Der Pessimismus in der Philosophie Schopenhauers


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Askese – ein Teilgebiet der Ethik

3. Metaphysik
3.1. Der Grundgedanke der Schopenhauerschen Metaphysik
3.2. Die Herleitung der Schopenhauerschen Metaphysik

4. Schopenhauers Pessimismus
4.1. Der Tod – das Los der Menschen
4.2. Die Ablehnung des Nihilismus
4.3. Die Schuldhaftigkeit des menschlichen Daseins
4.4 Der Mensch als Feind seines Mitmenschen

5. Der Zusammenhang zwischen Metaphysik und Ethik

6. Die Askese – der Ausweg aus der Welt
6.1. Schopenhauers Ablehnung des Selbstmordes
6.2. Schopenhauers Erklärung einer asketischen Lebensführung
6.3. Die Lebensweise des Asketen
6.4. Die Verneinung des Willens zum Leben

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Zusammenhänge zwischen Arthur Schopenhauers Metaphysik, seiner pessimistischen Weltsicht und seiner Lehre von der Verneinung des Willens darzulegen.

Der Ausgangspunkt der Untersuchungen ist eine Andeutung Schopenhauers am Ende seiner Preisschrift über das Fundament der Moral, in der er darauf hinweist, dass sich die Ethik nicht allein in der Lehre vom tugendhaften Leben erschöpft. Im Folgenden wird versucht zu belegen, dass Schopenhauer sich mit diesen Andeutungen auf die Praxis der Askese bezieht. Unter der Askese versteht Schopenhauer eine Lebensführung, die darum bemüht ist, alles Angenehme zu vermeiden und alles Unangenehme aufzusuchen.

Der Zweck der Askese ist nach Schopenhauer eine bewusste Brechung des Willens, durch die sich der Mensch letztendlich aus einer als leidvoll empfundenen Welt befreien kann.

Vom Besonderen Interesse ist der Umstand, dass Schopenhauer nicht auf dem Wege innerer Erleuchtung sondern, wie er behauptet, ganz allein auf dem Wege philosophischer Reflexion zu dieser Auffassung gelangte, die auch von Mystikern wie Meister Eckhart oder Buddha vertreten wurde. So rühmt sich Schopenhauer etwa, dass in seinem Werk zum ersten Mal eine abstrakte, nicht mystisch oder religiös verkleidete Darlegung der Askese vorgenommen wurde.[1]

Der Theorie der Askese, die auf die Erlösung des Menschen aus der Welt hinweist, steht seine pessimistische Weltsicht gegenüber. Es soll dargelegt werden, dass für Schopenhauer das Leben der Menschen notwendigerweise voller Leid und Schmerz ist, und das dieser Umstand im Wesen des Menschen begründet liegt. Dementsprechend ist dem Kapitel über den Pessimismus eine Übersicht über die Schopenhauersche Metaphysik vorangestellt.

2. Die Askese – ein Teilgebiet der Ethik

In Paragraph 22 der Preisschrift über das Fundament der Moral macht Schopenhauer die Andeutung, dass er bei der Darlegung der metaphysischen Grundlage seiner Ethik einen wichtigen Punkt nicht behandelt hat:

„Bei diesen Andeutungen zur Metaphysik der Ethik muß ich es bewenden lassen, obwohl noch ein bedeutender Schritt in derselben zu thun übrig bleibt. Allein dieser setzt voraus, daß man in der Ethik selbst einen Schritt weiter gegangen wäre, welches ich nicht thun durfte, weil in Europa der Ethik ihr höchstes Ziel in der Rechts- und Tugendlehre gesteckt ist, und was über diese hinausgeht nicht kennt, oder doch nicht gelten lässt.“[2]

Vieles deutet darauf hin, dass es sich bei dieser Aussage um die Askese handelt, unter der Schopenhauer den Weg zur Verneinung des Willens zum Leben versteht. In der zweiten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung, die zeitlich nach der Preisschrift erschien, erwähnt Schopenhauer in einer Fußnote, dass er in seiner Preisschrift die Askese übergehen musste, „da die Preisfrage im Sinn der im protestantischen Europa geltenden philosophischen Ethik gestellt war…“[3]

Der Protestantismus stellt für Schopenhauer eine Abweichung vom „wahren Christentum“, dar, da er den asketischen Charakter des Christentums verleugnet.[4]

3. Metaphysik

3.1. Der Grundgedanke der Schopenhauerschen Metaphysik

Es war Schopenhauer nicht möglich, in seiner „Preisschrift über das Fundament der Moral“ eine direkte Verbindung der in der Preisschrift dargelegten Ethik mit seiner Metaphysik aufzuzeigen. Der Grund für diese Einschränkung bestand darin, dass die Preisschrift anonym erscheinen musste, und somit keinen Bezug auf das philosophische Gesamtwerk ihres Verfassers nehmen konnte. Aus diesem Grund erscheint es als nicht unwahrscheinlich, dass Schopenhauer mit seiner Preisschrift den Versuch unternahm, auf einem rein empirischen Weg, ohne den Rekurs auf seine Metaphysik zu denselben ethischen Thesen zu gelangen, zu denen auch seine Metaphysik hinleitet.

Dennoch ist es geboten, den genauen Zusammenhang der Ethik mit der Metaphysik aufzuzeigen, da Schopenhauer eben diesen Zusammenhang als einen Vorzug seiner Lehre preist:

„Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in einem sein soll, da man sie bisher trennte, so fälschlich als den Menschen in Seele und Körper“[5]

Für Schopenhauer ist der innere Kern der Welt, dasjenige was sie antreibt und hervorgebracht hat, ein blinder Wille. Der Willensbegriff Schopenhauers hat einen weitaus größeren Umfang als der Willensbegriff der Alltagssprache. In dieser wird mit „Wille“ zumeist als ein von der Erkenntnis begleiteter Willensakt des Menschen bezeichnet. Die menschlichen Willensakte sind nach Schopenhauer jedoch nur eine von vielen Manifestationen des Weltwillens. So ist es nach Schopenhauer ein und derselbe Wille, der die Pflanze wachsen lässt, den Magneten zum Nordpol lenkt, den Kristall ausschießen lässt usw.

Es wird deutlich, dass Schopenhauers Metaphysik als monistisch, d.h. als eine philosophische Einheitslehre anzusehen ist, die in allen Objekten der Welt das gleiche Wesen erkennt.

3.2. Die Herleitung der Schopenhauerschen Metaphysik

Nachdem nun die metaphysische Grundansicht Schopenhauers vorgestellt wurde, die er, nachdem sie aufgestellt war, während seines Schaffens nicht mehr verändert hat, ist nun aufzuzeigen auf welchem Weg Schopenhauer zu dieser Ansicht gelangt ist.

In der Leiblichkeit und dem Gemüt des menschlichen Subjekts meint Schopenhauer den Punkt entdeckt zu haben, an dem dasjenige, das nicht mehr Objekt der Welt als Vorstellung ist anfängt:

„Das Subjekt erfährt sich nicht nur als erkennendes Subjekt, sondern auch als Leib mit Sinnesempfindungen (die als solche keine Erkenntnisse sind) und dem Erleben von Lust und Unlust. Dieses Erleben, das nichts mit Erkennen zu tun hat, ist auch kein bloßes Vorstellen.“[6]

Der eigene Leib ist dem Menschen also nicht, wie alle anderen Objekte seiner Vorstellung nur von außen her bekannt, sondern der Mensch erfährt seinen Leib ganz unmittelbar auch von innen her. Schopenhauer behauptet, dass jede Aktion des Willens auch Einfluß auf den Körper hat, und umgekehrt alles, was direkt auf den Körper einwirkt, wie etwa Schmerz, automatisch auch den Willen affiziert. Der Philosoph sieht in diesem Falle jedoch kein Ursache-Wirkung Verhältnis vorliegen, sondern eine Identität, die dem Menschen jedoch von zwei grundverschiedenen Seiten her gegeben ist:

„Denn die Erkenntniß, welche ich von meinem Leibe als einem Ausgedehnten, Raumerfüllenden und Beweglichen habe, ist bloß mittelbar: sie ist ein Bild in meinem Gehirn…Unmittelbar gegeben ist mir der Leib allein…dem Willen angehören“[7]

Nachdem Schopenhauer im Inneren des Menschen etwas entdeckt hat, dass nicht der Vorstellungswelt angehört, sondern von dieser radikal verschieden ist, legt er nun alle Phänomene der Welt mit diesem Fund aus, und gelangt zu der Einsicht, dass die gesamte Welt in Vorstellung und Wille zerfällt.

4. Schopenhauers Pessimismus

Schopenhauer ist, neben seiner Nähe zum fernöstlichen Denken, in der Philosophiegeschichte vor allem für seinen Pessimismus bekannt, d.h. der Überzeugung dass die Welt von Grund auf schlecht ist, und es besser wäre, wenn sie nicht existieren würde. So trägt etwa das 46. Kapitel der zweiten Ausgabe der Welt als Wille und Vorstellung den Titel „Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens“.

Vieles spricht für die von Michael Hauskeller formulierte These, dass Schopenhauers Pessimismus der eigentliche Ursprungsgrund seines ganzen Philosophierens ist:

„Die Erfahrung des Uebels und des Bösen ist mithin nicht irgendeine beliebige Erfahrung unter anderen, sondern die philosophische Grunderfahrung.“[8]

Der Pessimismus ist somit integraler Bestandteil der Schopenhauerschen Philosophie und keine persönliche Lebenssicht des Menschen Schopenhauer.

Im Folgenden soll nun die enge Verbindung zwischen Schopenhauers Metaphysik und seinem Pessimismus dargelegt, und deren Plausibilität überprüft werden.

Wie schon gezeigt wurde, sieht Schopenhauer jeden Menschen als die Objektivation eines Weltwillens an; der grundlegende Wesenszug jedes Menschen ist demgemäß ein beständiges Streben, Wünschen und Wollen.

Folglich bezeichnet Schopenhauer den Menschen auch als ein Konkrement von tausend Bedürfnissen:

„Der Mensch, als die vollkommenste Objektivation jenes Willens, ist demgemäß auch das bedürftigste unter allen Wesen: er ist konkretes Wollen durch und durch, ist ein Konkrement von tausend Bedürfnissen“[9]

Nach Schopenhauer gibt es kein Gut auf der Welt das den Menschen von seinem stetigen Wollen befreien kann, da „jeder befriedigte Wunsch einen neuen gebiert“.[10]

Die Erklärung für die Behauptung, dass „keine auf der Welt mögliche Befriedigung hinreichen könnte sein Verlangen zu stillen, seinem Begehren ein endliches Ziel zu setzen und den bodenlosen Abgrund seines Herzens auszufüllen“ ist in der metaphysischen These zu sehen, dass der Wille als Ding an sich, blind und grundlos ist.[11]

Mit Schopenhauer beginnt eine radikal neue Sicht des Menschen, die den Menschen nicht länger als vorwiegend rationales Wesen sieht, sondern in ihm ein Element aufspürt, das der Vernunft nicht zugänglich ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Schopenhauer den Menschen als ein durch und durch bedürftiges Wesen sieht. Werden die Bedürfnisse des Menschen nicht erfüllt, wird sein Wollen nicht befriedigt so entsteht Leiden. Erfüllt sich hingegen der Wunsch, so stellt sich nach Schopenhauer ein kurzer Zustand der Freude und des Glückes ein, der jedoch nie lange währt, und dann durch einen neuen Wunsch ersetzt wird. Freude und Glück hängen demnach von der Erfüllung eines Wunsches ab, sind also für den Menschen nichts Ursprüngliches. So ist es nur konsequent, wenn Schopenhauer im Rahmen seines Systems das Leiden und den Schmerz als das Positive, dagegen Freude, Glück und Schmerzlosigkeit als das Negative definiert:

“wir fühlen den Schmerz aber nicht die Schmerzlosigkeit; wir fühlen die Sorge aber nicht die Sorglosigkeit; die Furcht aber nicht die Sicherheit.“[12]

Schopenhauer behauptet, dass es nur zwei grundverschiedene Formen des Leidens gibt: die Not und die Langeweile, zwischen denen das Leben der Menschen beständig oszilliert. Je mehr der Mensch versucht dem einen Übel zu entgehen, desto mehr nähert er sich dem anderen an. Die Langweile ist bei Schopenhauer ein Zustand der inneren Leere und Monotonie, die den Menschen genau so stark wie die Not martern kann:

„Die Langeweile ist nichts weniger als ein gering zu achtendes Übel: sie malt zuletzt wahre Verzweiflung auf das Gesicht“.[13]

Da es nach Schopenhauer kein Objekt auf der Welt gibt, welches den Willensdurst der Menschen dauerhaft stillen kann spricht er an einer Stelle von der „Nichtigkeit aller Objekte des Willens“[14]

Schopenhauer ist darum bemüht, seinen Pessimismus erfahrungsunabhängig, also a priori zu begründen. Er meint in der Zeit diejenige Form gefunden zu haben,

„mittelst derer jene Nichtigkeit der Dinge sich als Vergänglichkeit derselben erscheint; indem vermöge dieser, alle unsere Genüsse und Freuden unter unseren Händen zu Nichts werden und wir nachher verwundert fragen, wo sie geblieben seien.“[15]

[...]


[1] Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung. dtv: München. 1998 S.493

[2] Arthur Schopenhauer. Preisschrift über das Fundament der Moral.

Felix Meiner Verlag: Hamburg: 1979S. 173

[3] Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung 2 Zweiter Teilband. Diogenes: …Zürich. 1977 S. 710

[4] Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung 2 S. 710

[5] Arthur Schopenhauer. Philosophische Menschenkunde. Alfred Körner Verlag: Stuttgart …1957 S. 286

[6] Wolfgang Korfmacher. Schopenhauer zur Einführung. Junius Verlag: Hamburg 1994

S.37

[7] Wolfgang Korfmacher. Schopenhauer zur Einführung S.37

[8] Michael Hauskeller. Vom Jammer des Lebens Einführung in Schopenhauers Ethik. Verlag C.H. Beck: München 1998 S.12

[9] Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung S.407

[10] Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung 2 S. 670

[11] Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung 2 S. 670

[12] Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung 2 S.673

[13] Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung S.408

[14] Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung 2 S. 671

[15] Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung 2 S. 672

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Der Pessimismus in der Philosophie Schopenhauers
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V47628
ISBN (eBook)
9783638445306
ISBN (Buch)
9783638659529
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pessimismus, Philosophie, Schopenhauers
Arbeit zitieren
Jörg Lühe (Autor), 2005, Der Pessimismus in der Philosophie Schopenhauers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47628

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