Novellistisches Erzählen am Beispiel von II,3 (Boccaccios Decameron)


Seminararbeit, 2005

15 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Vorwort

II Novellistisches Erzählen am Beispiel von II,
2.1. Herkunft und Definition einer Novelle
2.2. Rahmenhandlung und Inhalt des Decameron
2.3. Struktur der Novelle
2.4. Rechtfertigung des Decameron

III Novelle II,
3.1. Einordnung in der Gesamtheit des Decameron
3.2. Zusammenführung von Novellentheorie und Novelle II, 3

IV Boccaccio als Novellist

I Vorwort

Im Folgenden befasse ich mich mit Novelle II, 3 aus Boccaccios Decameron. Ich möchte an dieser Novelle beispielhaft die Grundzüge des novellistischen Erzählens festmachen. Die Quellen, von denen ich Ansätze und Gedanken der Novellentheorie übernehme, sind Werke von Degering[1], Kunz[2] und Frau Caporello-Szykman[3]. Als Zusatzliteratur habe ich Werke von Elisabeth Arend[4] und Sergio Zatti[5] verwendet; dabei handelt es sich um Autoren, die das Decameron auf Einzelphänomene wie dessen Thematik, Hauptcharaktere, Komik und Stil untersucht haben. In meiner Arbeit beziehe ich mich überwiegend auf Forschungsergebnisse von Herrn Degering und Frau Caporello-Szykman, die bereits umfassende Analysen zur Novellentheorie und ihrer Anwendbarkeit auf die Novellen des Decameron vorgelegt haben. Da mir die, von Corradina Caporello-Szykman vorgenommene, Aufteilung der maßgeblichen Analysepunkte bezüglich der Novelle in Boccaccios Werk sinnvoll erscheint, habe ich ihre Standpunkte teilweise übernommen. Im Folgenden werde ich zuerst auf einige Ansätze der Novellentheorie eingehen, dann einige Merkmale der Novelle besprechen und auf die Position der von mir behandelten Novelle in der Gesamtheit des Decameron eingehen. Danach werde ich die Charakteristika einer Novelle an Novelle II, 3 des Decameron belegen und zu guter Letzt noch einmal die wichtigsten Punkte zusammenfassen.

II Novellistisches Erzählen am Beispiel von II, 3

2.1. Herkunft und Definition einer Novelle

Den Begriff Novelle könnte man etymologisch etwa vom Italienischen novella, Neuigkeit, herleiten. Der italienische Begriff stammt jedoch ursprünglich vom Lateinischen novellus, der Diminuitivform von novus, kleine Neuigkeit, ab.[6] Tatsächlich bezeichnet man seit der Frührenaissance in Italien eine bestimmte Erzählungsgattung mit dem Begriff Novelle. Interessanterweise wurde dieser Begriff jedoch bereits zu Zeiten des römischen Kaiserreiches verwendet. Damals wurde ein Gesetzesnachtrag mit dem Terminus „Gesetzesnovelle“[7] bezeichnet. Diesen Begriff finden wir auch heute noch in der Justizsprache wieder. Der Terminus Novelle wurde erst in der Ära des italienischen Humanismus für die Literatur erschlossen.[8]

Es ist allerdings nicht leicht, die Novelle als solche eindeutig zu charakterisieren. Zu diesem Zweck wurden bereits eine Vielzahl von Theorien aufgestellt, die die bedeutsamen Charakteristika eines novellistischen Erzählstils aufzuzeigen versuchen. Dabei gibt es zwei Novellentheoretiker, deren Definitionsversuche bezüglich der Merkmale einer Novelle mir besonders bedeutsam erscheinen. Einer dieser beiden ist Friedrich Theodor Vischer:

Die Novelle verhält sich zum Romane wie ein Strahl zu einer Lichtmasse. Sie gibt nicht das umfassende Bild der Weltzustände, aber einen Ausschnitt daraus, der mit intensiver, momentaner Stärke auf das größere Ganze ... hinausweist, nicht die vollständige Entwicklung einer Persönlichkeit, aber ein Stück aus einem Menschenleben, das eine Spannung, eine Krise hat und uns durch eine Gemüts, - und Schicksalswendung mit scharfem Akzente zeigt, was ein Menschenleben überhaupt ist.[9]

Und obwohl Ludwig Tieck ein, der Romanik angehörender Novellentheoretiker ist, hat auch er den Kern der Novelle gut getroffen.

... dass sie einen großen oder kleineren Vorfall in´s hellste Licht stelle, der, so leicht er sich ereignen kann, doch wunderbar, vielleicht einzig ist ... Sie (wird) immer einen auffallenden Wendepunkt haben, der sie von allen anderen Gattungen der Erzählung unterscheidet.[10]

Wie könnte man also die novellistische Erzählweise definieren? Gibt es bestimmte wiederkehrende Merkmale? Zunächst einmal kann man behaupten, dass die Novelle meist kürzeren bis mittleren Umfang hat. Dabei steht im Zentrum der Novelle eine „unerhörte“[11], jedoch wahr anmutende Begebenheit. Meist ergibt sich im Verlauf der Geschichte eine Konflikt ,- bzw. Krisensituation, welche durch eine unvorhergesehene Fügung des Zufalls [einen, der Dramentheorie entlehnten, sogenannten Wendepunkt] einem guten Ende zugeführt wird.[12] Der Charakter des Novellengeschehens ist einer Weise festgelegt, so dass er immer das Element des Überraschenden, Unberechenbaren[13] aufweisen wird. [Das Schicksal, oder der Zufall, können als beglückende oder vernichtende Macht erfahren werden.[14] ]

Es ist allerdings kennzeichnend für die Novelle, dass sie sich nicht eindeutig auf bestimmte Inhalte festlegt. Novellen können erheiternde oder betrübliche, unterhaltsame oder moralische Ziele verfolgen.[15] Josef Kunz weist darauf hin, dass man nur im Hinblick auf die rein - klassische Form der Novelle [wie etwa zu Zeiten Boccaccios] einen „Idealtypus“[16] der Novelle konstruieren könne. Er erwähnt in diesem Zusammenhang vier wesentliche Merkmale: zum einen stellt auch er, das Moment der „Neuheit“ heraus, das die thematische Basis für die Novelle bietet. Er argumentiert dabei logisch, dass es die Neuheit sei, die einer Begebenheit den Reiz verleihe, nicht ihre Bedeutsamkeit oder Auswirkung.

Nur das Neue scheint gewöhnlich wichtig, weil es ohne Zusammenhang Verwunderung erregt und unsere Einbildungskraft einen Augenblick in Bewegung setzt, unser Gefühl nur leicht berührt und unseren Verstand völlig in Ruhe lässt.[17]

Als zweites bedeutsames Merkmal sieht Kunz das „spezifische Klima des Novellengeschehens“. Darunter versteht der Novellentheoretiker, das sich bei der Novelle, im Gegensatz zum Märchen, der Hauptteil [also der Teil der Novelle in dem die eigentliche Entwicklung der Handlung stattfindet] im Hier und Jetzt abspielt. Hinzu kommt, das die geschilderten Begebenheiten zwar nicht alltäglich sind, aber dem Leser zu einem hohen Grad wahrscheinlich erscheinen. An dritter Stelle verweist Kunz auf die „gesellschaftliche“ Erzählsituation des Decameron, die Novellentheoretiker aller Zeiten bereits als bedeutsam hervorgestellt haben [im Decameron das Gesellschaftsideal der toskanischen Patrizier: eine kühle, distanzierte Ironie, eine Norm der Beherrschtheit und Gefaßtheit[18] ]. Eine Novelle will also „in Gesellschaft genossen sein, aber nicht, wie ein Bühnenstück die Gefühle einer großen Menge tief aufwühlen“[19].

In Zusammenhang mit diesem Thema, erwähnt Kunz das vierte bestimmende Merkmal der Novelle – die Intention des Erzählers. Goethe beschreibt diese mit „Zerstreuung“.

Jeder Mensch kann ohne die mindeste Rückkehr auf sich selbst an allem, was neu ist, lebhaften Anteil nehmen; ja, da eine Folge von Neuigkeiten immer von einem Gegenstande zum anderen fortreißt, so kann der großen Menschenmasse nichts willkommener sein als ein solcher Anlaß zur ewigen Zerstreuung und eine solche Gelegenheit, Tücke und Schadenfreude auf eine bequeme und immer sich erneuernde Weise auszulassen.[20]

Grundsätzlich sieht die heutige Novellenforschung den Ur - Autor der Novelle in Giovanni di Boccaccio. Dieser, heutzutage recht bekannte, Italiener hatte im 14. Jahrhundert ein Werk verfasst, das er Il Decamerone (1348-1353) nannte und welches wir heute als ersten, richtigen Novellenzyklus sehen. Aber auch Boccaccios Novellenzyklus hatte bereits Vorgänger. Dazu zählt beispielweise der berühmte arabische Märchenzyklus 1001 Nacht. Man könnte auch einige novellistisch-anmutende Merkmale an den Heiligenlegenden und Exempla - Sammlungen des Mittelalters entdecken.[21] Einen interessanten Aspekt, den André Jolles in diesem Zusammenhang erwähnt, ist die Tatsache, das Boccaccio – obwohl Novelle Neuigkeit bedeutet – oft bereits tradierte Stoffe wiedergegeben hat. [Prinzip der imitatio[22] ] Es geht dabei zwar immer noch um die „Darstellung eines als wahr zu empfindenden Ereignisses“[23], jedoch handelt es sich um einen bereits festgelegten Stoff. Das Genie des Künstlers, bzw. des Schriftstellers, zeigt sich nicht in der Genialität der (bereits erfundenen) Geschichte, sondern darin, wie der Künstler seine ganze Fantasie in die Darstellung eines immer wiederkehrenden Stoffes legen kann. Es geht also bei der Novelle nicht um die „Kunst des Erfindens“, sondern vielmehr um die „Kunst des Erzählens“[24]. Die Novellistik ist also eine Gattung, bei der nicht auf den Erfindungsgeist des Autors ankommt, sondern mehr auf die geistige Kompositions-fähigkeit mit der er bereits gegebene Elemente zusammenfügt. Wie Boccaccio es bereits auch in der Vorrede Decameron erwähnt, möchte er durch kompositorische variatio, ebenfalls ein tradiertes Prinzip antiker Redekunst, seinen Leserinnen das höchste piacere bereiten. In der Vorrede zu seinem Werk merkt Boccaccio an, dass er sich hauptsächlich an Frauen wendet und rechtfertigt damit auch die Verwendung des volgare[25], des Italienischen, des sprachlich zweifelhaften Stils, da die Leserinnen seine Geschichten ohne Probleme verstehen sollen.

[...]


[1] Degering, Thomas, Kurze Geschichte der Novelle: Von Boccaccio bis zur Gegenwart, (München 1994).

[2] Kunz, Josef, Theorie der Novelle, (Darmstadt 1973).

[3] Caporello-Szykman, Corradina, The Boccaccian Novella, (New York 1990).

[4] Arend Elisabeth, Lachen und Komik in Boccaccios Dekameron, (Göttingen 2004).

[5] Zatti, Sergio: “ Il mercante sulla ruota: la seconda giornata”, in: Introduzione al Decameron a cura di M. Picone e M. Mesirca, hg. von F. Cesati (Florenz 2004) 79-99.

[6] Degering 1994: 7.

[7] Degering 1994: 7.

[8] Degering 1994: 7.

[9] Degering 1994: 8.

[10] Degering 1994: 8-9.

[11] Degering 1994: 8.

[12] Degering 1994: 9.

[13] Kunz 1973: 4.

[14] Kunz 1973: 6.

[15] Degering 1994: 10.

[16] Kunz 1973: 1.

[17] Kunz 1973: 2.

[18] Kunz 1973: 6.

[19] Kunz 1973: 7.

[20] Kunz 1973: 2-3.

[21] Degering 1994: 11.

[22] Caporello-Szykman 1990: 34.

[23] Kunz 1973: 115.

[24] Kunz 1973: 115.

[25] Caporello-Szykman 1990: 42.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Novellistisches Erzählen am Beispiel von II,3 (Boccaccios Decameron)
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V47881
ISBN (eBook)
9783638447270
ISBN (Buch)
9783656379188
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Professor hätte gern noch mehr Textbeispiele gehabt.
Schlagworte
Novellistisches, Erzählen, Beispiel, Decameron)
Arbeit zitieren
Stefanie Deutzer (Autor), 2005, Novellistisches Erzählen am Beispiel von II,3 (Boccaccios Decameron), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47881

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