Investitionen in Informationstechnologien bieten auf den ersten Blick einen großen Entscheidungsspielraum. Durch die relativ große Anzahl an Soft- und Hardwareherstellern ist der vermeintliche Anreiz für Anwender hoch, Investitionsentscheidungen allein aus kurzfristigen Kostengesichtspunkten zu treffen. Fällt die Auswahl auf ein proprietäres (herstellerabhängiges) Softwaresystem, verengt sich jedoch rasch der Entscheidungsspielraum des Anwenders, da Änderungen am bestehenden System nur vom Hersteller selbst durchgeführt werden können. Dies kann erhebliche Folgeinvestitionen nach sich ziehen.
Die historisch gewachsenen IT-Systemlandschaften müssen durch die zunehmende Komplexität innerhalb und zwischen Unternehmen zu einem effektiven und effizienten Gesamtsystem integriert werden. Unter den heutigen Gegebenheiten schließen sich Firmen zunehmend zu Netzwerken zusammen und führen weltweite Handelstransaktionen durch. Verkürzte Produktlebenszyklen und eine starke Kundenorientierung fordern beispielsweise im Supply Chain Management eine enge Vernetzung der Informations-und Kommunikationssysteme der Netzwerkpartner. Nur durch eine standardisierte Schnittstelle zwischen heterogenen Systemlandschaften kann eine Prozessoptimierung erreicht werden.
Die Anwender befinden sich in einem Dilemma, wenn sie allgemeingültige Kommunikationsregeln einsetzen wollen. Einerseits ist der Nutzen neuer Technologien im Voraus nur schwer abschätzbar, wodurch Investitionsentscheidungen bis zum Eintreffen sicherer Informationen hinausgezögert werden. Andererseits können diese Informationen nur generiert werden, wenn eine möglichst breite Basis installiert wurde (kritische Masse). Mit jedem zusätzlichen Teilnehmer, der die Technologie einsetzt, steigt der Gesamtnutzen der vernetzten Systeme. Standardisierungsorganisationen leisten einen wichtigen Beitrag dabei den Informationsbedarf der risikoscheuen Akteure zu bedienen.
Inhaltsverzeichnis
1 Standardisierungsorganisationen und die Integration in der Wirtschaftsinformatik
2 Grundlegende Begriffe und Definitionen
2.1 Normen
2.2 Standards
2.3 Standardisierungsdimensionen
3 Standardisierungsorganisationen
3.1 World Wide Web Consortium
3.2 Institute of Electrical and Electronic Engineers
3.3 Organization for the Advancement of Structured Information Standards
3.4 United Nations Centre for Trade Facilitation and Electronic Business
3.5 Zusammenfassung
4 Anbietermacht und Standardisierung bei der Entwicklung von Web Services
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Rolle und Bedeutung von Standardisierungsorganisationen für die Entwicklung sowie Verbreitung von Technologien im Bereich der Wirtschaftsinformatik zu analysieren. Die Forschungsfrage untersucht dabei insbesondere, wie diese Organisationen die Interoperabilität zwischen heterogenen Systemlandschaften fördern und welches Spannungsfeld zwischen Kooperation und Konkurrenz bei der Standardisierung von Technologien wie Web Services besteht.
- Grundlagen der Normung und Standardisierung in der IT
- Analyse der Arbeitsweise und Ziele führender Standardisierungsorganisationen
- Untersuchung von Standardisierungsdimensionen und -strategien
- Konkurrenz- und Kooperationsverhalten bei der Entwicklung von Web Services
- Bedeutung von Interoperabilität für die industrielle Prozessoptimierung
Auszug aus dem Buch
3.1 World Wide Web Consortium
Das World Wide Web Consortium (W3C) wurde im Jahr 1994 am Massachusetts Institute of Technology vom Erfinder des World Wide Web (WWW), Tim Berners Lee, gegründet. Seitdem verfolgen die internationalen Mitglieder das Ziel offene (nicht-proprietäre) Web-Standards und Richtlinien für Protokolle zu erarbeiten und zu verbreiten. Bis zum Jahr 2004 wurden über 80 W3C Empfehlungen veröffentlicht.
Das W3C ist ein Zusammenschluss von mehr als 370 Mitgliedern. Unter ihnen befinden sich Organisationen aus der Industrie, staatliche Einrichtungen und wissenschaftliche Institute. Viele führende Technologieunternehmen unterhalten eine Mitgliedschaft, wie beispielsweise die Firmen Microsoft, IBM und Sun Microsystems. Die Kosten für die jährliche Vollmitgliedschaft betragen 60.540 Euro, was den Kreis der möglichen Mitglieder stark einschränkt. Um jedoch eine breitere Basis zu schaffen können auch nicht-gewinnorientierte Unternehmen und Einrichtungen der öffentlichen Hand für einen Jahresbeitrag von derzeit ca. 6.000 Euro dem Konsortium beitreten. Neben den Mitgliedsbeiträgen müssen Standardisierungsvorhaben von den teilnehmenden Mitgliedern finanziert werden. Im Gegensatz zu anderen Standardisierungsorganisationen ist das W3C daher nicht zwingend auf den Verkauf von Publikationen oder ähnliche Einnahmequellen angewiesen. Die Vorteile einer Mitgliedschaft sind generell das Mitspracherecht in den Beratungsgremien und die Partizipation an den Entwicklungsergebnissen (geschlossener Mitgliederbereich, Newsletter). Mitglieder erhalten einen Informationsvorsprung durch den frühzeitigen Einblick in die Entwicklung des Marktes. Dies ist jedoch nicht als direkter Wettbewerbsvorteil anzusehen, da auch Wettbewerber Mitglieder des W3C sein können. Vielmehr verlagert sich der Wettbewerb von einen exklusiven Standard zu einem Technologiewettbewerb mit gleichen Ausgangsbedingungen.
Die Koordination innerhalb des Netzwerkes erfolgt durch Vertrauen und die Durchsetzung mittels Konsens. Um die große Zahl von Mitgliedern effizient und effektiv koordinieren zu können müssen sich diese einem strengen Regelkatalog unterwerfen. Diese Maßnahme ist notwendig, damit Einigungsprozesse nicht hinausgezögert oder verhindert werden können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Standardisierungsorganisationen und die Integration in der Wirtschaftsinformatik: Das Kapitel führt in das Dilemma der IT-Investitionen ein und erläutert die Notwendigkeit von Standardisierungen zur Systemintegration sowie zur Überwindung von Markteintrittsbarrieren.
2 Grundlegende Begriffe und Definitionen: Hier werden zentrale Definitionen von Normen und Standards voneinander abgegrenzt und die verschiedenen Dimensionen der Standardisierung, wie Grad und Reichweite, detailliert beschrieben.
3 Standardisierungsorganisationen: Dieses Kapitel stellt vier bedeutende Organisationen (W3C, IEEE, OASIS, UN/CEFACT) vor, analysiert deren Aufbau sowie Arbeitsweisen und fasst deren unterschiedliche Schwerpunkte zusammen.
4 Anbietermacht und Standardisierung bei der Entwicklung von Web Services: Anhand der Entwicklung von SOAP wird das Spannungsfeld zwischen unternehmerischer Konkurrenz und der Notwendigkeit zur gemeinschaftlichen Standardisierung bei Web Services aufgezeigt.
5 Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert, dass Standardisierungsorganisationen den Technologiewettbewerb auf eine neutrale Basis stellen, wobei jedoch weiterhin Kooperation bei Kompetenzüberschneidungen für das Marktwachstum essenziell bleibt.
Schlüsselwörter
Standardisierung, Wirtschaftsinformatik, Interoperabilität, W3C, IEEE, OASIS, UN/CEFACT, Web Services, SOAP, XML, Normen, Technologiewettbewerb, IT-Integration, Konsens, Marktstandard.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle von Standardisierungsorganisationen bei der Integration von Informations- und Kommunikationssystemen in Unternehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Standardisierung, die Arbeitsweise global agierender Standardisierungsorganisationen und die Anwendung dieser Prozesse auf moderne Web Services.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Standardisierungsorganisationen die Entwicklung sowie Verbreitung von Technologien maßgeblich beeinflussen und wie sie den Wettbewerb zwischen Unternehmen strukturieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse und den Vergleich von Organisationsstrukturen, ergänzt durch Fallbeispiele zur Standardisierung im IT-Bereich.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die Vorstellung der wichtigsten Standardisierungsorganisationen und die Analyse von Anbietermacht am Beispiel der Web-Service-Protokolle.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Interoperabilität, Standardisierungsstrategien, Technologiediffusion und die Kooperationsneigung von IT-Organisationen charakterisiert.
Warum spielt der Pinguin-Effekt für Unternehmen eine so große Rolle?
Der Pinguin-Effekt beschreibt das Zögern von Anwendern bei neuen Technologien, solange kein ausreichender Nutzen durch eine kritische Masse an Teilnehmern vorhanden ist, was Standardisierungsorganisationen durch Vertrauensbildung abmildern können.
Wie unterscheidet sich die Zielsetzung von W3C und OASIS bei Standards?
Das W3C konzentriert sich primär auf horizontale, technische Web-Standards, während OASIS verstärkt vertikale Standards entwickelt, die auf bestehende Lösungen aufbauen.
- Citation du texte
- Diplom-Kaufmann Michael Jaschek (Auteur), 2005, Standardisierungsorganisationen: Konkurrenz und Relevanz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47550