Zur Analyse der Clara aus E.T.A. Hoffmanns 'Der Sandmann'


Hausarbeit, 2004
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textimmanente Deutung der Clara
2.1 Nathanael über Clara
2.2 Clara über sich
2.3 Der Erzähler über Clara

3. Zwischenresümee

4. Psychoanalytische vs. naturphilosophische Deutung
4.1 Psychoanalytische Deutungen
4.2 Naturphilosophische Deutungen

5. Clara als Personifizierung der Aufklärung

6. Das Verhältnis Clara – Olimpia

7. Die Schlussszene

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Erzählung „Der Sandmann“, deren erste Fassung E.T.A. Hoffmann in der Nacht des 16.11.1815 niederschrieb, erschien erstmalig 1817 als erster Teil des Zyklus´ „Nachtstücke“.[1] Von zeitgenössischen Literaturkritikern wurde die Novelle, ebenso wie das Gesamtwerk Hoffmanns, ablehnend behandelt, beim breiten Publikum galt Hoffmann jedoch als populärer Autor.[2] Spätestens seit Freuds Essay „Das Unheimliche“ (1919), in dem das Phänomen des Unheimlichen anhand der Erzählung psychoanalytisch beschrieben wird, gilt Der Sandmann als eines der bedeutendsten Werke des Hoffmannschen Oeuvres. Die Vielzahl der Auflagen der Erzählung sowie mehrere Verfilmungen können als Indiz für das anhaltende Interesse an der Erzählung herhalten. Zahlreiche Interpretationen beschäftigen sich mit verschiedensten Aspekten der Novelle. Als die am häufigsten gebrauchten Themenvorgaben zur Interpretation des Textes benennt Nikolai Vogel folgende: „Betonung der Polyperspektivität, Untersuchungen zur Leitmotivik, Erzählerthematik, Künstler vs. Bürgertum, Aufklärung und Romantik, Wahnsinnsthematik, Automat, verdrängte Sexualität und die Wirkung der Unheimlichkeit“.[3] Vor allem in den Interpretationsansätzen, die sich auf das Verhältnis von Aufklärung und Romantik beziehen, spielt die Analyse der Clara eine große Rolle, da sie in diesem Zusammenhang als die Personifizierung der Aufklärung verstanden wird.[4]

In der Sekundärliteratur erfährt die Figur der Clara äußerst kontroverse Deutungen. Lee B. Jennings meint gar, dass „the watershed for schools of thought about Der Sandmann seems to be the evaluation of Clara´s character”[5]. Der Erzähler selbst betont die ambivalente Rolle der Clara, indem er feststellt:

„Clara wurde deshalb von vielen kalt, gefühllos, prosaisch gescholten; aber andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefasst, liebten ungemein das gemütvolle, verständige, kindliche Mädchen, […]“[6]

In dieser Arbeit soll zunächst eine textimmanente Deutung der Clara versucht werden. Anschließend soll eine Unterscheidung zwischen psychoanalytisch und naturphilosophisch motivierten Interpretationen eine Erklärung für die konträren Bewertungen der Clara liefern. Dass die im Text angelegte ambivalente Darstellung am ehesten in Deutungen, die das Verhältnis zwischen Aufklärung und Romantik untersuchen, herausgearbeitet wird, kommt im folgenden Kapitel zur Sprache. Um diese ambivalente Darstellung aufzuzeigen, wird abschließend der Bezug zwischen Clara und Olimpia untersucht.

2. Textimmanente Deutung der Clara

Dass Hoffmann eine Vorliebe für sprechende Namen hatte, wird auch im Sandmann deutlich: Der Name Nathanael ist hebräisch und bedeutet „Gottesgeschenk“ bzw. „Gott hat gegeben“[7], die Namen Coppelius und Coppola enthalten sowohl das italienische „coppo“, das mit „Augenhöhle“ übersetzt werden kann, können aber auch mit dem italienischen „coppella“ (dt. Schmelztiegel) in Verbindung gebracht werden. Und so ist auch die Namenswahl der weiblichen Protagonistin keineswegs zufällig: Clara steht symbolisch für das Helle, Rationale, Klare.[8]

Eine Einschätzung bzw. Beschreibung der Clara erhält man von drei unterschiedlichen Instanzen: zunächst einmal von Nathanael, der in seinem Brief an Lothar bereits die ersten beschreibenden Attribute verwendet; eine weitere Einschätzung erhält man von Clara selbst, die jedoch primär Nathanaels Äußerungen antizipiert; die umfassendste – jedoch nicht gerade aufschlussreiche - Charakterisierung der Clara wird einem durch den Erzähler im Anschluss an die Exposition (in Form der drei Briefe) vermittelt.

2.1 Nathanael über Clara

Nathanael führt durch seinen Brief, in dem er über seine traumatischen Kindheitserlebnisse berichtet, unvermittelt in die Erzählung ein. Schon in den ersten Zeilen erwähnt er seine Verlobte, sein „holdes Engelbild, so tief [ihm] in Herz und Sinn eingeprägt.“ Trotz der folgenden Darstellung der Ereignisse, die zu einer „zerrissenen Stimmung des Geistes“ führten, spricht er von „süßen Träumen“, in denen seines „holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber [geht] und [ihn] mit ihren hellen Augen so anmutig an[lächelt]“[9] Nathanael beginnt von der Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola und den dadurch hervorgerufenen Kindheitserinnerungen zu berichten. Dabei antizipiert er sowohl die Reaktion Lothars (der eigentliche Adressat) als auch Claras: „Indem ich anfangen will, höre ich dich lachen und Clara sagen: das sind ja rechte Kindereien!“[10] Am Ende seiner Schilderungen ist Nathanael davon überzeugt, dass die Figuren Sandmann, Coppelius und Coppola identisch sind. Er befindet sich in einer schlechten Verfassung und möchte seiner „liebe[n] holde[n] Clara […] in ruhigerer Gemütsstimmung“[11] schreiben. Er bittet Lothar, der Mutter nichts von den Ereignissen zu erzählen, inwieweit der eigentliche Adressat Clara über die Vorkommnisse und Nathanaels Zustand informieren soll/darf, wird jedoch nicht explizit erwähnt.

Erst durch Nathanaels zweites Schreiben wird deutlich, dass er Clara zumindest nicht ausführlich informieren wollte.[12]

„Sie hat mir einen tiefsinnigen philosophischen Brief geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, dass Coppelius und Coppola nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der Tat, man sollte gar nicht glauben, dass der Geist, der aus solch hellen hold lächelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum, hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren könne.“[13]

An dieser Textstelle lassen sich zwei problematische Aspekte herauslesen, die das Verhältnis Clara – Nathanael determinieren. Zum einen herrscht zwischen den beiden ein Kommunikationsproblem.[14] Clara streitet nicht die Existenz von Coppola und Coppelius ab, sondern den Einfluss, den sie auf Nathanael ausüben. Ebenso wird deutlich, dass Nathanael nicht mit einer derart rationalen Deutung der Ereignisse durch Clara gerechnet hat. Sein Bild von Clara als „süßes liebes Engelsbild“ geht mit einer Frau, die derartige Erklärungen liefert, nicht konform. So schreibt er weiter:

„Sie beruft sich auf dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du liesest ihr wohl logische Collegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne. – Lass das bleiben! –[…]“[15]

Nathanael glaubt, dass Clara nur durch Lothars Hilfe, zu ihren rationalen Annahmen gelangen konnte. Er untersagt Lothar weiterhin einen derartigen Einfluss auszuüben. Überraschend ist der plötzliche Stilwechsel. Die kurzen Sätze, sowie der finale Imperativ erzeugen einen aggressiven Eindruck. Und auch wenn Nathanael an dieser Stelle zu der Einsicht gelangt ist, dass Coppelius und Coppola nicht identisch sind, scheint dies nicht Resultat von Claras Erörterung zu sein. Vielmehr benennt er Spalanzani, der versichert Coppola schon seit vielen Jahren zu kennen, als vertrauenswürdigen Informanten. Er beendet diesen Brief, in dem er noch einmal verdeutlicht, dass ihm Claras intellektuelle Anwandlungen missfallen:

„Ich muss mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara, wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich (ich muss das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.“[16]

Nach den Briefen berichtet der Erzähler von dem Fortgang der Ereignisse. Auch wenn Nathanael in direkter Rede Claras Charakter wertet, sollen diese Äußerungen erst im Folgenden zur Sprache kommen.

2.2 Clara über sich

Die einzigen Aussagen, die Clara über sich selbst trifft, findet man in ihrem Schreiben an Nathanael. Man kann jedoch kaum von einer Selbsteinschätzung oder Selbstreflexion sprechen, da lediglich die Einschätzungen anderer, vor allem Nathanaels, wiedergegeben werden. Nur indirekt versucht sie sich von dem Bild, das Nathanael von ihr hat, zu distanzieren:

„Aber hast du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei vorgeworfen, ich hätte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemüt […], so darf ich doch wohl kaum versichern, dass deines Briefes Anfang mich tief erschütterte.“[17]

Sie versucht den Eindruck, dass sie die Existenz düsterer, äußerer Einflüsse verleugnet, zu widerlegen, in dem sie von starker Betroffenheit berichtet, die sie jedoch recht schnell wieder überwindet.[18] Sie liefert eine rationale Erklärung der Ereignisse, ebenso wie sie Nathanaels düster determinierte Wahrnehmung analysiert. Es ist allerdings nicht ersichtlich inwieweit sie selbstständig zu ihren Erkenntnissen erlangt ist, da sie sich auf andere Instanzen zur Untermauerung ihrer Hypothesen beruft. So lässt sie ihre Annahme über die alchimistischen Experimente des Vaters, durch den Apotheker bestätigen. Ihre Ausführungen über die Wirkungszusammenhänge von äußerer Wahrnehmung und innerer Verfasstheit lässt sie sich nicht nur von Lothar bestätigen, sondern schließt sie mit einer Bemerkung Lothars, von der sie sagt, dass sie sie selbst nicht verstehe. Ob diese Bemerkung nun stimmt oder sie sich dem Clara-Bild Nathanaels wieder annähern möchte, ist nicht ersichtlich. Doch ist sie offensichtlich bemüht eine Relativierung ihrer „magistermäßigen“ Erörterung vorzunehmen, indem sie bemerkt:

„[…] wir […] [haben] uns recht über die Materie […] ausgesprochen […], die mir nun, nachdem ich nicht ohne Mühe das Hauptsächlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt.“[19]

Man kann diese Bemerkung sicher auch als einen Hinweis auf Claras intellektuelle Grenze lesen, doch ist es ebenso möglich, dass diese Aussage einen Konflikt verhindern soll. An anderer Stelle des Briefes findet sich ein Indiz dafür, dass die Problematik zwischen den beiden nicht zum ersten Mal zur Sprache kommt: „Nun wirst du wohl unwillig werden über deine Clara, du wirst sagen: in dies kalte Gemüt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen […]“[20].

Hier antizipiert Clara Nathanaels Reaktion. Dass sie mit der Vorhersage von Nathanaels Reaktionen nicht zwangsläufig richtig liegt, soll folgende Textstelle verdeutlichen: „Ich finde wohl gar am Ende nicht die rechten Worte und du lachst mich aus, nicht weil ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle, es zu sagen.“[21] Nathanael ist seinem Antwortbrief zufolge weit davon entfernt über ihre Ausführungen zu lachen. Doch ist auch hier nicht offensichtlich, ob sie wirklich mit einer derartigen Reaktion rechnet, oder ob die Bemerkung der Abschwächung ihrer Ausführungen dienen soll.

Die einleitenden Briefen lassen zwei Annahmen zu: zum einen ist Clara mehr als ein „holdes Engelsbild“[22] mit „lächelnden Kindesaugen“[23], zum anderen scheint die Beziehung der beiden schon vor Nathanaels Weggang nicht nur durch „heftige Zuneigung“[24] bestimmt.

[...]


[1] Vgl. Bönnighausen, Marion: Der Sandmann, Das Fräulein von Scuderi interpretiert von Marion Bönnighausen. München 1999, S. 21

[2] Vgl. ebd. S. 19

[3] Vogel, Nikolai: E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann als Interpretation der Interpretation. Frankfurt a. M. 1998, S.18

[4] Auf eine erneute Inhaltsangabe bzw. Nacherzählung soll an dieser Stelle verzichtet werden, da sich in einer Zusammenfassung des Sandmanns die Implikation erster Deutungsansätze kaum vermeiden lässt.

[5] Jennings, Lee B.: Blood of the Android. A Post-Freudian Perspective on Hoffmann´s Sandmann. In: Seminar. A Journal of Germanic Studies. Vol XXII, Nr.1, Feb. 1986, S. 101, zit. nach Vogel, 1998, S. 14

[6] Zitiert wird im Text nach: E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, hrsg. von Rudolf Drux. Stuttgart: Reclam 2003, S. 21

[7] Nathanael ist ebenfalls die griechische Entsprechung für den Namen Theodor, Hoffmanns zweiten Vornamen, aus diesem Grunde wird in einigen Interpretationen ein Bezug zwischen Protagonist und Autor hergestellt: so z.B. bei Freud, der Zusammenhänge zwischen Nathanaels Verlust des Vaters und der frühen Scheidung von Hoffmanns Eltern herstellt. Vgl. Freud, In: Wittkop-Ménardeau, 1968, S. 15

[8] Vgl. Giese, Peter Christian: Lektürehilfen E.T.A. Hoffmann Der Sandmann. Stuttgart 1988, S. 54 - 56

[9] Sandmann, S. 3; Schon in den ersten Zeilen wird das Leitmotiv „Auge“ eingeführt, die Synästhesie kann als ein erster Hinweis auf das Motiv identifiziert werden.

[10] Ebd. S. 4; Dass die Antizipation von Aussagen wichtiges Kommunikationselement ist, soll weiter unten noch näher ausgeführt werden.

[11] Ebd. S. 12

[12] „Sehr unlieb ist mir, dass Clara neulich den Brief an dich […]las.“, ebd. S. 16

[13] Ebd. S. 16

[14] Vogel stellt fest, dass Nathanael seine Erlebnisse durch die beobachtungsleitende Unterscheidung von Freiheit/Schicksal deutet, während Claras Beobachtungen durch die Unterscheidung von Außen/Innen bestimmt sind. Auf dieser Grundlage ist eine ungestörte Kommunikation nicht möglich. Vgl. Vogel, 1998, S. 79f

[15] Ebd. S. 16

[16] Ebd. S. 17

[17] Ebd. S. 12f.

[18] „ Doch bald, schon den anderen Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet“, ebd. S. 13

[19] Ebd. S. 15

[20] Ebd. S. 14

[21] Ebd. S. 14

[22] Ebd. S. 3

[23] Ebd. S. 16

[24] Ebd. S. 19

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zur Analyse der Clara aus E.T.A. Hoffmanns 'Der Sandmann'
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V47692
ISBN (eBook)
9783638445771
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Clara, Hoffmanns, Sandmann
Arbeit zitieren
Cornelia Lauterbach (Autor), 2004, Zur Analyse der Clara aus E.T.A. Hoffmanns 'Der Sandmann', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47692

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