Politische Ökonomie im Spannungsfeld zwischen Markt und Staat


Praktikumsbericht / -arbeit, 2003
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Überblick

1 Der Markt
1.1 Definition
1.2 Die neoklassische Markttheorie
1.3 Marktversagen

2 Staatliche Intervention
2.1 Möglichkeiten und Ziele:
2.2 Die Notwendigkeit staatlichen Eingreifens
2.2.1 Externe Effekte

2.2.2 Öffentliche Güter
2.2.3 Informationsdefizite
2.2.4 Unteilbarkeit und Marktmacht
2.2.5 Anpassungsmängel
2.2.6 Nichtrationalität
2.3 Keynesianismus versus Angebotstheorie

3 Die Gefahr des Staatsversagens

Fazit und Ausblick

Literaturliste

Einleitung und Überblick

„Der tradierte Staat als besonderes Wesen ist am Ende“[1]. Mit dieser Diagnose bringt Carl Böhret das wachsende Unbehagen in bezug auf die Problemlösungsfähigkeit des Staates auf den Punkt. Renten-, Gesundheits-, Arbeitsmarktreform, Privatisierungs- und Fusionswellen – selten zuvor wurde die Zukunft des Sozialstaates so umfassend diskutiert wie derzeit. Die Agenda 2010 ergibt ein ganzes Maßnahmenpaket an Deregulierungen einzelner Märkte.

In der Kritik stand der Staat in Bezug auf seine Interventionen in den Wirtschaftskreislauf im Prinzip schon immer. Spätestens als Adam Smith im 18. Jahrhundert als Begründer der klassisch-liberalen Nationalökonomie absoluten Freihandel forderte, wurden staatliche Interventionen heftig diskutiert. Das Spektrum der Debatte reicht von der Forderung nach dem totalen Staat bis hin zur totalen Marktwirtschaft. So geht Karl Marx in „Das Kapital“ davon aus, dass sich der Kapitalismus selbst überwinden und das Volk die „unsichtbare Hand des Marktes“ (Smith) aufdeckt. Friedrich Hayeks predigt in „Der Weg zur Knechtschaft“ hingegen absolute Marktwirtschaft – jenseits aller Diktaturen.

Doch wurde über Wirtschaftspolitik keineswegs nur ökonomisch debattiert, sondern schon immer auch philosophisch, historisch, soziologisch, rechts- und politikwissenschaftlich.[2] Ganz gemäß Isaac Newton, für den die Wirklichkeit in Teile zerlegbar ist.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich auf Grundlage der Ökonomie mit dem Für und Wider staatlicher Eingriffe bei Marktversagen. Kämpft die Wirtschaft mit zu wenig oder zu viel Staat? Wo muss der Staat tatsächlich eingreifen, weil der Markt versagt und unerwünschte Ergebnisse bringt – oder sind es vielleicht sogar eher die staatlichen Interventionen, die Probleme schaffen? Um diese Fragen zu beantworten, sollen im ersten Teil der Arbeit der Begriff Markt kurz definiert und die Grundzüge der neoklassischen Markttheorie erläutert werden. Anschließend wird herausgearbeitet, was demgegenüber Marktversagen bedeutet.

Der zweite Teil gibt einen Überblick über die Mittel, die dem Staat zur Verfügung stehen, um in den Markt einzugreifen und zeigt auf, welche Ziele er damit verfolgt.

Bis einschließlich Teil drei, geht es um die Diskussion der Kernfrage: Sind staatliche Interventionen notwendig? Wenn ja, welche und in welchem Maße und inwieweit bergen sie die Gefahr des Staatsversagens? Überaus interessant wäre es, im Zuge dieser Diskussion näher auf gerade ethische und philosophische Aspekte der Problematik einzugehen und die Wissenschaften – entgegen Newton – am Ende wieder zusammenzuführen. Das allerdings würde den Rahmen dieser Hausarbeit deutlich sprengen.

1 Der Markt

1.1 Definition

In den Wirtschaftswissenschaften bezeichnet man mit Markt jene gesellschaftliche Institution,

auf der Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen und Preise gebildet werden. Der Zweck des Marktes ist der Güteraustausch. Entsprechend gibt es Warenmärkte, Dienstleistungsmärkte, Arbeitsmärkte, Kapitalmärkte und viele andere mehr. Märkte beschränken sich dabei keineswegs auf real existierende Orte, sie beschreiben – unabhängig von Raum und Zeit – alle Tauschbeziehungen. Sinn des Marktes ist der gegenseitige Nutzen der Akteure. Diesen wird ermöglicht, „ihre Ziele durch Spezialisierung und Tausch besser zu realisieren, als sie dies könnten, wenn sie ausschließlich auf sich selbst gestellt wären.“[3] Zum Beispiel, wenn sie etwas benötigen, dass sie selbst gar nicht oder nur begrenzt produzieren könnten. In kapitalistischen Ökonomien herrscht eine paretooptimale Allokation knapper Ressourcen die, entsprechend der Präferenzen der Marktteilnehmer, die wirtschaftliche Effizienz sichert. Denn Märkte lösen hier das Allokationsproblem bei Konkurrenz gemäß der Knappheitsbedingungen.[4]

1.2 Die neoklassische Markttheorie

Die neoklassische Markttheorie bezeichnet den Idealzustand des Marktes. Sie setzt dazu absolute Markttransparenz voraus. Jeder Akteur am Markt ist zu jedem Zeitpunkt über Preise, Qualitäten und sonstige Angebots- und Nachfragebedingungen informiert.[5] Zudem herrscht im idealen Markt vollständige Konkurrenz. Jeder Akteur kommt für die von ihm verursachten Kosten auf und erhält für die durch sein Handeln erzeugten Vorteile bei Dritten ein entsprechendes Entgelt. Die Theorie der neoklassischen Markttheorie geht dabei von überlegtem „rationalen“ Handeln der Wirtschaftssubjekte aus („rational expectations“[6] ). Einziges Entscheidungskriterium ist der Preis eines Gutes. Alle Güter sind demnach homogen[7]. Kaufentscheidungen der Konsumenten sind in der Neoklassik des Weiteren voneinander unabhängig. Dafür ist eine Präferenz- und Bedarfsstruktur (also konkrete Wünsche nach Konsumgütern) gegeben und der Einzelne befriedigt anhand des Marktes seine Bedürfnisse.

Unter all diesen Bedingungen arbeitet ein Markt – gemäß der neoklassischen Markttheorie – effizient und paretooptimal. Das bedeutet, dass kein Individuum mehr besser gestellt werden kann, ohne die Nutzenposition eines anderen Individuums zu verschlechtern.“[8]

1.3 Marktversagen

Bei aller Vielfalt ökonomischer Auffassungen besteht heute weitgehend Einigkeit darüber, dass der „neoklassische Markt“ das Problem der Koordination der unterschiedlichen wirtschaftlichen Aktivitäten und Interessen der Akteure am besten regelt. Wissenschaftlich ausgedrückt: das Marktmodell der vollkommenen Konkurrenz führt zur optimalen Allokation der Ressourcen. Einigkeit besteht aber auch darin, dass der Markt deshalb noch lange nicht nur Ergebnisse liefert, die einzel- oder gesamtwirtschaftlich erwünscht beziehungsweise wohlfahrts-maximierend sind, denn dem Modell vollkommener Konkurrenz entsprechen Märkte nun mal nur in Ausnahmefällen. Mit den Ursachen „nicht erwünschter“ Ergebnisse befasst sich die Theorie des Marktversagens. Sie zeigt die Grenzen, in denen Märkte vernünftig funktionieren. Zu den Ursachen zählen in erster Linie: externe Effekte, öffentliche Güter, Informationsmängel sowie Unteilbarkeit und Marktmacht, unter Umständen aber auch Anpassungsmängel und Nichtrationalität. Auf diese Ursachen soll unter Punkt 2.2 dieser Arbeit

„Die Notwendigkeit staatlichen Eingreifens“ im Einzelnen eingegangen werden.

2 Staatliche Intervention

2.1 Möglichkeiten und Ziele

Mit der Einsicht in die Grenzen sozialer Gerechtigkeit und mit Blick auf die mangelnde Effizienz von Marktergebnissen ergeben sich aus Sicht der prointerventionistischen Wirtschaftspolitik eine Fülle von Regulierungsmöglichkeiten. Zu ihnen gehören: Ge- und Verbote, Auflagen sowie rechtliche Regelungen, die staatliche Bereitstellung von öffentlichen und meritorischen Gütern, die Erhebung von Steuern und Abgaben oder der Verkauf von Schädigungsrechten, die Zahlung von Subventionen oder das Schaffen von Anreizen für privatwirtschaftliche Verhandlungen (Coase Theorem). Hauptziele moderner Wirtschaftspolitik sind soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und Effizienz sowie aus Sicht der Makroökonomen ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum, die Sicherung eines möglichst hohen Beschäftigungsstandes, die Stabilität des Preisniveaus und die Wahrung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts.

2.2 Die Notwendigkeit staatlichen Eingreifens

2.2.1 Externe Effekte

Ein idealer Markt ist dadurch gekennzeichnet, dass jeder Akteur für die von ihm verursachten Kosten aufkommt; ebenso erhält in einem idealen Markt jeder Akteur für die durch sein Handeln bei Dritten erzeugten Vorteile – sofern er dies wünscht – ein entsprechendes Entgelt. Ist dies nicht der Fall, liegen externe Effekte vor.“[9] Als Begründung für Marktversagen stehen externe Effekte im Zentrum der Diskussion. Dabei ist deren Unterscheidung nach der Art ihrer Auswirkung auf Betroffene in negative (kostensteigernde) und positive (nutzensteigernde) Effekte unerlässlich. So liefern positive externe Effekte oft eine gute Begründung für staatliche Bereitstellung oder Subventionen. Denn da in ihrem Fall der private Ertrag kleiner ist als der soziale, würde vom entsprechenden Gut bei reiner Marktsteuerung zu wenig produziert.[10] Anders negative externen Effekte. Sie bedeuten soziale Kosten, die im Kalkül des Verursachers nicht berücksichtigt werden und dafür von Dritten in Form von Mehraufwand oder realen Schäden getragen werden müssen. Da hier der private Ertrag höher ist als der soziale, wird von solchen Gütern „zu viel produziert“. Standardbeispiele sind Abgase, Abwässer oder Lärm.

Darüber, dass derartige Effekte internalisiert werden müssen, besteht weitgehend Einigkeit. Doch zum einen, so Zweifler und Gegner, setzt eine Internalisierung voraus, dass der Staat den externen Effekten Verursacher zuordnen kann, was mit zunehmender Dimension externer Effekte immer schwieriger wird. So lässt sich beispielsweise die weltweite Klimaveränderung eben nicht auf eine einfache, lineare Ursachen-Wirkungskette zurückführen.[11] Zweitens, so die Kritiker, ließen sich externe Effekte in vielen Fällen quantitativ gar nicht messen, weil sie überwiegend qualitative Verschlechterungen darstellten. Eine genaue Messung sei zur Bestimmung des Umfangs der Internalisierung allerdings notwendig. Ohne sie könnte der Staat am Ziel der optimalen Allokation vorbeisteuern (Staatsversagen[12] ). Und drittens, und das mag wohl der Hauptpunkt der Kritik sein, ist die Zahl negativer externer Effekte praktisch unendlich hoch. Dem Staat wären, was die Legitimation seiner Eingriffe angeht, kaum Grenzen gesetzt.

2.2.2 Öffentliche Güter

Öffentliche Güter sind Güter, die weder dem Ausschluss- noch dem Konkurrenzprinzip unterliegen. Menschen können „nicht daran gehindert werden, ein öffentliches Gut zu nutzen[13] “ (Ausschlussprinzip) und Nutzer nehmen sich an diesem Gut „gegenseitig nicht die Nutzungsmöglichkeiten weg“[14] (Prinzip der Nicht-Rivalität im Konsum). Das heißt, das Gut kann unbeschränkt vielen Individuen zur Verfügung stehen und niemand – eben auch derjenige, der nicht bezahlt, kann vom Konsum ausgeschlossen werden kann, zum Beispiel, weil diese Güter in ihrem Angebot unteilbar sind – wie bei der Landesverteidigung. Wenn nun aber jemand ein Gut in Anspruch nehmen kann, ganz gleich, ob er dafür bezahlt oder nicht, wird er als Nutzenmaximierer[15] seine Zahlungsbereitschaft nicht bekunden, sonder eine free-rider-Position einnehmen[16]. Diese Möglichkeit des Trittbrettfahrerverhaltens begründet dann auch, dass die Produktion solcher Güter unterbliebe, wenn der Staat nicht dafür Sorge tragen würde, dass diese Güter angeboten werden. Öffentliche Güter werden daher – nicht zuletzt, weil es immer weniger typische Beispiele wie die Landesverteidigung gibt – relativ unstrittig dem Aufgabenbereich des Staates zugerechnet. Besonders dann, wenn der Gesamtnutzen des bereitgestellten Gutes die Kosten übersteigt.

[...]


[1] Böhret, C: „Funktionaler Staat. Ein Konzept für die Jahrhundertwende?“ u.a. Frankfurt 1993, S.5

[2] Lippens, W.: „Der Staat als wirtschaftspolitische Instanz“ in: „Im Kreislauf der Wirtschaft“, Bank-Verlag GmbH, Köln 1988, S.57

[3] Fritsch, M./Wein, T./Ewers, H.-J.: „Marktversagen und Wirtschaftspolitik“, Verlag Vahlen, München 2003, S.7

[4] Bolle, M.: „Handout zur Überblicksvorlesung, Politik und Wirtschaft“, 2002, in www.polwiss.fu-berlin.de

[5] vgl. John, K.-D.: „Neue klassische Makroökonomik“ in: Gabler Wirtschaftslexikon, Bd.5, 13. Auflage Wiesbaden 1993, S.2386-2391

[6] Krugman, P.: „Peddling Prosperity – Economic Sense and Nonsense in the Age of diminished Expectations”, New York 1994, S.49

[7] Otte, M.: „Makroökonomik – mit Übungsaufgaben und Lösungen”, Köln 2001, S.11

[8] Fritsch, M./Wein, T./Ewers, H.-J.: „Marktversagen und Wirtschaftspolitik“, Verlag Vahlen, München 2003, S.25f

[9] Fritsch, M./Wein, T./Ewers, H.-J.: „Marktversagen und Wirtschaftspolitik“, München 2003, S.90

[10] vgl. Aufgabenteil II: „10 Fragen zur Volkswirtschaftslehre“, Frage 1, S. 1

[11] vgl. Lang, E.: „Das Ende der Politik? Staat Wirtschaft Globalisierung“ in: „Der Bürger im Staat“, Landeszentrale für politische Bildung, Heft 4/1999

[12] vgl. „Staatsversagen“ Punkt 3 dieser Arbeit

[13] Mankiw, N.G.: „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre“, Stuttgart 2001, S.246

[14] ebd

[15] Bievert, B./Held, M. (Hrsg.): „Das Menschenbild der ökonomischen Theorie. Zur Natur des Menschen.“, u.a. New York 1991

[16] Hampicke, U.: „Marktethik, Zukunftsethik und die fragile Natur“ in: „Das Naturverständnis der Ökonomik“, Bievert, B./Held, M. (Hrsg.), u.a. New York 1994, S.236f

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Politische Ökonomie im Spannungsfeld zwischen Markt und Staat
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V47688
ISBN (eBook)
9783638445740
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit behandelt: die neoklassische Markttheorie, Marktversagen, die Notwendigkeit staatlicher Interventionen (Externe Effekte, Öffentliche Güter, Informationsdefizite, Unteilbarkeit der Marktmacht, Anpassungsmängel, Nichtrationalität), Keynesianismus versus Angebotstheorie sowie die Gefahr des Staatsversagens
Schlagworte
Politische, Spannungsfeld, Markt, Staat
Arbeit zitieren
Ulrike Kassem (Autor), 2003, Politische Ökonomie im Spannungsfeld zwischen Markt und Staat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47688

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