In den Jahren vor der Reichsgründung 1871 waren die verschiedenen Gesellschaftsgruppen damit beschäftigt, ihren jeweiligen Anhängern eine kulturell-historische Identifikationsbasis zu bieten, die als Legitimationsgrundlage für das Entstehen eines neuen Staates dienen sollte. In der folgenden Arbeit soll die Ausgangssituation des deutschen Katholizismus um die Wende des 19. Jahrhunderts und die darauf folgenden Jahrzehnte skizziert werden. Mit welcher Erinnerungspolitik das katholische Milieu sich dem Kaiserreich angenähert hat bzw. was für Schwierigkeiten dabei aufgetreten sind, wird einen großen Teil dieser Arbeit ausmachen. Dabei muss die zunehmende Gettoisierung als Folge des Ultramontanismus beleuchtet werden. Die Niederlage Österreichs von 1866 und wie der deutsche Katholizismus darauf reagiert hat, wird mit der Reaktion des Mainzer Bischofs Ketteler angeschnitten. Weiterführend beschäftigt sich diese Arbeit vor der Schlussbetrachtung im speziellen mit dem Kult um den heiligen Bonifatius, der die katholische Variante im nationalen Gedenken war. Diese zur Mitte des 19. Jahrhunderts stattfindende Renaissance um den „Apostel der Deutschen“ soll anhand des theoretischen Aufsatzes von Jan Assmann „Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität“ behandelt werden. Die von Assmann zu betrachtenden Merkmale zur kulturellen Identitätsbildung werden hinsichtlich der Instrumentalisierungsstrategie des katholischen Milieus, anhand des Bonifatius vorgestellt
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entstehung des Ultramontanismus und seine Folgen
2.1. Die Entwicklung des deutschen Katholizismus nach 1866
3. Der Bonifatiuskult
3.1. Bonifatius und das kulturelle Gedächtnis von Assmann
4. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Herausbildung und Konsolidierung des katholischen Milieus im Deutschland des 19. Jahrhunderts, insbesondere im Hinblick auf die Identitätsstiftung durch die Instrumentalisierung des Bonifatiuskults als zentrales Element der Erinnerungspolitik gegenüber dem entstehenden Nationalstaat.
- Entstehung und Folgen des Ultramontanismus im 19. Jahrhundert
- Die politische Rolle und Positionierung des deutschen Katholizismus nach 1866
- Bonifatius als identitätsstiftende Figur im kulturellen Gedächtnis
- Anwendung der Gedächtnistheorie von Jan Assmann auf den Bonifatiuskult
- Abgrenzung des katholischen Milieus im Kontext der nationalen Einigung
Auszug aus dem Buch
3.1. Bonifatius und das kulturelle Gedächtnis von Assmann
Die Geschichte des entstehenden neuen deutschen Reiches ist in Bezug auf aktuelle Diskussionen und Polemiken ein Nährboden für einen aufstrebenden Nationalismus auf Seiten des Katholizismus. Anhand der sechs Merkmale, welche Assmann für das kulturelle Gedächtnis aufführt, soll versucht werden, diese in Bezug auf den hier zu untersuchenden Kult des Bonifatius zu setzen.
Mit den Begriffen Identitätskonkretheit oder Gruppenbezogenheit in Assmanns Abhandlung „Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität“ lässt sich zunächst einmal aufzeigen, mit welchen Mitteln die Gruppe eine positive wie auch negative „identifikatorische Besetztheit“ erhält. In dieser Arbeit wird die „positive Besetztheit“ in der Figur des Bonifatius gesehen und damit übergreifend der Glaube an das Christentum bezeichnet, womit eine Abgrenzung mit „das sind wir“ nach innen vollzogen wird. Nach außen strebt der Katholizismus mit dem Versuch des verschärften Erinnerns an die Reformation, die sie als Grundübel für die Spaltung des Christentums sieht, sprich die „negative“ Identifikation an. Assmann schreibt hierzu: „(...)das ist unser Gegenteil.“
Der zweite Punkt Assmann bezieht sich auf die Rekonstruktivität, also die in Beziehung zu setzende Geschichte auf die jeweilige gegenwärtige Situation. Was wird aus der Geschichte genutzt, um in der Gegenwart eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Dieses zeigt sich in der Person Bonifatius darin, als es während der Jahrhundertmitte zu einem Streit um die Größe der Nation kam.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Ausgangslage des deutschen Katholizismus um die Wende zum 19. Jahrhundert und führt die Forschungsfrage zur Erinnerungspolitik und dem Bonifatiuskult ein.
2. Die Entstehung des Ultramontanismus und seine Folgen: Dieses Kapitel behandelt die Sinnkrise der katholischen Kirche nach dem Umbruch des 19. Jahrhunderts und die daraus resultierende Hinwendung zum Ultramontanismus als Abgrenzungsstrategie.
2.1. Die Entwicklung des deutschen Katholizismus nach 1866: Hier wird die Reaktion des Katholizismus, insbesondere durch Bischof Ketteler, auf die Niederlage Österreichs und die kleindeutsche Einigung unter Preußen analysiert.
3. Der Bonifatiuskult: Das Kapitel analysiert die Renaissance der Bonifatius-Verehrung als katholische Antwort auf die Suche nach nationaler Identität vor der Reichsgründung.
3.1. Bonifatius und das kulturelle Gedächtnis von Assmann: Auf Basis der Theorie von Jan Assmann wird untersucht, wie die Figur des Bonifatius gezielt zur Formung einer katholischen Identität instrumentalisiert wurde.
4. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, wie der Bonifatiuskult als Stützpfeiler für ein katholisches kulturelles Gedächtnis diente und zur Konfrontation im Kulturkampf beitrug.
Schlüsselwörter
Katholisches Milieu, Ultramontanismus, Bonifatiuskult, Jan Assmann, kulturelles Gedächtnis, Erinnerungspolitik, Reichsgründung, Bischof Ketteler, Identitätsbildung, Konfessionalisierung, Nationalismus, Kulturkampf, Zentrumspartei.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und Selbstbehauptung des deutschen Katholizismus im 19. Jahrhundert, mit einem besonderen Fokus auf die Instrumentalisierung historischer Erinnerungsfiguren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Ultramontanismus, die politische Rolle der Kirche während der deutschen Einigungsprozesse und die Etablierung eines spezifisch katholischen kulturellen Gedächtnisses.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das katholische Milieu durch die Kultivierung des Bonifatius-Gedenkens eine eigene, abgegrenzte Identität schuf, um sich gegenüber dem protestantisch geprägten Nationalstaat zu positionieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen historisch-analytischen Ansatz und wendet die kulturwissenschaftliche Theorie zum „kulturellen Gedächtnis“ von Jan Assmann auf die historische Quellenlage des 19. Jahrhunderts an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Ultramontanismus, die politische Strategie unter Bischof Ketteler nach 1866 und die detaillierte Anwendung der Assmannschen Merkmale auf den Bonifatiuskult.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Kernbegriffe umfassen Katholisches Milieu, Ultramontanismus, Bonifatiuskult, kulturelles Gedächtnis, Identitätsbildung und Erinnerungspolitik.
Welche Rolle spielt Bischof Ketteler in der Arbeit?
Bischof Ketteler wird als zentrale Führungspersönlichkeit dargestellt, die den deutschen Katholizismus auf die politische Realität des Nationalstaates einschwor und gleichzeitig für die Eigenständigkeit der Kirche stritt.
Warum wurde gerade Bonifatius als zentrale Figur gewählt?
Bonifatius wurde als „Apostel der Deutschen“ instrumentalisiert, um dem Katholizismus eine geschichtliche Legitimation zu geben und eine Identitätsbrücke zu schlagen, die den Katholizismus als integralen, aber eigenständigen Teil der deutschen Nation darstellte.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2005, Das katholische Milieu im 19. Jahrhundert. Bonifatius und die Erinnerungskultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/476797