Die bürgerlich-protestantische Leichenpredigt aus dem Dresden des 18. Jahrhunderts und ihre Aussagekraft für die familien-, sozial- und bildungsgeschichtliche Forschung


Hausarbeit, 2004

17 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeiner Aufbau

3. Leichenpredigt als multidisziplinäre Quelle
3.1. Die Leichenpredigt als Quelle der Genealogie
3.2. Die Leichenpredigt als Quelle der Sozialgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der internen Familienbeziehung
3.3. Die Leichenpredigt als Quelle der Bildungsgeschichte
3.4. Weitere Verwertung der Leichenpredigt, insbesondere für die Dresdner Stadtgeschichte und die Geschichte Sachsens

4. Zusammenfassung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die wahrscheinlich bedeutendste Sammlung von Leichenpredigten führt die fürstlich Stolbergische Bibliothek zu Stolberg am Harz, die von der Reichsgräfin Sophie Eleonore zu Stolberg-Stolberg (1669-1745) im Laufe ihres Lebens mit Hilfe von Geistlichen angelegt wurde. Selbst wenn man die doppelt vorhandenen Ausgaben nicht berücksichtigt, umfasst die Sammlung noch immer 24000 Drucke.[1]

Die Leichenpredigt wurde schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts, aufgrund der enthaltenen persönlichen Daten, sowohl als Quelle für Biographien als auch für biographische Lexika verwendet.[2] Auch später wurde ihr Quellenwert für die familiengeschichtliche Forschung, jedoch nur vereinzelt darüber hinaus[3], erkannt. Erst seit den 70er Jahren setzte sich vermehrt die Erkenntnis durch, dass sie, als ein Teilbereich der „Quellen und Literaturgattung Personalschriften“, eine wichtige und wertvolle Fundgrube für die verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen darstellt und sich diesbezüglich auswerten lässt.[4]

Diese Arbeit wird sich im Folgenden nun der Frage widmen, inwiefern sich bürgerlich-protestantische Leichenpredigten aus dem Dresden des 18. Jahrhunderts als Quellen für die historischen Wissenschaften, insbesondere für die familien-, sozial- und bildungsgeschichtliche Forschung, eignen.

Nach einer allgemeinen Einführung in die Quellengattung werden hierfür verschiedene Leichenpredigten der Dresdner Oberschicht auf ihren Inhalt hin untersucht, um anschließend exemplarisch ihren Aussagewert darzustellen. Es würde den vorgegebenen Rahmen sprengen auf alle Aspekte der Forschung, für die Leichenpredigten von Nutzen sein können, einzugehen. Auch wurde der oben genannte zeitliche Rahmen, das 18. Jahrhundert, gewählt, da einerseits der Brauch Leichenpredigten zu drucken mit dem Einsetzten der Aufklärung langsam sein Ende nahm, und andererseits in dieser Zeit mehr Wert auf den Lebenslauf der Verstorbenen gelegt wurde, wodurch diese meist ausführlicher gestaltet wurden als zuvor.

2. Allgemeiner Aufbau

Den Brauch eine „Grabrede“ oder Predigt auf einen Verstorbenen zu halten, hat es bereits vor der Reformation, sowohl in der Antike als auch im Mittelalter, gegeben. Doch erst nach diesem einschneidenden Ereignis wurde es in den protestantischen Kreisen üblich, die christliche Predigt mit einem Lebenslauf auszustatten und immer öfters diese auch drucken zu lassen. Vermutlich ist der Ursprung dieses Brauches in Mitteldeutschland, dem Kerngebiet der Reformation, zu finden, wo er, wie auch in einem Großteil der oberdeutschen Reichsstädte, sehr rasche Verbreitung fand.[5]

In der Regel wurden die Leichenpredigten des 16. bis 18. Jahrhunderts in den wohlhabenden Kreisen auf verstorbene Adlige und Bürger verfasst. Dies lässt sich aufgrund des enormen finanziellen Aufwands erklären, eine prachtvoll ausgestattete, im besten Fall mit hebräischen und griechischen Zitaten gespickte und mit Trauerkompositionen und Trauergedichten versehene Leichenpredigt drucken zu lassen. Zu beachten ist hierbei auch der gesellschaftliche Zwang, dem die Trauernden ausgesetzt waren, sich angemessen zu repräsentieren. Dieser führte nicht selten zur Verschuldung der Familie.

Es gibt vereinzelt auch Leichenpredigten aus katholischen Kreisen, jedoch verhielt sich die römische Kirche stets ablehnend diesem Brauch gegenüber und setzte ihm verschiedene Verbote entgegen.[6]

Ihre Blütezeit erlebte die protestantische Leichenpredigt in den Jahrzehnten vor dem 30jährigen Krieg und schließlich um den Wechsel vom 17. ins 18. Jahrhundert. Die damalige Höhe der Auflage richtete sich nach dem Verwandten- und Freundeskreis des Verstorbenen und lag normalerweise bei 100 bis 300 Exemplaren, sofern es zu keinem teuren Nachdruck kam.[7]

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb es zur Ausarbeitung einer Leichenpredigt kam: So konnte der Verstorbene noch vor seinem Tod den Druck verfügt haben und hatte unter Umständen den Lebenslauf noch selbst ausgearbeitet. Auch konnten seine Angehörigen den Wunsch gehabt haben, ihm ein letztes Denkmal zu setzen. Ebenso hatten die Verfasser selbst Interesse daran Leichenpredigten anzufertigen, da sie damit ihr Können unter Beweis stellen und zu hohem Ansehen gelangen konnten.[8] Gleichermaßen spielten der Zwang zur Selbstdarstellung und Gründe des verbesserten Lebensstandards eine Rolle.[9]

Trotzdem dürfen auch die religiösen Motive nicht außer Acht gelassen werden. So nennt Rudolf Lenz als einen möglichen Grund, der zur Ausarbeitung einer Leichenpredigt führte, dass „die protestantische Kirche zeigen wollte, daß ein glückseliges Sterben auch in ihrem Schoße möglich“[10] sei.

Die Leichenpredigt durchwanderte seit ihrem vermehrten Aufkommen bis zu ihrem vorübergehenden Ende ab Mitte des 18. Jahrhunderts verschiedene Entwicklungsphasen, bis sie schließlich während der Wende vom 16. ins 17. Jahrhundert und des 30jährigen Krieges ihre uns bis heute überlieferte Form annimmt.[11] Sie ist in mehrere Teile gegliedert, wobei diese sich im Laufe ihrer Entwicklung erweitert haben.[12]

Jede Leichenpredigt beginnt mit dem Titelblatt, das keinem festen Schema unterliegt, und welches meist den Namen der verstorbenen Person sowie andere Daten und Angaben über den Verstorbenen, aber auch über den Verfasser bekannt gibt. Manchmal ist zusätzlich ein Porträt des Verstorbenen abgebildet. Im Allgemeinen ist das Titelblatt ähnlich dem der Leichenpredigt auf Christian Hauschild aufgebaut:

„Einen/ mit dem Schilde des Glaubens ritterlich streitenden und/ siegreich überwindenden Lehrer,/ nach Ephes. VI. v. 16./ an dem Exempel/ des weyland/ Hoch=Ehrwürdigen, Hochachtbaren und Hochwohl=/gelahrten Herrn,/ Herrn/ M. Christian Hauschilds/ Hochverdienten dritten Hof=Predigers in Dreßden, und der Ge=/sellschaft der christlichen Liebe und Wissenschaften hochbe=/liebten Consultoris,/ welcher/ am 13. Febr. 1759 Abends nach 8. Uhr/ aus der streitenden in die triumphierende Kirche/ durch einen zwar schnellen doch seeligen Todt/ versetzet wurde,/ beschreibt gedachte Societaet/ zu des Seeligen immerwährendem Nachruhm/ durch/ M. Johann Erhard Möckel,/ Pfarrern in Lausa, bey Dreßden, und der Gesellschaft Mitglied./ Friedrichstadt,/ gedruckt bey Christian Heinrich Hagenmüller.“[13]

[...]


[1] Vgl. Werner Konstantin von Arnswaldt, Über Leichenpredigten, in. Praktikum für Familienforscher, Sammlung gemeinverständlicher Abhandlungen über Art, Ziel und Zweck der Familienforschung, Bd. 15, Leipzig 1926, hier: S. 5; Vgl. hierzu auch: Rudolf Lenz,

De mortuis nil nisi bene?- Leichenpredigten als multidisziplinäre Quelle unter besonderen Berücksichtigung der Historischen Familienforschung, der Bildungsgeschichte und der Literaturgeschichte, Sigmaringen 1990, hier: S.20.

[2] Vgl. Uwe Bredehorn, Eva-Maria Dickhaut, Rudolf Lenz, Die Ausstellung „Deß einen Todt, deß anderen Brod“. 25 Jahre Leichenpredigt-Forschung. Ergebnisse und Perspektiven, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigt als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 4, Stuttgart 2004, S 525-626, hier: S. 565.

[3] Vgl. hierzu Werner Konstantin von Arnswaldt, der eine seiner Schriften von 1926 mit „Bekanntlich ist eine der wichtigsten Quellen für die Familiengeschichte des 17. Jahrhunderts die Leichenpredigt“ begann.

[4] Vgl. Hannelore Lehmann, Potsdamer gedruckte Leichenpredigten im pietistischen Beziehungsgeflecht des 18. Jahrhunderts, in: Axel Lubinski, Thomas Rudert, Martina Schaltkowsky (Hg.), HISTORIE UND EIGEN-SINN – Festschrift für Jan Peters, Weimar 1997, S 433-455, hier: S. 433.

[5] Vgl. Rudolf Lenz, Gedruckte Leichenpredigten (1550-1750)- I Historischer Abriß II Quellenwert, Forschungstand III Grenzen der Quelle, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 1, Köln 1975, S 36-51, hier: S.37.

[6] Vgl. ders., De mortuis nil nisi bene?- Leichenpredigten als multidisziplinäre Quelle unter besonderen Berücksichtigung der Historischen Familienforschung, der Bildungsgeschichte und der Literaturgeschichte, Sigmaringen 1990, hier: S.16f.

[7] Vgl. ebd., hier: S.17.

[8] Vgl. ebd., hier: S.17.

[9] Vgl. ders., Leichenpredigten, hier: S.38 (wie Anm. 5).

[10] Ebd., hier: S.37.

[11] Vgl. ders., mortuis, hier: S.9-12 (wie Anm. 6).

[12] Vgl. Werner Konstantin von Arnswaldt, Über Leichenpredigten, hier: S.6f (wie Anm. 1).

[13] M. Johann Erhard Möckel, Leichenpredigt auf M. Christian Hauschild, Friedrichstadt 1759.

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Details

Titel
Die bürgerlich-protestantische Leichenpredigt aus dem Dresden des 18. Jahrhunderts und ihre Aussagekraft für die familien-, sozial- und bildungsgeschichtliche Forschung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2+
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V47571
ISBN (eBook)
9783638444934
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leichenpredigt, Dresden, Jahrhunderts, Aussagekraft, Forschung
Arbeit zitieren
Ines Roman (Autor), 2004, Die bürgerlich-protestantische Leichenpredigt aus dem Dresden des 18. Jahrhunderts und ihre Aussagekraft für die familien-, sozial- und bildungsgeschichtliche Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47571

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