Literatur braucht Leser, um existieren zu können. Doch obwohl die meisten Schriftsteller wohl schreiben, damit ihre Texte gelesen werden, thematisieren sie in ihren Werken die Rezeption nur selten. Ein Roman, der sich hingegen intensiv mit dem Leser auseinandersetzt, ist Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy Gentleman (1760-67). In dieser Arbeit soll folgender Frage nachgegangen werden: Welche Rolle spielt der implizite Leser in Laurence Sternes Roman Tristram Shandy? Dazu muss zunächst geklärt werden, was unter einem impliziten Leser zu verstehen ist und welche Instanzen noch an einer narrativen Kommunikationssituation teilnehmen. Im Anschluss wird untersucht, welche Rückschlüsse mit Hilfe der Funktionen, die der Erzähler den fiktiven Lesern, den so genannten Narratees, überträgt, auf die implizite Leserschaft gezogen werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorüberlegungen
2. Die Teilnehmer einer narrativen Kommunikationssituation
3. Differenzierung der Leser in Gruppen
4. Funktionen des Lesers
4.1 Der Leser als Gesprächspartner
4.2 Der Leser als kreative Kraft
4.3 Der Leser als Schüler
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des impliziten Lesers in Laurence Sternes Roman Tristram Shandy. Das primäre Ziel besteht darin, zu klären, wie der implizite Leser definiert ist, welche narrativen Instanzen an der Kommunikationssituation beteiligt sind und wie der Erzähler durch eine gezielte Adressierung des Lesers diesen in verschiedene funktionale Rollen drängt.
- Die narrative Kommunikationsstruktur in Tristram Shandy
- Die Differenzierung und Identitätsbildung der Leserfiguren
- Die Funktion des Lesers als Gesprächspartner
- Die Rolle des Lesers als kreative Kraft und Co-Autor
- Die pädagogische Rolle des Lesers als Schüler
Auszug aus dem Buch
4.2 Der Leser als kreative Kraft
Tristram ermutigt den Leser immer wieder zur aktiven Teilnahme an der Erschaffung seines Werkes. Ihm liegt viel daran, vor allem die Vorstellungskraft des Lesers anzuregen:
“[…] no author, who understands the just boundaries of decorum and good-breeding, would presume to think all: The truest respect which you can pay to the reader’s understanding, is to halve this matter amicably, and leave him something to imagine, in his turn, as well as yourself. For my own part, I […] do all that lies in my power to keep his imagination as busy as my own.” (II, 11)
Das, was jeder reale Leser leisten muss, wenn er liest, wird bei Tristram Shandy dadurch veranschaulicht, dass der Leser Tristram bei verschiedenen Aufgaben assistieren soll. Seine Aufgaben reichen von Handlangerarbeiten bis zur Vertretung des Erzählers/Autors. Tristram kommt laut Wayne C. Booth folgende Aufgabe zu: „[He] portrays the activity of constructive response which successful readers must always make to the offerings of the author.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorüberlegungen: Einführung in die Thematik der Rezeption und die zentrale Fragestellung nach der Rolle des impliziten Lesers im Werk von Laurence Sterne.
2. Die Teilnehmer einer narrativen Kommunikationssituation: Theoretische Abgrenzung der verschiedenen Instanzen zwischen realem Autor/Leser und den narrativen Ebenen wie implizitem Autor/Leser und Narratee.
3. Differenzierung der Leser in Gruppen: Analyse der heterogenen Lesergruppen innerhalb des Romans und der zunehmenden Spezifizierung der Leseridentitäten im Verlauf des Textes.
4. Funktionen des Lesers: Untersuchung der verschiedenen Rollenzuweisungen an den Leser, insbesondere als Gesprächspartner, kreative Instanz und lernender Schüler.
Schlüsselwörter
Tristram Shandy, Laurence Sterne, impliziter Leser, Narratee, narrative Kommunikation, Rezeption, Leserrolle, Literaturwissenschaft, Kommunikation, Kreativität, Erzähltheorie, Leserschaft, Textstruktur, Interaktivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die komplexe Gestaltung des Lesers im Roman Tristram Shandy von Laurence Sterne und analysiert, wie der Erzähler das Publikum aktiv in den Schreibprozess einbindet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die theoretischen Grundlagen der narrativen Kommunikation, die Differenzierung verschiedener Leserinstanzen und die funktionalen Rollen, die dem Leser im Roman zugewiesen werden.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, welche spezifische Rolle der implizite Leser in Tristram Shandy einnimmt und wie dies die Rezeption des Werkes beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt narratologische Konzepte von Theoretikern wie Wolfgang Iser, Seymor Chatman und Rimmon-Kenan zur literaturwissenschaftlichen Analyse des Textes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Bestimmung der Teilnehmer, die Analyse der Differenzierung der Lesergruppen und die detaillierte Ausarbeitung der drei Funktionen des Lesers.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Erzähltheorie, impliziter Leser, Rezeptionsästhetik und die spezifische Interaktivität in Sternes Roman charakterisiert.
Wie unterscheidet die Arbeit den Narratee vom impliziten Leser?
Während der implizite Leser als eine vom Text vorausgesetzte Struktur definiert ist, fungiert der Narratee als eine innerhalb der Handlung adressierte Instanz des Erzählvorgangs.
Welche Rolle spielt die Sprache als Ausschlusskriterium im Roman?
Passagen in Französisch oder Latein dienen als Ausschlusskriterium, da sie denjenigen Lesern verschlossen bleiben, die über keine entsprechenden Sprachkenntnisse verfügen.
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- Ulrike Wronski (Author), 2005, Der implizite Leser in Laurence Sternes Roman Tristram Shandy, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47934