Gottfried Benns Kunstkonzept - Die Welt als ästhetisches Phänomen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
34 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. „Das Wort“ statt „Stimmung“
2. Friedrich Nietzsche
3. Die Aufgaben der Kunst und des Künstlers
4. Das Monologische
5. Die Wirklichkeit
5.1 Der Lyriker – ein Realist?
5.2 Der Mimesis-Begriff und die ästhetische Eigenwelt
6. Die Form
6.1 Die Statik
6.2 Die absolute Kunst
6.3 Benn – ein Ästhetizist?
7. Die Bedeutung des Inhalts
8. Die Autarkie
9. Das Wesen des Künstlers
10. Der Künstler im Gegensatz
10.1 Der Staat und Kunst & Kultur
10.2 „Die Mitte“ und der Künstler als „Kranker“
10.3 „Asozialität von Dichtung“ - Benn und soziale Bezüge
11. Kommunikation und Rezeption
12. Die Wirkungslosigkeit
13. Die Zweckfreiheit der Kunst
13.1 Politische Zweckfreiheit
13.2 Moralische Zweckfreiheit
14. Das Zurückweisen von Verantwortung und das Verwerfen von Handeln

III. Schlussbemerkung

IV. Verwendete Literatur
3.1 Quellen
3.2 Literatur

I. Einleitung

Gottfried Benn hat sich im Laufe seines Lebens oft und ausgiebig mit dem Künstler und der Kunst an sich beschäftigt, so ab 1930 mit Person und Psyche des Künstlers, ab 1931 in erster Linie mit der Sache und der Leistung der Kunst.

In der vorliegenden Arbeit wird Gottfried Benns Verständnis von Kunst und Künstler untersucht, vorrangig anhand seiner Essays, Reden und Vorträge und nur am Rande anhand literarischer Werke.

Benns Entwicklung führte zunehmend zu einer Kunst- und auch Lebensauffassung, die auf Form und Stil, eine ausgeprägte Ästhetik gerichtet war, nicht nur im Kontrast zu einem Inhalt, sondern auch in Bezug auf Menschen und Gesell­schaft sowie Politik und Geschichte. Auch die aktive Teilhabe an Fragen der Zeit, gar im Sinne des An­strebens von Veränderungen, war bis auf eine kurze Phase zu Beginn der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933/34 nicht in Benns Sinne. Jegliche Wirkungs­absichten wurden negiert, die Zweckfreiheit von Kunst propagiert und ebendiese Kunst absolut gesetzt; ein Rückzug aus dem sozialen Feld zugunsten der Ästhetik. Um diese Aspek­te soll es gehen.

Der Dichter Benn hat diese Ansichten im Laufe seines Lebens entwickelt und ver­stärkt. Theo Meyer fasst die Entwicklung zusammen „[...] indem beim früheren Benn [...] das 'Dionysische' [...] ein dominantes Thema ist, während dann zu Beginn der dreißiger Jahre eher eine Symbiose von 'dionysischem' Leben und 'artistischem' Geist in den Mittelpunkt rückt und dann im Laufe der Jahre der formreflexive Aspekt zum beherrschenden Denkmotiv wird.“1 Dieser Formaspekt zeigt extreme Auswirkungen und gipfelt unter anderem darin, dass Benn die Welt als ästhetisches Phänomen be­trachtet – in Anlehnung an Friedrich Nietzsche – und diese Interpretation mit allen Konsequenzen als alleinige Realität akzeptiert. Ludwig Völker erläutert in Bezug auf die Lyrik:

„Benns Entwicklung als Lyriker von den Anfängen der Morgue- Gedichte (1912) bis zum letz­ten veröffentlichten Gedichtband Aprèslude kann als ein persönlich-biographisch und sozial-historisch motivierter Weg in die autonome Sphäre der Kunst, als ein Bekenntnis zur aus­schließlichen Realität des Ästhetischen interpretiert werden.“2

Die Welt wird Kunst und Kunst wird Lebensinhalt und Sinn.

Zugleich soll kritisch beobachtet werden, wie Benn das Setzen der Alleingültigkeit von Form und Stil in Bezug zur benannten Zweckfreiheit und Wirkungslosigkeit mög-licherweise – bewusst oder unbewusst – nutzt, um sich politisch und gesellschaft­lich zu entlasten, was seine unrühmliche Rolle zu Beginn des Nationalsozialismus be­trifft. Dies wäre ein „bequemer Rück­zug“ für den Dichter, der sich mit Schuld oder zumin-dest Verant­wortung nicht auseinander setzen müsste. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Benn die Verantwortung des Dichters immer wieder zurückgewiesen, im Verlaufe sei­nes Lebens sogar das Handeln gänzlich verworfen hat. Zugleich misst er jedoch der Kunst und dem Dichter eine quasi elitäre, zumindest äußerst bedeutsame Rolle in Geschichte und Gesellschaft zu, die in seinen Augen von Staat und Öffent­lichkeit immer ver­kannt wird.

Damit ist der Rahmen abgesteckt, in dem sich diese Arbeit bewegen soll. Aufgrund ei-niger Schwierigkeiten, diesem Thema einen angemessenen Aufbau zu geben, da die einzelnen Elemente sehr eng verflochten sind, sich immer wieder überschneiden und dadurch eine genaue Abgrenzung erschweren, orientiere ich mich primär am Aufbau des Textes „Probleme der Lyrik“ (1951) (IV, 1058-1096) von Gottfried Benn selbst. Zum einen sind in ihm die vollständig entwickelten ästhetischen Ansichten Benns – anhand der Lyrik, aber eben­so auf andere Bereiche übertragbar – gegen Ende seines Lebens, also zum Abschluss seiner Entwicklungen, zusammengetragen. Hier können wesentliche Ansichten zu oben genannten Themen extrahiert, entwickelt und kritisch beleuchtet werden unter Zuhilfenahme weiterer Texte. Zum anderen gibt dieser Text einen Aufbau vor und lässt eine Abhandlung der wesentlichen Punkte zu.

II. Hauptteil

Der Vortrag „Probleme der Lyrik“ wurde von Gottfried Benn am 21. August 1951 in der Universität Marburg gehalten.

1. „Das Wort“ statt „Stimmung“

Benn stellt zu Anfang heraus, dass ein Gedicht nicht einfach entsteht, aus einer Stim­mung heraus, wie sich der Laie möglicherweise vorstellt, sondern gemacht wird, und sagt: „Wenn Sie vom Gereimten das Stimmungsmäßige abziehen, was dann übrig­bleibt, wenn dann noch et­was übrigbleibt, das ist dann vielleicht ein Gedicht.“ (IV, 1059) Ein Gedicht ist also ein Kunstprodukt, das mit „Bewußtheit“, unter „kritischer Kontrolle“ und mit einer „Vorstellung von „Artistik““ gemacht wird und das Benn klar von der Seite des „Emotionellen[n]“, „Stimmungsmäßige[n]“, „Thematisch-Me-lodiöse[n]“ (IV, 1059) trennt. Hier zeigen sich schon die Aspekte der Form, des For-mens sowie das Untergeordnete von Emotionen und Stoffen als mögliche Inhalte.

Zu einem späteren Zeitpunkt im Text macht Benn Ausführungen über das moderne Gedicht oder vielmehr darüber, wie ein solches seiner Meinung nach nicht aussehen sollte. Er betont die sprachliche Spannung, die Bedeutung des Wortes an sich und das Außenvorlassen des Erzählerischen. Dabei wendet er sich gegen „Hilfskonstruk­tio-nen“ („wie“, „wie wenn“, „es ist, als ob“), die meist „Leerlauf“ seien. „Dies Wie ist immer ein Bruch in der Vision, es holt heran, es vergleicht, es ist keine primäre Set-zung.“ Die Folge sei eine „Schwäche der schöpferischen Transformation“. Farben empfindet er als „reine Wortklischees“. (IV, 1068)

Benn versucht den Zuhörern die Besonderheit des Wortes zu vermitteln, den Zauber fassbar zu machen und weiß doch, dass das nur sehr eingeschränkt gelingen kann:

„Wir werden uns damit abfinden müssen, daß Worte eine latente Existenz besitzen, die auf entsprechend Eingestellte als Zauber wirkt und sie befähigt, diesen Zauber weiterzugeben. Dies scheint mir das letzte Mysterium zu sein, vor dem unser immer waches, durch­analysier-tes, nur von gelegentlichen Trancen durchbrochenes Bewußtsein seine Grenze fühlt.“ (IV, 1077f.)

Der Vortragende trifft die Unterscheidung zwischen Romanciers, die Gedichte ma-chen, und „primären Lyrikern“:

„Der Romancier braucht auch für seine Gedichte Stoffe, Themen. Das Wort als solches ge­nügt ihm nicht. Er sucht Motive. Das Wort nimmt nicht wie beim primären Lyriker die un­mit-telbare Bewegung seiner Existenz auf, der Romancier beschreibt mit dem Wort.“ (IV, 1061)

In aller Deutlichkeit zeigt sich hier, dass Benn Stoff, Motiv und Thema für die Lyrik nicht schätzt, sei­ne eigene aus dem Wort an sich entsteht. Gedichte haben „reiner Ausdruck, bewußte artistische Gliederung innerhalb der gesetz­ten Form“ (IV, 1062) zu sein. Das ist der Maßstab, den Benn für den Wert von Lyrik anlegt.

2. Friedrich Nietzsche

Nach dem Verweis auf einen wichtigen Begriff bei Benn, den der „Artistik“, folgt eine umfassende Erklärung, was der Dichter darunter versteht:

„Der durchschnittliche Ästhet verbindet mit ihm die Vorstellung von Oberflächlichkeit, Gau­di-um, leichter Muse, auch von Spielerei und Fehlen jeder Transzendenz. In Wirklichkeit ist es ein ungeheuer ernster Begriff und ein zentraler. Artistik ist der Versuch der Kunst, in­nerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen neuen Stil zu bilden, es ist der Versuch, gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte ei-ne neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust.“ (IV, 1064)

Diese Ansichten wie auch der Begriff der Artistik lassen sich auf Friedrich Nietzsche zurückführen. Benn grenzt dabei im Gegensatz zu anderen Autoren, wie beispiels­wei-se Thomas Mann, das Humane vollkommen aus, „denn im „produktiven Auf­brausen“ ist das „Gemüt“ ausdrücklich ausgeklammert3, wie er überhaupt im Hinblick auf die „höchsten Sphären“ sagt: „... das Menschliche zählt nicht dazu“4.

„Die Artistik ist bei Benn nicht mehr zurückbezogen auf den Raum der Humanität, son­dern ei-ne aus allen Bezüglichkeiten gelöste, absolute Ausdrucksform. Der 'bürgerlich-ethischen' Ar-tistik Thomas Manns, die die ironische Vermittlung von 'Geist' und 'Leben' voll­zieht, steht bei Benn eine ästhetisch-absolute Artistik gegenüber, die den 'Geist' vom 'Leben' löst.“5

Die Nietzsche-Rezeption ist konstitutiv für die Benn'sche Ästhetik. Johann Siemon bemerkt dazu:

„Was Benns kunsttheoretische Positionen betrifft, so steht außer Zweifel, daß das 1872 er­schienene Buch Geburt der Tragödie, und dessen Entdeckung des apollinischen und dio­nysi-schen Prinzips, entscheidenden Einfluß ausgeübt hat, und sich durch das ganze Werk hin­durch nachweisen läßt.“6

Ich beschränke mich an dieser Stelle aufgrund der gebotenen Kürze auf die Grundge-danken, die Benn von Nietzsche übernommen hat, und zähle mit Gerhard Loose fünf „tragende Ideen“ der Benn'schen Ästhetik auf, die Nietzsche verpflichtet sind, und auf die ich im Verlauf der Arbeit größtenteils noch zurückkommen werde: „1) die ewige Rechtfertigung des Daseins und der Welt als ästhetisches Phänomen; 2) die Kunst als die höch[s]te Aufgabe und die eigentlich metaphysische Tätigkeit dieses Lebens; 3) die Kunst als der Olymp des Scheins; 4) der monologisch-monomane Charakter des Kunstwerks und 5) die Leidenschaft in Fragen der Form (Artistik).“7 Im Fortgang des Vortrags „Probleme der Lyrik“ kommt sogleich eine dieser Ideen zur Sprache, näm­lich „die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen me­taphy-sische Tätigkeit“ (IV, 1064).

3. Die Aufgaben der Kunst und des Künstlers

Daran anknüpfend, erscheint es sinnvoll, Aufgabe und Bedeutung der Kunst und des Künstlers zu beleuchten, die Benn ihnen zuerkennt.

„Benns frühere Auffassung, der Dichter sei der Sprecher des kollektiven Unbewußten, ein Se­her, in dessen Visionen die vorgeschichtlichen Erfahrungen der Menschheit ein spätes Echo finden, läßt sich schlecht vermitteln mit seiner späteren Ästhetik von der Kunst als einem artis­tischen Spiel.“8

Siemon ergänzt die Deutung der früheren Auffassung Benns, indem er anführt, der Dichter sei „der Vermittler und Sinnsucher, der die menschlichen Ursprünge wieder fruchtbar machen muß, um das moderne Bewußtsein aus der Krise führen zu kön-nen“9. Benn mache in seinen Augen „deutlich, daß er die Kunst als die einzig ver­blie-bene Ordnungsmacht begreift und ihr allein zutraut, die zerfallende Welt in einem Ge-samtentwurf zu deuten, d.h. für die Menschen sinnvoll und erfahrbar zu machen. [...] d.h aber letzten Endes auch, die isolierte Stellung wieder zu überwinden, um die Kunst zur Grundlage menschlicher Orientierung machen zu können.“10

Diese Deutungen beziehen sich auf Benns Ansichten zu Anfang und Mitte der 1930er Jahre. Sie zeigen eine durchaus aktive und kommunikative Aufgabe der Kunst, welche jedoch nicht zwangsläufig das Eingehen auf aktuelle Zeitbezüge und -fragen beinhal-tet. So macht Siemon außerdem deutlich, dass es Benn nicht darum gehe die Welt zu verändern, sondern sie neu zu interpretieren: „Kunst entsteht bei ihm immer gegen die Welt, und gerade in dem Entwurf dieser Gegenwelt liegt ihre Bedeutung.“11 Die In-terpretation, dass Literatur ein neues Sehen ermöglichen, ein neues Empfinden des Lebens her­stellen solle, betrachte ich in Bezug auf diesen Dichter skeptisch, sofern ein kom­munikativer Ansatz damit vertreten wird. Für mich zeigt Benn einen ausschließli­chen Selbstbezug; er propagiert eine ästhetische Welt, die mit der allgemein erfahrba­ren schwach verbunden ist, nur wenige Überschneidungen aufweist und damit auch nicht auf diese bezogen ist. Zudem verweigert er, wie später auszuführen sein wird, soziale und kommunikative Aspekte der Kunst.

Eine sehr persönliche Bedeutung der Kunst für Benn nennt Joachim Vahland: „Kunst bedeutet für Benn Religionsersatz, ihr Programm ist Ausdruck einer privaten Überle-bensideologie.“12 Benn räumt selbst einen „Fanatismus zur Transzendenz“ ein: „Aber ich sehe diese Transzendenz ins Artistische gewendet, als Philosophie, als Me­taphysik der Kunst. Ich sehe die Kunst die Religion dem Range nach verdrängen.“ (VII, 1691) Weiterhin sagt Benn, dass „in einem Zeitalter, in dem die Religionen der Götter zu-nichte gehen, während der Sozialismus längst nicht alle Tränen trocknet, die Kunst die besondere Aufgabe des Lebens ist, die Transzendenz, die metaphysische Tätigkeit, zu der es uns verpflichtet.“(VII, 1690) Das verweist wiederum auf Nietzs­che und auf sei-ne Bedeutung für Benn, auch in der Betrachtung des Nihilismus:

„Der Nihilismus-Essay [...] führt aus, daß die Überwindung des Nihilismus [...] nur noch durch den „konstruktiven Geist“ im Medium der Kunst, d.h. als ästhetisch-ideelle „Aus-druckswelt“ und „Metaphysik der Form“ möglich sei13 [...].“14

Dazu gehört auch, was Vahland folgendermaßen formuliert:

„Der Begriff 'Form' weist [...] weit über den genuin ästhetischen Kontext hinaus; er meint nicht nur Kunstform, sondern in einem umfassenderen Sinne Lebensform. Diese kann nun in­haltlich nicht mehr bestimmt werden, dem allgemeinen Wertenihilismus allein angemessen ist ein formaler Imperativ: Haltung!“15

In einer noch persönlicheren und leicht pathetischen Deutung, mit der Jürgen Schrö-der aufwartet, wird „[d]ie Kunst [als] ein verzweifelter biologischer Notwehr­akt, die letzte Lebens- und Überlebensmöglichkeit des Menschen“ angesehen: „[Benn] malt keine Bilder, um sein Menschsein zu steigern, sondern um ein Existenz­minimum am äußersten Rande der Vernichtung und des Todes zu bewahren. Seine Werke sind Hil-ferufe und Selbsterhaltungsreflexe [...].“16 Auch Vahland meint: „So vehement er stets jedes Engagement der Literatur zurückgewiesen hat, so eifrig hat er deren lebenssta-bilisierende Funktion betont [...]“17 Ich möchte mich diesem Pathos nicht an­schließen, erkenne jedoch an, dass die Kunst ein Beruf ist, der tiefer reicht als andere und dem Künstler oftmals das alleinige Zurechtkom­men mit der als fremd emp­fundenen Um-welt und dem eigenen Ich ermöglicht, weshalb die Bedeutung der Kunst für die Be-wältigung des Lebens nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

4. Das Monologische

Im weiteren Verlauf des Vortrags kommt der Redner auf einen amerikanischen Frage­bogen an Lyriker zu sprechen, in dem es um „Wort, Form, Reim, langes oder kurzes Gedicht, an wen ist das Gedicht gerichtet, Bedeutungsebene, Themenwahl, Metapho­rik“ (IV, 1066) geht. Benn findet vor allem eine Frage des Heraushebens wert, die, an wen das Gedicht gerichtet ist. In seiner Antwort sind weitere wichtige Begriffe für sein Kunstverständnis enthalten. Er bezieht sich auf Richard Wilbur:

„Ein Gedicht, sagt er, ist an die Muse gerichtet, und diese ist unter anderem dazu da, die Tat­sache zu verschleiern, daß Gedichte an niemanden gerichtet sind. Man sieht daraus, daß auch drüben der monologische Charakter der Lyrik empfunden wird, sie ist in der Tat eine anacho­retische Kunst.“ (IV, 1066)

Das Einsiedlerische, Monologische der Kunst, nicht nur der Lyrik, das Benn auch an anderer Stelle immer wieder betont, lässt den Schluss zu, dass ihm an Kommunikation (auch) mit dem Leser nicht gelegen ist. Es zeigt den Rückzug in eine ästhetische Welt und eine Betrachtungsweise der Kunst, die nur für sich steht und dem Künstler als Selbstzweck dient.

Bei der Betrachtung des „monologisch-monomanen Charakters“ eines Kunstwerks muss erneut auf das Vorbild Nietzsche hingewiesen werden. Meyer betont, dass „[...] Benns Konzeption der monologischen Subjektivität wesentlich geprägt [sei] von Nietzsches Unterscheidung zwischen der „monologischen Kunst“ und der „Kunst vor Zeugen“.“18 Keith erläutert den Zusammenhang: „Während die Kunst vor Zeugen im-mer mit schauspielerischen und selbstinszenatorischen Effekten operiert, kon­zentriert sich in der monologischen Kunst [...] die absolute ästhetische Produktivität im reinen Ausdruck.“19

Dies mag zutreffen, doch könnte man Benn durchaus unterstellen, er setze selbstinsze­natorische Effekte ein, beispielsweise in „Doppelleben“ (1950), das nicht nur eine Bio­graphie ist, sondern einer Stilisierung seines Lebens und einer versuchten Rechtferti­gung seiner geschichtlichen und geistigen Existenz gleichkommt. In diesem Sinne er-hebt „Doppelleben“ selbst den Anspruch, ein Kunstwerk zu sein, das die objektiven Fakten dem dichterischen Ausdruck unterwirft20 und kann somit als Beispiel herange­zogen werden.

[...]


1 Meyer (1971): Kunstproblematik und Wortkombinatorik bei Gottfried Benn. S. 114.

2 Völker (1990): Mimesis oder Poiesis? Anmerkungen zum Begriff des 'Lyrischen Ich' bei Gott­fried Benn. In: ders. (1990): Gottfried Benn. Sprache-Form-Wirklichkeit. Zwei Vorträge. S. 43.

3 Benn (1958-1961): Gesammelte Werke in vier Bänden. Hg. von Dieter Wellershoff. Wiesbaden. Band 4: Autobiographische und vermischte Schriften. S. 165. Zitiert nach: Meyer (1971): S. 114.

4 Benn (1958-1961): Gesammelte Werke in vier Bänden. Band 2: Prosa und Szenen. S. 140. Zitiert nach: Meyer (1971): S. 114.

5 Meyer (1971): S. 114.

6 Siemon (1997): Die Formfrage als Menschheitsfrage. Die Genese des künstlerischen Weltbilds in der Prosa Gottfried Benns. S. 29.

7 Loose (1961): Die Ästhetik Gottfried Benns. S. 33. Zitiert nach: Vahland (1979): Gottfried Benn. Der unversöhnte Widerspruch. S. 112.

8 Wellershoff (1986): Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde. Eine Studie über den Problemgehalt seines Werkes. S. 13.

9 Siemon (1997): S. 223.

10 Ebd.: S. 305.

11 Ebd.: S. 227.

12 Vahland (1979): S. 114.

13 Benn (1958-1961): Gesammelte Werke in vier Bänden. Band 1: Essays – Reden – Vorträge. S. 159. Zitiert nach: Schröder (1980): Das dramatische Jahrzehnt (1928-1938). In: ders. (1986): Gottfried Benn und die Deutschen. S. 34.

14 Schröder (1980): Das dramatische Jahrzehnt (1928-1938). In: ders. (1986): S. 34.

15 Vahland (1979): S. 108.

16 Schröder (1978): Gottfried Benn. Poesie und Sozialisation. S. 44.

17 Vahland (1979): S. 111.

18 Meyer (1971): S. 166.

19 Keith (2001): Nietzsche-Rezeption bei Gottfried Benn. S. 67.

20 Vgl. Kindlers neues Literaturlexikon (2000). CD-ROM.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Gottfried Benns Kunstkonzept - Die Welt als ästhetisches Phänomen
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Veranstaltung
Hauptseminar: Gottfried Benn. Ein deutscher Dichter zwischen Sprachgewalt und Gewaltsprache
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
34
Katalognummer
V47617
ISBN (eBook)
9783638445207
ISBN (Buch)
9783640496754
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstkonzept, Welt, Phänomen, Benn, Dichter, Sprachgewalt, Gewaltsprache, Gottfried, Gottfried Benn, Lyrik, Lyriker, Ästhetik, Kunst
Arbeit zitieren
Claudia Kollschen (Autor), 2003, Gottfried Benns Kunstkonzept - Die Welt als ästhetisches Phänomen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47617

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