Turin von 1861 bis zum Ersten Weltkrieg

Der Wandel von der Haupt- zur Industriestadt


Masterarbeit, 2012
54 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Macht- und Bedeutungszuwachs des Königreichs Savoyen
2.1 Ursprünge und geschichtliche Einordnung
2.2 Entwicklung Turins zur modernen Residenzstadt
2.3 Napoleonischer Einfluss und Turin zwischen Restauration und R isorgimento und neue Urbanität

3 Neuorientierung nach 1864
3.1 Trauma des Hauptstadtverlustes und Wandlung des Profils
3.2 Ökonomische Voraussetzungen, ihre Folgen und urbane Erweiterungen
3.3 Gesellschaftlich-soziale und politische Realitäten

4 Gesellschaftlich-kulturelle Entwicklungen / Turin unter dem Brennglas
4.1 Bersezios und De Amicis andere Wahrnehmung Turins
4.2 Gesellschaft im Wandel: De Amicis, Zini, Gobetti und andere

5 Fazit

6 Literatur

7 Anhang

1 Einleitung

Rom, Neapel, Florenz, Venedig. All diese Städte hatten über Jahrhunderte ein eigenes, weit über ihre Region hinausstrahlendes Profil erworben, welches auf Kunst, Lebensart, großen Persönlichkeiten und Familien, historisch-archäologischen Hinterlassenschaften und politischen Ereignissen basierte. Und doch drängte sich mit der einsetzenden europäischen Modernisierung und Industrialisierung eine Provinzhauptstadt in den öffentlichen Fokus, welche der italienischen und europäischen Aufmerksamkeit nicht mehr entgehen konnte. Unter urbanen und wirtschaftlichen Aspekten gab es neben Turin in Italien keine vergleichbare Stadt, deren industrielle Entwicklung auch so prägend in ihrer Physiognomie zu sehen ist. Der rasante Aufstieg und Machtzuwachs einer relativ jungen Adelsdynastie, die demographischen Schwankungen basierend auf den politischen Ereignissen, die Metamorphosen im sozial- kulturellen Bereich seiner Bevölkerung und seine städtebaulichen und architektonischen Besonderheiten machen Turin daher zu einem besonderen Forschungsobjekt.

Die strukturellen Entwicklungsschübe Turins lassen sich in vier Stufen (Abb. 1) einteilen: Turins Ursprung liegt in der römischen Zeit, als es als rechtwinkliges Raster geplant, zum Zwecke eines Heerlagers und einer Versorgungsbasis der Wachlager für die Alpenpässe angelegt wurde. Es sollte bis zum 17. Jahrhundert dauern, bis die rationale quadratische Grundstruktur erweitert wurde. Die dritte Epoche der Neugestaltung Turins fiel in das 19. Jahrhundert, während dessen der Klassizismus und Barock sowie ein neuer bürgerlicher und aristokratischer Repräsentationsstil den Ausbau und architektonischen Gestaltungswillen der Stadt bestimmten. So entwickelte sich Turin zu einer geplanten Schachbrettstadt aus großzügigen Straßen mit fast vorausblickender Imagination auf die entstehende Mobilität, auf Fiat und eine rasante Industrialisierung, die Platz und Raum benötigt. Die neu entstandenen Außenbezirke mit ihren charakteristischen Schornsteinen und den Wohnquartieren der Arbeiter schloss die vierte Phase der Entwicklung Turins ab.

Diese Arbeit geht bei der Untersuchung der Stadt sowohl in chronologischer Reihefolge (zweites und drittes Kapitel) als auch auf chronologisch-querschnittartige Weise (vierte Kapitel) vor. Begonnen wird im zweiten Kapitel mit einem groben strukturell-geschichtlichen Rückblick über den Bedeutungszuwachs Turins als Stadt an sich und im gesamtitalienischen Rahmen, der der „kleinen“ Hauptstadt des Piemont seit Beginn des 18. Jahrhunderts zuteil wurde. Die Untersuchungen beziehen sich dabei zum einen auf städtebauliche Sicht, d.h. wie Raum strategisch genutzt wurde und zum anderen auf die Skizzierung und Herausarbeitung der speziellen piemontesischen Mentalität, als Folge einer absolutistischen Herrschaft der Savoyer und ihrem dynamischen Einflusses. Externe Faktoren wie die kurze, aber sehr prägende napoleonische Zeit und interne Einflüsse, wie das großteils von Turin ausgehende Risorgimento, sind hierbei bedeutsame Prozesse, welche das urbane Bild und den gesellschaftlich- kulturellen Charakter Turins unmittelbar beeinflussten.

Das dritte Kapitel widmet sich den Reaktionen und Wandlungen, die der Schock des Hauptstadtverlustes auslösten und zeigt die neuen, oder besser, forcierten Schwerpunkte auf, mit denen sich Turin auf die Suche nach einem veränderten Selbstbild begab. Urbane Neustrukturierungen und die zunehmende Ansiedlung industrieller Gewerbe in den Außenbezirken hatten zu dieser Zeit ebenfalls bemerkenswerten Einfluss auf das Stadtbild Turins. Auch die zunehmende Vernetzung in italienische und europäische Prozesse wirkte auf Turin aus. Die Neuorientierung lässt sich am besten an den industriellen Ausstellungen von 1884, 1898 und 1911 zeigen, bei denen Turin erstmals international mit verändertem Selbstbewusstsein und Gestaltungsaktivität in Erscheinung trat. Daneben wird aufgezeigt, in welchem Maße Turin Wert auf die Diffusion von Bildung legte, welchen Einfluss diese auf den wiederholten gesellschaftlichen Umwandlungsprozess hatte und welche Faktoren in diesem Zusammenhang noch eine Rolle gespielt haben.

Das vierte Kapitel präsentiert, unter Berücksichtung von Autoren, die aufgrund ihrer biographischen Beziehung zu Turin als Reflektoren ihrer Zeit gelten, verschiedene Turinbilder. Vorlage wird dafür eine 1880 erschienene Anthologie sein, an der eine Vielzahl von zeitgenössischen Autoren beteiligt war. Untersucht werden insbesondere Veränderungen die aufgrund kultureller, wirtschaftlicher und politischer Faktoren, die den Zwiespalt Turins zwischen als und neu und seinen Turin Transformationsprozess beeinflussten. Besonders anhand von Zitaten des Turiners Vittorio Bersezio und dem zu seiner Zeit viel beachteten Edmondo De Amicis wird herausgearbeitet, wie sich das alte traditionsbehaftete Turin in eine moderne, den Aktionsraum verlagernde Industriestadt verwandelte. Das Kapitel schließt mit einer zusammenfassenden Analyse der kulturell-gesellschaftlichen Gesichtspunkte, unter denen sich diese Umwandlung vollzogen hat.

Die Arbeit endet mit einem Fazit zu den vorgestellten Einflüssen auf die Entwicklung Turins, ihren Auswirkungen auf bestimmte Prozesse und die entscheidenden Faktoren für die Er- Findung des neuen Turiner Selbstbildnisses.1

2 Macht- und Bedeutungszuwachs des Königreichs Savoyen

2.1 Ursprünge und geschichtliche Einordnung

„Historically neither entirely French nor completely Italian, Piedmont itself had been what Vittorio Alfieri, in the second half of the eighteenth century, had called an amphibian country, and it was upon this reality of dualism and ´peripheralism´ that the Savoy monarchy executed its program of political centralization.“2

Das Herrschaftsgebiet der Savoyer war aus heutiger Sicht in dem Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Italien beheimatet. Seit dem frühen 11. Jahrhundert ist das von burgundischen Vasallen abstammende Geschlecht der Savoyer mit Hauptsitz im französischen Chambéry nachweisbar, von wo aus es sich durch den Besitz an Wegerechten über wichtige Alpenpässe immer weiter ausdehnen konnte. Um zu verstehen, wie Turin erst als politische, dann als identitätsstiftende und letztendlich als wirtschaftliche Kraft zu seiner bedeutenden Stellung im 19. Jahrhundert gelangte, sind einige einführende Erläuterungen zur Vorgeschichte Turins als Residenzstadt nötig, die die zunehmende Relevanz des Hauses Savoyen mit Turin als Mittelpunkt in der damaligen europäischen Wahrnehmung beschreiben:

„Herrschaftsgebiete, Territorien, waren anders strukturiert als moderne Flächenstaaten: Savoyen zeigt Ende des 14. Jahrhunderts ein ´patchwork´ aus fremden Enklaven und eigenen Auslegern in andere Gebiete.“3 Bis in die Frühe Neuzeit galt daher auch für Savoyen, dass ihre machtpolitische Legitimation „[...] nicht raum- , sondern personendefiniert war.“4 Inwieweit sich daraus die strategische Bedeutung Turins entwickelte, soll in der Folge skizziert werden. Der Fokus wir dabei auf der urbanen und kulturellen Expansion Turins liegen.

Für Piemont und den Turiner Hof des 18. Jahrhunderts können diesbezüglich einige wichtige geschichtliche Entwicklungen als Orientierungshilfen dienen: Der militärische Sieg von 1706, der Piemont-Savoyen im Spanischen Erbfolgekrieg über Frankreich gelang, lässt sich, in Bezug auf den Ansehens- und Prestigezuwachs der vom kleinen piemontesischen Fürstentum zum Königreich erhobenen Dynastie der Savoyen, als einschneidende Zäsur in der bis dahin eher untergeordneten Bedeutung des Adelsgeschlechts der Savoyen, sehen. Der Friede von Utrecht (1713) erbrachte die Verleihung der Königswürde in Palermo. Für den neugekrönten Vittorio Amedeo II. stand danach der Aufbau einer zentralistischen Verwaltungsstruktur im Vordergrund seiner Amtszeit. Er setzte mit seinen umfangreichen Reformen5 einen Modernisierungsprozess in Gang, um „[...] einen nach absolutistischen Regeln funktionierenden Staat zu schaffen. Die Reformpolitik war konsequent auf den persönlichen Einfluss des Königs auf alle Belange des öffentlichen Lebens ausgerichtet.“6 Unter dem Nachfolger Carlo Emanuelle III. (1730) setzten sich das geschickte Taktieren in außenpolitischen Konflikten, diplomatische Feingefühl der Minister im Umgang mit Konflikten und Möglichkeiten und die selbstbewusste Expansionspolitik fort und bescherten dem Haus Savoyen mehr internationale Anerkennung und gesteigerten Einfluss. Charakteristikum des piemontesischen Adels und seiner zentralen Verwaltung war eine starke Militarisierung: Wurde das Militär zu Beginn als Kriegsinstrument installiert, sollte es in der weiteren savoyischen Entwicklung den Rahmen und Körper stellen, in dem sich der piemontesische Adel verwirklichen bzw. als militarisierte Schicht ausformen und Gestaltungsspielraum in politischen Prozessen gewinnen konnte.7 Auch einer der Grundsteine für die Lebensart der piemontesitá 8 wurden damit gelegt. Fazit dieses savoyischen monarchischen Reformeifers ist laut Castronovo die Errungenschaft,

„A trasformare una società amorfa e rusticana (il cui ideale tra Cinque e Seicento era ancora quello di «mangiare, bere e ballare«, come riferiva un proverbio che correva allora per tutta Italia) in una comunità tutta patria e dovere, temperata a pesanti obblighi militari e a prelievi fiscali spietati, e a imprimerle cosi certi caratteri peculiari, [...] e diede vita a un´amministrazione minuziosa e capillare, basata su un senso rigoroso dell´ordine e della disciplina.“9

Der österreichische Erbfolgkrieg (1740-1748) verstrickte das zu neuem Selbstbewusstsein aufgestiegene Königreich Piemont-Sardinien zum ersten Mal in die internationale Politik. Trotz der daraus resultierenden Verwüstungen konnte die konsequente Umgestaltung und Reformierung des Verwaltungsapparats weiter vorangetrieben werden. „Turin wurde durch die fortgesetzte zentralistische Reformpolitik immer mehr der Mittelpunkt des Hofes.“10

2.2 Entwicklung Turins zur modernen Residenzstadt

Zu der Ausformung eines zentralistischen Staatsgebildes gehört, nach Ansicht des Staates und seiner ausführenden Organe, ein Ort, welcher gleichzeitig Sammelpunkt gesellschaftlicher Entwicklung ist, aber auch den Repräsentationsansprüchen nach außen genüge trägt. Für die frühneuzeitliche Entwicklung Turins sollte die Verlegung des Hauptsitzes aus dem französischen Chambéry im Jahre 1559 unter Herzog Emanuele Filiberto der entscheidende Wendepunkt hin zu einer Residenzstadt sein. „Mehrere Generationen von savoyischen Herrschern und Architekten bauten in den folgenden 200 Jahren Turin konsequent zur Residenzstadt aus [...]“11 und Anfang des 18. Jahrhunderts, im Zuge der administrativen Modernisierungsschübe, „[...] war der Ausbau Turins zu einer nach modernsten militärischen Gesichtspunkten konzipierten Befestigungsanlage und einer rational geplanten Residenzstadt, in der sich der Machtanspruch der savoyischen Souveräne allgegenwärtig zeigte.“12, vollzogen. Die geographische Lage entlang der Alpen eine Talkesselstadt, definierte Turin im europäischen Kontext immer mehr in seiner Eigenschaft als Transit- und Grenzland:

„Due sono i motivi principali della grande ricchezza della Savoia. Il primo consiste nella posizione della regione, che consente facile passaggio in Italia, e di questa opportunità si sono serviti molti imperatori, re e principi per condurvi le loro truppe; la seconda é facilità e intensità dei commerci con le province piú ricche d´Europa, per la contiguità con Italia, Francia e Svizzera [...].“13

Aus dieser prägnanten Einordnung erklärt sich das neue Selbstbewusstsein des savoyischen Adelsgeschlechts: „Mit dem neuen Herrschaftszentrum in Italien wandelte sich auch die strategische Rolle Savoyens: vom kontrollierten „Paß-Staat“ wurde Piemont-Savoyen zum „gatekeeper“ für die italienische Halbinsel.“14 Diese neue Rolle Turins im europäischen Verbund wandelte sich in ein erstes machtpolitisches Streben.

Gerade Vittorio Amedeo II. sah die Notwendigkeit eines nach außen wie nach innen hin wirkenden Repräsentationsortes und fand in dem Architekten Filippo Juvarra (1678-1736)15, „[...] der Architekt, Urbanist und Kriegstechniker in einem war [...]“16, einen willigen und fähigen Baumeister, der seine urbanistischen Pläne einer modernen Residenzstadt in die Tat umsetzen konnte. Der 1714 als Hofarchitekt von Rom nach Turin berufene Juvarra (architetto reale) entwarf ein ursprünglich einheitliches urbanes Gesamtkonzept, welcher er Stück für Stück realisieren konnte:

„Das Ergebnis der städtebaulichen Bemühungen des Hauses Savoyen war eine rational geplante Stadt, die sich durch die Axialität der Straßenführung, regelmäßige Parzellierung und eine nach einem übergeordneten Konzept ausgerichtete Bebauung sowie Orientierung auf den Herrschaftssitz auszeichnet.“17

Diese fruchtbare Zusammenarbeit von Juvarra und Amedeo hatte für Turin weitreichende und bedeutende Folgen. „[...] da die Flächenausdehnung der neuen Viertel das antike castrum übertrifft und sich dieses außerdem strukturell dem Gesamtsystem der Stadt fast bruchlos einfügt, hat Turin nahezu den Charakter einer Planstadt erhalten wie sie in Europa seit dem 16. Jahrhundert überall für Residenzen und Festungen entstanden sind.“18 Zudem hatten die wachsenden politisch-repräsentativen Ansprüche, auch an die Gestaltung von Feierlichkeiten, wie Hochzeits- und Trauerfeiern enormen Einfluss auf die urbane Gestaltung und Ausbildung der Stadt Turin.19 Die savoyische Planung setzte dafür das vorhandene Gitter im Inneren der Stadt fort, den Schwerpunkt aber auf Plätze und axiale Straßen (Abb. 2).

Die letzte der Stadterweiterungen (1619; 1671; 1713)20 beabsichtigte neben der militärisch idealen ovalen Umrissform, welche bastionär ummantelt wurde, auch die Einbeziehung umliegender Fixpunkte (der Fluss Po und die Berge der Alpen), sowie „[...] ein stadtweites System von Plätzen und dominanten Straßen, das jede Erweiterung begleitete.“21

Als eine der wichtigsten städtebaulichen Zäsuren in der frühneuzeitlichen Entwicklung Turins, als erste symbolische Schnitt- und Verbindungsstelle zwischen Stadt und Umland, gilt der Bau der Kirche Santa Maria di Nativitá, genannt Superga (1716-1731). Die von Juvarra geplante Superga verband sich axial mit der Stadt Turin sowie der großräumlich umliegenden Hügellandschaft und wurde als Erinnerung an die französischen Belagerung und deren überraschende Niederlage (1706) konzipiert.22 Jöchner misst diesem Bau eine tiefe Symbolik zu, welcher Turins strategische Macht in Italien zementierte und dem Haus Savoyen seine zukünftige Führungsrolle geben sollte: „Mehrere zeitliche Vektoren bündelten sich in der Superga: Vergangenheit (als Erinnerung an den militärischen Sieg), Gegenwart (Demonstration des Königtums) und künftige Vergangenheit (in Form der dynastischen Gräber).“23

Aus Juvarras Arbeit entstand somit ein architektonisches Konzept, das die politischen Ereignisse innerhalb der Stadt und in ihrer Umgebung abbildete und dadurch einen neuen symbolischen Zusammenhang schuf.

Der Sieg über Frankreich (1706) bzw. der Friede von Utrecht (1713), der Bau der Superga und die neue Wahrnehmung Piemonts in Europa legten somit die Grundvoraussetzungen eines eigenständigen (von Frankreich unabhängigen) Königreichs mit Turin als Hauptstadt und definierten die Gipfel der Alpen als Trennlinie zwischen Frankreich und Piemont- Savoyen. Zum ersten Mal in der europäischen Neuzeit wurde so eine „natürliche Grenze“ gezogen.

2.3 Napoleonischer Einfluss, Turin zwischen Restauration und Risorgimento und neue Urbanität

Trotz der geographischen Trennung wurde am Hof französisch gesprochen und auch Paris mit seiner Anziehungskraft in Sachen Mode und Lebensstil galt weiterhin als Vorbild und Referenzpunkt für die Turiner Oberschicht. Diese tendenziell frankophile Einstellung erhielt allerdings mit der militärischen Intervention Napoleons in Norditalien, welche begleitet war von Zerstörungen und Plünderungen wertvoller Kunstwerke, einen leichte Dämpfer. Denn das Aufzwingen des Französischen erwies sich als kontraproduktiv: Wurde zuvor das Französische als die Sprache der herrschenden und gebildeten Schichten angesehen, so wurde es nun als Sprache der Besetzer assoziert und dementsprechend gering geschätzt. Der Ursprung des piemontesischen Dialekts, sein zunehmender Gebrauch und die damit einhergehende Beschäftigung der Bevölkerung mit der eigenen Identität waren die Folge und führten kurzfristig zu einem verstärkten Lokalpatriotismus.

Die Besatzung hinterließ zwar eine demografisch24 und wirtschaftlich geschwächte Stadt, aber auch das zivile Gesetzbuch, den Code Napoleon, welches erstmalig eine gemeinsame gesetzliche Basis der Moderne schuf. Positive Entwicklungen (moderne Zivilisationsansätze durch den Code Napoleon, die jüdischen Bewohner25 Turins profitieren von einer neuen religiösen Toleranz) und negative26 (die zentralistische französische Fremdbestimmung) schufen eine der Grundlagen für die spätere Hinwendung vieler Turiner Intellektueller, Schriftsteller und Politiker zur italienischen Einheitsbewegung des Risorgimento.

Neben der geistigen Neuorientierung wirkte sich Napoleons Einfluss zu Beginn des 19. Jahrhunderts aber auch sehr konkret auf Turins urbanes Erscheinungsbild27 aus:

Die Abtragung der Stadtmauern empfanden viele Turiner zu Beginn zwar als eine große - weil das Stadtbild einschneidend verändernde - Demütigung, in der Folge sollte es sich aber als ein stadterweiternder Segen, vor allem für Turins Bewohner, erweisen. Die Stadt konnte wachsen, sich nach Süden hin ausbreiten und viel Neues verwirklichen, was früher durch Mauern nur eingeschränkt war.

„La realizzazione di ampi spazi pubblici, di giardini e di corsi per passeggiate, come di attrezzature di servizio e di relazione, fu il risultato piú significativo dei numerosi progetti di riassetto urbanistico concepiti nel primo decennio dell’Ottocento sotto l´influenza tanto delle concezioni illuministiche della Rivoluzione ispirate al principio dell’utiliá pubblica [...]“28

Auch die Berge und die Hügellandschaft um Turin sowie die Alpen allgemein wurden einem Wahrnehmungswandel unterzogen: Waren sie vorher bedrohlich, kaum zu bezwingen, ein Ort von dem Unheil zu erwarten war in Form von fremden Eroberungsangriffen, wurden sie nun als attraktive Naturschauplätze gesehen, welche es zu erforschen und zu nutzen galt. Verbesserungen beim Ausbau von Grenzpässen nach Frankreich und in die Schweiz waren zusätzliche Anreize, den Bergen positive Seiten abzugewinnen.

Ebenfalls einem Bedeutungswandel unterzogen wurden auch die Straßen und Plätze Turins unter Napoleons Neustrukturierung.29 Seine Architekten und Stadtplaner setzten eine konsequente unmittelbare Austauschbeziehung mit dem Umland fort oder initiierten diese auf eine neue Art und Weise. Dabei konzentrierte sich die Stadtplanung in erster Linie auf die Veränderung der Stadtränder. Die Zerstörung der Stadtmauer war dabei nur der Anfang, galt es doch ganze Plätze, Brücken und Kirchen in einen neuen territorialen und funktionalen Zusammenhang zu stellen. Exemplarisch steht dafür die berühmte Piazza Vittorio Emanuelle (heute Vittorio Veneto, Abb. 2). Hier zeigt sich, wie Jöchner meint, eine „[...] Doppelnatur der Entfestigungen – Zerstörung einer Grenze und Herstellung einer neuen Raumordnung – [...]“30, welche das Territorium und die Stadt als erstmals räumlich zusammengehörig definierte. Hintergrund für diese gewollte Verbindung war, dass die unorganisiert wachsende Vorstadt jenseits des Pos und der Piazza zunehmend als Problem empfunden wurde, da sie sich mit immer mehr Verkehr konfrontiert sah.31 Konkret musste dafür der Po als natürliche Schranke bezwungen werden: „Insofern ist die erste steinerne Brücke über den Po, errichtet 1808 vom Corps des Ponts et Chaussées, eine wörtlich zu nehmende feste Verbindung, die zum Territorium gesucht wurde.“32

Diese stadtbauliche Öffnung und Einbeziehung der Vorstadt hat dann auch symbolträchtigen Charakter, befand man sich nicht mehr in andauernder Lauertaktik und Abwehrhaltung gegenüber seinen Nachbarn, aber auch seinen Untergebenen im übrigen Territorium, sondern zeigte ein neues Selbstbild ohne Mauern.33

Nach dem Rückzug der Franzosen 1817 setzte der neue König Vittorio Emanuelle I den eingeschlagenen französischen Weg fort: Neue Wohnprojekte für die expandierende Stadt wurden verwirklicht und breite Boulevards geschaffen. Im Bereich der Kanalisation, der generellen Wasserversorgung und der befahrbaren Straßen herrschten in Turin zu dieser Zeit noch sehr rudimentäre Verhältnisse. Nun wurden Straßen befestigt, breite Bürgersteige angelegt und ein neues Abwassersystem installiert, welches neue hygienische Maßstäbe, vor allem in den Innenhöfen der Palazzi, setzte.

Die Zeit zwischen 1815 und 1848 war auf der einen Seite gekennzeichnet durch eine an die Etikette und das gesellschaftliche Ständemodell des Ancien Regime festhaltende Turiner Adelsgesellschaft, die stark an ein zentralistisch-bürokratisches Königreich mit einem ordnenden Militär glaubte. Festliche und prunkvolle Repräsentation nach außen hatte Vorrang. Auf der anderen Seite entstand im politischen Bürgertum langsam das Bewusstsein, dass nur die politische Einheit ganz Italien vor expansiven Eroberungsbestrebungen anderen europäische Länder Schutz bieten und der Weg in die Moderne nur über den Nationalstaat gegangen werden könne.

Wieder aufblühende Universitäten und eine breite Presselandschaft aus vielen Zeitungen und Zeitschriften34 schufen dabei die Grundvoraussetzung für die Bildung und Verbreitung progressiver Ansichten und Meinungen. Das Risorgimento setzte in Italien35 ein und Turin „[...] diventa la meta o meglio la „Mecca“ dei liberali. La cittá cresce vorticosamente: nel censimento del 1850 la popolazione era di 160.000 abitanti contro 136.000 del 1848. Nel 1857 con i borghi e il contado aumentava sino a 178.654.“36

Obwohl die europäische Restauration auch in Piemont zu spüren war, entwickelte sich dort ein liberales Klima, was zu einem stetigen Zuwachs der Bevölkerung führte. In der Folge war ein offensichtlicher Widerspruch zu beobachten zwischen der Unbeweglichkeit der reaktionären Monarchie mit ihrem prächtigen Hofleben, in dem die Besucher Turins das vorrevolutionäre Frankreich wiederaufleben sahen, und den lebhaften Debatten der Bürger und Neuzugezogenen in den Salons und Kaffeehäusern der Stadt, die einer echten politischen und reformationsfreudigen Euphorie entsprangen. Dieser „gebildete“ Zuwachs aus überwiegend Intellektuellen, Journalisten und Schriftstellern aus anderen Provinzen und dem Ausland, aber auch aus einfachen Handwerkern und wegen der großen Nachfrage auch aus Hausangestellten und Hausbediensteten, ließ Turins städtische Aura wieder und weiter aufblühen. Die politischen Emigranten übernahmen Posten im Unterrichtswesen und der zunehmend wachsenden Verwaltung der Stadt. Begünstigt wurde die Immigration durch das tolerantes Einwanderungsgesetz von 1848.37 Von der Nähe zu nordeuropäischen Städten, die ebenfalls ein eigenes urbanes Selbst entwickelten, profitierte Turin auf vielfältige Weise, ebenso wie familiären Bindungen des savoyischen Hofes mit dem europäischen Adel:

„[...] si era via via trasformata in un elegante capitale intorno a una corte educata via via al buon vivere, grazie alla familiarità con i costumi francesi e alla svolta del gusto Monaco e Vienna impressa dalle spose tedesche dei sovrani. Costellata di raffinate dimore, illuminata a giorno fin dal 1838 (fra le prime capitali d´Europa) dall’azzurra luce del gas nelle sue strade diritte e nei suoi ampi viali, popolata lungo i portici da caffé [...]“38

Der stetige Anstieg der Bevölkerung stellte das immer noch sehr provinzielle Turin aber auch vor massive Probleme. Gerade in Bezug auf Wohnungsknappheit, einsetzende Immobilienspekulationen privater Geschäftleute und die unterentwickelte Wirtschaftskraft39 konnte Turin nicht genügend reagieren und als Folge: „[…] il sovraffollamento delle soffitte in centro e dei cascinale nella campagna circostante; i numerosi senzatetto, molti dei quali morivano per assideramento.“40 Während das große Vorbild Paris eine regelrechte Explosion während der industriellen Revolution erlebte, blieb die ökonomische Situation Turins in alten Mustern verhaftet und konnte dem demografischen Anstieg nicht gerecht werden. Zusammenfassend lässt sich man die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in Turin von wenig innovative und wirtschaftlich-industrielle Neuorientierung sprechen:

„Invece la situazione economica della capitale saubada fu caratterizzata da un sistema imperniato su lavorazioni artigianali di vecchio stampa, ancora rallentato dai vincoli posti dalla struttura corporativa, costituito da iniziative di brevissima durata, di tipo familiare, con pochi capitali investiti e frequente coincidenza fra proprietà e gestione.“41

Die Sektoren der administrativen Bürokratie und der staatlichen Dienstleistungen (auch militärischer Art) wuchsen hingegen. Gerade hier gab es große Widerstände gegen fortschrittliche Tendenzen, da man potentiell aufständische Akkulumationsorte und daraus resultierende Verarmungsquartiere - die Berichte aus den englischen Fabriken und Arbeiterghettos empfand man mit einer Mischung aus Angst und Neugier – verhindern wollte. Die Entscheidungsträger der Stadt fürchteten die aufkommende Arbeiterschaft genauso wie die zu Reichtum gekommenen Unternehmer mit politischem Gestaltungswillen. Doch die fortschreitende gesellschaftliche und wirtschaftliche Modernisierung ließ sich spätestens seit den 1840/50iger Jahren nicht weiter aufhalten. Camillo Cavour (1810-1861)42 und eine neue Klasse von jungen, neuen Ideen aufgeschlossenen, Bürokraten schufen mit ihren Reformen die Voraussetzung dafür, dass das Piemont und Turin entwicklungstechnisch mit den industriell weiter fortgeschrittenen Regionen Ligurien (Genua) und der Lombardei (Mailand) aufschließen und auch als eine Art „gesellschaftliches Labor“ für das übrige Italien fungieren konnten. Als Anhänger eines Wirtschaftliberalismus á la Adam Smith orientierte sich Cavour dabei an den großen Vorbildern Frankreich und England. Von dieser energischen Gangart profitiert Turin und das Piemont zuerst auf einer politisch-gesellschaftlichen Ebene: Nach den Aufständen von 1848 entstand aus dem Königreich in der Po-Ebene eine konstitutionelle Monarchie mit einer Verfassung, die als eine der progressivsten und liberalsten im damaligen Europa angesehen werden kann. Dieses Statuto Albertino 43 wurde im Großen und Ganzen auch vom Einheitsstaat Italiens 1861 übernommen und räumte seinen Bürgern weitreichende Rechte ein.44 Die Einführung des Statuto darf nicht unterschätzt werden, empfanden Turins Bewohner diese doch als einen einschneidenden Moment, welches neue kulturelle und gesellschaftliche Offenheit und Toleranz versprach45:

„La concessione dello Statuto fu come l´apertura di una diga in cui le forze prima d´allora costrette negli argini dell’antico regime poterono manifestarsi con impetuasa violenza travolgendo la vecchia società e creandone una nuova. La vita cittadina si era fatta piú vivace, quasi tumultuosa: la cittá provinciale di pochi anni prima era diventata una piccola metropoli dove pulsava la vita pubblica nelle discussioni, nei caffé e nei dibattiti accaniti tra i giornali.“46

Die Salons und Kaffeehäuser öffneten ihre Türen nun auch vermehrt für Bürgerliche. Das aus Juristen und Medizinern bestehende Bürgertum sah seine Chance auf politische Partizipation gekommen und ließ sich in das Parlament wählen.

Im Zuge dieses frischen liberalen Windes in Turin wurde ein weiterer Grundstein für seinen späteren industriellen Aufstieg gelegt, indem enorme Anstrengungen in die Verbesserungen des öffentlichen Schulwesens gesteckt wurden. Gegliedert in primari, secondari, tecnici, und universitari wurde der Bildungsfokus, neben einer elementaren Grundbildung und der Ausbildung von Lehrern, auf einen technisch-industriellen und wissenschaftlich- mathematischen Bereich gelegt. Auch auf europäischer Ebene erlangten diese Maßnahmen einige Aufmerksamkeit und im italienischen Vergleich übernahm Turin abermals eine Vorreiterrolle: „[...] e se in Italia vi erano 780 analfabeti su mille abitanti a Torino ve ne erano „solo“ 330.“47.

Die von Carlo Promis (1808-1873) entworfene urbane Neustrukturierung, der P iano d´Ingrandimento della Capitale von 1851-52, sah Turin als zukünftige Hauptstadt Italiens und somit die Notwendigkeit, die Stadt neu zu ordnen. Zu einer vollkommenen Neustrukturierung kam es in dem Gebiet um die Zitadelle, welche 1852 komplett abgetragen wurde. Prinzipiell erweiterte sich die Stadt Richtung Süden und Westen (hier eingeschränkt und erst nach der Abtragung der Zitadelle), da im Norden entlang des Flusses Dora bereits erste Fabrikgelände errichtet worden waren und im Osten der Po und die beginnenden Alpen als natürliche Grenzen wenig urbanen Spielraum ließen. Dabei mussten die steigende Einwohnerzahl, die angeschobenen wirtschaftlichen Reformen unter Cavour und ihre expandierenden Auswirkungen ebenso berücksichtigt werden wie die Zunahme der infrastrukturellen Bedürfnisse der Administration. Letztere beruhte auf der Gewaltentrennung, die im Zuge der konstitutionellen Reformen (Statuto Albertino) stattgefunden hatte.

[...]


1 Um den italienischen Charakter dieser Arbeit zu betonen, bleiben die Zitate in der Originalsprache stehen und sind vom Autor dieser Arbeit in den Fußnoten übersetzt worden. Diese Arbeit ist im Großen und Ganzen unter geografischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlich-urbanen Aspekten strukturiert. Poltische Prozesse und Ereignisse werden nur in Ansätzen und wenn sie direkt mit Turin im Zusammenhang standen erwähnt.

2 Colletta della, Cristina (2006): World´s Fairs Italian Style. The Great Exhibitions in Turin and Their Narratives, 1860-1915, University of Toronto Press, Toronto Buffalo London, S. 16.

3 Jöchner, Cornelia (2001): Die Räume der Stadt und ihre Grenzen. Architektur als politische Praxis, in: W o l ke n k u ck u ck sheim. Internationale Zeitschrift für Theorie und Wissenschaft der Architektur 6, (Heft 1), im Internet unter: http://www.tu-cottbus.de/theoriederarchitektur/wolke/deu/Themen/011/Joechner/joechner.htm, zuletzt aufgerufen am: 28.07.2012

4 Ebd.

5 Die Beschneidung von Adelsprivilegien, die Zurückdrängung der Kirche aus sozialen Institutionen und ihre politische Entmachtung, die Unterstellung von Universitäten, Schulen und karitativen Einrichtungen unter staatliche Kontrolle, die Gleichschaltung und Einschränkung von Privilegien der Provinzen und Gemeinden stellt im gewissen Sinne aber eine Modernisierung ohne Aufklärung dar, weil Staatsinteressen (ergo Steuer- und Eigentumsinteressen) vor ideologischer und religiöser Erneuerung Vorrang hatten.

6 Kessel, Lydia (1995): Festarchitektur in Turin zwischen 1713 und 1773. Repräsentationsformen in einem jungen Königtum, München S. 7.

7 Vgl.: Barberis, Walter (1988): La Nobilitá militare fra corti e accademie scientifiche. Politica e cultura in Piemonte fra Sette e Ottocento, in: Les Noblesses européennes au XIXe Siécle, Colleczion de l´Ècole Francaise de Rome, 107, 1988, S. 559-579.

8 Dazu mehr weiter unten. Zum historischen Entstehungsprozess der piemontesitá, vgl. Castronovo, Valerio (1987): Torino, Roma, S. 17-34.

9 „Eine formlose und ländliche Gesellschaft (deren Lebensideal zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert, zu essen, zu trinken und zu tanzen war, wie ein zeitgenössisches Sprichwort sagt) in eine Gemeinschaft umzuwandeln, die ganz Pflicht und Vaterland huldigte, gewöhnt an drückende militärische Verpflichtungen und erhebliche fiskalische Belastungen, und ihr auf diese Weise unverkennbare Eigenschaften aufzuprägen, welche auf einer minutiösen und dichtverzweigten Verwaltung fußten, die auf einem strengen Verständnis von Ordnung und Disziplin beruhte.“ Siehe: Ebd. S. 20.

10 Kessel, Lydia (1995), S. 10.

11 Wünsche-Werdehausen, Elisabeth (2009): Turin 1713-1730. Die Kunstpolitik König Vittorio Amedeos II., Petersberg, S. 131.

12 Ebd., S. 134.

13 „Zwei hauptsächliche Gründe erklären den großen Reichtum Savoyens. Der erste Grund besteht in der Lage der Region, die einen leichten Übergang nach Italien erlaubt, und diese Möglichkeit haben viele Kaiser, Könige und Fürsten benutzt, um ihre Truppen hindurchzuführen; der zweite ist, wegen der Nähe zu Italien, Frankreich und der Schweiz, die Leichtigkeit und Intensität des Handels mit den reichsten Provinzen Europas [...]“ Siehe: Archivo Storico della Cittá di Torino (Hrsg.) (1985): Theatrum Sabaudiae, Turin, Bd. 2, S. 144, zitiert aus: Jöchner, Cornelia (2003): Der Außenhalt der Stadt. Topographie und politisches Territorium in Turin“, in: Jöchner, Cornelia (Hrsg.): Politische Räume: Stadt und Land in der Frühneuzeit, Berlin S. 69.

14 Ebd., S. 74.

15 Zu Filippo Juvarra siehe: Griseri, Andreina (Hrsg.) (1989): Filippo Juvarra a Torino. Nuovi progetti per la cittá, Torino.

16 Jöchner, Cornelia (2001)

17 Wünsche-Werdehausen, Elisabeth (2009): S. 142.

18 Ebd., S. 142.

19 „Wie kaum einem anderen europäischen Herrscherhaus war den Savoyern die Gründung einer neuen Residenzstadt gelungen, die durch eine regelmäßige, einheitliche Struktur und übergreifende Achsensysteme die Autorität der absolutistischen Bauherrn über den Stadtraum veranschaulichte.“ Siehe: Wünsche-Werdehausen, Elisabeth (2009): S. 142.

20 Vgl. hierzu grundlegend zu den Anfängen: Pollack, Martha (1991): Turin 1564-1680. Urban Design, Military Culture, and the Creationof the Absolutist Capital, London.

21 Jöchner, Cornelia (2003): S. 75.

22 Während der Entscheidungsschlacht von 1706 konnte von diesem hohen, östlich der Stadt liegenden Hügel aus eine Lücke in den französischen Befestigungslinien beobachtet werden und so der eigentlich übermächtige Gegner überrascht und besiegt werden. Zur räumlichen Bedeutung der Superga vgl. wiederum: Jöchner, Cornelia (2006): Santa Maria di Nativitá, genannt Superga, bei Turin. Räume als Konstruktion von Geschichte, in: Schweizer, Stefan / Stabenow, Jörg (Hrsg.): Bauen als Kunst und historische Praxis. Architektur zwischen Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft, Göttingen, S. 427-460

23 Jöchner, Cornelia (2003): S. 84.

24 „Dal punto di vista demografico Torino subì un autentico tracollo: gli abitanti che erano 94.489 nel 1791 si ridussero a fine 1813 a 65.548, una falcidia paragonabile a quella di una pestilenza. La distruzione dell’economia fu totale: il mondo agricolo come quello manifatturiero basato sull’artigianato e sulla produzione della seta risultarono praticamente distrutti.“ Siehe: Navire, Federico (2009): Torino come centro di sviluppo culturale. Un contributo agli studi della civiltá italiana, Sprachen Literaturen Kulturen Bd. 1, Frankfurt a. M, S. 259.

25 Vgl.: Levi, Primo ...

26 Das kulturelle Leben litt unter der französischen Politik der Zentralisierung, weil das Piemont Frankreich angeschlossen wurde und die Universität von Turin ihre führende Stellung zugunsten der von Paris verlor. Die Accademia delle Scienze verfiel ohne die Unterstützung durch den savoyischen Adel und zahlreiche Wissenschaftler verließen Turin gen Paris.

27 Vgl. Ricci, Isabella Massabó (1996): Arte e Storia di Torino, Firenze, S. 142-144.

28 „Die Schaffung öffentlichen Raumes, Gärten und Spazierwegen sowie Begegnungssorte war das wohl bedeutendes Ergebnis von zahlreichen urbanen Neugestaltungsprojekten konzipiert im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss der aufklärerischen Konzepten der Revolution, inspiriert am Prinzip des öffentlichen Nutzens. [...]“ Siehe: Castronovo, Valerio (1987): S. 37.

29 Vgl. Jöchner, Cornelia (2007): Bewegung schafft Raum. Die Piazza Vittorio Emanuele, Turin, in: Lechtermann, Christina / Wagner, Kirsten / Wenzel, Horst (Hrsg.): Möglichkeitsräume. Zur Performativität von sensorischer Wahrnehmung, Berlin, S. 72-92.

30 Ebd. S. 82.

31 Ein königliches Edikt (1755) verwies Handwerker und einfache Kaufleute aus den neuausgebauten Straßen im Stadtkern in die Vorstädte, welche daraufhin in unkontrollierter Weise zu wachsen begannen. Vgl. Mandracci, Vera Comoli (1983): Torino (Le cittá nella storia d´Italia). Rom,/Bari S. 73-80.

32 Jöchner, Cornelia (2007), S. 82.

33 „Der Turiner Städtebau in der Neuzeit hatte die Nahtstellen neuer Erweiterungsgebiete stets durch Plätze gebildet und damit kontinuierlich öffentlichen Raum in der Stadt geschafften. Mit der Piazza Vittorio Emanuele wird erstmals ´Landschaft´ zum Motiv der Platzgestaltung. Der Grund dafür liegt jedoch nicht nur darin, dass der neue Platz die Fortifikation ersetzte und daher zwangsläufig mit dem bisherigen ´Draußen´ der Stadt konfrontiert sein musste. Vielmehr entstand mit der Einbeziehung des Flusses und der Hügel ein Ensemble, das aus der Stadt heraus das savoyische Territorium als zurück gewonnen erfahrbar macht.“ Siehe: Ebd.: S. 83.

34 Über seine Zeitungen trat Turin in Kontakt mit der internationalen Presse, stellte enge Verbindungen zu den europäischen Hauptstädten London und Paris her und wurde so auch international als Zentrum des Liberalismus anerkannt.

35 Zu bedenken ist immer, dass nur ein sehr geringer Teil der Bevölkerung sich mit dem nationalen Thema auseinander setzte und aktiv (in Form von Schriften, Traktaten oder Bücher) darin eingriff. Der Großteil der Menschen war arme Analphabeten, die nicht am politischen Leben partizipierten.

36 „[...] wird das Ziel oder besser das “Mecca” der Liberalen. Die Stadt wächst beachtlich: 1850 betrug die Bevölkerung nach einer Volkzählung 160.000 Einwohner im Vergleich zu den 136.000 von 1848. Mit den neuen Außenbezirken und dem Umland stieg sie im Jahre 1857 auf 178.654.” Siehe: Navire, Federico (2009): S. 311.

37 Vgl. Navire, Federico (2008):. S. 350.

38 „[…] sie entwickelte sich allmählich in eine elegante Hauptstadt um einen gebildeten Hof, die den Stil savoir vivere lebte, auch dank der Vertrautheit im Umgang mit französischen Sitten und dem Geschmack aus München und Wien, die das verheiraten mit deutschen Adligen mitbrachten. Gespickt mit vornehmen Villen, ihre geraden Straßen und weiten Prachtalleen beleuchtet seit 1838 (unter den ersten Hauptstädten Europas) mit bläulichen Licht aus Gas, bevölkert entlang der Kaffees der Arkaden [...]“ Siehe: Castronovo, Valerio (1987): S. 38

39 Allein die Seidenproduktion in und um Turin erlangte einige Bedeutung, aus der der Großteil der Seide nach Frankreich exportiert wurde.

40 „[...] die Überbelegung der Dachwohnungen im Zentrum und umliegenden Land- und Bauernhäusern; die zahlreichen Obdachlosen, vielen von ihnen starben an Erfrierung.“ Siehe: Riccí, Isabella Massabó (1996): S. 152.

41 „Vielmehr war die ökonomische Situation der saubadischen Hauptstadt gekennzeichnet durch ein auf traditionelles Handwerksverarbeitung beruhendes System, gebremst weiterhin durch die strenge Auflagen der Kammern, kurzfristig Planung, Familienbetriebe, mit wenig Kapitalinvestitionen und häufigen Zusammentreffen von Eigentümer und Management.“ Siehe: Ebd., S.152.

42 „In einer Gesellschaft, in der der Adel oft in kleinlicher Weise bürgerlich war und das Bürgertum sich in adeliger Pose gefiel, besaß Cavour gleichzeitig die Tugenden des Bürgers und des Aristokraten: geistige Beweglichkeit und sichere Fähigkeit des Befehlens, Geschäftsinn und Freude am Geldausgeben, die unverbrauchten Energien einer neuen und den Stil einer alten Klasse.“ Siehe: Procacci, Giuliano (1983): Geschichte Italiens und der Italiener, München, S. 267.

43 Vgl.: Schidor, Dieter (1977): Entwicklung und Bedeutung des Statuto Albertino in der italienischen Verfassungsgeschichte, Mainz.

44 Rechtsgleichheit, individuelle Freiheit Unverletzlichkeit von Wohnung und Eigentum. Daneben folgte es unter gewissen Einschränkungen dem Prinzip der Gewaltenteilung, freie Religionsausübung etc.

45 Hierbei muss beachtet werden, dass es sich um neue Freiheiten für einen kleinen Teil der gut ausgebildeten und aktiven Bürger Turins handelte. Der Großteil bekam von diesen Reformen wenig bis gar nichts mit.

46 „Die Annahme des Statuto kann mit der Öffnung einer Schleuse verglichen werden, bei dem die Kräfte, vorher in Schranken gewiesen durch die Dämme des alten Regime, sich mit geballter Macht sammelten, die alte Gesellschaft überwältigend und aus ihr eine neue entstehen ließen. Das Stadtleben war lebhafter geworden, tumultartig anmutend: Aus einer Provinzstadt, die sie wenige Jahre zuvor noch war, ist eine kleine Metropole geworden, wo in Diskussionen, in den Kaffees und den heftigen Debatten der Zeitungen das öffentliche Leben pulsierte.“ Siehe: Navire, Federico (2009): S. 317.

47 „[...] und wenn es in Italien auf tausend Einwohner 780 Analphabeten gab, so waren es in Turin „nur“ 330.“ Siehe: Ebd., S. 370.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Turin von 1861 bis zum Ersten Weltkrieg
Untertitel
Der Wandel von der Haupt- zur Industriestadt
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
1,7
Jahr
2012
Seiten
54
Katalognummer
V476846
ISBN (eBook)
9783668953741
Sprache
Deutsch
Schlagworte
turin, wandel, ersten, weltkrieg, haupt-, industriestadt
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Turin von 1861 bis zum Ersten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/476846

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