Nachdem die Reformation im 16. Jh. für eine Glaubensspaltung innerhalb des Christentums sorgte, wurde bereits einige Jahrzehnte später oftmals ein „praktischer Atheismus“ beklagt. Johann Arndt rief zur „praxis pietatis“, einer gelebten Frömmigkeit, auf. Aus dem Wunsch nach einem praktischen Christentum mit regem Gebetsleben um dadurch zu wahrer Frömmigkeit zu gelangen entstand der Pietismus.
Der Kirchenhistoriker Martin Brecht sieht im Pietismus die „bedeutendste Frömmigkeitsbewegung des Protestantismus nach der Reformation“ Dabei stellte der mitteldeutsche Raum um Leipzig und Halle, somit auch die Universität Leipzig, ein Zentrum dar. Die wichtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten dieser religiösen Strömung waren Philipp Jakob Spener und August Hermann Francke. Spener selbst war zwar nicht in Leipzig oder Halle aktiv, dennoch beeinflusste er diese beiden Städte durch seine Tätigkeit als Mitglied des Oberkonsistoriums in Dresden und in Berlin. Franckes Wirken soll Gegenstand dieser Untersuchung sein, wobei das Hauptaugenmerk auf seiner Zeit an der Leipziger Universität liegen wird (1684 – 1687 und 1689). Hier gründete Francke mit dem „Collegium Philobiblicum“ eine theologische Versammlung, die rasch an Mitgliedern und Bedeutung gewann und somit für die gesamte pietistische Bewegung von Bedeutung war.
Einen weiteren Schwerpunkt soll Franckes „Bekehrung“ mit den Vorstufen „Dämmerung“ und „Durchbruch“, typische Stadien auf dem Weg zum wahren Glauben im Pietismus, darstellen.
Es soll geklärt werden, wodurch der Pietismus charakterisiert ist und auf welche Art und Weise Francke Anhänger gewann. Inwieweit unterschied sich das „Collegium Philobiblicum“ von anderen Collegien und weshalb erfreute es sich bei den Teilnehmern rasch wachsender Beliebtheit? Was machte Francke für die Universität und die Kirche so gefährlich, dass er 1689 Vorlesungsverbot erhielt und 1690 ein Verbot über jede Art von pietistischen Versammlungen erging? Was ist das Vermächtnis von August Hermann Francke?
Als Hauptquelle dienten die Lebensläufe August Hermann Franckes. Diese bestehen aus dem Lebenslauff, von Francke im Alter von 27 Jahren selbst geschrieben, der die Jahre 1663 bis 1687 umfasst, und der Kurtze[n] Nachricht, die anlässlich seines Todes verfasst wurde. Vor allem der Erstgenannte liefert einen sehr genauen Einblick in Franckes persönliche religiöse Entwicklung und bietet detaillierte Informationen zu den Leipziger Geschehnissen.
Inhaltsverzeichnis
1. Pietismus, August Hermann Francke und die Universität Leipzig – Eine kurze Einführung
2. Pietismus – die neue Frömmigkeitsbewegung
3. August Hermann Francke
3.1 Franckes Zeit vor der Universität Leipzig – Kindheit, Jugendalter und studentische Anfänge
3.2 Franckes Wirken an der Universität Leipzig
3.2.1 Die Jahre 1684 – 1687
3.2.2 „Bekehrung“ und „Wiedergeburt“
3.2.3 Studium in Hamburg und Aufenthalt bei Spener
3.2.4 Francke als Dozent in Leipzig – das Jahr 1689
3.2.5 Pietistische Unruhen und Vorlesungsverbot
3.3 Franckes weiterer Werdegang
4. Zusammenfassende Betrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Wirken von August Hermann Francke an der Universität Leipzig sowie dessen Einfluss auf die pietistische Bewegung im späten 17. Jahrhundert. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der Gründung des „Collegium Philobiblicum“ und den damit verbundenen Konflikten innerhalb der theologischen Fakultät, die letztlich in ein Vorlesungsverbot und die Vertreibung Franckes mündeten.
- Biografische Entwicklung August Hermann Franckes mit Fokus auf seine Leipziger Jahre
- Analyse des „Collegium Philobiblicum“ als neues, praktisches Frömmigkeitskonzept
- Untersuchung der Bekehrungserfahrung als zentrales pietistisches Element
- Konfliktdynamiken zwischen pietistischen Reformbestrebungen und lutherischer Orthodoxie
- Die historische Bedeutung von Franckes Wirken für die spätere Gründung der Franckeschen Stiftungen
Auszug aus dem Buch
3.2.4 Francke als Dozent in Leipzig – das Jahr 1689
Nachdem er von seinem Besuch in Dresden nach Leipzig zurückgekehrt war, wurde ihm aufgrund der Hamburger Nachrichten vielerorts mit Skepsis begegnet. Indessen agierte Francke schon nicht mehr als Student, sondern als Dozent. Er hielt verschiedene exegetische Kollegien ab, denen er stets Anweisungen zur Frömmigkeit hinzufügte. Er widmete sich auch wieder dem „Collegium Philobiblicum“, das während seiner Abwesenheit einem starken Mitgliederschwund unterlag. Wenige Wochen nach seiner Rückkehr fanden sich zusehends mehr Teilnehmer ein. Hervorzuheben ist, dass neben Theologiestudenten auch Mediziner, Juristen, Mathematiker und sogar Bürger der Stadt an Franckes Kollegien teilnahmen. Dies stieß teilweise auf Zustimmung, teilweise auf Kritik.
Diese Veranstaltungen hielt Francke als Angehöriger der philosophischen und nicht etwa der theologischen Fakultät. Bedeutsam war dies, da er nicht nur, wozu er berechtigt war, biblische Philologie betrieb, sondern, wie schon erwähnt wurde, die Anwendung der Texte auf das christliche Leben einen großen Raum in seinen Vorträgen einnahm. Damit lag ein Übergriff in das Gebiet der theologischen Fakultät vor, der zunächst noch geduldet wurde. Es wird darauf zurück zu kommen sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Pietismus, August Hermann Francke und die Universität Leipzig – Eine kurze Einführung: Dieses Kapitel führt in den historischen Kontext des Pietismus ein und erläutert die Relevanz der Universität Leipzig als Zentrum der religiösen Strömung unter August Hermann Francke.
2. Pietismus – die neue Frömmigkeitsbewegung: Es wird der Ursprung des Begriffs Pietismus sowie dessen Abgrenzung zur lutherischen Orthodoxie als Bewegung der geistlichen Erneuerung dargestellt.
3. August Hermann Francke: Dieses Hauptkapitel behandelt die Biografie, die Bekehrungserlebnisse, das Wirken in Leipzig und den späteren Werdegang des Protagonisten.
4. Zusammenfassende Betrachtung: Eine Synthese der Erkenntnisse, die Franckes unkonventionelles Wirken und dessen langfristige Auswirkungen auf das Bildungswesen und die Gesellschaft hervorhebt.
Schlüsselwörter
Pietismus, August Hermann Francke, Universität Leipzig, Collegium Philobiblicum, Philipp Jakob Spener, Bekehrung, Wiedergeburt, lutherische Orthodoxie, Theologie, Frömmigkeitsbewegung, Vorlesungsverbot, Franckesche Stiftungen, Kirchengeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Leben und Wirken von August Hermann Francke, einer zentralen Figur des Pietismus, während seiner Zeit an der Universität Leipzig.
Welche Themenfelder sind zentral?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des Pietismus, die Rolle akademischer Versammlungen (Collegien) und der Konflikt zwischen der pietistischen Reformbewegung und der etablierten lutherischen Orthodoxie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuklären, wie Francke Anhänger gewann, wodurch das „Collegium Philobiblicum“ so erfolgreich war und welche Gründe zu seinem Vorlesungsverbot 1689 führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit basiert primär auf der Auswertung der „Lebensläufe August Hermann Franckes“ sowie zeitgenössischer Quellen und historischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil fokussiert sich auf Franckes Studienjahre, seine Bekehrung, seine Tätigkeit als Dozent und die darauf folgende rechtliche Verfolgung bis zu seinem Weggang aus Leipzig.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Pietismus, Bekehrung, Collegium Philobiblicum, Frömmigkeitspraxis und das Spannungsfeld zwischen Kirche und Lehre.
Was zeichnete das „Collegium Philobiblicum“ besonders aus?
Besonders war, dass es in deutscher Sprache abgehalten wurde, eine lebensnahe Anwendung der Bibeltexte im Fokus stand und auch Laien sowie Frauen teilnehmen konnten.
Wie endete Franckes Leipziger Wirken?
Nach einem offiziellen Verhör, bei dem Francke keine Ketzerei nachgewiesen werden konnte, führten disziplinarische Vorwürfe schließlich zu einem Verbot aller pietistischen Versammlungen und seinem Weggang aus Leipzig.
- Quote paper
- Eric Petermann (Author), 2005, Die Universität Leipzig und der Pietismus - Die Person August Hermann Francke, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47663