Der Hoftag als Fest? - Zum Verhältnis von Fest und Politik auf dem Mainzer Hoftag von 1184


Seminararbeit, 2004

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Spiel und Fest im Mittelalter
2. 1 Das Spiel – Ein philosophischer Exkurs
2. 2 Das Spiel im Fest – Ritual, Inszenierung, Performance

3 Der Mainzer Hoftag von 1184 unter Friedrich Barbarossa
3. 1 Überblick über den Verlauf
3. 2 Die Bedeutung des kirchlichen Feiertages für die Performance des Hoftages

4 Performance, Inszenierung und Ritual
4. 1 Festkrönung und gemeinsames Mahl
4. 2 Schwertleite und Buhurt – Die Gemeinschaft im Rittertum
4. 3 Ritueller Dienst und politisches Kalkül – Balduin von Hennegau und Friedrich Barbarossa

5 Politische Kommunikation als Symbol und Schlussbetrachtung

6 Quellenverzeichnis

7 Literaturverzeichnis

1 Einführung

„Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle beisammen an einem Ort.“[1]. Fast wie eine Allegorie auf die Einleitung der Apostelgeschichte des Lukas über das Pfingstwunder wirkt die Nachricht vom Hoftag und Hoffest Friedrich Barbarossas in Mainz von 1184 und bettet dieses gleichsam ein in eine religiöse Aura.

In der Ebene zwischen Rhein und Main versammelten sich auf Ladung des Kaisers neben den Reichsfürsten auch Grafen, Edelleute, Kleriker und Ministerialen mit ihrem Gefolge, um hier die Schwertleite der beiden Söhne Friedrich Barbarossas zu feiern. Doch nicht nur Hoffest, sondern zugleich Hoftag war diese Versammlung der Großen, denn die Angelegenheiten des Reiches wollten und sollten miteinander besprochen werden – Vereinigung der Sphäre der Politik und der Sphäre des Festes, wie der des Spieles.

Doch was verbindet das Fest mit der Politik, die Politik mit dem Fest? Was für eine Rolle spielt in dieser Vereinigung die Religion? Diese Fragen stellten sich dem Verfasser der vorliegenden Seminararbeit bei der Lektüre des Protokolls einer Tagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte e. V.[2] und gaben die Anregung für eine eingehende Auseinandersetzung mit diesem Thema. Ausgehend von der Klärung der Begriffe Spiel und Fest sowie den beiden inhärenten Begriffen Performance, Inszenierung und Ritual folgt ein kurzer Abriss der Geschehnisse des Pfingsthoftages von 1184. Aufgezeigt wird begleitend die Bedeutung des kirchlichen Feiertages für die Untermauerung politischer Akte im Allgemeinen und für Pfingsten im Besonderen. Im Anschluss werden an Hand einzelner Ereignisse des Mainzer Hoftages die Stellung und die wohlgesetzte Symbolik der politischen Kommunikation im Mittelalter herausgearbeitet. Eine Schlussbetrachtung rundet die Arbeit ab.

Anzumerken ist, dass sich die Ausführungen nur auf einen Teilaspekt mittelalterlicher Lebenswelten beziehen, auf den der höfischen, adligen Gesellschaft, die auf dem Mainzer Hoftag den Glanz ihres Reichtums und ihre höfische Kultur präsentierte. Ausgeblendet wird die Alltagswirklichkeit des Mittelalters mit Hungersnöten und Seuchen, wirtschaftlichen und sozialen Zwängen, politischen Konflikten und barbarischen Kriegen. Dies sollte bei den folgenden Betrachtungen gegenwärtig bleiben.

2 Spiel und Fest im Mittelalter

2. 1 Das Spiel – Ein philosophischer Exkurs

Ein sehr verschiedenartiges wie mehrdeutiges Phänomen, dessen Klassifikation, phänomenologische Deutung und empirischer Definitionsversuch erhebliche Schwierigkeiten bereitet, ist das Spiel.[3] Sich diesem Phänomen zu nähern, heißt, sich zu erinnern. Erinnern an fesselnde und bezaubernde, aber auch erlösende und ernüchternde Momente. Dies lenkt den Blick auf einige Charakteristiken des Spiels: zuerst auf seine Abgeschlossenheit und Begrenztheit in Raum und Zeit – den Moment, sodann auf die in ihm enthaltene Spannung. Spannung besagt Ungewissheit und Chance, aber auch Kampf und Wettstreit – die Kontingenz, die zum „Heilige[n] Ernst im Spiel“[4] führt. Der Ernst des Spieles ist die Simulation des Lebens. Das eigentliche Leben wird in einen begrenzten Raum projiziert, wobei seine Komplexität reduziert wird auf einige wenige klare Regeln. Geltung besitzen die Regeln nur innerhalb dieses heraus getrennten, zeitweiligen Raumes. Werden dieselben übertreten, stürzt der ‚Spielraum’ ein – daher ihre unbedingte Verbindlichkeit und Unduldsamkeit gegenüber jeglichem Zweifel an ihrem Vorhandensein. Entsprechend haben die Gebräuche und Reglementierungen des gewöhnlichen Lebens in der Sphäre des Spieles keine Geltung. Unbestimmtheiten werden dadurch begrenzt; der Ausgang des Spieles bleibt jedoch weiterhin kontingent. Lässt sich ein Spieler auf diese zeitweilige Welt ein, muss er sich anderen Spieler stellen, muss er mit ihnen oder gegen sie ringen, sich mit ihnen messen und vergleichen. Das Spiel ist also kommunikativ und fördert Gemeinschaft. Man findet sich außerhalb des eigentlichen Lebens zusammen, jenseits der von Zwängen, Pflichten und Sorge um die Existenz erfüllten Welt,[5] um gemeinsam Freiheit zu erleben. „Alles Spiel ist [...] freies Handeln.“[6] Damit ist es, wie Huizinga treffend formuliert, „frei, es ist Freiheit.“[7] und erweist sich als eine „grundlegende Substanz und formative Kraft der Kultur.“[8] Kultur beginnt sich im Medium des Spiels zu entwickeln, wo zum Beispiel der Kampf als brutale Selbstbehauptung zu einem Wettstreit gebändigt wird, in dem selbst der Waffengebrauch nach festgesetzten Regelungen erfolgt.[9]

Metaphorisch betrachtet, erscheint das Spiel als gerafftes Leben. Markiert der Beginn des Spieles die Geburt, zeichnet der wechselvolle Spielverlauf das Auf und Ab des Lebensweges nach, wacht schließlich der Tod über den Ausgang des Spieles. Hieraus stellt sich die Frage, ob das letzte Ziel des Spieles nicht darin besteht, den Tod zu töten? Erlernt wird im Spiel der Umgang mit dem Verlust, der Niederlage, dem Tod; erfahren wird aber auch der Gewinn, der Sieg und der Triumph über den Tod. Im Gegensatz zum eigentlichen Leben ist dieser Triumph jedoch nur im Spiel möglich – denn dieses ist wiederholbar.

2. 2 Das Spiel im Fest – Ritual, Inszenierung, Performance

Engste Beziehungen bestehen zwischen Fest und Spiel. Ebenso wie das Spiel dient das Fest dem Ausschalten des gewöhnlichen Lebens, es ist zeitlich und räumlich begrenzt. Strenge Bestimmtheit und echte Freiheit sind in beiden zu finden. Inhärent ist dem Fest gegenüber dem Spiel seine ursprünglich religiöse Sinngebung. Nur der Mensch als reflexives Wesen feiert Feste, nur er „vollendet im Fest seiner Gottähnlichkeit den Mythos seiner Macht, [...]“[10]. Feste vermittelten im Mittelalter in Ermangelung einer verbreiteten Schrift- und Buchkultur religiöse Überlieferungen und vergegenwärtigten in leicht fassbarer Weise die gottgegebene Ordnung der Welt.[11] Stets waren und sind Feste mit politischen Intentionen verknüpft und dienten der Affirmation von Herrschaft. Als fester Bestandteil der Ausübung selbstherrlicher Gewalt steigerten sie das eigene Ansehen und damit die politische Macht mit den Mitteln des Prunkes und der Pflege von sozialen Beziehungen. Als kurze Erhöhung des Lebens auf Zeit verlangt das Fest, vor allem das politische Fest[12], nach Öffentlichkeit und „zeitüberwindender Aufzeichnung“[13], würde es doch sonst „seinen Rang [als, M. R.] einschneidende[..] Zeitmarkierung und Epochensymbolisierung einbüßen [...]“[14].

Als Schauspiel, Aufführung oder Performance läuft nicht nur das politische Fest nach einer symbolreichen Inszenierung ab. Der Begriff Performance intendiert die gleichzeitige Präsenz von Darstellern und Zuschauern und deren Interaktion, das Flüchtige und Transitorische, das Auftauchen von Bedeutungen und das Entstehen von Ambivalenzen.[15] Durch Aktion und Reaktion der Akteure und Rezipienten entstehen immer neue ‚Spielräume’, in denen sich das Selbstbild und Selbstverständnis der verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen artikuliert.

Aufgabe der Inszenierung ist es, durch eine spezifische Auswahl, Organisation und Strukturierung von Personen wie Materialien, einen Sachverhalt darzustellen, der so nicht vorhanden ist.[16] Der Begriff bezeichnet also die Art und Weise der Herstellung einer Aufführung und ist im Gegensatz zu ihr auf Wiederholung angelegt.[17] Sowohl in der Wahrnehmung als auch der Nichtwahrnehmung der Inszenierung als Inszenierung kann ihre Wirksamkeit begründet liegen.[18] Die Grenze zwischen inszenierten und nicht-inszenierten Handlungen ist fließend, jedes Individuum muss diese Grenze daher selbst für sich erkennen und definieren.

Ohne Inszenierung gibt es auch keine Rituale – Rituale sind folglich eine besondere Art von Aufführungen, deren Wirksamkeit durch die Inszenierung garantiert werden soll. Die Regeln der Inszenierung können überliefert, im Prozess der Überlieferung verändert oder aber auch durch die Beteiligten explizit ausgehandelt sein.[19] Sie dienen sowohl der Selbstdarstellung, -verständigung in als auch der Stiftung, Bestätigung und Transformation von Gemeinschaftssinn. Folglich sind sie ein Mittel der Erneuerung und Etablierung von Gruppen als sozialen Gemeinschaften. Rituale wirken damit konstituierend für das Gefühl der Gemeinschaft und identitätsstiftend durch die spezifische Verwendung von Symbolen.

[...]


[1] Apg 2, 1. Hervorhebung im Original.

[2] Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte e. V. (Hrsg.): Protokoll Nr. 333. Reichenau-Tagung vom 30.03. – 02.04.1993. Thema: Deutscher Königshof, Hoftag und Reichstag im späten Mittelalter (12.-15. Jahrhundert). II. Königshof, Hoftag und Reichstag, Konstanz 1993. Hier insbesondere S. 8-19.

[3] Messmann, Alfred: Spiel, in: Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaft, Bd. 4, Hamburg 1990, S. 402-404 [402].

[4] Huizinga, Johan: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel, hrsg. von Burghard König, Hamburg 1987, S. 27.

[5] Melville, Gert: Agonale Spiele in kontingenten Welten. Vorbemerkungen zu einer Theorie des mittelalterlichen Hofes als symbolischer Ordnung, in: Butz, Reinhardt u. a. (Hrsg.): Hof und Theorie. Annäherungen an ein historisches Phänomen, Köln u. a. 2004, S. 179-202 [195]

[6] Huizinga, Homo Ludens, (wie Anm. 4), S. 16.

[7] Ebd.

[8] Flitner, Andreas: Nachwort, in: Huizinga, Homo Ludens, S. 232-236 [232].

[9] Ebd. Das mittelalterlichen Turnier illustriert das anschaulich.

[10] Schultz, Uwe: Vorwort. Das Wesen, das feiert, in: Ders. (Hrsg.): Das Fest. Eine Kulturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, München 1988, S. 8-12 [9].

[11] Heers, Jacques/Häußling, Angelus A./Kazhdan, Alexander P./von Mutius, Hans-Georg: Feste, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 4, München 1989, Sp. 399-408 [400].

[12] Politisches Fest hebt in Folge den politischen Charakter des Festes im Allgemeinen hervor und soll dessen Bedeutung betonen.

[13] Schultz, Wesen, (wie Anm. 10), S. 10. Auf dem Mainzer Hoftag anwesend waren die Dichter Guiots de Provins und Heinrich von Veldeke. Heinrich von Veldeke überlieferte in seiner Eneide das Ritual der Schwertleite. Vgl. Heinrich von Veldeke: Eneide, 13221-13252, in: Lautemann, Wolfgang/Schlenke, Manfred (Hrsg.): Geschichte in Quellen, Bd. 2, Mittelalter. Reich und Kirche, München 1989, S. 447f.

[14] Ebd., S. 10f.

[15] Produktion/Darstellung und Rezeption/Aufnahme laufen gleichzeitig ab und bedingen einander. Fischer-Lichte, Erika: Performance, Inszenierung, Ritual: Zur Klärung kulturwissenschaftlicher Schlüsselbegriffe, in: Martschukat, Jürgen/Patzold, Steffen (Hrsg.): Geschichtswissenschaft und »performative turn«. Ritual, Inszenierung und Performance von Mittelalter bis zur Neuzeit, Köln u. a. 2003, S. 33-54 [39].

[16] Im Mittelalter wird dies besonders auf den Hoftagen deutlich in der Zurschaustellung von Kontinuität und Stabilität, die so einfach nicht vorhanden war.

[17] Fischer-Lichte, Performance, (wie Anm. 15), S. 43.

[18] In hohem Maße gilt dies für die Inszenierung von Politik. Das betrifft jedoch nicht nur das Mittelalter. Im Zeitalter der Massenmedien wird Politik überhaupt nur noch als symbolische Inszenierung greifbar. Politik muss öffentlich wirksam dargestellt, inszeniert werden. Mit dem Anspruch auf Spontaneität und Authentizität ist dies nicht zu verwirklichen. Politik als Event – ein Fest! Deutlich zeigt sich hier, wie aufmerksam die Darstellungen politischen Handelns in den auf uns gekommen Quellen auf symbolische Inszenierungen zu untersuchen sind, um den Blick auch für die aktuellen Inszenierungen des Politischen zu schulen.

[19] Fischer-Lichte, Performance, S. 50f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Hoftag als Fest? - Zum Verhältnis von Fest und Politik auf dem Mainzer Hoftag von 1184
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Mittelalterliche Geschichte)
Veranstaltung
Seminar: Vom Hoftag zum Reichstag
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V47556
ISBN (eBook)
9783638444798
ISBN (Buch)
9783638909365
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoftag, Fest, Verhältnis, Politik, Mainzer, Seminar, Reichstag
Arbeit zitieren
Matthias Rekow (Autor), 2004, Der Hoftag als Fest? - Zum Verhältnis von Fest und Politik auf dem Mainzer Hoftag von 1184, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47556

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