Der anthropologische Kulturbegriff Arnold Gehlens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

13 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Morphologie des Menschen im Vergleich zum Tier

III. Der Kulturbegriff Arnold Gehlens

IV. Der Prozess des Kulturbildens

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

Einleitung

„Die Kultur beginnt genau dort, wo der Mensch zum ersten Mal seinen Organismus überschreitet und sich eine neue Welt zwischen den Individuen aufbaut, eine Welt der materiellen Zeichen und Geräte, die fortan die Außenwelt seines Handelns wie die Innenwelt seines Denkens und Fühlens, seines Erlebens und Strebens prägen werden.“1

Dieses von dem deutschen Philosophen Oswald Schwemmer behandelte Interagieren des Menschen mit seiner Außenwelt untersucht auch Arnold Gehlen in seinem Werk „Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt“. In diesem versucht er sich an einer Deutung des menschlichen Wesens und dem damit einhergehenden Entwickeln eines anthropologischen Kulturbegriffs.2 Auch in der vorliegenden Arbeit soll es um diesen von Gehlen nicht allein innovierten, jedoch mit Bezügen zu Max Scheler, Helmut Pleßner und Johann Gottfried Herder Referenz ziehenden Kulturbegriff gehen. Um die Funktion, aber auch die Notwendigkeit und den Prozess des Entstehens der Kultur und des negativ geprägten Kulturbegriffs bei Arnold Gehlen umfassend diskutieren zu können, wird sich die Arbeit in drei Bestandteile gliedern. Zunächst, und dies ist unabdingbar, um die Ursprünge des Kulturbegriffs zu ergründen, wird ein Vergleich hinsichtlich der Spezialisierung und der morphologischen Ausstattung zwischen Mensch und Tier erfolgen. Bereits in diesen frühen Schritten der Arbeit wird die Schutzbedürftigkeit und die Instinktlosigkeit des Menschen gegenüber dem Tier verdeutlicht.3 Anschließend und als Antwort auf diesen „negativen Kulturbegriff“ Gehlens wird die Notwendigkeit sowie die Funktion der menschlichen Kultur dargestellt, welche der Mensch in Folge des Handlungsbedürfnisses, entspringend aus der Unspezialisiertheit im Vergleich zum Tier, entwickeln muss.4

Abschließend wird der Prozess des Kulturbildens in den Gang der Untersuchung einbezogen. An dieser Stelle wird, unter anderem am Beispiel der Rolle des menschlichen Auges, der Vorgang des Schaffens einer „Kultursphäre“5, welche es dem Menschen ermöglicht, eine angepasste Welt vorzufinden, erörtert. So wird ein inhaltliches Pendant zur zwingenden Notwendigkeit des Kulturschaffens in Form des tatsächlichen „Handelns“ des Menschen gesetzt.

Auf dem Weg des Herausbildens der Kulturbildung bei Arnold Gehlen wird überwiegend der Primärtext die Grundlage bilden. Zudem sind einige unterstützende Werke aus der Kulturphilosophie als Sekundärtexte dienlich, werden aber lediglich begleitend zu der Abhandlung Gehlens wirken. Ziel und Anspruch der vorliegenden Arbeit soll hierbei maßgeblich in dem Darstellen und Diskutieren des spezifisch von Arnold Gehlen dargestellten Kulturbegriffs liegen. Weitere kulturphilosophische Ansätze dieser Zeit hinzuzuziehen wäre interessant, würde jedoch essentiellen Raum nehmen, um Gehlens Kulturbildung hinreichend skizzieren zu können.

Die Morphologie des Menschen im Vergleich zum Tier

Um die Ursache und die Funktion der Kultur im Sinne Gehlens darstellen zu können, soll im folgenden Kapitel der Arbeit der auch von Gehlen getätigte Vergleich von Mensch und Tier erfolgen. Anhand dieses Vergleiches wird die biologisch-morphologische Sonderstellung des Menschen in Relation zu vergleichbaren Wesen verdeutlichet. Beginnend in der Tierwelt und ihrer Interaktion mit der Natur und der Umwelt spricht Gehlen von einer „Einpassung“6. Diese bezieht sich zunächst auf die Instinkte der Tiere, welche durch ihre Eigenschaften an eine spezifische Umwelt angepasst sind.7 Über die Instinkte hinaus nennt Gehlen „Einzelheiten der Sinnesorgane, der Verteidigungs– und Angriffswaffen, der Ernährungsorgane usw.“8 Das Tier, so wie Gehlen es beschreibt, scheint demnach auf ein fest begrenztes „Gebiet“ spezialisiert zu sein, in welchem es sich aufgrund seiner morphologischen Voraussetzungen bestmöglich bewegen kann. Beispielhaft hierfür nennt Gehlen unter anderem die hochentwickelten Großaffen, welche durch zahlreiche körperliche Voraussetzungen ihrer spezifischen Situation, nämlich dem sicheren Klettern in großen Höhen, begegnen.9

Vergleicht man nun den Menschen in evolutionärer und morphologischer Sicht mit dem Tier, ist bemerkbar, dass der Mensch hinsichtlich dieser Kriterien ausdrücklich als ein Mängelwesen bezeichnet werden muss.10 Gehlen formuliert diesen Ansatz sogar soweit aus, dass er den Menschen durch die „organische Primitivität und Mittellosigkeit“11 als „lebensunfähig“12 darstellt. Diese „Unfertigkeit“13, die der Mensch gerade im Säuglings– und Kindesalter im Vergleich zum Tier aufweist, stellt für ihn eine „Belastung“14 dar. Konkreter äußert sich diese Belastung in den ungefilterten, mannigfaltigen Eindrücken der Umwelt, welche ungebremst und ohne Ordnung auf den Menschen einwirken.15 Diese Reizüberflutung lässt die Welt für den Menschen wie ein „Überraschungsfeld“16, welches nicht wie durch die Instinkte der Tiere geordnet und strukturiert ist, wirken.17 Um dieser „Belastung“ zu begegnen, interagiert der Mensch handelnd mit einer „Entlastungsleistung“18, welche das Nutzen und Verändern der Belastung durch die Mannigfaltigkeit in das „Lebensdienliche“19 beinhaltet.

Der Kulturbegriff Arnold Gehlens

Ausgehend von der „Belastung“, welche auf den Menschen wirkt, „sehen wir hier eine der wichtigsten Seiten des erwähnten Prinzips: die Weltoffenheit, die untierische Ausgesetztheit gegenüber einer organisch gar nicht angepaßten [sic!] Überflutung mit Wahrnehmungseindrücken […].“20 Als Antwort auf die Mangelhaftigkeit sowie die Weltoffenheit skizziert Gehlen seinen „negativen Kulturbegriff“, welcher eine Notwendigkeit des Bildens von Kultur zum Sichern des menschlichen Lebens beinhaltet.21 Um diese Bestrebung zu verwirklichen, verhält sich der Mensch als „handelndes“22 und „stellungnehmendes“23 Wesen, um dem „Unfertigsein“24 ein „In-Form-Kommen“25 folgen zu lassen. Dieser Wandel, welcher im Zuge der Interaktion mit der Welt erfolgt und in dem Bilden von Kultur mündet, beinhaltet laut Gehlen die Aufgabe, mit welcher sich der Mensch konfrontiert sieht.26 Anders als beim Tier, welches der unmittelbaren Umwelt gegenüber steht, schafft sich der Mensch so eine „zweite Natur“27, die „Kulturwelt“28, welche an Stelle der Umwelt steht. Aufgrund dieses konstruierten Wesens der Natur stellt Gehlen den Menschen nicht als Naturmenschen dar, da es keinen Menschen ohne Beeinflussung von Sprache, Waffen, Werkzeug und Behausung gibt und die Kultur dem Menschen somit immanent ist.29 Möchte man den Menschen ein weiteres Mal mit dem Tier vergleichen und somit auch die Kulturwelt der Umwelt gegenüberstellen, lässt sich ein plastisches Beispiel Gehlens hinzuziehen. So beschreibt er ein Eichhörnchen, für welches die Ameise am selben Baum, auf dem es sich befindet, keine Relevanz hat.30 Weder beeinträchtigt die Ameise das Eichhörnchen, noch nützt es ihm in seiner eingepassten Lebenssituation, woraus die beiden voneinander unabhängigen, getrennten Nischen entstehen, obwohl räumlich kaum eine Distanz herrscht. Der Mensch, stünde er vor jenem besagten Baum, würde sowohl das Eichhörnchen als auch die Ameise am Baum wahrnehmen. Zudem könnte er sich aber auch mit etwas zu diesem Zeitpunkt weit Entferntem, eventuell Irrelevantem beschäftigen.31 Diese umfassende Kulturwelt gipfelt in dem Vorstellen von spirituellen oder göttlichen Sachverhalten, die in der Alltagswelt nie gegenständlich werden können.32 Diese Befähigung lässt den zunächst so negativ diskutierten Kulturbegriff Gehlens, welcher eine Überforderung des Menschen beschrieb, ein breites Feld an Möglichkeiten eröffnen. Die zuletzt so belastende Mannigfaltigkeit spiegelt sich auch in den Bewegungskombinationen des Menschen wieder, welche notwendig sind, um auf die Sachverhalte der Umwelt adäquat reagieren zu können.33 Es ist demnach ein hoher Grad an Anpassungsfähigkeit und Variabilität im Handeln gefragt, um die so facettenreiche Welt in etwas Lebensdienliches zu formen.34 Mit einem vergleichsweise trivialen aber verdeutlichenden Beispiel zeigt Gehlen diese Anpassungsfähigkeit und Variabilität des Menschen. So lässt sich zu jeder spezifischen geographisch-klimatischen Region der Welt ein zugehöriges eingenischtes Tier finden. Beispielhaft nennt Gehlen die Antilope, welche in der Wüste lebt, sowie den Eisbären, der in den Polarregionen beheimatet ist.35 Für beide Regionen, welche zunächst recht unwirtlich erscheinen, lässt sich jedoch feststellen, dass neben den spezialisierten Tieren auch Menschen dort leben.36

[...]


1 Schwemmer Oswald, Die kulturelle Existenz des Menschen, Berlin 1997. S. 30.

2 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Bonn 1962. S. 9.

3 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Band 3, Teilband 1, hrsg. von Karl Siegbert Rehberg, Frankfurt am Main 1993. S. 32. [Reader des Seminars]

4 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Bonn 1962. S. 38.

5 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Bonn 1962. S. 80.

6 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Band 3, Teilband 1, hrsg. von Karl Siegbert Rehberg, Frankfurt am Main 1993. S. 29. [Reader des Seminars]

7 Ebd. S. 30.

8 Ebd. S. 29.

9 Ebd. S. 32.

10 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Band 3, Teilband 2, hrsg. von Karl Siegbert Rehberg, Frankfurt am Main 1993. S. 765.

11 Ebd. S. 37.

12 Ebd. S. 37.

13 Ebd. S. 42.

14 Ebd. S. 42.

15 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Band 3, Teilband 1, hrsg. von Karl Siegbert Rehberg, Frankfurt am Main 1993. S. 35. [Reader des Seminars]

16 Ebd. S. 35.

17 Ebd. S. 35.

18 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Bonn 1962. S. 41.

19 Ebd. S. 41.

20 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Bonn 1962. S. 39.

21 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Band 3, Teilband 1, hrsg. von Karl Siegbert Rehberg, Frankfurt am Main 1993. S. 66. [Reader des Seminars]

22 Ebd. S. 30.

23 Ebd. S. 30.

24 Ebd. S. 30.

25 Ebd. S. 30.

26 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Bonn 1962. S. 42.

27 Ebd. S. 38.

28 Ebd. S. 38.

29 Konersmann Ralf, Kulturphilosophie zur Einführung, Hamburg 2003. S. 33.

30 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Bonn 1962. S. 82.

31 Gehlen Arnold. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, Bonn 1962. S. 82.

32 Ebd. S. 82.

33 Ebd. S. 42 f.

34 Ebd. S. 44.

35 Ebd. S. 80.

36 Ebd. S. 80.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der anthropologische Kulturbegriff Arnold Gehlens
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Anthropologie des 20. Jahrhunderts
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V478181
ISBN (eBook)
9783668964020
ISBN (Buch)
9783668964037
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anthropologie, Philosophie, Gehlen, Arnold
Arbeit zitieren
Karl Huesmann (Autor), 2019, Der anthropologische Kulturbegriff Arnold Gehlens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/478181

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