Die Grenzen der Toleranz. "A Letter Concerning Toleration" im philosophischen Gesamtkonzept von John Locke


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitende Betrachtungen
1.1 „Versuch über den menschlichen Verstand“ und „Zwei Abhandlungen über die Regierung“
1.2 Art und Ziel der angestrebten Untersuchung

2. Hauptteil
2.1 Die Toleranzschriften
2.2 A Letter Concerning Tolerantion – der Inhalt
2.3 Die Grenzen der Duldsamkeit
2.4 Plädoyer für die Toleranz

3. Schlussteil
3.1 Weitere inhaltliche Kongruenzen in der Philosophie Lockes
3.2 Lockes Philosophie in ihrer Gesamtheit als mögliches System aufgefasst

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitende Betrachtungen

Was ist Toleranz? Ist Toleranz eine Notwendigkeit oder eine wünschenswerte Tugend? Wo sind die Grenzen und Schranken von Toleranz vorzufinden und wie ist dann „Null Toleranz für Intoleranz“ zu verstehen? Gibt es bestimmte Gesetzmäßigkeiten, denen Toleranz unterliegen muss? Ist Toleranz ein Muss für das soziale Zusammenleben oder ein politisches System? Wie kann man ein von Toleranz geprägtes Leben führen? Fragen über Fragen, die alle einer Antwort bedürfen und dennoch in der alles entscheidenden Frage münden: Was überhaupt ist Toleranz? Nur in den wenigsten Fällen schadet ein erster unbekümmerter Blick in den Duden, da bei Vorlage einer aktuellen Ausgabe davon ausgegangen werden kann, die für die deutsche Sprache entsprechenden Bedeutungen und Begriffsverwandtschaften aufzudecken. Im Band 10 lässt sich folgendes entdecken:

tolerant [tole´rant] <Adj..>:

1. großzügig gegenüber Anders-

denkenden; andere Meinungen,

Verhaltensweisen gelten lassend:

er hat eine tolerante Gesin-

nung; er war tolerant gegen-

über fremden Meinungen. Syn.:

aufgeschlossen, duldsam, frei-

heitlich, freizügig, großzügig,

nachsichtig, verständnisvoll,

weitherzig. […]

Toleranz [tole´rants], die; -: tole-

Rante Gesinnung, tolerantes Ver-

halten: Toleranz zeigen, üben.

Syn.: Entgegenkommen, Ver-

ständnis.

tolerieren [tole´ri:ren] <tr.;hat>:

dulden, gelten lassen (obwohl die

Betreffende Person oder Sache

Nicht den eigenen Vorstellungen

o. Ä. entspricht): sie toleriert

sein Verhalten, seine Meinung;

die Parteien tolerieren sich ge-

genseitig. Syn.: akzeptieren,

anerkennen, billigen, dulden,

respektieren.[1]

Man sollte doch meinen, an dieser Stelle ohne größere Schwierigkeiten voranschreiten zu können, doch auf dem ersten Blick fallen gewaltige semantische Differenzen zwischen den angegebenen Synonyme so klar ins Auge, dass eine genauere Betrachtung zwangsläufig erfolgen sollte. Allein die Spanne zwischen dulden und billigen einerseits respektieren und akzeptieren andererseits legt die Vermutung nahe, in Toleranz nicht nur einen Begriff vorzufinden, dessen eindeutige Definition schwerlich erfolgen sollte, sondern hier auch teilweise völlig konträre Bedeutungen vorliegen können. Etwas dulden bedeutet u. a. auch, sich den gegebenen Umständen zu fügen, folglich einem äußeren Zwang nachzugeben um dadurch die Grenze zur Gleichgültigkeit zu verwischen. Hingegen spiegelt doch Akzeptanz oder Respekt ein hohen Grad von Interesse wieder, denn wie soll etwas akzeptiert oder respektiert werden können, das unbeachtet der eigenen Meinungsbildung, folglich ohne Interesse, verfolgt wird?

Betrachtet man neben den Artikel des Dudens den entsprechenden Eintrag in Wolfgang Pfeifers (Hg.) Etymologisches Wörterbuch des Deutschen wird erkenntlich, dass tolerieren vom lateinischen Verb tolerare entlehnt wurde und mit ertragen, erdulde n und unterstützen übersetzt werden kann. Auch die zwei hinzugetretenen Synonyme helfen nicht, den Gegensatz aufzulösen, drückt ertragen doch vielmehr die bereits erwähnte Bedeutung von dulden auf noch drastischere Art und Weise aus, indem man doch Dinge erträgt oder aushält, die einen darüber hinaus selbst belasten. Daher sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Toleranz in enger etymologischer Verwandtschaft mit dem lateinischen Wort dolere steht, dessen Standartübersetzung Schmerz erleiden ist. Hingegen verbindet man mit unterstützen doch nur in den seltensten Fällen beklagenswerte Momente im Sinne von dulden und ertragen, denn wie kann eine dankbarkeitserzeugende Geste mit Schmerz erleiden verbunden werden? Nachdem die Wortspielerein ein Fass ohne Boden zu werden scheinen, stellt sich nun dennoch die Frage, wie es zu einer solch mannigfaltigen Wortbedeutung von Toleranz kommen konnte.

Völlig außer Acht blieb bisher die Verwendung von Toleranz im technischen Sprachgebrauch. Hier erfährt der Begriff eine durchaus klarere Bedeutung, die dennoch problematische Aspekte in Hinblick auf eine gesellschaftliche Anwendung aufzeigt. Toleranz gibt in diesem Fall an, welche Abweichung ein (technisches) System erdulden kann, ohne dass dessen Funktionsweise beeinträchtigt oder gar zerstört wird. Versucht man diese technische auf eine gesellschaftliche Definition zu übertragen, ergibt sich wieder die oben aufgezeigte Negativbedeutung von Toleranz, die im Gegensatz zum heutigen Sprachgebrauch steht. Es hat folglich den Anschein, in Toleranz einen Begriff vorzufinden, der nicht ohne Missverständnisse erweckend, eine lange (Um-)Deutungstradition aufzuweisen hat. Vielleicht sollte die aktuelle Verwendungspraxis – siehe Definition des Dudens – als Resultat einer ideenhistorischen Entwicklung aufgefasst werden, die möglicherweise auch analog zur realhistorischen Entwicklung menschlichen Zusammenlebens verlief?

Und in der Tat steckt im Begriff Toleranz eine lange evolutionäre Entwicklung, da er sich bereits im 16. Jahrhundert im deutschen Sprachgebrauch verbreitete. In einer Lutherischen Schrift von 1546 erstmals aufgetaucht, meinte der Begriff ursprünglich nur den Kampf um eine freie Religionsausübung. Im Zuge der konfessionellen Spaltung Europas als ein Resultat der reformatorischen Bewegung des frühen 16. Jahrhunderts und den anschließenden religiös motivierten Kämpfen, deren Spitze der 30 jährige Krieg darstellte, war die Einsicht erwachsen, Toleranz gegenüber Andersgläubigen als eine Notwendigkeit zur Friedensbewahrung zu betrachten.[2] Trotz allem bestand die Feindschaft zwischen den religiösen Lagern fort, so dass Toleranz im Sinne eines notwendigen schmerzvollen Ertragens aufgefasst werden kann, um letztendlich ein größeres Übel zu vermeiden. Waren es auf dem europäischen Festland hauptsächlich die realpolitischen Umstände, die zu einem Einlenken zur friedlichen Koexistenz aller Konfessionen führen musste, so erfuhr der Inselstaat England eine weitere bedeutungsvolle Quelle zur Ausformung des Toleranzbegriffs. Zwar kam es auch hier zu flächendeckenden Bürgerkriegen (1642 und 1648), die nicht nur politische Herrschaftsangelegenheiten, sondern auch konfessionelle Aspekte zentralisierten, doch waren es vor allem die englischen Gelehrten, die Pionierarbeit auf dem Felde der ideengeschichtlichen Entwicklung von Toleranz leisteten. Obschon auch sie lediglich die religiöse Duldung meinten, entstanden dennoch bahnbrechende Schriften, die als Wegweiser zum heutigen Verständnis von Toleranz aufgefasst werden können.[3]

Die oben bereits aufgezeigte Sensibilität der Definition bedarf einer umfassenden Analyse, so dass ein korrekter Umgang mit dem Toleranzbegriff überhaupt gewährleistet werden kann. Dies kann m. E. aber nur geschehen, wenn sowohl dessen ideengeschichtlicher Evolution als auch dessen realhistorische Entwicklung – wenn nicht in strikter Gewissenhaftigkeit, so doch mit einem bedächtigen Maß an Gründlichkeit – in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt wird. Diese Arbeit stellt sich nun dem Versuch, einen kleinen Teil dieser Entfaltungsgeschichte zu zentralisieren, indem einer der bedeutungsvollsten angelsächsischen Denker der Frühen Neuzeit hinsichtlich seines Einflusses auf die Ideengeschichte der Toleranz untersucht wird. Diese Stellung innerhalb der Wissenschaftsgeschichte verdankt John Locke (1632 – 1704) seinem Einwirken auf die geistes- und naturwissenschaftliche Entwicklung Englands im 17. und 18. Jahrhundert, wo er auf Augenhöhe mit renommierten Größen wie Newton, Boyle und Sydenham den Zeitgeist jener Epoche entscheidend mit gestaltete. 1632 im angelsächsischen Wrington bei Bristol als Sohn eines puritanischen Juristen geboren erfuhr John Locke eine klassisch – philologische Schulbildung und studierte später in Westminster und Oxford klassische Sprachen und Philosophie. Sehr schnell erkannte er jedoch, dass ihn die Quintessenzen der scholastischen Lehren nicht befriedigten und er beschäftigte sich dadurch vor allem mit den modernen empirischen Naturerkenntnissen und der Medizin in einem Maße, das ihm 1668 die Wahl in die „Royal Society“, der ersten naturwissenschaftlichen Akademie Englands, einbrachte und sich ihm mehrere berühmte Persönlichkeiten als Patienten anvertrauten. Durch den Unterricht der Moralphilosophie am Christ Church College, wo Locke als Dozent tätig war, wandte er sich auch den Fragen der Politik und Religion zu. Die folgenreiche Freundschaft mit Anthony Ashley Cooper, dem Lord Ashley und Earl of Shaftesbury brachte Locke Angebote für mehrere politische Ämter ein. Diese nahm er zwar wahr, doch scheute Locke das öffentliche Auftreten und arbeitete lieber im Hintergrund, so dass ihm schnell der Titel einer „grauen Eminenz“ verliehen wurde. Ashley, der als Vertreter des Kleinadels und Bürgertums in der turbulenten Zeit des Bürgerkriegs eine oppositionelle Position zum herrschenden Königshaus der Stuarts bezog, ermunterte Locke über Fragen der religiösen Toleranz und der Währungspolitik nachzudenken. Dabei setzte sich Locke besonders mit der absolutistischen Stellung des Königshauses auseinander und es entstand Two Treatises of Government. Dieses Werk sollte Locke zu einem klassischen Denker der politischen Philosophie werden lassen. Durch den politischen Sturz Shaftesburys verließ Locke England und ließ sich zwischen 1675 und 1679 in Frankreich nieder. Hier beschäftigte er sich viel mit den Lehren Descartes und anderen Denkern seiner Zeit. Da er bereits 1671 die Arbeiten zu seinem philosophischen Hauptwerk, dem Essay concerning Human Understanding, begann, konnte Locke in dieser Zeit viele Anregungen hierfür gewinnen und wurde u. a. Mitglied der „république des lettres“, einem internationalen Netzwerk bedeutender Gelehrter, die ihre Positionen gegenseitig kommentierten. Nach einer kurzen Wiederkehr nach England musste Locke erneut vor den politisch motivierten Nachstellungen reaktionärer Kräfte fliehen und er begab sich 1683 ins holländische Exil. Neben der Arbeit an seiner erkenntnistheoretischen Schrift, die er auch hier weiter vorantrieb, beschäftigte sich Locke mit dem für einen Junggesellen eher untypischen Gebiet, der Pädagogik. Darüber hinaus beendete Locke auch die Arbeit an seiner bekanntesten Toleranzschrift A Letter concerning Toleration. Nachdem die Glorious Revolution 1688 die politischen Verhältnisse in England dauerhaft festigte, kehrte Locke in sein Heimatland zurück und hielt eine höhere Beamtenstelle inne. Er beendete mehrere begonnene Werke und der „Versuch über den menschlichen Verstand“, sowie die „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ wurden 1689/90 veröffentlicht. 1692 publizierte Locke – zunächst anonym – seine pädagogische Schrift Some Thoughts concerning Education. Die letzten Jahre seines Lebens waren durch hartnäckige Kontroversen über seine Schriften[4] gekennzeichnet und seine körperliche Verfassung verschlechterte sich sehr rasch. All seine veröffentlichten Werke haben in kürzester Zeit viele Auflagen erreicht, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und befinden sich bis heute noch im Bereich aktueller Diskussionen. Seine Themenauswahl zeugen von einem erstaunlichen Umfang an Interessen und Kenntnissen, die ihn zu dem Enzyklopädisten seiner Zeit werden ließen.[5] Bis zur Zeit des deutschen Idealismus kann Locke als der bedeutendeste Philosoph angesehen werden, geschichtsphilosophisch wurde er auch als der „moderne Aristoteles“ bezeichnet.[6]

Anstatt weitere biografische Details zu erörtern möchte ich im Folgenden die grobe Gliederung zweier Locke´scher Schriften aufzeigen, da sie nicht nur zum umfassenden Verständnis seiner Toleranzschrift beitragen, sondern diese regelrecht einrahmen. Anders ausgedrückt wird sich im Verlauf der Arbeit zeigen, dass die Toleranzschrift als Synthese und Bindeglied zwischen den erkenntnistheoretischen Grundlagenwerk und der Gesellschaftstheorie Lockes aufgefasst werden kann. An dieser Stelle liegt dann natürlich auch die Vermutung nahe, bereits im Gesamtwerk John Lockes ein philosophisches System im Sinne der kritischen Schriften Kants vorzufinden. Auch wenn dieser Ansatz vorerst so scheint, als wäre er weit hergeholt, so sind m. E. zahlreiche Anzeichen in der Philosophie John Lockes zufinden, die diese These untermauern. Darüber hinaus trägt eine kurze Analyse der wichtigsten Werke zur Charakterisierung des Philosophen mehr bei, als eine ausladende biografische Darstellung.

1.1 „Versuch über den menschlichen Verstand“ und „Zwei Abhandlungen über die Regierung“

Die im engeren Sinne philosophische Hauptschrift John Lockes kann in dem Essay concerning Human Understanding vorgefunden werden, in dem er die erkenntnistheoretischen Grundlagen der neuen empirischen Wissenschaften entwickelt. Dabei ist es ihm wichtig, „[…] Ursprung, Gewißheit und Umfang der menschlichen Erkenntnis zu untersuchen […]“[7] Hierfür setzte er die Erfahrung zum grundlegenden Element der Erkenntnis, lehnte Angeborenes und Apriorisches ab und glaubte, dass alle Begriffe Abstraktionen von konkreten Erlebnissen oder Vorkommnissen sind. Dieser durchaus kritische Ansatz schränkte natürlich die Möglichkeit metaphysischer Spekulationen stark ein und öffnete zugleich eine abstraktere Ebene in der Betrachtung von Problemen. Durch den Versuch aufzuzeigen, „[…] mit welchen Objekten sich zu befassen unser Verstand tauglich sei.“, wollte Locke erreichen, scheinbar unlösbare Aufgaben als Gegenstandslos darzustellen, wenn der Mensch sowieso nicht zu einem klaren Verständnis dieses Problems fähig ist. Dies war die Aufgabe, die sich Locke mit seinem „Versuch über den menschlichen Verstand“, eine Abhandlung, die sich aus vier Büchern zusammensetzt, stellte und damit einen Meilenstein empiristischer Erkenntnistheorie ablieferte. Im ersten Buch weist Locke die damals weit verbreitete Lehre von den angeborenen Ideen, seien sie nun theoretischer Natur oder praktische Prinzipien, entschieden zurück.[8] Teilweise stark polemisiert nimmt er die scholastischen Lehren ins Kreuzfeuer[9] um im zweiten Buch zu zeigen, wie nun der Verstand sein Material erhält. Hierfür nimmt Locke an, „[…] der Geist sei, wie man sagt, ein unbeschriebenes Blatt, ohne alle Schriftzeichen, frei von allen Ideen;[10]. Ideen können „[…] immer im weitesten Sinne als Bewusstseinsinhalte […]“[11] aufgefasst werden, oder als Bilder, die sich der Geist von Dingen macht. Auf dieser „Tabula Rasa“ ist es die Erfahrung, die ihre Schriftzeichen anbringt, indem unsere Beobachtung „[…] entweder auf äußere sinnlich wahrnehmbare Objekte gerichtet ist oder auf innere Operationen des Geistes, die wir wahrnehmen und über die wir nachdenken […]“[12]. Locke unterscheidet die Ideen in einfache und komplexe, die aus den einfachen zusammengesetzt sind. Diese einfachen Ideen, die der Geist nur durch Sensation und Reflexion gewinnt, werden am klarsten wahrgenommen, da sie weder zusammengesetzt, noch zerlegbar sind und von ihm nicht abgewiesen werden können. Der Verstand bildet dann durch vergleichen, verbinden und wiederholen die komplexen Ideen und kann diese wieder in einfache zerlegen. Es gibt vier Wege, auf denen die einfachen Ideen in den Geist gelangen können: 1. nur durch einen Sinn, 2. durch mehr als einen einzigen Sinn, 3. nur durch Reflexion und 4. auf allen Wegen der Sensation und Reflexion. Im weiteren Verlauf des II. Buches vertieft Locke seine eben aufgeführten Gedanken und baut zusätzliche Unterscheidungen ein, um anschließenden mehrere Beispiele einfacher Ideen, wie die Idee der Kraft, der Zahl, der Dauer oder der Unendlichkeit zu diskutieren. Im III. Buch des Essays beschäftigt sich Locke ausschließlich mit der menschlichen Sprache und ihrer Bedeutung für das Erkennen, sowie mit den durch Missbrauch der Sprache entstandenen Irrtümern. Es lässt sich m. E. zu Recht behaupten, bereits hier den Ursprung der Sprachphilosophie vorzufinden, die sich erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts richtig durchzusetzen vermochte. Worte sind für Locke im Allgemeinen Zeichen für Dinge und Vorstellungen. In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen realen Wesen der Dinge, die uns, wie Locke im II. und IV. Buch ausdrücklich nachweist, vielfach entgeht und dem Nominalwesen als das vom Menschen Gedachte, Differenzierte und Klassifizierte von großer Bedeutung. Hier liegen nach Locke die meisten Irrtümer, die zu falschen moralischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen führen, denn nur bei ganz einfachen Vorstellungen sind Real- und Nominalwesen identisch. Erst im vierten Buch beschäftigt sich Locke mit der ursprünglichen Aufgabe seines Werkes und rückt die Frage vom Wissen und von der Wahrscheinlichkeit in den Mittelpunkt. Laut seiner Auffassung ist Wissen „[…] die Wahrnehmung des Zusammenhang und der Übereinstimmung oder der Nichtübereinstimmung und des Widerstreits zwischen irgendwelchen von unseren Ideen.“ Erkenntnis kann demnach nicht außerhalb unseres Ideenbereiches anzufinden sein, da der Geist „[…] bei allem Denken und Folgern kein anderes unmittelbares Objekt als seine eigenen Ideen[13] betrachtet. Die Wahrheit scheint demnach „[…] in ihrem eigentlichen Sinne die Verbindung oder Trennung von Zeichen zu sein, je nachdem die damit bezeichneten Dinge mit einander übereinstimmen oder nicht.“, wobei beim Zeichen das Wort und bei Verbindung oder Trennung der Satz gemeint ist. Locke zeigt vier mögliche Arten der Relationen von Ideen, in denen alle Erkenntnis enthalten ist, „[…] die wir besitzen oder deren wir fähig sind.“[14]: 1. Gleichheit oder Verschiedenheit (z. B.: 3=2+1 oder weist ist nicht schwarz), 2. Beziehung (z. B.: kleiner als oder größer als), 3. Koexistenz oder notwendiger Zusammenhang (z. B.: Substanzen) und 4. Reale Existenz. Ausgehend davon unterscheidet Locke die drei Grade unseres Wissens, die intuitive, die demonstrative und die sensitive Erkenntnis. Davon ausgehend diskutiert Locke noch mehrere Gegenstände der jeweiligen Wissensgrade eingehender, wie zum Beispiel die intuitive Gewissheit des eigenen Ichs, die Demonstrierbarkeit der Mathematik, der Existenz Gottes oder aber der Moral.

[...]


[1] Wermke, Kunkel-Razum, Scholze-Stubenrecht (Hg): Duden. Bd. 10: Das Bedeutungswörterbuch. Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2002. Seite 891.

[2] Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 und der Westfälische Frieden von 1648 stellten die beiden rechtsbindenden Errungenschaften jener kriegerischen Zeit dar, die die Bewahrung einer Toleranz zwischen den unterschiedlichen Konfessionen festsetzen sollten.

[3] Versucht man der Frage nachzugehen, warum gerade die angelsächsischen Gelehrten in dieser Phase die Vorrangstellung innerhalb der Natur- und Geisteswissenschaften innehatten, kommt man zwangsläufig auf die politischen Gegebenheiten im 17. Jahrhundert zu sprechen: Nachdem die konstitutionelle Monarchie durch die Bürgerkriege fast vor dem Aus stand, sollte sich das englische Parlament mehr und mehr stabilisieren und seine politische Funktion festigen, ja sogar ausbauen. Die Magna Charta, die Declaration of Rights und die Bill of Rights stellten zentrale Errungenschaften des Parlamentes im 17. Jh. dar, die den konstitutionellen Charakter der Monarchie stärkten. Darüber hinaus konnte durch den gewonnen Seekrieg gegen Holland die außenpolitische Vormachtstellung zur See entgültig gefestigt werden. Hier wurde der Grundstein gelegt, der England in den folgenden 150 Jahren einen meilenweiten politischen Vorsprung gegenüber den anderen europäischen Staaten verschaffte. Mit dieser innen- und außenpolitischen Lage, die vor allem mehr Entscheidungsfreiheit zu Gunsten der bürgerlichen Kräfte sicherstellte, sollte auch ein wirtschaftlicher Aufschwung einhergehen. Diese Vorraussetzungen schufen die Grundlage für die Loslösung bürgerlicher Kräfte von der ständischen Ordnung des ausgehenden Mittelalters und initiierten Eigeninitiative, Erfindungsgabe und allgemeine geistige Beweglichkeit. Hingegen war das europäische Festland nach Jahren kriegerischer Auseinandersetzungen vorerst mit politischer Neuorientierung beschäftigt. In Frankreich schnürte der Absolutismus Ludwig XIV. jegliche freigeistige Entwicklung ein und der deutschsprachige Raum lag vom damaligen geistigen Zentrum viel zu weit entfernt, als das hätte sich eine breite kreative Schicht publik machen können.

[4] Die Kontroversen zentralisierten u. a. erkenntnistheoretische Probleme, Fragen der Währungspolitik und Thesen aus seiner Toleranzschrift sowie seiner theologischen Schriften.

Im Zuge einer schriftlichen Auseinandersetzung mit Proast beispielsweise, schrieb Locke drei weitere Briefe über Toleranz, die die zentralen Thesen des A Letter concerning Toleration verteidigen sollten. Den letzten dieser vier Briefe konnte er auf Grund seines Todes jedoch nicht beenden.

[5] Als Zusammenfassung seien die Themengebiete erwähnt, zu denen Locke Beiträge lieferte: Erkenntnistheorie, Ökonomie, Gesellschaftstheorie, Theologie, Medizin, Pädagogik,

[6] Vgl. hierfür: Christoph Helferich: Geschichte der Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart und Östliches Denken. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998. Seite 187.

Weiterführende Literatur zur Biografie Lockes: Euchner, Walter: John Locke zur Einführung. Junius, Hamburg 1996; Specht, Rainer: John Locke. C. H. Beck, München 1989; Thiel, Udo: John Locke. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1990.

[7] Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand. Band 1; Felix Meiner Verlag, Hamburg 2000. Seite 22.

Soweit nicht anders vermerkt, beziehen sich alle Zitate auf diese Ausgabe.

[8] Dafür versucht Locke als erstes das Argument, dass es angeborene Begriffe und Grundsätze gibt, da eine allgemeine Übereinstimmung aller Menschen vorliegt, zu entkräften. Eine Allgemeinheit von Begriffen und Grundsätzen beweist noch keineswegs ihre Angeborenheit, wenn man zeigt, dass die Zustimmung auch auf einem anderen Weg erfolgen kann. Im Gegenteil beweist dies doch eher,„[…] daß es solche nicht gibt, eben weil es keine Prinzipien gibt, denen die gesamte Menschheit eine allgemeine Zustimmung erteilt.“ Als Beispiel führt er einfache logische Grundsätze (Axiome, wie den Satz der Identität und des Widerspruches) auf und stellt fest, „[…] daß alle Kinder und Idioten nicht im geringsten eine Vorstellung oder einen Gedanken von diesen Sätzen haben“ Für Locke besteht genau hier der Widerspruch, da den Geist nichts eingeprägt sein kann, was dieser nicht wahrnimmt, somit kann auch nichts unbewusst in der Seele liegen. Was die Angeborenheit von ethischen Grundsätzen betrifft, argumentiert Locke in ähnlicher Weise. Auch hier kann keine allgemeine Übereinstimmung aller - in theoretischer und praktischer Sichtweise - vorliegen, was allein schon die verschiedenen Sitten der vielen Völker zeigen. Vielmehr entstehen diese aus Überlegung und benötigen Beweise, was als Indiz für ihre Nichtangeborenheit dient. Ihre Zustimmung der Menschen entsteht durch ihren Nutzen, ihre Überlieferung durch Erziehung.

Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand, Band 1. Seite 30.

[9] Die Argumentation des ersten Buches ließ oftmals den Verdacht aufkommen, der Empirismus Lockes müsse als Gegen-stück zum cartesischen Rationalismus aufgefasst werden, doch lassen sich im Text keine expliziten Textstellen ausfindig machen, die Descartes direkt betreffen. Vielmehr wird am Ende des ersten Buches Lockes wahrer Gegner offensichtlich, richtete sich dieser Teil des Essays doch eher gegen die aristokratische Obrigkeit, die ihren Herrschaftsanspruch durch die Vorgabe moralischer Prinzipien unter dem Deckmantel der Angeborenheit zu verbreiten wusste. Vgl. Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand, Band 1. Seite 103 ff.

[10] Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand, Band 1. Seite 107.

[11] Störig, H.J.: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1955. Seite 294.

[12] Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand, Band 1. Seite 108. Die Erfahrung ist demnach eine zweifache: Wenn unsere Sinne von äußeren Gegenständen affiziert werden, werden in unserem Geist die Ideen der Sensation erzeugt. Dazu stellt Locke die Ideen der Reflexion, die durch „[…] die Wahrnehmung der Operationen des eigenen Geistes in uns […]“ entstehen und zählt diese auf: wahrnehmen, denken, zweifeln, glauben, schließen, erkennen, wollen. Diese Operationen werden durch einen, von Locke nicht näher beschriebenen, „inneren Sinn“ wahrgenommen und kann als Selbstwahrnehmung interpretiert werden.

[13] Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand, Band 2. Seite 167. Nur die Relationen zwischen Ideen im Geist ermöglichen Erkenntnis, alles andere bleibt einbilden, vermuten oder glauben. Die Ideen sind die Instrumente und das Material des Erkennens. Somit ist es nicht möglich, den Ideen Wahrheit oder Falschheit zuzuordnen, denn das trifft nur auf Sätze und Aussagen zu.

[14] Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand, Band 2. Seite 170.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Grenzen der Toleranz. "A Letter Concerning Toleration" im philosophischen Gesamtkonzept von John Locke
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
33
Katalognummer
V47914
ISBN (eBook)
9783638447539
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Darstellung der Toleranzkonzeption unter Berücksichtigung erkenntnistheoretischer, staatstheoretischer und pädagogischer Aspekte in der Philosophie Lockes
Schlagworte
John, Locke, Letter, Concerning, Toleration, Grenzen, Toleranz, Position, Lockes, Versuch, Eingliederung, Toleranzschrift, Gesamtkonzept
Arbeit zitieren
Steffen Küsel (Autor), 2005, Die Grenzen der Toleranz. "A Letter Concerning Toleration" im philosophischen Gesamtkonzept von John Locke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47914

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