Die Verfolgung der Conversos durch die spanische Inquisition


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

28 Seiten, Note: 2-


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

Teil I: Von den Juden zu den Conversos
I. Die politischen Zusammenhänge in Spanien bis 1492
II. Die Situation der Juden und Conversos bis 1492
III. Die Gründe für die Verfolgung
IV. Das Jahr 1492
V. Das Misstrauen gegenüber den Conversos

Teil II: Die spanische Inquisition
I. Die Entscheidung für die Errichtung der spanischen Inquisition
II. Die Einführung der Inquisition in Kastilien
III. Widerstand gegen die Einführung der Inquisition in Kastilien
IV. Widerstand gegen die Inquisition in Aragon
V. Der Aufbau der spanischen Inquisition
VI. Die Finanzen der Inquisition
VII. Die Prozessmethoden der Inquisition
VIII. Die Folgen der Conversoverfolgung

VIV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Mit der Inquisition verbinden wir heute finsteres Mittelalter, religiösen Fanatismus, Intoleranz, Folter und Verbrennungen. Es gibt wohl kaum jemanden, dem bei dem Gedanken an die Schrecken der Inquisition nicht ein kleiner Schauder über den Rücken fährt.

Auch in den spanischen Königreichen Kastilien und Aragon kam es ab dem Jahre 1478 n.Chr. zu einer massiven Tätigkeit der Inquisition, die das friedliche Nebeneinander von Muslimen, Juden und Christen abrupt beendete. Durch die Inquisition wollten die Katholischen Könige, Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien, die religiöse Einheit auf der Halbinsel erzwingen. In Spanien richtete sich die Inquisition neben den konvertierten Mauren vor allem gegen die unter Zwang zum Christentum konvertierten Juden (Conversos). Der Jahrhunderte andauernde Verfolgungswahn der spanischen Inquisition führte soweit, dass jegliches jüdisches Leben in Spanien beinahe ausgerottet wurde. Und dies alles geschah mit der Zustimmung einer überwältigenden Mehrheit der spanischen Bevölkerung.[1] Massive Zweifel bezüglich des Handelns der Inquisition kamen bei großen Teilen der Bevölkerung erst Jahrhunderte später auf.

Die Hausarbeit ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil soll aufgezeigt werden, wie es zu der Verfolgung der Juden und Conversos kam und welche Gründe dafür anzuführen sind.

Im zweiten Teil soll die spanische Inquisition und ihre Vorgehensweise gegenüber den Conversos genauer untersucht werden. Ihre Maßnahmen gegen die Conversos waren derartig durchdacht und institutionalisiert, so dass in der Forschung die These diskutiert wurde, die spanische Inquisition sei der Wegbereiter des modernen Antisemitismus gewesen. Als Hauptwerk liegt der Hausarbeit das Buch „Die spanische Inquisition“ von Henry Kamen zugrunde, welches einen umfassenden und detaillierten Überblick über das Thema bietet.

Teil 1: Von den Juden zu den Conversos

I. Die politischen Zusammenhänge in Spanien bis 1492

Nach dem Einfall der Muslime in Spanien im frühen 8. Jahrhundert brach das von inneren Streitigkeiten zerrissene christlich-westgotische Reich in wenigen Jahren in sich zusammen. Die Muslime unterwarfen innerhalb kürzester Zeit 4/5 der iberischen Halbinsel. Sogar nach Südfrankreich drangen sie vor und wurden erst 732 bei Poitiers von den Franken unter Karl Martell gestoppt. Bis zum 13. Jahrhundert blieben die Muslime die dominierende Macht in Spanien. Im Norden der Halbinsel entstanden einige kleinere christliche Reiche, doch konnten diese der muslimischen Vorherrschaft nicht ernsthaft gefährlich werden.

Erst mit dem Entstehen der Reiche von Kastilien und Aragon im 11. Jahrhundert in Nordspanien wurden die Christen stärker, da zur gleichen Zeit das Kalifat von Cordoba in viele kleine Fürstentümer zerfiel. Die Christen setzten nach Jahrhunderte langer Unterlegenheit im 11. Jahrhundert zum Gegenangriff an und eroberten bis Mitte des 13. Jahrhunderts Schlüsselstädte wie Toledo, Cordoba und Sevilla. Die Kräfteverhältnisse hatten sich vollkommen gewandelt. Die Christen waren wieder die dominierende Macht in Spanien, und die Mauren konnten sich nur in der ostandalusischen Bergregion im Sultanat Granada bis 1492 halten. Und auch dieses Überleben der Muslime in Granada war nur möglich, weil der Sultan von Granada an den König von Kastilien Tribute bezahlte, und Kastilien im 14. Jahrhundert von Seuchen und Thronstreitigkeiten heimgesucht wurde.

Im Jahre 1468 wurde mit der Heirat der Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon die Personalunion der beiden großen christlichen Reiche in Spanien hergestellt. Nach der Einigung der Reiche machte es sich das Königspaar zur Aufgabe, Spanien von den Muslimen zu befreien. Mit der Eroberung Granadas im Jahre 1492 beendeten die Katholischen Könige die Reconquista und stellten die territoriale Einheit Spaniens her.

II. Die Situation der Juden und Conversos bis 1492

Die erste große Judenverfolgung in Spanien hatte es schon im 7. Jahrhundert unter den christlich-arianischen Westgoten gegeben. Deshalb begrüßten die Juden in Spanien erleichtert die eindringenden Muslime und stellten sich auf ihre Seite. Dieser Verrat wurde ihnen von vielen Christen über Jahrhunderte hinweg nicht verziehen. Unter der Herrschaft der Muslime ging es den Juden in Spanien wirtschaftlich und sozial sehr gut, und sie kamen zu Macht und Einfluss. Vor allem im Geldgeschäft waren die Juden führend.

Nach dem Untergang des Kalifats von Cordoba im 11. Jahrhundert änderten sich die Verhältnisse für die Juden schlagartig. Die Christen gingen im 11. Jahrhundert zum Gegenangriff über, und die muslimischen Kleinfürsten riefen die kriegerischen Almoraviden und später die Almohaden aus Nordafrika zur Hilfe. Diese hielten für einige Zeit den Vormarsch der Christen auf, beendeten aber die tolerante Politik der vorigen muslimischen Herrscher gegenüber Andersgläubigen. Christen und Juden wurden gleichermaßen von den Almoraviden und Almohaden in deren Herrschaftsgebiet verfolgt, viele Kirchen und Synagogen wurden zerstört. Wegen der Verfolgungen durch die Muslime flüchteten die Juden im 11. Jahrhundert in den nördlichen Teil Spaniens auf christliches Herrschaftsgebiet und fanden bei den christlichen Herrschern Kastiliens und Aragons Zuflucht. Die kastilischen und aragonesischen Könige machten sich die Fähigkeiten der Juden zunutze, und diese gelangten wiederum - diesmal an den christlichen Höfen - zu Macht und Einfluss. Die Juden galten als servus regis, als Königsknechte. Sie unterstanden ausschließlich königlicher Jurisdiktion und konnten mit einem relativ großen Schutz durch die christlichen Könige rechnen.[2]

Schon im 12. Jahrhundert war es zu einzelnen Judenverfolgungen durch die christliche Bevölkerung gekommen, aber der jüdische Einfluss an den Königshöfen verhinderte größere Ausschreitungen oder staatliche Beschränkungen. Sie wurden nicht geachtet, aber geduldet. Mit diesem Satz kann man ziemlich genau die Situation der Juden in den christlichen Reichen Spaniens beschreiben. Ihre Nützlichkeit konnte nicht in Abrede gestellt werden. Christliche Baumeister bauten für Juden, jüdische Rechtsgelehrte vertraten christliche, jüdische und muslimische Klienten. Die christlichen Herrscher legten jüdischen Kaufleuten und Finanzleuten kaum Beschränkungen auf, denn diese vermehrten den Reichtum des Reiches und schafften mit ihrer erfolgreichen Finanzpolitik die Grundlage für die Rückeroberung Südspaniens.

Doch je stärker die Christen in Spanien wurden, desto weniger fühlten sie sich an das friedliche, kompromissbereite Miteinander gebunden. Sie begannen, ihre Dominanz immer stärker gegenüber den Juden und Muslimen auszuspielen. Vom 13. Jahrhundert an kam es immer wieder zu Gewaltausbrüchen der christlichen Bevölkerung und zum Erlass gesetzlicher Restriktionen. Die Sicherheit der bis dahin in relativ großem Frieden lebenden jüdischen Minderheit geriet immer stärker in Gefahr.

Beim Konzil in Arles, 1235, wurde zum ersten Mal verfügt, dass Juden ein gelbes Stück Stoff als Erkennungszeichen am Umhang tragen müssen. Derartige Beschlüsse wurden zunächst nicht in die Praxis umgesetzt, da der jüdische Einfluss an den Königshöfen in Kastilien und Aragon sehr groß war. Erst 1371 wurde der Beschluss von Arles von der Cortes (Ständeversammlung) des Reiches Kastilien gebilligt. Doch auch dieser Beschluss der Cortes konnte dank des jüdischen Einflusses abgemildert werden, und es kam vorerst selten zur praktischen Umsetzung.

Auch wenn die judenfeindlichen Beschlüsse zum Teil nicht in die Tat umgesetzt wurden, kam es im Volk verstärkt zu Hassausbrüchen und Übergriffen gegen die Juden. Im Jahre 1391 kam es in allen großen spanischen Städten zu Judenpogromen. Allein in Sevilla wurden damals schätzungsweise 4000 Juden getötet.[3] Diejenigen, die nicht ermordet wurden, zwang man zur Taufe. Die Pogrome von 1391 stellten den eigentlichen Beginn der konvertierten Juden als ganze Bevölkerungsgruppe dar. Ein nächster Höhepunkt der Judenfeindlichkeit war die Gesetzgebung von 1412, in der Juden und Mauren nicht nur Unterscheidungszeichen tragen mussten, sondern ihnen auch das Recht genommen wurde Beamte zu sein, einen Titel zu führen und ihren Wohnsitz zu wechseln. Ihnen war nicht erlaubt, mit Christen gemeinsam zu essen, zu trinken oder zu baden. Zudem wurde bestimmt, dass sie nur Kleidung aus einem bestimmten groben Stoff tragen dürften.

Diese barbarische Gesetzgebung brachte die Unterdrückten in großes Elend:

„Sie zwangen uns, fremde Kleidung zu tragen. Sie hinderten uns, Handel zu treiben, Land zu beackern und ein Handwerk auszuüben. Sie zwangen uns, unsere Bärte und das Haar lang wachsen zu lassen. Anstatt in seidenem Gewand mussten wir schäbiges Zeug tragen, das uns verächtlich machte. Unrasiert sahen wir wie Trauernde aus.“[4]

Kurz vor dem Fall Granadas im Jahre 1492 wurde die Gesetzgebung gegenüber den Juden noch einmal drastisch verschärft. Die Katholischen Könige machten sich Schritt für Schritt daran, das Judentum in Spanien auszurotten:

Im April 1481 war den Juden in der gesamten Monarchie befohlen worden, nur in ihren Ghettos zu leben. Ein Jahr später wurden die Vertreibung der Juden aus Teilen Andalusiens befohlen. 1483 wurden die Juden aus Sevilla und Córdoba entfernt und 1486 wurden aus den Diözesen von Zaragoza, Albarracín und Teruel alle Juden vertrieben. Die Katholischen Könige gingen in kleinen Schritten, aber dafür sehr gründlich vor. Diese harten Maßnahmen im 15. Jahrhundert ließ die Zahl der Conversos schnell anschwellen.

III. Die Gründe für die Verfolgung

Die Gründe für die Verfolgung der Juden und Conversos sind vielfältig. Woher der tiefverwurzelte Hass gegen die Juden kommt, der in vielen Völkern Europas anzutreffen war, wird wohl nur schwerlich bis ins letzte beleuchtet werden können. Doch für den Hass auf die Juden und Conversos in Spanien lassen sich eine Vielzahl handfester Gründe anführen. Ideologische Motive vermischen sich mit wirtschaftlichen, rassische mit religiösen und ergeben so die tödliche Mischung für die spanischen Juden. Die beiden Hauptgründe für die Verfolgung:

a) Der wirtschaftliche Neid

Der wirtschaftliche Neid auf die erfolgreiche jüdische Mittelschicht in den spanischen Städten war die Hauptursache für die Feindschaft.[5] Immer wieder wird in den Jahrhunderten vor der endgültigen Judenvertreibung im christlichen Herrschaftsgebiet von einer Dreiteilung der Aufgabenbereiche zwischen Christen, Muslimen und Juden berichtet. Die Christen fühlten sich in erster Linie zuständig für das Kriegshandwerk. Der christliche Adel bezog daraus seinen Stolz. Die Eroberung Granadas im Jahre 1492 schürte diesen maßlosen Stolz der christlichen Adligen noch beträchtlich.

Dagegen waren die Muslim tonangebend in Bewässerungstechniken, Agrarwirtschaft und in der Bauwirtschaft.

Die Juden waren vor allem im Handel und im finanziellen Sektor mit großem Erfolg tätig. Sie betätigten sich als Geldgeber der Krone, und es gab kaum einen christlichen Adligen, der ihnen kein Geld schuldete.

Der Chronist der Katholischen Könige, Andrés Bernáldez, beschrieb, inwieweit jüdische Geldleute die Nation in der Hand gehabt hätten. Sie seien tätig gewesen als:

Großkaufleute, Verkäufer, Steuereinnehmer, Kleinhändler, Verwalter bei adligen Grundbesitzern, Beamte, Schneider, Schuhmacher, Gerber, Weber , Krämer, Hausierer, Seidenhändler, Schmiede, Juweliere und in ähnlichen Geschäftszweigen. Keiner grub Erde um oder wurde Landmann, Zimmerer oder Maurer, aber alle forschten nach bequemen Posten und Wegen, um ohne viel Arbeit Gewinne zu machen.“[6]

Ihnen wurde immer wieder der Vorwurf gemacht, nicht im Angesicht ihres Schweißes arbeiten zu wollen, sondern die arbeitende christliche Bevölkerung auszupressen. In Zaragoza, der Hauptstadt von Aragon, wurden im jüdischen Ghetto im 15. Jahrhundert alle relevanten finanziellen Entscheidungen getroffen. Städtische Behörden wandten sich bei Anleihungsersuchen an das Ghetto. Hochadel, Landadel, Geistliche, Mönche und sämtliche Vertreter religiöser christlicher Orden mussten sich ins jüdische Ghetto begeben, um Kredite zu erhalten. Das kränkte den Stolz des christlichen Adels empfindlich, und er suchte nach Möglichkeiten, die finanzielle Vorherrschaft der Juden zu brechen.

Die Feindschaft der einfachen Bevölkerung zogen die Juden oftmals dadurch auf sich, dass sie sich als Steuereinnehmer und Beamte der Krone und der Aristokratie betätigten. Weltliche und geistliche Adlige verpfändeten jüdischen Finanziers ihre Steuereinnahmen. 1469 beklagten sich die Cortes von Ocána bei Heinrich IV. darüber, „dass viele Prälaten und Priester ihre Renten und Zehnten an Juden und Mauren verpachten, welche die Kirchen betreten, um die Zehnten und Gaben zu verteilen, was eine große Beleidigung der Kirche darstellt.“[7]

Eleazar Gutwirth beschreibt die steuerliche Situation in Spanien im 15. Jahrhundert mit den folgenden Worten:

“Baer had been explicitly cautious when stating that 1444 Jews controlled about two thirds of the indirect taxes and customs within the country, on the frontier and at the ports in Castil.“[8]

Auch wenn der genaue Umfang jüdischer Finanzen nicht angegeben werden kann, so war er angesichts der geringen Anzahl der Juden in Spanien beträchtlich.

Der finanzielle Erfolg der klug wirtschaftenden Juden war den meisten Christen ein Dorn im Auge.

b) Sozialer Neid

Neben der finanziellen Abhängigkeit von den Juden störte viele Altchristen auch die hohen sozialen Stellungen der Juden in Kastilien und Aragon. Bis zum Jahre 1492 hatten Juden Schlüsselstellungen als Minister, königliche Ratgeber, Pächter von Staatseinkünften und Geldgeber für Feldzüge inne. Ohne das jüdische Kapital wäre der Feldzug gegen Granada mit großer Wahrscheinlichkeit nicht möglich gewesen, und die Reise des Kolumbus hätte wohl ebenfalls nicht stattgefunden.

Den Beruf des Arztes übten fast ausschließlich Juden aus. Jeder Adlige, der es sich leisten konnte, hatte einen eigenen jüdischen Arzt. Zudem gab es viele Conversos, die führende Stellungen in der Kirche einnahmen und hohe Posten im Vatikan in Rom bekleideten.[9] Bischöfe jüdischer Herkunft waren in Spanien keine Seltenheit.

Die Juden, bzw. später die Conversos, waren die machtvolle obere Mittelschicht in der spanischen Gesellschaft und verfügten daher über Macht und Einfluss. Fakt ist, dass sich ohne die Juden und ihr Kapital im 15. Jahrhundert in Spanien nichts mehr bewegte.

Dass diese Abhängigkeit von den verachteten Juden gerade bei dem hochmütigen Adel auf Widerstand stieß, ist einfach nachzuvollziehen. Von denen, die man am meisten verachtete, war man im höchsten Maße abhängig. So schürte der altchristliche Adel immer stärker die Hassgefühle der Bevölkerung gegenüber den Juden. In Pogromen machte sich die vom Adel aufgehetzte Bevölkerung ihrer Wut auf die Juden Luft. Doch solche Pogrome waren nicht geeignet, die Stellung der Juden in den beiden christlichen Reichen zu brechen. Zu einflussreich waren noch die Ämter, die viele Juden in Kastilien und Aragon bekleideten. Erst im Jahre 1478, kurz vor dem Fall Granadas, konnte die judenfeindliche Partei mit der Bildung der spanischen Inquisition endgültig ihr Gewicht am Hof der Könige durchsetzen und diese zugleich zu der Verschärfung der Gesetze gegenüber den Juden bewegen, was 1492 in der Ausweisung aller Juden aus dem Reich gipfelte.

IV. Das Jahr 1492

Am 31. März 1492 wurde von den Katholischen Königen Ferdinand und Isabella das Judentum in Spanien offiziell verboten. Das Vertreibungsedikt vom 31.März besagte, dass alle Juden bis zum 31. Juli die Taufe anzunehmen haben oder das Land verlassen müssen. Die Zahl der ausgewanderten Juden kann nur schätzungsweise angegeben werden. Die Autoren der damaligen Zeit geben sehr unterschiedliche Zahlen an. Wahrscheinlich belief sich die Zahl der Ausgewanderten auf ca. 200000 Juden.[10] Die auswanderungswilligen Juden mussten ihre Besitztümer für einen Minimalpreis verkaufen, da sie keine Edelmetalle mit ins Ausland nehmen durften. Manchmal bekamen sie als Gegenleistung für ein Haus nur einen Esel, für einen Weinberg nur ein wenig Tuch oder Leinen. Die Schiffe, in die sie gepfercht wurden, waren überfüllt und standen oft unter dem Kommando inkompetenter Kapitäne, die sich nur bereichern wollten. Andere Juden erreichten Häfen in Nordafrika und wurden dort oftmals misshandelt und ausgeraubt. Viele kehrten deshalb auf ihrer Auswanderung erschöpft um und kehrten nach Spanien zurück.

Schätzungen zur Folge entschieden sich inklusive der enttäuschten Heimkehrer ein Drittel bis zur Hälfte der jüdischen Bevölkerung für den Verbleib in Spanien und für die Annahme des Christentums. Unter ihnen war auch der berühmte Finanzmann Abraham Senior. Seine der Königin geleisteten Dienste waren so groß, dass ihm von Isabella erlaubt wurde, Edelmetalle mit ins Ausland zu nehmen. Doch entschied er sich für die Taufe und nahm den Familiennamen Coronel an.

Mit den Juden verließ die kapitalverwaltende Elite das Land. Die städtische Mittelschicht und die kaufmännischen Kreise der Bevölkerung wurden stark reduziert. Das wirkte sich langfristig negativ für die spanische Wirtschaft aus, da die Christen in Spanien das Finanzvakuum, das durch die Vertreibung der Juden entstand, nicht ausfüllen konnten. Es kam zu einer immer stärkeren Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern.

Zunächst wurden diese Auswirkungen durch den Verbleib der Conversos noch abgemildert, denn schon vor dem endgültigen Verbot des Judentums in Spanien waren sehr viele Juden zum Christentum konvertiert. Die Judenhasser erkannten, dass man dabei war, das Judenproblem zu lösen, nur um dafür ein Conversoproblem zu bekommen.

Viele der Conversos behielten nach ihrer Konvertierung einflussreiche Stellungen im Land. Der altchristliche Adel im Land tobte vor Wut, weil sie die Juden und ihr Kapital nicht hatten beseitigen können. Die Abhängigkeit von den Juden im „Christenmäntelchen“ drohte sich fortzusetzen. Die Altchristen wussten sehr genau, dass ihre neuchristlichen Glaubensbrüder keine gläubigen Christen waren und verfolgten sie von Anfang an mit ihrem Misstrauen. Die Conversos wurden als falsche, jüdisch gesinnte Christen betrachtet, die weiterhin ihre alten Bräuche ausübten. Man traute ihnen sogar noch weniger als den Juden, weil man ihnen vorwarf, sich in das christliche Leben einzuschleichen und das Christentum zu untergraben. Man sah in ihnen eine „fünfte Kolonne“ in der christlichen Kirche.[11]

[...]


[1] Kamen, Henry: Die spanische Inquisition: Verfolgung und Vertreibung, München 1980, S.55

[2] Windler, Christian in: Kleine Geschichte Spaniens, Hrsg: Schmidt, Peer, Stuttgart 2002, S.106

[3] Kamen, Henry, S.20

[4] Kamen, Henry, S.25

[5] Kamen, Henry, S.21

[6] Kamen, Henry, S.22

[7] Kamen, Henry, S.22

[8] Eleazar Gutwirth in: Spain and the Jews, Hrsg: Kedourie, Elie, London 1992, S.66

[9] Kamen, Henry, S.35

[10] Beinart, Haim: The expulsion of the Jews from Spain, Portland, Oregon 2002, S.290

[11] Kamen, Henry, S.20

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Verfolgung der Conversos durch die spanische Inquisition
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (für Geistesgeschichte)
Veranstaltung
Von der Reconquista zur Conquista
Note
2-
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V47961
ISBN (eBook)
9783638447898
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit wurde nach einer langen Exkursion vor Ort und Recherchen in Spanien geschrieben.
Schlagworte
Verfolgung, Conversos, Inquisition, Reconquista, Conquista
Arbeit zitieren
Roland Bernecker (Autor), 2003, Die Verfolgung der Conversos durch die spanische Inquisition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47961

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