Personal als strategisch handelnde Akteure

Mikropolitiktheorie von W. Küpper


Seminararbeit, 2004

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Darstellung der Mikropolitiktheorie
I. Der Begriff „Mikropolitik“
II. Der Theorieansatz „Mikropolitik“
1. Mikropolitik und strategische Organisationsanalyse
a) Überblick
b) Aspektuales Verständnis
c) Konzeptuales Verständnis
d) Bausteine des Ansatzes
2. Zentrale Begriffe
a) Akteur
b) Macht
c) Struktur
III. Abgrenzung zu anderen Ansätzen
1. Mikropolitik und Strukturationstheorie
2. Mikropolitik und NIÖ
IV. Kritischer Blick

C. Beispiele zur Anwendung der Mikropolitiktheorie
I. Personalcontrolling
1. Anwendbarkeit der Mikropolitiktheorie
2. Ein funktionaler Ansatz
3. Personalcontrolling und Mikropolitik
4. Zusammenfassung und Bewertung
II. Leistungsbeurteilung
1. Anwendbarkeit der Mikropolitiktheorie
2. Leistungsbeurteilung und Mikropolitik
III. Betriebliche Gleichstellung von Frauen
IV. Unternehmenserwerb

D. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Es existiert eine endlose Vielfalt an Organisationstheorien. Morgan (1986, S. 340 f.) erwähnt als Begründung dafür ein indisches Märchen, in dem sechs blinde Männer auf einen Elefanten stoßen. Es ist ihnen nicht möglich zu erkennen, dass sie einen Elefanten vor sich haben, denn jeder der Blinden kann nur einen Körperteil, nicht aber den ganzen Elefanten erfassen. Der Elefant steht für Organisationen im Allgemeinen, während die blinden Männer die einzelnen Organisationstheorien darstellen. Jede einzelne Organisationstheorie erfasst „jeweils nur bestimmte Aspekte von Organisationen“ (vgl. Morgan, G., 1986, S. 340 f.; zit. bei Kieser, A., 1995, S. 1) andere Aspekte werden übersehen. Das erste Ziel dieser Arbeit ist es, die Mikropolitiktheorie nach Küpper und Ortmann möglichst detailliert, aber dennoch knapp zu beschreiben und zu verdeutlichen, welche Aspekte im Rahmen dieser Theorie berücksichtigt werden. Das zweite Ziel ist es, Anwendungen des Ansatzes in der Praxis zu schildern.

Dazu wird zunächst in Abschnitt I des folgenden Teils B der Begriff „Mikropolitik“ erklärt, bevor im Abschnitt II der Theorieansatz selbst erläutert wird und die für die Theorie zentralen Begriffe erklärt werden. Zur Verdeutlichung des Ansatzes wird daraufhin im Abschnitt III eine Abgrenzung zu anderen Theorieansätzen vorgenommen. Im letzten Abschnitt des Teils B erfolgt eine kritische Würdigung des Ansatzes. In Teil C wird auf Anwendungsmöglichkeiten der Theorie in der Praxis eingegangen. Dazu wird in den Abschnitten I bis IV auf Personalcontrolling, Leistungsbeurteilung, betriebliche Gleichstellung von Frauen und den Unternehmenserwerb eingegangen. Im letzten Teil D wird eine abschließende Betrachtung der Arbeit vorgenommen.

B. Darstellung der Mikropolitiktheorie

I. Der Begriff „Mikropolitik“

Zu seiner Erklärung wird der Begriff „Mikropolitik“ in diesem Abschnitt in seine einzelnen Bestandteile zerlegt. Hinter dem Wortteil „Mikro“ verbirgt sich schlicht die Bedeutung „klein“ oder „fein“. Herkunft des Wortes ist die griechische Sprache (vgl. Duden (a), 1963, S. 440). Neuberger (1995, S. 14) weist jedoch darauf hin, dass eine Gleichsetzung dieses Begriffs mit den Begriffen „weniger wichtig, vernachlässigenswert, unerheblich“ falsch wäre. Der Begriff bezieht sich auf die Ebene, auf der Politik stattfindet, nämlich nicht auf staatlicher, sondern auf betrieblicher Ebene (vgl. Jüngling, C., 1999, S. 359). Neuberger stellt ebenfalls auf die Ebene ab, auf der Politik stattfindet und spricht von „Politik der Individuen auf eigene Rechnung“ (Neuberger, O., 1997, S. 218).

Unter dem Begriff „Politik“ können ganz allgemein alle Tätigkeiten subsumiert werden, die der Überwindung von Interessengegensätzen dienen (vgl. Gabler, 1997, S. 3008 sowie Neuberger, O., 1995, S. 33). Dies gilt sowohl für die Gesellschaftspolitik, als auch für die Politik, die innerhalb einzelner Bestandteile einer Gesellschaft stattfindet. Insofern kann man auch allgemein von politischem Verhalten als Verhalten zur Erreichung eines Ziels bzw. Verfolgung eines Interesses sprechen[1].

Der Begriff „Mikropolitik“, so Neuberger (1995, S. 1, 14), soll kein Hinweis auf „die absolute Größe des Phänomens, sondern [auf] die Perspektive“ sein. Wenn also Brüggemeier/Felsch (1992, S. 133) von Mikropolitik als „Politik im Kleinen“ sprechen, so ist dies konform mit den bisherigen Ausführungen. Jedoch ist dadurch noch nichts darüber bekannt, inwieweit Mikropolitik als organisationstheoretischer Ansatz zu sehen ist. Dies soll in den folgenden Abschnitten erörtert werden.

II. Der Theorieansatz „Mikropolitik“

1. Mikropolitik und strategische Organisationsanalyse

a) Überblick

In der Literatur existieren zahlreiche verschiedene Definitionen von Mikropolitik (einen Überblick gibt Neuberger, O., 1995, S. 16). Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie davon ausgehen, dass die Akteure individuelle Interessen und Ziele besitzen. Darüber hinaus wird übereinstimmend deren handlungstreibende Kraft hervorgehoben (vgl. Dick, P., 1992, S. 9). Der Begriff „Mikropolitik“ ist im deutschsprachigen Raum erstmals von Bosetzky verwendet worden (vgl. Bosetzky, 1988, S. 27) doch ist seine Bedeutung durchaus unterschiedlich (vgl. Haunschild, 1998, S. 131). Brüggemeier und Felsch (1992) erkennen in der Literatur zwei verschiedene Auffassungen des Begriffs, die in den beiden folgenden Abschnitten dargestellt werden.

Gegenstand dieser Arbeit ist der Mikropolitikbegriff nach Küpper und Ortmann. Damit ist weder ein bestimmtes (mikropolitisches) Handeln noch ein auf spezielle Art und Weise handelnder Akteur (Mikropolitiker) einer Organisation gemeint, sondern vielmehr ist darunter ein organisationstheoretischer Ansatz zu verstehen, der der „Analyse organisationsrelevanter zwischenmenschlicher Beziehungen im Rahmen einer strategischen Organisationsanalyse“ (Witt, S.-A., 1998, S. 49) dient. Die Bausteine dieses Ansatzes nach Küpper/Ortmann werden im Abschnitt 4. dargestellt.

b) Aspektuales Verständnis

Das aspektuale Verständnis sieht Mikropolitik als einen Aspekt organisationalen Geschehens (vgl. Lorson, H. 1996, S. 21). Im Mittelpunkt steht dabei der mikropolitisch handelnde Akteur[2]. Seine ganz persönlichen Interessen stehen im Vordergrund und er versucht in egoistischer Art und Weise Vorteile zu erlangen (vgl. Brüggemeier/Felsch, 1992, S. 133). Um dies zu erreichen, kommen die in der Literatur vielfach auffindbaren Techniken zum Einsatz (vgl. z. B. Brüggemeier/Felsch, 1992, S. 134; Witt, S.-A., 1998, S. 50; Neuberger, 1995, S. 134 ff.; Neuberger, 2003, S. 44 f.), die sowohl einer Negativliste (Gerüchte verbreiten, intrigieren, Sabotage, etc.) als auch einer Positivliste (Expertise aufbauen, eine förderliche Gruppenatmosphäre herstellen, Loben, etc.) entstammen können (vgl. Neuberger, O., 2003, S. 44 f.). Im Rahmen dieser Sichtweise kommen Bosetzky/Heinrich (1994, S. 210) zwar zu einem „Modell einer von Mikropolitik bestimmten Organisation“. Der organisationale Kontext kommt allerdings dadurch zu kurz, dass keine Rückwirkungen mikropolitischen Verhaltens mit anderen Mitgliedern der Organisation beachtet werden. Beziehungen mikropolitischen Verhaltens zur formalen Organisations-Struktur[3] werden nicht systematisch erklärt (vgl. Lorson, H. 1996, S. 24 f.). Brüggemeier/Felsch (1992, S. 134) sprechen insofern von einem statischen Charakter des aspektualen Verständnisses.

c) Konzeptuales Verständnis

Das konzeptuale Verständnis entspricht dem Mikropolitikbegriff als Organisationstheorie. Im Folgenden soll der Unterschied zum aspektualen Verständnis dargestellt werden. Im Wesentlichen stellt sich der Unterschied nach Brüggemeier/Felsch (1992, S. 134 f.) dadurch dar, dass beim konzeptualen Verständnis mikropolitische Aktivitäten (gemäß den im vorangegangenen Abschnitt genannten Beispielen) nicht als einzeln auftretende Phänomene angesehen werden, sondern als Ausdruck eines übergeordneten Interesses oder Ziels des Handelnden. Das gesamte Geschehen und Handeln (auf Basis subjektiver, begrenzter Rationalität) innerhalb der Organisation wird demnach auf die Verfolgung der Interessen der Akteure zurückgeführt, ist also politisch im Sinne der oben angeführten Definition. Da „politisches Handeln nicht ohne Macht möglich ist“ (Brüggemeier/Felsch, 1992, S. 134), bildet die Analyse bestehender und entstehender Machtstrukturen zwischen den Akteuren die Basis mikropolitischer Betrachtungen im konzeptualen Sinne (vgl. Witt, S.-A., 1998, S. 50). Mikropolitik kann nur stattfinden, wenn Lücken in der formalen Struktur einer Organisation vorhanden sind, z.B. durch unklare Regelungen oder widersprüchliche Unternehmensziele. Im Rahmen des konzeptualen Verständnisses taucht der Begriff des Spiels auf, der unter b) erläutert wird.

d) Bausteine des Ansatzes

Ausgangspunkt, so Küpper/Felsch (2000, S. 149), sind interessengeleitete Mitglieder einer Organisation (Akteure), d.h. ihr Handeln erfolgt immer „unter Beachtung und in Verfolgung“ (Küpper, W./Felsch, A., 2000, S. 149) ihrer eigenen Interessen. Den Akteuren wird dabei ein strategisches Verhalten unterstellt (erster Baustein), dass für den jeweils handelnden dadurch sinnvoll ist, dass es aus seiner Perspektive die beste Handlungsalternative darstellt (vgl. Küpper, W./Felsch, A., 2000, S. 149 f. sowie Küpper, W./Ortmann, G., 1986, S. 593).

Neben den strategisch handelnden Akteuren einer Organisation sind die zwischen den Organisationsmitgliedern bestehenden Machtbeziehungen von Interesse (zweiter Baustein), denn wie Crozier/Friedberg (1994, S. 14) feststellen, muss „jede ernstzunehmende Analyse kollektiven Handelns […] Macht in das Zentrum ihrer Überlegungen stellen, denn kollektives Handeln ist im Grunde nichts anderes als tagtägliche Politik“ und „Macht ist ihr ‚Rohstoff’“. In dieser Arbeit wird der Machtbegriff nach Küpper/Ortmann bzw. Crozier/Friedberg zugrunde gelegt und unter b) erläutert.

Dritter Baustein der Analyse nach Küpper/Ortmann (1986, S. 592) ist die Betrachtung der formalen und informalen Organisations-Strukturen, die unter dem Begriff „Spiele“ subsumiert werden. Kieser/Hegele (1998, S. 202) weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Begriff nicht dazu verleiten sollte anzunehmen, dass Politik in einem Unternehmen nicht ernsthaft vonstatten geht. Es besteht ein enger Zusammenhang mit dem Begriff „Macht“, da Spiele zur Aufrechterhaltung von Unsicherheitszonen als Quellen der Macht zum Einsatz kommen (vgl. Küpper, W./Ortmann, G., 1986, S. 594).

Als vierten und letzten Baustein der Mikropolitiktheorie geben Küpper/Ortmann (1986, S. 593) eine Reihe weiterer Spiele an, die sich zwischen den Akteuren der Organisation und der organisationalen Umwelt vollziehen.

2. Zentrale Begriffe

a) Akteur

Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal von Organisationstheorien ist die Art und Weise, wie der Akteur konzeptualisiert wird. Es wurde bereits erwähnt, dass Akteure im Rahmen der Mikropolitiktheorie eigene Interessen verfolgen und begrenzt rational handeln. Auf diese Begriffe soll nun vertiefend eingegangen werden.

Von Interesse ist alles, was die persönlichen Belange fördert bzw. fördern kann (vgl. Neuberger, O., 1995, S. 33). Treffen mehrere Akteure aufeinander, so wird deren Interaktion politisch im Sinne der oben genannten Definition, sofern die Interessen der Akteure gegensätzlich sind. Im Rahmen der Mikropolitiktheorie, in der strategisches Verhalten der Akteure vorausgesetzt wird, sind die Interessen eines bestimmten Akteurs an Ressourcen (im weitesten Sinne) von Bedeutung, über die andere Akteure die Kontrolle haben. Für den jeweiligen Akteur wäre es vorteilhaft, wenn er die Kontrolle über diese Ressourcen hätte. Er muss also bestimmte Verhaltensbereitschaften der anderen Akteure auslösen, die ihm die Kontrolle über die Ressourcen verschaffen können. Macht ist das theoretische Konstrukt, das derartige Interaktionen erklärt (vgl. Küpper, W./Felsch, A., 1999, S. 21).

Im Rahmen der Mikropolitiktheorie wird dem Akteur bei seinem Handeln darüber hinaus eine subjektiv begrenzte Rationalität unterstellt (vgl. z.B. Haunschild, A., 1998, S. 114, 120; Küpper, W./Felsch, A., 2000, S 16; Küpper, W./Ortmann, G., 1986, S. 593). Damit ist gemeint, „daß das Handeln der Akteure abhängig ist von (1) der Perzeption [also dem sinnlichen Wahrnehmen, d. Verf. (vgl. Duden (b), 1982, S. 584)] der Handlungsmöglichkeiten und -gelegenheiten und (2) der Fähigkeit, sich dieser zu bedienen und diese zu nutzen“ (vgl. Küpper, W./Ortmann, G., 1986, S. 593; zit. bei Haunschild, A., 1998, S. 114). Sie folgt zum einen daraus, dass die Akteure nicht alles wissen können, von Küpper/Felsch (1999, S. 16) „kognitive Beschränkung“ genannt, und zum anderen, dass die Akteure anderen Akteuren, deren Interessenverfolgung und daraus resultierenden Einflüssen zur Erreichung bestimmter Verhaltensweisen sowie den organisationalen Machtstrukturen ausgesetzt sind.

[...]


[1] In der einschlägigen Literatur wird ausführlich und z. T. kontrovers darüber diskutiert, wie der Begriff der Politik zu verstehen ist. Im Wesentlichen wird dabei jedoch auf die Politik abgestellt, die die öffentlichen Belange betrifft (vgl. Brockhaus, 1992, S. 300 f.). Es wird auf die Herkunft des Begriffs, seine historische und gegenwärtige Verwendung und auf Unterschiede des Begriffsverständnisses in verschiedenen Kulturkreisen eingegangen (so z.B. bei Neuberger, O., 1995, S. 8 ff.). Dies erscheint hier als unnötig, da im Rahmen der Mikropolitiktheorie eine eher umgangssprachliche und damit hinlänglich bekannte Bedeutung des Begriffs unterstellt wird.

[2] Eine nähere Erläuterung dieses für die Mikropolitiktheorie (sowohl im Rahmen des aspektualen als auch des konzeptualen Verständnisses) sowie für andere Organisationstheorien zentralen Begriffs erfolgt in dem entsprechenden Abschnitt unter b).

[3] Zum Begriff der „Struktur“ siehe der entsprechende Abschnitt unter b).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Personal als strategisch handelnde Akteure
Untertitel
Mikropolitiktheorie von W. Küpper
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V47569
ISBN (eBook)
9783638444910
ISBN (Buch)
9783638692793
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Personal, Akteure
Arbeit zitieren
Dipl.-Kfm. Thomas Rilling (Autor), 2004, Personal als strategisch handelnde Akteure, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47569

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