Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie

Eine Untersuchung über Intelligenzmodelle und Persönlichkeitstypologien


Einsendeaufgabe, 2019
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Aufgabenteil A1

Aufgabenteil A2

Aufgabenteil A3

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgabenteil A1

Die differentielle Psychologie beschäftigt sich mit den Unterschieden bezüglich der Persönlichkeit zwischen Individuen. Während die Allgemeine Psychologie (meist durch Experimente) versucht, generelle Tendenzen einer Population festzustellen, geht es in der differentiellen Psychologie um das Festhalten und Erklären der interindividuellen Unterschiede im Verhalten in der Population. Von der Beobachtung von konkreten Verhaltensweisen werden bestimmte Persönlichkeitsdispositionen (und damit die das Individuum differenzierenden Persönlichkeitseigenschaften) abgeleitet, die in ihrer Gesamtheit (zusammen mit physischen Merkmalen) Persönlichkeit als theoretisches Konstrukt ausmachen (Asendorpf, 2015, S. 6-7).

Die differentielle Psychologie ist eng verwoben mit der Persönlichkeitspsychologie, so dass die beiden Begriffe deshalb hier wie auch allgemein synonym verwendet. Die Abgrenzung zur klinischen Psychologie erfolgt über den Grad der Dispositionen. Fällt dieser in den Bereich der Normalvarianten, ist die differentielle Psychologie zuständig. Ist eine Disposition so stark ausgeprägt, dass sie als „pathologisch“ bezeichnet werden muss, beansprucht die klinische Psychologie die Zuständigkeit für sich (Asendorpf, 2004, S. 11).

Es haben sich im Laufe der Zeit viele, teilweise von einem stark unterschiedlichen Menschenbild ausgehende, und von anderen Bereichen der Psychologie beeinflusste Theorien zur Erklärung von Persönlichkeit gebildet. Als Beispiel sei hier der Gegensatz zwischen biologischen Ansätzen, welche eine Fundierung der Persönlichkeit in den biologischen Voraussetzungen vermuten, und psychodynamisch-interaktionistisch geprägten Ansätzen, die auch von einer möglicherweise starken grundsätzlichen Veränderung der Persönlichkeit im späteren Leben (durch Umwelteinflüsse, anatomische Veränderungen, …) ausgehen. Laut Asendorpf sind in der heutigen Persönlichkeitspsychologie neben evolutionspsychologischen Ansätzen hauptsächlich die Eigenschaftstheorie, die Informationsverarbeitungstheorie und der dynamischinteraktionistische Ansatz von Bedeutung (Asendorpf, 2004, S. 15-16).

Die Eigenschaftstheorien der Persönlichkeitspsychologie gehen davon aus, dass sich jeder Mensch in seiner Persönlichkeit (also der Gesamtheit seiner Persönlichkeitseigenschaften) von jedem anderen Menschen unterscheidet („kein Ei gleicht dem anderen“). Gleichzeitig akzeptieren die Theorien aber auch, dass Individuen einer Population grundlegende Eigenschaften teilen können. Definitionsgemäß gehören solche Gemeinsamkeiten aber nicht zur Persönlichkeitspsychologie an sich, die sich nur mit der Variabilität in der Population beschäftigt. Was genau die Persönlichkeitspsychologie unter „Persönlichkeitseigenschaften“ (engl. „traits“) versteht, wird im Folgenden erläutert.

Nach Asendorpf sind Persönlichkeitseigenschaften im alltagspsychologischen Verständnis „Dispositionen und leicht beobachtbare körperliche Merkmale“.

Eine Disposition definiert er alltagspsychologisch weiter als „ein Merkmal einer Person, das eine mittelfristige zeitliche Stabilität aufweist, d. h. zumindest Wochen oder Monate überdauert. Eine Disposition disponiert die Person dazu, in bestimmten Situationen ein bestimmtes Verhalten zu zeigen.“ (Asendorpf, 2015, S. 3).

Pervin, Cervone und John nennen Persönlichkeitswesenszüge (=übergeordnete Persönlichkeitseigenschaften) „konsistente(n) Muster, wie Individuen sich verhalten, wie sie fühlen und denken“ (Cervone, John & Pervin, 2005, S. 283). Da Gefühle und Gedanken aber nicht konkret beobachtbar sind, sind Persönlichkeitseigenschaften und darauf aufbauende Begriffe also als hypothetische Konstrukte zu verstehen, die aus der Beobachtung von Verhaltensweisen eines Individuums über einen längeren Zeitraum erschlossen werden. Eine solche Erklärung hängt immer vom Beobachter und Beurteiler des Verhaltens ab, die differentielle Psychologie hat als empirische Wissenschaft aber auch dementsprechende Ansprüche. Daraus ergibt sich, dass dieses Verständnis von Persönlichkeitseigenschaften für die weitere wissenschaftliche Behandlung nicht ausreichend ist.

Viele moderne eigenschaftstheoretischen Ansätze gehen davon aus, dass in der Sprache grundsätzlich Wörter zur Beschreibung aller Persönlichkeitseigenschaften existieren. Die differenzierende Natur der Sprache bedingt, dass es von „zeitlich stabilen Merkmalen von Personen“ zu viele gibt, um sie alle wissenschaftlich zu behandeln. Ostendorf versuchte, persönlichkeitsbeschreibende Adjektive in der deutschen Sprache zu finden, und stellte fest, dass mehr als 5.000 von den ~12.000 Adjektiven im Deutschen zur Beschreibung von Personen verwendet werden können (Ostendorf, 1990; zitiert nach Asendorpf, 2015, S. 5). Im englischen Sprachbereich fanden Allport und Odbert gar 18.000 solcher Adjektive (Allport & Odbert, 1936).

Grundlegende wissenschaftliche Ansprüche wie Objektivität, Logik und Explizitheit können also durch die alltagspsychologische Sichtweise (nach der ja auf eine gewisse Art jedes Adjektiv eine Persönlichkeitseigenschaft sein kann) nicht erfüllt werden.

Um solchen Ansprüchen an eine wissenschaftliche Arbeitsmethode trotzdem gerecht zu werden, beschäftigen sich die psycholexikalischen Ansätze der Persönlichkeitspsychologie mit der Klassifikation und Kategorisierung dieser Vielzahl an persönlichkeitsbeschreibenden Adjektiven. Dabei wird auf unterschiedliche Weise versucht, unter all den persönlichkeitsbeschreibenden Wörtern einige grundlegende Dimensionen festzustellen. Die Entwicklung statistischer Methoden wie der Faktorenanalyse hilft dabei, die Liste der Wörter immer weiter einzugrenzen. Es ist jedoch selbst mit solchen Verfahren schwierig, einheitlich akzeptierte Persönlichkeitsdimensionen herzuleiten: Die subjektive Bewertung der durchführenden Person sowie die Art des angewandten Verfahrens haben einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Ergebnisse. Nach der Kombination verschiedener Verfahren mit unterschiedlichen Wörter-Datensätzen wird versucht, aus den Ergebnissen grundsätzliche Persönlichkeitsdimensionen abzuleiten. Dementsprechend existieren viele verschiedene Klassifikationen und Unterteilungen in Dimensionen. Zu den bekanntesten gehören die Big Five von Costa/McCrae sowie der 16-Persönlichkeitsfaktoren-Test von Cattell (Becker, 2014a, S. 40-50). Auf die konkrete Operationalisierung von Persönlichkeitseigenschaften und damit die „Messung“ der Persönlichkeit soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Sie findet sich in der Literatur, speziell bei Asendorpf und Amelang, Bartussek, Hagemann & Stemmler.

Da ein Ziel der Persönlichkeitspsychologie das Erklären von Verhalten ist, und eine gewisse intrapersonelle Variabilität im Verhalten bei gleichbleibender Persönlichkeit empirisch leicht belegbar ist, muss auch jede Persönlichkeitstheorie die das Verhalten beeinflussende Interaktion zwischen Umwelt und Persönlichkeit behandeln. So wird festgemacht, in wie weit das beobachtete Verhalten denn auch tatsächlich durch die Persönlichkeit bestimmt ist (Cervone, John & Pervin, 2005, S. 48).

Es gilt heutzutage als generell akzeptiert, dass neben Persönlichkeitseigenschaften auch die jeweiligen situativen Bedingungen das individuelle Verhalten beeinflussen. Sowohl Experimente als auch alltägliche Beobachtungen zeigen, dass niemand in seinem Verhalten immer exklusiv durch seine Persönlichkeit gesteuert wird. Selbst der sonst eigentlich geduldigste Lehrer kann ungeduldiges Verhalten zeigen, wenn er mit einem Schüler spricht, der ihn in den letzten Tagen schon mehrmals genervt hat. Und im Stress der letzten Tage vor einer Prüfung können einem sonst höflichen Studenten unfreundliche Worte herausrutschen. Dies bedeutet nicht sofort, dass der Lehrer eine ungeduldige oder der Student eine unfreundliche Persönlichkeit besitzt. Um solche intraindividuellen Diskrepanzen zwischen Persönlichkeit und beobachtetem Verhalten zu erklären, existiert das Konzept der Zustände („states“) als zweites verhaltenserklärendes Konzept. Im Gegensatz zu Persönlichkeitseigenschaften, die zeitlich zumindest mittelfristig stabil sein müssen, können diese Zustände sich kurzfristig ändern. Betrachtet man Eigenschaften und Zustände einheitlich als verhaltenserklärend, „…könnte man von den Eigenschaften als den relativ stabilen und überdauernden, von Zuständen hingegen als den relativ veränderlichen und zeitgebundenen Charakteristika sprechen, die beide allerdings auf einem Kontinuum angeordnet sind.“ (Amelang, Bartussek, Hagemann & Stemmler, 2011, S. 61).

Mit dem Konzept der Zustände versucht man, intraindividuelle Unterschiede im Verhalten in gleichen oder ähnlichen Situationen zu erklären. Zustände werden dabei durch Umwelteinflüsse beeinflusst. Wenn Eigenschaften und Zustände also gemeinsam das Verhalten erklären, so muss eine Verhaltensweise, die nicht durch Persönlichkeitseigenschaften erklärbar ist, durch Zustände erklärbar sein. Das bedeutet, dass für jede Eigenschaft in gewissen Maße ein korrespondierender Zustand existieren muss. Dabei können Zustände, wie Eigenschaften auch, jede Ausprägung zwischen den beiden Extremen besitzen („Todesangst“ bis „überhaupt keine Angst“) (Amelang, Bartussek, Hagemann & Stemmler, 2011, S. 61).

Eine Persönlichkeitseigenschaft beeinflusst das Verhalten niemals in zwei Situationen genau gleich, sondern die Eigenschaft wird immer vom aktuellen Zustand beeinflusst, und bestimmt das konkrete Verhalten im Zusammenspiel mit diesem. Während eine Person mit der Eigenschaft „ängstlich“ also auf Situationen hoher Unsicherheit dazu neigt, mit Angst zu reagieren, kann auch eine wenig ängstliche Person situativ Angst zeigen, wenn dementsprechende Umwelteinflüsse vorliegen. Selbst bei der unveränderlich scheinenden Eigenschaft der Intelligenz gibt es inzwischen Anhaltspunkte, dass sie situativ beeinflussbar ist. Beispielsweise führt Schlafmangel zu schlechteren kognitiven Leistungen (Killgore, 2010, S. 105-129).

Allerdings ist der situative Einfluss für manche Persönlichkeitseigenschaften so gering, dass er von vielen Theoretikern gar nicht erst diskutiert wird.

In der Praxis bedeutet dies, dass es wenig Sinn macht, jemandem auf Basis seines Verhaltens in einer einzigen Situation bestimmte Persönlichkeitseigenschaften zu unterstellen. Im oben aufgeführten Beispiel des ungeduldigen Lehrers könnte ein Zustand der Irritabilität/Ungeduld durch die Kombination aus mehreren Umwelteinflüssen zustande gekommen sein: morgens kippte er sich aus Versehen eine Tasse Kaffee über die Hose, dann kam er wegen heftigem Verkehr fast zu spät zur Schule, er empfand einen Stresszustand, und dann kam noch hinzu, dass ihn wie jede Stunde schon wieder der gleiche Schüler mit seinen dummen Fragen auf die Nerven geht!

Viele Unternehmen versuchen, bei Bewerbungsverfahren die Persönlichkeiten der Kandidaten mit Hilfe von Assessment-Center Verfahren zu beurteilen. Allerdings sind solche Verfahren aus verschiedenen Gründen nur bedingt verlässlich. So beziehen sie beispielsweise situative Variablen nicht mit ein.

Prinzipiell ist es möglich, den Einfluss von Zuständen auf die Ergebnisse einer Verhaltensbeobachtung zu minimieren (also das Ausmaß der situativen Variabilität der Persönlichkeit festzustellen), allerdings würde dies bedeuten, über einen längeren Zeitraum und mit variierenden situativen Variablen die gleiche Verhaltensbeobachtung durchzuführen. Dies kann z. B. ein mehrtägiges Assessment Center mit sich wiederholenden Situationen besser erfüllen als ein eintägiges Assessment. Deshalb lohnt es sich aus praktischen sowie finanziellen Gründen meist nur bei Bewerbern für hochqualifizierte Stellen. Die intraindividuelle, situative Variabilität der Persönlichkeit kann jedoch nicht vollständig eliminiert werden. Das Assessment-Center stellt an sich eine ungewohnte Situation dar, sie sich oft stark vom normalen Arbeitsalltag unterscheidet. Dadurch können Zustände verursacht werden, die wiederum die Ausprägung beobachteten Verhaltens durch die Persönlichkeit beeinflussen. Alleine das Wissen darum, dass es sich bei dem Assessment Center um eine Prüfungssituation handelt, könnte bei einem Bewerber zu einem Angstoder Aufregungszustand führen (der das Verhalten beeinflusst), den der Bewerber aber ansonsten in normalen Berufsalltagssituationen nicht empfindet. Vielleicht verhält sich der Bewerber aber auch nur anders, weil ihm der Leiter des Centers unsympathisch ist. Abweichungen des Verhaltens von der Persönlichkeit könnten im Zusammenhang mit Assessment Centern so erklärt werden und zeigen, dass eine länger andauernde Beurteilung einem kurzen Assessment Center vorzuziehen ist.

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Details

Titel
Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie
Untertitel
Eine Untersuchung über Intelligenzmodelle und Persönlichkeitstypologien
Hochschule
SRH Hochschule Riedlingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V476758
ISBN (eBook)
9783668965263
ISBN (Buch)
9783668965270
Sprache
Deutsch
Schlagworte
differentielle, psychologie, persönlichkeitspsychologie, eine, untersuchung, intelligenzmodelle, persönlichkeitstypologien
Arbeit zitieren
Felix Winter (Autor), 2019, Differentielle Psychologie und Persönlichkeitspsychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/476758

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