Der Sicherheitsaspekt in den afghanischen Grenzprovinzen zu Pakistan


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung der Region

3. Analysekonzept

4. Analyse des Sicherheitsaspektes
4.1. Kontrolle der Außengrenzen
4.2. Nicht-staatliche Gewaltakteure
4.3. Gewaltmonopol des Staates
4.4. Internationales Engagement

5. Gründe der Destabilisierung

6. Auswertung und Perspektive für Afghanistan

7. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Der Konflikt in Afghanistan lässt sich auf vielfältige Ursachen zurückführen und währt in ver-schiedenen Phasen und unter Einschluss wechselnder Konfliktparteien schon seit dem Ein-marsch der Sowjetunion 1979. Aktuell bekämpft die Zentralregierung in Kabul mit Unterstüt-zung einer internationalen Koalition der NATO unter UN-Mandat die Taliban sowie weitere aufständische und terroristische Gruppen. Die radikalislamische Taliban versucht dabei wieder die Staatsgewalt zu erlangen, welche sie von 1996 bis 2001 innehatte. Insbesondere in den Gebieten an der afghanisch-pakistanischen Grenze üben sie stellenweise direkte Kontrolle aus. In dieser Hausarbeit soll untersucht werden, wie sich die Lage in den Grenzprovinzen Kunar, Nangarhar, Nuristan, Paktye, Khost und Paktika seit Ende des ISAF-Einsatzes 2014 verändert hat und auf welche Gründe die derzeitige Instabilität der Region zurückzuführen ist. Hierbei bildet der Sicherheitsaspekt den zentralen Untersuchungspunkt. Zur besseren Objekti-vierung wird dieser Aspekt in vier Kategorien aufgeteilt, die sich aus den Kategorien von Schneckener ableiten, die dieser zur Analyse der Sicherheitslage in fragilen Staaten vorschlägt (vgl. Schneckener 2007: 100). Zudem werden die Aspekte Schneckeners um einen weiteren Punkt ergänzt, sodass sich vier relevante Kategorien für die folgende Untersuchung ergeben:

– Kontrolle der Außengrenzen
– Nicht-staatliche Gewaltakteure
– Gewaltmonopol des Staates
– Internationales Engagement

Eine genauere Definition und Begründung für die Auswahl dieser Kategorien wird an späterer Stelle gegeben werden, wenn in Kapitel Zwei das Analysekonzept vorgestellt wird. Ziel der Analyse ist es, eine möglichst genaue Darstellung des status quo zu erreichen und die Gründe für die momentane Situation zu ermitteln. In der Folge sollen dann bisherige Lösungsansätze vorgestellt und eine Perspektive aufgezeigt werden, was die weitere Entwicklung betrifft und welche Möglichkeiten zur Lösung der Sicherheitsprobleme auf regionaler Ebene möglich sind.

Die Untersuchungen stützen sich dabei auf Zahlen und Studien von Nichtregierungsorganisa-tionen (NGOs), wie Human Rights Watch und Amnesty International, sowie auf offizielle Pu-blikationen und Pressemitteilungen beteiligter Staaten und internationaler Organisationen. Er-gänzt werden diese Quellen durch aktuelle Presseberichte, die auf einzelne Vorkommnisse verweisen, über die keine offiziellen Stellungnahmen vorliegen. Für den theoretischen Unter-bau der Arbeit wird daraufhin auf die Konzepte zur Untersuchung von failed states zurück-griffen, wobei hier eine Beschränkung auf den Sicherheitsaspekt vorgenommen wird, da der Fokus der Arbeit nicht auf einer Klassifizierung des gesamten afghanischen Staates liegt, son-dern auf einer zielgerichteten Analyse der Sicherheitslage im Grenzgebiet zu Pakistan.

2. Darstellung der Region

Über die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan erstreckt sich das Siedlungsgebiet der Paschtunenstämme, sodass sich die Grenze nicht an Sprache und Gewohnheit der Bevölke-rung auf beiden Seiten bemerkbar macht. Vielmehr ist die Grenze als Durand-Linie die ehe-malige Demarkationslinie von Britisch-Indien, das hier seine Begrenzung im Great Game fand, mit Afghanistan als Pufferstaat zwischen dem Machtbereich der Briten und dem der Russen. Mit den tribal zones rund um Waziristan auf der pakistanischen Seite besitzen die dortigen paschtunischen Stämme ein de facto unabhängiges Gebiet, in welchem die Regierung in Islamabad keine direkte Regierungsgewalt ausübt (vgl. FATA 2018). Auf der afghanischen Seite hingegen kämpft die Regierung seit Jahren gegen den Taliban um die Kontrolle. Hier le-ben in den Provinzen Kunar, Nangarhar, Nuristan, Paktye, Khost und Paktika nach offiziellen Schätzungen 3,8 Millionen Menschen, überwiegend Paschtunen, die in kleinere Stämme un-terteilt sind (vgl. Central Statistic Organisation of Afghanistan 2017). Zudem leben diese Menschen überwiegend auf dem Land und sind somit der traditionellen Ordnung näher ver-bunden als stärker urbanisierte Gebiete (vgl. Ebd.). Diese Organisation in Stämmen bietet ein alternatives Identifikationsangebot und soziale Absicherung für die Bevölkerung, wodurch die Solidarität mit dem afghanischen Staat geschwächt wird. Hierin liegt auch ein Teil der Grün-de, warum Terrororganisationen und Taliban besonders in den ländlichen Regionen mehr Rückhalt finden. Die Bedeutung der Stämme und Ethnien in Afghanistan zeigt sich anhand der Politik, indem sich die Präsidentschaftskandidaten einerseits auf die eigenen Herkunft stützen und andererseits Zweckbündnisse mit bedeutenden Persönlichkeiten aus einer anderen Volksgruppe eingehen. Deutlich wird dies am Wahlkampferfolg des momentanen Präsidenten Aschraf Ghani, welcher als Paschtune mit dem Usbeken Dostum einen früheren Gegner zu seinem Stellvertreter machte, um dessen Einfluss auf die immerhin neun Prozent Usbeken in Afghanistan nutzen zu können (vgl. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung 2018). Hieran zeigt sich, dass die Zugehörigkeit zu Stämmen und Ethnien in Afghanistan an-nähernd gleichrangig zu politischen Inhalten gesehen werden muss.

Die aktuelle Regierung unter Aschraf Ghani ist um eine Verbesserung der Sicherheitslage be-müht und setzt daher auf einen massiven Ausbau der afghanischen Sicherheitskräfte in enger Kooperation mit NATO-Verbänden, welche im Rahmen der Mission Resolute Support vor Ort sind. Diese Truppen sind vorrangig zur Ausbildung afghanischer Einheiten gedacht (vgl. Re-solute Support 2018a). Die bereits bestehenden Sicherheitskräfte des afghanischen Staates umfassen derzeit 157.000 Polizisten und 195.000 Soldaten (vgl. US Department of Defence 2017: 5). Auf den Zustand und die Kapazitäten dieser Kräfte im Kampf gegen die Taliban wird in der Analyse unter Kapitel 3.1 genauer eingegangen werden. Neben diesen afghani-schen Streitkräften befinden sich Stand Mai 2017 insgesamt 13.000 NATO-Soldaten im Land (vgl. Resolute Support 2018a). Diese sind dabei auf Verwaltungsbezirke verteilt und mit der Ausbildung sowie der Unterstützung bei Einsätzen betraut. Für den untersuchten Grenzraum zu Pakistan sind die US-Amerikaner in den Bezirken TAAC East und TAAC South zuständig (vgl. Ebd.). Die Operation Resolute Support besitzt nach der Verlängerung im Mai 2016 mo-mentan kein festes Enddatum, zudem soll die Truppenstärke laut NATO-General Stoltenberg auf etwa 16.000 steigen (vgl. Ebd.).

Diese Entwicklung rechtfertigt die Annahme, dass die Situation in Afghanistan sich keines-wegs beruhigt hat und somit einer genaueren Analyse bedarf. Die Bevölkerung in den erwähn-ten Gebieten umfasst etwa 3,8 Millionen Menschen, was eine Bevölkerungsdichte von etwa 74 Einwohnern pro Quadratkilometer bedeutet, wobei zu beachten ist, dass diese von etwa 204 Menschen pro Quadratkilometer in Nangarhar bis hin zu 23 Einwohnern pro Quadratkilo-metern im südlicheren Paktika variiert (vgl. Central Statistics Organisation of Afghanistan 2017). Durch das schnelle Bevölkerungswachstum der letzten Jahre verfügt das Land über eine sehr junge Bevölkerung, sodass rund 41 Prozent der Bevölkerung unter 14 Jahre alt ist (vgl. CIA 2018). Als ökonomische Folge ergibt sich ein Kinderreichtum mit im Schnitt 5,12 Kindern pro Frau und dadurch sehr großen Haushalte, wodurch gerade in der Landwirtschaft die Mitarbeit der Kinder vonnöten ist (vgl. Ebd.). So verfügt etwa die Hälfte der Haushalte über Ackerflächen, die sie bewirtschaften und ihr Einkommen somit über Subsistenzwirtschaft bestreiten (vgl. Weltbank 2014). Darüber hinaus existiert ein aufstrebender Dienstleistungs-sektor, welcher sich jedoch insbesondere in den Städten findet. Eine nennenswerte Industrie befindet sich nur in der Nähe der Hauptstadt Kabul, was auf die Zerstörungen im jahrelangen Bürgerkrieg und auf den nicht erfolgten Wiederaufbau infolge der unsicheren Investitions-und Sicherheitslage zurückzuführen ist (vgl. CIA 2018). Aus den genannten Gründen ergibt sich eine Arbeitslosenquote von 35 Prozent, wobei die Erwerbslosenquote aufgrund der ver-breiteten Subsistenzwirtschaft deutlich höher ausfällt (vgl. Ebd.).

Ebenfalls davon betroffen ist die Infrastruktur. Dies schlägt sich darin nieder, dass von 42.150 km Straßen nur 12.350 Kilometer befestigt sind (vgl. Ebd.). Neben ökonomischen Nachteilen ist hierdurch auch eine Erreichbarkeit vieler Orte mit modernen Fahrzeugen nicht gegeben. Gerade für die Sicherheitskräfte ergibt sich dementsprechend eine Einschränkung ihres Akti-onsradius, wodurch Milizen, wie die Taliban, Rückzugsmöglichkeiten gewinnen und in den entlegeneren Gebieten eine Machtbasis aufbauen können. In diesem Aspekt ist nicht nur die mangelhafte Infrastruktur entscheidend, sondern auch die Geographie des Landes, welches sich an der Grenze zu Pakistan aus zerklüftete Bergketten besteht, die durchzogen sind von kleineren Tälern, in denen die Dörfer liegen (vgl. Maphill 2013). Diese natürliche Segmentie-rung des Gebietes schränkt die Möglichkeiten der Verkehrswege zusätzlich ein, da es zu eini-gen Passstraßen keine Alternativen gibt. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Khaiberpass auf der Strecke von Islamabad nach Kabul, welcher sich als Nadelöhr für den Nachschub der Amerikaner erwies, weshalb die Nachschubversorgung der ISAF Truppen sich hier als beson-ders anfällig erwies (vgl. WELT 2009). Zudem erschwert die Landschaft die Zugänglichkeit der Gebiete und damit auch die Kontrolle durch die Zentralregierung. Eine genaue Analyse der Kontrolle findet sich unter Kapitel 4.1. Gewaltmonopol des Staates.

Als Ausgangslage ergibt sich somit ein dünn besiedeltes Gebiet mit überw iegend paschtuni-scher Bevölkerung, die größtenteils von ihrer Subsistenzwirtschaft abhängig ist. Die geogra-phische Beschaffenheit, die ökonomische Lage und die infrastrukturellen Defizite erschweren dabei eine Kontrolle durch die Zentralregierung. Diese Ausgangslage wird ergänzt durch die schwierige Geschichte des Landes in den letzten Jahrzehnten. Obwohl der innere Konflikt län-ger zurückreicht, sind für die momentane Situation die Entwicklung seit Beginn des Taliban-regimes 1996 sowie die Ereignisse am 11. September 2001 entscheidend. Hier kann der Aus-gangspunkt in der aktuellen Phase des Bürgerkrieges verortet werden, da in der Folge der Westen die Taliban stürzte und somit den heutigen Konfliktparteien ihre Rollen zuwies: Auf der einen Seite die anerkannte Regierung in Kabul mit Unterstützung der NATO und auf der anderen Seite die islamistischen Taliban und weitere Milizen.

Nach Ende des ISAF-Einsatzes gelang es diesen Gruppen, Geländegewinne zu verzeichnen und sich nicht bloß auf Terroranschläge zu begrenzen. Vor diesem Hintergrund sollen im Fol-genden die in der Einleitung erwähnten Aspekte der Sicherheitslage analysiert werden.

3. Analysekonzept

Um den Sicherheitsaspekt in den afghanischen Grenzprovinzen zu Pakistan möglichst genau und objektiv beurteilen zu können, wird auf die Kategorisierung Schneckeners zurückgegrif-fen, der für die Analyse von fragilen Staaten sieben Indikatoren verwendet. Diese umfassen die Kontrolle über die Außengrenzen und über das Staatsgebiet, die Existenz von anhaltenden gewalttätigen Konflikten und die Rolle von nicht-staatlichen Gewaltakteuren, den Zustand des staatlichen Sicherheitsapparates und die Bedrohung, die von diesem für die Bürger ausgeht sowie die Kriminalitätsrate (vgl. Schneckener 2007: 100). Um dem Fallbeispiel gerecht zu werden, sind diese Indikatoren in vier Kategorien eingeteilt, welche sich wie folgt ergeben: Der Indikator Kriminalitätsrate wird nicht genauer untersucht, weil keine gesicherten Zahlen für die relevanten Gebiete existieren, da diese nicht vollständig unter staatlicher Kontrolle ste-hen. Zudem würde ein Vergleich der Zahlen zu falschen Assoziationen führen. So ist, selbst bei exakten Zahlen, ein Vergleich der Kriminalitätsraten zwischen einem westlichen Staat und Afghanistan nicht zielführend, da er lediglich die Quantität ausdrücken, die Qualität jedoch unberücksichtigt lassen würde. Die Schwere der Anschläge durch Sprengfallen und Autobom-ben stellt dabei zweifelsohne eine andere Qualität an Kriminalität dar, als sie momentan in westlichen Staaten vorzufinden ist. Daher fallen diese Anschläge in der Analyse unter die Ka-tegorie Nicht-staatliche Gewaltakteure. In diesem Punkt soll untersucht werden, welche Mili-zen existieren, welche Rolle sie im Grenzraum zu Pakistan spielen und inwiefern sie relevant für die Sicherheit beziehungsweise Unsicherheit vor Ort sind. Dem gegenüber steht das Ge-waltmonopol des Staates als Analysekategorie, welche sich aus einer Betrachtung des staatli-chen Sicherheitsapparates und dessen Vorgehen zusammensetzt. Dabei wird auch der Indika-tor Schneckeners, der nach einer Bedrohung der Bürger durch den Staat selbst fragt, in diesen Punkt integriert werden. Damit ergibt sich durch beide Punkte eine Gegenüberstellung der Konfliktparteien, die es ermöglichen soll, ein differenziertes Bild zu entwerfen, da es uner-lässlich ist, beide Seiten differenziert darzustellen, um die Gründe für die Entwicklung analy-sieren zu können.

Da das Grenzgebiet zu Pakistan im Fokus steht, wird die Kontrolle der Außengrenze einen ge-sonderten Untersuchungspunkt darstellen, wohingegen die Kontrolle über das gesamte Staats-gebiet nicht untersucht werden wird und die Gebietskontrolle in der Region, in der Kategorie „Existenz und Rolle nicht-staatlicher Gewaltakteure“ behandelt werden. Im Bezug zu den Au-ßengrenzen werden zudem die Kooperationsbemühungen mit Pakistan thematisiert. Eine stär-kere Kooperation beider Länder stellt einen Ansatz zur Verbesserungen des Sicherheitsaspek-tes im Grenzgebiet dar, worauf im letzten Kapitel genauer eingegangen werden wird. Als zu-sätzliche Kategorie wird das Internationale Engagement untersucht, unter dem sich einerseits die Auswirkungen der militärischen Interventionen und die Stationierung von NATO Soldaten in den Grenzprovinzen und andererseits die Arbeit von NGOs und humanitären Institutionen versteht. Ziel dieser Kategorie ist es, den Einfluss von außen greifbar zu machen, da es unrea-listisch ist, dass der afghanische Staat seine Probleme in näherer Zukunft ohne Hilfe von au-ßen bewältigen kann.

Somit ergeben sich vier Kategorien zur Analyse des Sicherheitsaspektes, unter welchem hier primär der Schutz des physischen Wohls der Bürger vor Gewalt durch den Staat zu verstehen ist. Die Analyse des status quo orientiert sich dabei am tatsächlichen Output der staatlichen Handlungen und nicht an institutionellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen.

4. Analyse des Sicherheitsaspektes

4.1 Kontrolle der Außengrenzen

Wie dargelegt, zeichnet sich die Grenze zu Pakistan durch bergiges Terrain und schlechte In-frastruktur aus. Die dünne Besiedlung, abgesehen von der Großstadt Dschalalabad mit rund einer Viertelmillionen Einwohner, sorgt zudem für eine geringe Erschließung des Landes, das noch stark von Wildnis geprägt ist. Die gegenwärtige afghanisch-pakistanische Grenze geht dabei auf die Durand-Linie zurück, welche das britische Kolonialreich von Afghanistan trenn-te. Die willkürliche Zerschneidung des paschtunischen Siedlungsgebietes hat dabei nicht zur Trennung der Stämme in zwei Lager geführt, sondern zu einer durchlässigen Grenze. Die Stämme verbindet nach wie vor eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Kultur und mit dem paschtunwali auch ein Ehrenkodex, welcher neben positiven Werten wie Gastfreund-schaft auch die Blutrache beinhaltet (vgl. Stahel 2016). Diese Nähe von afghanischen und pa-kistanischen Staatsbürgern in nahezu allen Aspekten des täglichen Lebens führt zu einem re-gen Austausch über die Grenze hinweg. Was somit wie friedlicher Grenzverkehr anmutet, ent-puppt sich bei genauerer Betrachtung als problematisch für die beteiligten Staaten:

Der illegale Grenzverkehr wird dabei zum Drogenschmuggel verwendet. Afghanistan ist das globale Hauptanbaugebiet für Opiate, die aus Schlafmohn gewonnen werden. Laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechen (UNODC) wurden in den erwähnten Grenzprovinzen zu Pakistan auf einer Fläche von 20.731 Hektar Schlafmohn angebaut, wel-cher größtenteils illegal exportiert wird (vgl. UNODC 2017: 17). Dabei stellen die Gebiete im Osten des Landes zwar nicht das Hauptanbaugebiet dar, die Exporte in Richtung Indien erfol-gen allerdings über die Grenze zu Pakistan. Neben dem Drogenhandel spielt die nahe Grenze auch für die Milizen eine wichtige Rolle, da sie in den tribal zones in Pakistan einen Rück-zugsort haben, der vor dem Zugriff durch die afghanischen Sicherheitskräfte sicher ist. Die tribal zones sind als Federally Administered Tribal Areas (FATA) in Pakistan direkt dem Prä-sidenten unterstellt und genießen darüber hinaus Autonomierechte, die der pakistanischen Re-gierung die Kontrolle der Gebiete erschweren (vgl. FATA 2018). Diesbezüglich existieren seit Längerem Bemühungen, die Region nicht weiter als Rückzugsorte für radikale Islamisten fun-gieren zu lassen. Unter Obama begann dazu die USA mittels Drohnen gezielte Tötungen in den tribal zones durchzuführen (vgl. ORF 2012). Die Problematik ist aber auch der pakistani-schen Regierung bekannt, welche eigene Initiativen zur Terrorbekämpfung ergreift und mit der afghanischen Regierung kooperiert, um Terrorismus und Milizen im Grenzraum zu be-kämpfen. Gegenwärtig finden sich beide Länder in Verhandlungen um eine verstärkte Koope-ration und ergreifen dabei konkrete Initiativen, wie das Bewerkstelligen einer Fatwa, die Selbstmordattentate verurteilt (vgl. UNAMA 2018: 6). Die Bedeutung der Region für beide Länder zeigt sich an den Handelsströmen zwischen ihnen, die einen Gesamtwert von beinahe 1,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2016 ausmachten, was etwa der Hälfte der afghanischen Ex-porte ($ 283 Millionen) und 18% seiner Importe ($ 1,2 Milliarden) ausmacht (vgl. Tradinge-conomics 2018b /Tradingeconomics 2018c). Somit ist die Kontrolle über die Grenze sowohl für die Sicherheit als auch die Handelsbeziehungen nach Pakistan entscheidend für Afghani-stan. Zuständig für die Überwachung der Grenze ist primär die afghanische Grenzpolizei mit einem nominellen Personalbestand von 23.316 Polizisten nach Stand der Stellenplanung für 2017 (vgl. US Department of Defence 2016: 5). Die Grenzbeamten werden nicht allein an der Grenze zu Pakistan eingesetzt, sondern sind auch an Flughäfen und den übrigen Außengren-zen aktiv, sodass zur Kontrolle der östlichen Grenze nur ein Bruchteil dieser Polizisten zur Verfügung steht. Die Aufgaben der Grenzpolizei beschränken sich dabei auf die regulären Grenzkontrollen, wodurch militärische Zwischenfälle an der Grenze in den Kompetenzbereich der Armee fallen, auf die im Kapitel 4.3. genauer eingegangen wird. Im Bericht der Unterstüt-zungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) wird etwa ein Prozent der zi-vilen Opfer auf Grenzbeschuss zurückgeführt, was circa 105 Fällen entspricht und zeigt, dass die Grenzen ein Unsicherheitsfaktor bleiben (vgl. UNAMA 2018: 7).

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Sicherheitsaspekt in den afghanischen Grenzprovinzen zu Pakistan
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V476710
ISBN (eBook)
9783668955363
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Afghanistan, Taliban, Sicherheit, Sicherheitspolitik, Fragile Staatlichkeit, Failed States
Arbeit zitieren
Yannik Meffert (Autor), 2018, Der Sicherheitsaspekt in den afghanischen Grenzprovinzen zu Pakistan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/476710

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