Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Zusammenhänge zwischen Arthur Schopenhauers Metaphysik, seiner pessimistischen Weltsicht und seiner Lehre von der Verneinung des Willens darzulegen.
Der Ausgangspunkt der Untersuchungen ist eine Andeutung Schopenhauers am Ende seiner Preisschrift über das Fundament der Moral, in der er darauf hinweist, dass sich die Ethik nicht allein in der Lehre vom tugendhaften Leben erschöpft. Im Folgenden wird versucht zu belegen, dass Schopenhauer sich mit diesen Andeutungen auf die Praxis der Askese bezieht. Unter der Askese versteht Schopenhauer eine Lebensführung, die darum bemüht ist, alles Angenehme zu vermeiden und alles Unangenehme aufzusuchen.
Der Zweck der Askese ist nach Schopenhauer eine bewusste Brechung des Willens, durch die sich der Mensch letztendlich aus einer als leidvoll empfundenen Welt befreien kann.
Vom Besonderen Interesse ist der Umstand, dass Schopenhauer nicht auf dem Wege innerer Erleuchtung sondern, wie er behauptet, ganz allein auf dem Wege philosophischer Reflexion zu dieser Auffassung gelangte, die auch von Mystikern wie Meister Eckhart oder Buddha vertreten wurde. So rühmt sich Schopenhauer etwa, dass in seinem Werk zum ersten Mal eine abstrakte, nicht mystisch oder religiös verkleidete Darlegung der Askese vorgenommen wurde.
Der Theorie der Askese, die auf die Erlösung des Menschen aus der Welt hinweist, steht seine pessimistische Weltsicht gegenüber. Es soll dargelegt werden, dass für Schopenhauer das Leben der Menschen notwendigerweise voller Leid und Schmerz ist, und das dieser Umstand im Wesen des Menschen begründet liegt. Dementsprechend ist dem Kapitel über den Pessimismus eine Übersicht über die Schopenhauersche Metaphysik vorangestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die Askese – ein Teilgebiet der Ethik
3. Metaphysik
3.1. Der Grundgedanke der Schopenhauerschen Metaphysik
3.2. Die Herleitung der Schopenhauerschen Metaphysik
4. Schopenhauers Pessimismus
4.1. Der Tod – das Los der Menschen
4.2. Die Ablehnung des Nihilismus
4.3. Die Schuldhaftigkeit des menschlichen Daseins
4.4. Der Mensch als Feind seines Mitmenschen
5. Der Zusammenhang zwischen Metaphysik und Ethik
6. Die Askese – der Ausweg aus der Welt
6.1. Schopenhauers Ablehnung des Selbstmordes
6.2. Schopenhauers Erklärung einer asketischen Lebensführung
6.3. Die Lebensweise des Asketen
6.4. Die Verneinung des Willens zum Leben
7. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die systematische Verbindung zwischen Arthur Schopenhauers Metaphysik, seinem pessimistischen Weltbild und der daraus abgeleiteten Lehre von der Askese. Dabei wird insbesondere analysiert, inwiefern die Praxis der Askese als logische Konsequenz aus Schopenhauers Einsicht in die Notwendigkeit des menschlichen Leidens und die Nichtigkeit des Weltwillens hervorgeht.
- Die metaphysischen Grundlagen des Willensbegriffs bei Schopenhauer.
- Die Herleitung des Pessimismus als philosophische Grunderfahrung.
- Die Analyse der Schuldhaftigkeit des menschlichen Daseins und der Rolle des Todes.
- Die Abgrenzung von Nihilismus und die Bedeutung der Askese als Erlösungsform.
- Der Zusammenhang zwischen Mitleidsethik und der Verneinung des Willens.
Auszug aus dem Buch
4.3. Die Schuldhaftigkeit des menschlichen Daseins
Das auf den ersten Blick befremdlichste Element des Schopenhauerschen Pessimismus ist sicherlich seine These von der Schuldhaftigkeit des gesamten menschlichen Daseins:
„Denn das menschliche Daseyn, weit entfernt den Charakter eines Geschenks zu tragen, hat ganz und gar den einer kontrahierten Schuld.“
Den Ursprung dieser Schuld sieht Schopenhauer im Zeugungsakt verwurzelt: „Und wann wurde diese Schuld kontrahiert? – Bei der Zeugung“
Im Folgenden wird nun zu klären sein, was Schopenhauer zu der seltsamen Überzeugung bringt, dass der Zeugungsakt eine Schuld ist, und das infolgedessen das menschliche „Daseyn eine Strafe und Buße ist“
Einen Hinweis für die Schuldhaftigkeit des Zeugungsaktes erblickt Schopenhauer in der Scham aller Menschen über denselben:
„Der Akt nun aber, durch welchen der Wille sich bejaht und der Mensch entsteht, ist eine Handlung, deren Alle sich im Innersten schämen, die sie daher sorgfältig verbergen, ja, auf welcher betroffen sie erschrecken, als wären sie bei einem Verbrechen ertappt worden. Es ist eine Handlung, deren man bei kalter Überlegung meistens mit Widerwillen, in erhöhter Stimmung mit Abscheu gedenkt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Arbeit führt in die Zielsetzung ein, die Zusammenhänge von Metaphysik, Pessimismus und Askese bei Schopenhauer darzulegen.
2. Die Askese – ein Teilgebiet der Ethik: Hier wird untersucht, warum Schopenhauer die Askese in seiner früheren Preisschrift überging und wie sie als notwendiges Element seiner Ethik zu verstehen ist.
3. Metaphysik: Dieses Kapitel erläutert den Grundgedanken von Schopenhauers Metaphysik, in der ein blinder Wille den Kern der Welt bildet.
4. Schopenhauers Pessimismus: Es wird dargelegt, warum das Leben laut Schopenhauer notwendig voller Leid ist und der Mensch als triebhaftes Wesen agiert.
5. Der Zusammenhang zwischen Metaphysik und Ethik: Das Kapitel erklärt, wie die intuitive Erkenntnis des principium individuationis zur Mitleidsethik führt.
6. Die Askese – der Ausweg aus der Welt: Hier wird die Askese als bewusste Verneinung des Willens zum Leben sowie die Rolle der Keuschheit und Armut erörtert.
7. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und dem Vergleich mit fernöstlichen Denktraditionen.
Schlüsselwörter
Arthur Schopenhauer, Metaphysik, Pessimismus, Askese, Wille zum Leben, Mitleidsethik, Principium individuationis, Schuldhaftigkeit des Daseins, Erlösung, Nihilismus, Welt als Vorstellung, Leiden, Keuschheit, Lebensbejahung, Weltverneinung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Untersuchung von Arthur Schopenhauers System, insbesondere mit der Interdependenz zwischen seiner Metaphysik, der pessimistischen Weltsicht und der Lehre von der Askese.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Ontologie des Willens, der Begründung des menschlichen Leidens, der Ethik des Mitleids und der asketischen Lebensführung als Erlösungsweg.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den logischen Zusammenhang aufzuzeigen, durch den Schopenhauer aus der pessimistischen Analyse des Daseins die Notwendigkeit der asketischen Weltverneinung ableitet.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt die hermeneutische Textanalyse von Schopenhauers Hauptwerken und ergänzenden Preisschriften, um die Konsistenz und Struktur seines philosophischen Systems herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Metaphysik, die Begründung des Pessimismus, die Verknüpfung zur Ethik und die detaillierte Ausarbeitung des asketischen Weges.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Schopenhauer, Wille zum Leben, Askese, Pessimismus und Weltverneinung charakterisiert.
Wie begründet Schopenhauer die „Schuldhaftigkeit des Daseins“?
Schopenhauer sieht den Akt der Zeugung als eine willentliche Bejahung des Lebens, die eine kontrahierten Schuld darstellt, da sie ein neues Individuum in eine Welt voller Leid und Schmerz setzt.
Warum lehnt Schopenhauer den Selbstmord als Erlösung ab?
Der Selbstmord ist für Schopenhauer keine echte Lösung, da er nur die individuelle Erscheinung zerstört, während der Wille als Ding an sich unangetastet bleibt; der Asket hingegen besiegt den Willen durch bewusste Entsagung.
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- Jörg Lühe (Author), 2005, Der Pessimismus in der Philosophie Schopenhauers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47628