Neotribalisierung Jugendlicher am Beispiel des HipHop


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
20 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rap

3 HipHop
3.1 Musik
3.2 Mode
3.3 Breakdance
3.4 Graffiti
3.5 Jam
3.6 Sprache

4 Glokaler HipHop

5 Geisteshaltung und Ideologie

6 Die Kunst im HipHop

7 Soziokulturelle Hintergründe

8 Verdeutlichung anhand ausgewählter Beispiele
8.1 Deutscher HipHop
8.1.1 Politische Texte
8.1.2 Unpolitische Texte
8.2 Palestinian Rappers

9 Zusammenfassung

Literatur

Anhang

1 Einleitung

Kommt einem der Begriff „HipHop“ zu Ohren, so denkt man sicherlich zunächst an den seit Jahren populären Musikstil. Dass die Musik einen wichtigen Bestandteil einnimmt, ist nicht von der Hand zu weisen. Es gibt jedoch noch weitere wesentliche Elemente des HipHop, wie das Sprühen von Graffiti, Breakdancing, eine bestimmte Mode und Ideologie.

HipHop ist eine eigene Art zu denken, zu reden und sich auszudrücken. Das musikalische Element des HipHop verkörpert zunächst vor allem das durch amerikanische Medien suggerierte Bild von Gewalt und Brutalität. Was aber macht HipHop aus, welches sind seine musikalischen und gesellschaftlichen Wurzeln und warum ist HipHop schon seit 30 Jahren[1] eine eigenständige Subkultur, bzw. ein wichtiger Bestandteil des Zeitgeists? Diese Fragen sollen in der zugrunde gelegten Arbeit besprochen werden.

Inzwischen ist HipHop eine der dominierenden Jugendkulturen in Deutschland geworden. In dieser Hausarbeit erläutere ich den Begriff HipHop und widme mich den einzelnen Elementen dieser Jugendkultur. Ich gehe vor allem auf Sprache und Ideologie ein. Im letzten Teil dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Aussage des HipHop an ausgesuchten Beispielen.

Immer wieder spielen Modernisierungsprozesse eine Rolle. Die Neotribalisierung, die Suche nach einer „Ersatzfamilie“, nach Tradition und nach Wurzeln scheint ein wichtiges Element im Leben eines Jugendlichen zu sein.

Aufbauend auf einer Literaturrecherche gebe ich einen kurzen Überblick über das kulturelle Phänomen HipHop. Ursprünge und Verflechtungen mit anderen Musikstilen spielen hier genau so eine Rolle, wie auch die gesellschaftlichen Bezüge.

[…] vom ersten bis zum letzten ton eine Welt für Freaks mit Rap und Flow. […]

Ich hab soviele Reime drauf, darauf komm ich nicht mehr klar.

Denn wir sind Freaks F-R-E-A-K-S wo auch immer wir sind wird in das Mikro gerappt. Gecheckt?! Wir sind aussergewöhnlich musikalisch fett ob mit oder ohne Effekt fetter Hartkernrap. Mit Technik kann ich es nicht lassen dir die Ohrn vollzurappen mich nach vorn zu tasten. Mit meiner Aufgabe die ich habe noch ne Frage! Zu dem was ich sage oder Vorschlage wenn ich mich in Wortspiele bade dir an die Nerven nage kleiner Knabe ohne Gnade wie ne Hyper made mit der Reimgarantiekarte mich einlade

dir etwas Vortrage stehe grade kapier die Lage denn ich bin hier die Waage

wiege den inhalt meiner Gedankenausschüttung[2].

2 Rap

Rap bezeichnet den für den HipHop typischen Sprechgesang. Das englische Verb ‚to rap’ (schlagen, pochen, klopfen) ist bereits seit 1870 als Ausdruck für eine aggressive Art des Sprechens bekannt. Informanten der Polizei wurden als ‚Rapper’[3] betitelt.

Die Wurzeln des Sprechgesangs sind über viele Jahrhunderte zurückverfolgbar. Man findet Sprechgesang unter anderem bei den Griots, bei Gefangenen – und Sklavenliedern, Funk und auch Be-Bop[4]. In den 20iger Jahren, waren Comedy - Duos sehr beliebt, die zu instrumentalen Begleitungen zweideutig zu unterschiedlichsten Themen reimten[5].

‚Griots’ ist die Bezeichnung für westafrikanische Geschichtenerzähler, die für die Dorfbewohner noch heute das Fenster zur Welt sein können. Sie sind Dorfweise, die traditionell abendliche bewegende Vorträge meist in Form von Reimen vor den Stammesangehörigen vortragen. Diese Berichterstattung in improvisierter Art wird[6] als Urform des Freestyles[7] und des Rappens bezeichnet.

Einen weiteren wesentlichen Vorläufer hat der Rap im Toasting, das von jamaikanischen Reggae- DJ’s eingeführt wurde[8]. Es handelt sich ursprünglich um meist gereimte, rhythmisch gesprochene Geschichten, die zur gegenseitigen Unterhaltung vorgetragen wurden.

Gesprochene Phrasen gab es bereits in manchen Popsongs, bevor der Rap entstand[9]. Die Entstehung des modernen Sprechgesangs in der populären Musik war also keine ungewöhnliche Entwicklung.

Die heute noch übliche rein musikalische Verwendung des Ausdrucks ‚Rap’ entstand Anfang der siebziger Jahre mit der Entwicklung der Breakbeats[10] in der HipHop- Musik.

Die musikalische Einteilung in ein Schema ist aufgrund der enormen stilistischen Bandbreite schwierig. Im Wesentlichen ist Rap patternorientiert aufgebaut. Es werden bestimmte Sequenzen mit einem hohen Wiedererkennungswert eingesetzt und entsprechend wiederholt (beispielsweise während der Dauer eines Verses oder des Refrains).

Der Sprechgesang wird betont rhythmisch vorgetragen und reimt sich häufig. Rap kann hart oder sanft klingen und bezieht sich meist auf die Alltagssprache, den Slang. Der amerikanische Rap zeichnet sich durch eine gewisse Coolness aus. Schwierige Textpassagen werden möglichst locker durchschritten. Emotional herrschen Sarkasmus und Abgeklärtheit vor. Rap ist voll ironischer Übertreibungen und Wortspiele. Es wird nicht nur rhythmisch gesprochen, sondern auch mit Tempo, Tonhöhe und Klangfarbe gespielt.

Eine Aufzählung der amerikanischen Rapper von 1970 bis heute würde den Rahmen sprengen und ist für diese Arbeit auch nicht sinnvoll. Ein Großteil von ihnen sind und waren Afroamerikaner.

Seine erste Ausbreitung fand der Rap in New York, in der Bronx und galt als Tanz- und Partymusik[11].

Der so genannte Gangsta – Rap[12] suchte mit teilweise übertriebenen oder verherrlichenden Schilderungen der Ghettos die Konfrontation mit den Medien[13]. Dieser Stil gehört zur ‚new school’ und entstand Mitte der 80er Jahre in Los Angeles. Ab dieser Entwicklung galt Rap als politisch.

Der folgende Textausschnitt des Liedes Some L.A. Niggaz von Dr.Dre (1999) soll als Beispiel für die Politisierung des Rap dienen:

L.A.niggaz rule the world nigga Y'all niggaz gotta recognize, yaknahmsayin?
Niggaz don't wanna peep game, yaknahmsayin? But this shit come all the way back around here My nigga Dre, droppin heat box on y'all bitch-ass Yaknahmsayin? You gotta recognize L.A. niggaz, connected all over the motherfuckin world, nigga
Recognize this[14]

Die ausgeprägte Fäkaliensprache lässt einen zuerst an einem ernsthafteren politischen Anliegen zweifeln. Tatsächlich handelt es sich um einen gewollten Tabubruch mit der weißen Kultur. Mancher Gangsta-Rapper glorifiziert Drogenkonsum und erzählt von illegalen Geschäften als notwendigen Mitteln im Überlebenskampf. Diese Grenzüberschreitungen haben jedoch nicht nur auf die Zustände der armen Bevölkerungsschichten aufmerksam gemacht, sondern wurden gründlich missverstanden und trugen zu einer Verstärkung der Gewalt bei:

Zu den Fans [des Gangsta- Rap] zählen gerade jene Käuferschichten, die noch nie ein Ghetto betreten haben, aber in dieser Musik ihr aggressives Potential kanalisieren können. Trauriger Höhepunkt des Gangsta- Rap war die Ermordung der Rapper Tupak Shakur und The Notorious B.I.G. Mitte der 1990er Jahre.[15]

3 HipHop

Ich definiere „HipHop“ nicht als rein musikalischen, sondern als sozio - kulturellen Begriff. Dieser schließt auch das Umfeld: Mode, Breakdance, Graffiti, Geisteshaltung und Ideologie mit ein.

Mitte der 1970er Jahre wurde HipHop zur allgemeinen Bezeichnung für die um die Rap- Musik herum entstandene amerikanische Jungendkultur[16]. Da HipHop heute noch existiert und aktuell ist, kann man von einer gewissen Langlebigkeit sprechen. Langlebigkeit steht jedoch in einem Widerspruch zu dem, was allgemein unter Pop verstanden wird[17]. Über mehr als 20 Jahre haben sich die Prinzipien, Regeln und Wertesysteme des HipHop etabliert und verfestigt[18].

Der Begriff HipHop könnte vom Tanz stammen und mit „Hüftsprung“ übersetzt werden[19].

Als HipHop in Amerika immer mehr Gehör fand, wurde diese Jugendkultur nach Europa und damit auch nach Deutschland getragen. Verschiedene Faktoren trugen dazu bei: dazu gehörten einerseits die Medien, andererseits fand der HipHop auch Verbreitung, in dem er von amerikanischen Soldaten, die während des kalten Krieges in Deutschland stationiert waren, mitgebracht wurde. Auch Filme wie Wild Style (1982) und Beat Street (1984) haben zur weltweiten Verbreitung beigetragen[20]. Die Filme importierten aber nicht nur die Musik, Brakdance und Graffiti, sondern wirkten auch mit bei der Mystifizierung des Rappers[21].

[...]


[1] Zumindest in Amerika

[2] Von der Gruppe F.A.B., Auszüge aus der ersten Strophe von F.A.B. am Mikrophon, Vgl.: http://www.deflok.de/HipHopLyrics/Texte/FAB/FAB_am_Mikrofon.txt, Stand: 30.09.2005.

[3] Poschardt, Ulf, DJ Culture. Diskjockeys und Popkultur, Hamburg, 1995, S.153.

[4] Mitte der vierziger Jahre, Gesangstechnik, bei der die Stimme durch taktisches und perkussives Benutzen einzelner Silben instrumentalisiert wurde.

[5] „Hokum – Blues“ (Krekow, Sebastian/ Steiner, Jens/ Taupitz, Mathias, HipHop- Lexikon, Berlin, 1999a.a.O., S.11)

[6] laut Krekow, a.a.O., S.157.

[7] improvisiertes Reimen und Kreieren von Versen in Echtzeit

[8] Krekow, a.a.O., S.309.

[9] z.B. bei Barry White

[10] Breakbeats entstanden, als DJ’s anfingen, dem Publikum kurze Sequenzen aus ihrem Alltag zu erzählen. Sie erzählten in einer rhythmischen Sprechweise, unterlegt von eingängigen Instrumentalteilen, die sie durch Überblendung mit einem zweiten Exemplar der gleichen Platte verlängerten.

[11] Vgl.: Farin, Klaus, Jugendkulturen zwischen Kommerz und Politik, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung, Erfurt, 1997, S.45f.

[12] Hierzu zählen beispielsweise Ice-T und Dr Dre

[13] Vgl. Toop, David, Rap Attack African Jive bis Global HipHop, München, 1992, S.208f.

[14] siehe unter: http://www.purelyrics.com/index.php?lyrics=hwdyogch, Stand: 05.09.2005.

[15] Vgl. Klein, Gabriele/ Friedrich, Malte, Is this real? Die kultur des HipHop, Frankfurt a.M., 2003, S.28.

[16] Vgl. Klein, a.a.O., S.8.

[17] kurzlebig aber intensiv, purer Augenblick

[18] Vgl.: Klein, a.a.O., S.14.

[19] Dies ist allerdings nur eine Vermutung.

[20] Der Film Beat Street brachte den HipHop nach ganz Deutschland, BRD und DDR.

[21] = Schwarzer aus Elendsstadtviertel mit harter Realität; erringt Anerkennung und wirtschaftlichen Reichtum durch seinen Erfolg mit der Musik… eine ähnliche Geschichte erzählt 20 Jahre später der Film 8 Mile (2002) mit dem weißen Rapsänger Eminem. Hier wird wieder die Langlebigkeit des HipHop deutlich!

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Neotribalisierung Jugendlicher am Beispiel des HipHop
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Modernisierungsprozesse
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V47726
ISBN (eBook)
9783638446075
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neotribalisierung, Jugendlicher, Beispiel, HipHop, Modernisierungsprozesse
Arbeit zitieren
Yvonne Stingel (Autor), 2005, Neotribalisierung Jugendlicher am Beispiel des HipHop, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47726

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