnisse, Fabeln und Parabeln. Tübingen, Francke, 2014. S. 73.

6 Zymner., S. 78.

7 Vgl. ebd., S. 72.

8 Ebd., S. 74.

9 Vgl. ebd., S. 76.

10 Ebd., S. 78.

11 Vgl. ebd., S. 89.

12 Vgl. Erlemann, S. 74.

13 Vgl. Zymner, S. 90.

14 Vgl. ebd., S. 89.

15 Vgl. ebd., S. 93.

16 Ebd., S. 93.

17 Vgl. ebd., S. 94.

18 Vgl. ebd., S. 96.

19 Vgl. ebd., S. 96.

20 Ebd., S. 99.

21 Vgl. ebd., S. 100.

22 Vgl. ebd., S. 79, S. 86.

23 Vgl. ebd., S. 79.

24 Vgl. ebd., S. 86.

25 Vgl. ebd., S. 86 f.

26 Vgl. ebd., S. 83 – 87.

27 Vgl. Gotthold Ephraim Lessing: Abhandlungen über die Fabel. Stuttgart, Reclam, 1967. S. 113 f.

28 Ebd., S. 122.

29 Ebd., S. 122.

30 Ebd., S. 124.

31 Ebd., S 122.

32 Ebd., S. 122.

33 Ebd., S 123.

34 Vgl. Robert A. Lee: „The Uses of Form: A Reading of Animal Farm.“ In: Bernard Oldsey (Hrsg.): Critical essays on George Orwell. Boston, Hall, 1986. S. 42.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Universalkritik an Revolutionen in "Animal Farm" von George Orwell
Hochschule
Universität Augsburg  (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Ethik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V475219
ISBN (eBook)
9783668954717
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Animal Farm, Revolution, George Orwell, Parabel, Fabel
Arbeit zitieren
Lea Jell (Autor), 2019, Universalkritik an Revolutionen in "Animal Farm" von George Orwell, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/475219

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