Auswirkungen der vaterlosen Gesellschaft auf die Schule


Hausarbeit, 2005
79 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der historische Hintergrund
1.1. Die Vaterfunktion im Wandel
1.2. Der Vater im 18. und 19. Jahrhundert

2. Die Bedeutung des Vaters aus Sicht der klassischen Psychologie
2.1. Sigmund Freud
2.2. Alfred Adler
2.3. Carl Gustav Jung
2.4. Zusammenfassung

3. Mitscherlichs Vorläufer
3.1. Paul Federn
3.2. Max Horkheimer

4. Alexander Mitscherlich
4.1. Eine Einordnung seines Werks
4.2. Der gesellschaftliche Strukturwandel
4.3. Kennzeichen der vaterlosen Massengesellschaft
4.4. Mitscherlichs Definition von „Vaterlosigkeit“
4.5. Bedeutung und Konsequenzen

5. Die Gegenwartsdiskussion über die vaterlose Gesellschaft
5.1. Der Aufstand gegen die Väter
5.2. Die feministische Bewegung
5.3. Die Emanzipation der Väter
5.4. Familiäre und familienpolitische Veränderungen
5.5. Die unterschiedlichen Standpunkte im Geschlechterkampf
5.5.1. Die Argumente der Frauen
5.5.2. Die Argumente der Männer
5.6. Väterlichkeit wird neu entdeckt
5.7. Die moderne Definition von „Vaterlosigkeit

6. Der aktuelle Stand der Forschung über die Bedeutung des Vaters
6.1. Der männliche Beitrag zur Sozialisation des Kindes
6.2. Auswirkungen von Vaterlosigkeit
6.3. Väter und Töchter
6.4. Problemgruppe Jungen

7. Soziale Vaterschaft
7.1. Der Vater als Lehrer
7.2. Der Lehrer als Vater
7.3. Grenzen und Möglichkeiten der Ersatzvaterfunktion von Lehrern

8. Auswirkungen der „vaterlosen Gesellschaft“ auf die Schule
8.1. Allgemeine Auswirkungen
8.2. (Mögliche) Auswirkungen auf das Schülerverhalten
8.3. Das geschlechtliche Missverhältnis bei der institutionellen Erziehung
8.3.1. Die Feminisierung des Lehrerberufs
8.3.2. Die Abwesenheit der Männer
8.3.3. Positive Wirkungen männlicher Präsenz in der Schule
8.4. Jungen als Problemgruppe in der Schule
8.4.1. Jungenarbeit in der Schule
8.4.1.1. Ein praktisches Beispiel

9. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Arzt, Historiker und Psychologe Alexander Mitscherlich machte mit seinem 1963 erschienenen Buch „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft – Ideen zur Sozialpsychologie“ den auf Sigmund Freud zurückgehenden Begriff von der „vaterlosen Gesellschaft“ bekannt. Er beschreibt darin die sozialpsychologischen Konsequenzen, die mit dem Wandel von einer traditionellen paternistischen Gesellschaftsordnung zu einer modernen industriellen Massengesellschaft einhergehen. Als hervorstechendstes Merkmal schildert Mitscherlich den Bedeutungsverlust der Rolle des Vaters, dessen frühere herausragende Stellung als familiäre Autorität durch die Errungenschaften moderner Produktionsweisen und den damit verbundenen veränderten Lebensumständen ins Wanken gerät, bis sie schließlich ganz verschwindet. Befand man sich 1963 laut Mitscherlich „auf dem Weg“, so müssten wir heute gut 40 Jahre später, anno 2005, am Ende des Weges angekommen oder zumindest ein gutes Stück weiter vorangeschritten sein. Dieser Arbeit liegt die These zugrunde, dass sich viele der von Mitscherlich beschriebenen und für die (damalige) Zukunft prognostizierten gesellschaftlichen Erscheinungen, die mit Vaterlosigkeit in Verbindung stehen, mittlerweile etabliert haben und sich in den heutigen sozialen Strukturen widerspiegeln. Dies bliebe dann auch nicht ohne Folgen für die Sozialisation der heutigen Heranwachsenden und müsste sich dementsprechend auf die Institution Schule auswirken.

Viele Indikatoren deuten zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf eine unverminderte, wahrscheinlich sogar wachsende Aktualität der Vaterlosigkeitsproblematik in Deutschland und den westlichen Industrienationen hin. Die seit einigen Jahrzehnten in Folge der Gleichberechtigung wachsende wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen durch zunehmende Teilhabe am Arbeitsmarkt haben die Männer in die Defensive gedrängt und den Bedeutungsverlust der väterlichen Rolle weiter manifestiert. Hinter der steigenden Rate von Trennungen und Scheidungen steht eine Vielzahl allein von der Mutter erzogener Kinder. Väter werden nicht selten zu reinen Alimentezahlern degradiert, die ihre Sprösslinge nur stundenweise oder gar nicht mehr sehen, geschweige denn Einfluss auf die Erziehung nehmen. Durch die Gründung von Selbsthilfe- oder Protestgruppen, wie „Väteraufbruch für Kinder e.V.“, versuchen sie auf gesellschaftliche Diskriminierungen und Benachteiligungen im Familienrecht aufmerksam zu machen.

Auch in der öffentlichen Diskussion ist das Thema auf der Tagesordnung. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ widmete der vaterlosen Gesellschaft 1997 einen Leitartikel, dem aufgrund der großen Resonanz ein mehrteiliges Special zum „Geschlechterkampf“ folgte. Der verantwortliche Redakteur Matthias Matussek verarbeitete 1998 zusätzlich seine Recherchen zu dem Buch „Die vaterlose Gesellschaft“, in dem er auf die Problematik vaterlos aufwachsender Kinder, getrennt lebender Väter und gesellschaftlicher Benachteiligungen von Männern hinweist. Nach dem Zusammenbruch patriarchalischer Strukturen wurden die Väter nicht einfach nur entmachtet, offenbar gerieten sie sogar ins gesellschaftliche Abseits. Die Ursachen und Hintergründe dieser Entwicklung werden in dieser Arbeit aufgezeigt. Eine männliche Identitätskrise mit zunehmender Orientierungslosigkeit bei männlichen Heranwachsenden scheint die Konsequenz dieser Krise zu sein. Schlechte schulische Leistungen, Disziplinprobleme, eine überproportionale Schulabbrecherquote, Gewalt und eine hohe Kriminalitätsrate sind Anzeichen, die auf eine Bestätigung dieser Sichtweise hindeuten. Mädchen hingegen haben im Bildungsbereich seit den 1970er Jahren nicht nur aufgeholt, sondern Jungen in Bezug auf Abiturquote und Hochschulbesuchsfrequenz mittlerweile überflügelt.

Die Wissenschaft beschäftigt sich in jüngster Zeit ebenfalls in zunehmendem Maße mit der Bedeutung des Vaters. Es werden sowohl die Auswirkungen einer vaterlosen Kindheit, z.B. anhand von Untersuchungen der deutschen Nachkriegsgenerationen, erforscht, als auch die spezielle Bedeutung des Vaters für die Sozialisation von Kindern. Außerdem wird der Wandel der Vaterrolle im historischen Kontext einer genaueren Betrachtung unterzogen. So beginnt sich im Zuge der „gender-studies“ in den letzten Jahrzehnten neben der Frauenforschung auch die Männer- bzw. Vaterforschung allmählich zu etablieren.

In Anbetracht der aktuellen öffentlichen Diskussion und des wissenschaftlichen Diskurses scheint die „vaterlose Gesellschaft“ seit Mitscherlichs Buchveröffentlichung sogar an Bedeutung gewonnen zu haben. Seine tiefgreifende Analyse wird jedoch nicht selten ignoriert, instrumentalisiert oder sogar fehlinterpretiert. Daher muss der in unterschiedlichen Kontexten verwendete vielschichtige Begriff der „vaterlosen Gesellschaft“ zunächst einmal entschlüsselt, differenziert und exakt definiert werden. Dazu werden die historischen, sozialphilosophischen und psychologischen Grundlagen zur Funktion des Vaters dargestellt. Welche Vorteile birgt männlicher Einfluss für die Sozialisation von Kindern? Welche möglichen Defizite können durch einen Vatermangel auftreten? Die Differenzierung zwischen genetischer und sozialer Vaterschaft wirft in einer Zeit, in der die Patchworkfamilie allmählich zum Normalfall wird und immer häufiger Ersatzväter in Erscheinung treten, die Frage der Austauschbarkeit von Vätern auf. Wie weit reicht die Vaterrolle? Kann sie ohne Einschränkung auf männliche Bezugs- und Betreuungspersonen, z.B. in der institutionellen Erziehung, ausgedehnt werden? Können soziale Väter den Verlust des genetischen Vaters kompensieren? Diesen Fragen wird in der vorliegenden Arbeit mit dem wissenschaftlichen Ansatz der Vaterforschung nachgegangen. Ein wesentliches Ziel dieser Arbeit besteht darin, den gegenwärtigen Wissensbestand dieser verhältnismäßig jungen Forschungsrichtung zu sichten. Danach werden die gewonnenen Erkenntnisse auf die gegenwärtige Situation an unseren pädagogischen Institutionen angewandt. Inwiefern spiegeln sich Symptome der vaterlosen Gesellschaft in unseren Schulen wider und wirken sich auf das Verhalten der heutigen Schüler aus? Aktuell sind 96% der Erzieher in Kindergärten und -tagesstätten und 85% des Lehrkörpers an Grundschulen weiblich. Es wird insbesondere bei der Betreuung unterer Jahrgänge eine Überfeminisierung, bzw. ein eklatanter Mangel an männlichen Bezugspersonen offenbar, was zunehmend in den Fokus bezüglich der Schulprobleme männlicher Heranwachsender rückt. Abschließend werden erste Ansätze einer speziellen Jungenpädagogik vorgestellt, mit der versucht wird, eine mögliche Benachteiligung der Jungen gegenüber den Mädchen auszugleichen.

1. Der historische Hintergrund

1.1. Die Vaterfunktion im Wandel

Eine geschichtliche Aufarbeitung der Funktionen des Vaters in Familie und Gesellschaft erweist sich als schwierig, besonders die frühgeschichtliche. Autoren beklagen das rare Quellenmaterial, das häufig unzuverlässig ist oder sich vielfältig interpretieren lässt. Höhlenmalereien, archäologische Funde oder kurze Textstellen aus frühen Hochkulturen geben nur wenig Aufschluss über das reale familiäre Alltagsleben und elterliche Funktionen. Auch die Analogiebildung aus Erkenntnissen der Ethnologie, z.B. von Margret Mead, über die Lebensumstände in grauer Vorzeit stellt nur einen Behelf dar: „Aus Mangel an historischen Quellen ist der Rückschluß aus Informationen über heutige segmentäre Gesellschaften auf historische Frühstufen der entwickelten Kulturen innerhalb gewisser Grenzen zulässig. Es gibt natürlich keinen Beweis dafür, daß die Menschen jener Zeit in gleicher Weise gelebt haben...“ (Lenzen, S. 34). Jeder historische Überblick über die Bedeutung des Vaters bleibt also immer stark verallgemeinernd und bildet nur grob eine gesellschaftlich vorherrschende Tendenz ab, während die alltägliche Wirklichkeit wesentlich vielfältiger gewesen sein wird. Beschränken wir uns also auf wenige allgemeingültige, kaum bestreitbare Aussagen.

Im Gegensatz zur Mutterrolle, die durch Schwangerschaft, Geburt und Stillen von Beginn an stark biologisch geprägt ist, definieren gesellschaftliche Rahmenbedingungen die Vaterrolle. „Väterliches Engagement war immer stärker von bestimmten Bedingungen abhängig als das der Mutter.“ (Fthenakis 1999, S. 27) Der Mann (er-)zeugt zwar das Kind, damit ist jedoch zwingend erst einmal keine unmittelbare Verpflichtung zur Erfüllung weiterer Funktionen verbunden. Hinzu kommt die Unsicherheit der genetischen Zuordnung. Es bleibt unklar, ab wann die Menschheit überhaupt eine Verbindung zwischen dem Beischlaf mit möglicher Zeugung und der 9 Monate später eventuell erfolgenden Geburt erkannt hat. Durch den zeitlich relativ großen Abstand dieser beiden Ereignisse, die außerdem, z.B. bei Unfruchtbarkeit eines Partners, noch nicht einmal immer zwingend miteinander verknüpft sind, könnte den Urzeitmenschen im Paläolithikum (600.000 – 8.000 v. Chr.) der biologische Zusammenhang lange Zeit
verborgen geblieben sein. Aus ethnologischen Forschungen ist lediglich bekannt, dass in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Zeugungstheorien kursieren. Sie reichen von der alleinigen Leistung der Frau unter göttlicher Mithilfe über den Mutterbruder als Veranlasser bis zum im Sperma enthaltenen Homunkulus, der lediglich zum Reifen in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt wird (vgl. Lenzen, S. 35).

Eines der frühesten Zeugnisse, die die menschliche Einsicht über die genetische Funktion des Vaters eindeutig belegen, stammt aus dem Neolithikum (ab ca. 2000 v. Chr.). In einer Quelle aus dem Jahr 1728 v. Chr. aus dem alten Ägypten wird der Ehemann als Erzeuger des von der Mutter geborenen Kindes identifiziert (vgl. Lenzen, S. 41). Viel entscheidender als die genetische Vaterschaft war aber offenbar, ob ein Mann das Kind annahm, weil er sich darin wiedererkannte. Verstieß er es, bedeutete das in der Regel das Todesurteil, akzeptierte er es, erwuchs daraus eine patronistische Verpflichtung. Der Vater musste das Kind beschützen, anleiten, versorgen und es hatte Erbansprüche. Dies ist aber noch nicht mit einer patriarchalischen Herrschaft, die durch eine gottähnliche Überhöhung gekennzeichnet ist, gleichzusetzen. Deren Entstehung sieht Lenzen (vgl. S. 56ff) im Zusammenhang mit dem Aufkommen und der Verbreitung des Ein-Gott-Glaubens im alten Israel (1500 - 500 v. Chr.) und dessen Übertragung auf familiäre Verhältnisse. In gleicher Weise wie Gott Jahwe den König und sein Volk erwählt hat, heiligt der Vater durch Annahme seinen Sohn. Aus einer göttlichen Erhöhung des Vaters erwuchs das klassische Patriarchat mit seinen Elementen Kindsannahme, Traditionsvermittlung, Verfügungsgewalt, Beschützer-, Versorgerfunktion, Erbrecht und pädagogischem Auftrag. Vergleichbare Konstellationen, d.h. Übertragungen von Gottvaterkonzeptionen auf die Familie, finden sich mit Zeus auch im antiken Griechenland (ca. 2500 – 64 v. Chr.) und mit Remus in der römischen Antike (ca. 753 v. Chr. – 300 n. Chr.). Doch der Patriarch als uneingeschränkter Alleinherrscher wird schnell von vielen Seiten herausgefordert und in seinen Kompetenzen beschnitten. Durch Erbansprüche werden Söhne zu Konkurrenten des Vaters, die auf die Machtübernahme drängen. Die Einsetzung von Lehrern für heranwachsende Söhne im antiken Griechenland beschneidet die pädagogische Kompetenz. Eine Zunahme staatlicher Verfügungsgewalt schränkt die legislativen Funktionen des Vaters ein, so wurde z.B. im antiken Rom die Bedeutung von „Vater Staat“ durch einen Zuwachs gesetzlicher Regelungen immer größer. Auch richterliche Funktionen des omnipotenten Patriarchen werden zunehmend auf staatliche Institutionen verlagert. Während väterliche Macht historisch einem schleichenden Demontageprozess ausgesetzt ist, wächst im Gegenzug der mütterliche Einfluss, was z.B. in der Marienverehrung des Christentums mit einer Vergöttlichung des Mutter-Kind-Verhältnisses Ausdruck findet.

Die Zersplitterung und Aufteilung der Vateraufgaben setzen sich vom Mittelalter über die Reformationszeit bis ins 17. Jahrhundert fort. „Dem Vater bleibt die Rolle des Familienoberhauptes, die Ernährungs- und Schutzfunktion, aber als Erzieher und somit anteilig als Identifikationsfigur und Ablöser von der Mutter, ist er mehr oder weniger ersetzt worden.“ (Ax, S. 21) Priester, Obrigkeit, Hauslehrer, Lehrer und Mütter übernehmen immer mehr klassische väterliche Funktionen, wobei es zwischen Aristokratie, Bürgertum und bäuerlichen Familien große schichtenspezifische Unterschiede gibt. Das Familienleben von Bauern konnte sich stark von dem von Handwerkern, Kaufleuten, Beamten oder von Adeligen unterscheiden. Auch regional bedingte Unterschiede führen zu einer großen Differenziertheit des familiären Alltagslebens. Der Familienbetrieb eines Bergbauern in den Alpen oder Pyrenäen konnte schon mit dem eines Weinbauern an der Mosel wenig gemeinsam haben (vgl. Ax, S. 22). In Bergregionen kam es vor, dass ein Vater bis zu 9 Monate im Jahr getrennt von der Familie verbrachte, um den Lebensunterhalt für die Familie sicher zu stellen (vgl. Hufton, S. 11), wodurch sein Einfluss auf das häusliche Leben und die Kindererziehung zwangsläufig stark einschränkt war.

Die traditionelle Stellung des Vaters als Familienoberhaupt ist zwar unbestritten, inwiefern daraus jedoch allumfassende Machtansprüche und direkte Einflussnahme abzuleiten sind, hängt von vielen Faktoren, wie Organisationsgrad des gesellschaftlichen Umfeldes, soziales, kulturelles oder geographisches Umfeld ab. Die weltweite, über Jahrtausende währende und in nahezu allen Kulturen vorkommende Verbreitung des patriarchalischen Modells deutet darauf hin, dass es sich unter bestimmten Umweltbedingungen um die offenbar Erfolg versprechendste Lebensform handelt. Pauschale historische Darstellungen von Vaterbildern, gleichgültig, ob es sich um eine Dämonisierung oder Idealisierung handelt, sollten misstrauisch stimmen. Auch eine Beschreibung als kontinuierlicher Veränderungsprozess, z.B. vom Patriarchat zur ausschließlichen Alimentation oder zur Androgynität, ist „völlig unangemessen, um die Komplexität der Transformationen zu erfassen“. (Fthenakis 1999, S. 27) Andererseits sind Verallgemeinerungen notwendig, um übergeordnete gesellschaftliche Prozesse erfassen zu können.

1.2. Der Vater im 18. und 19. Jahrhundert

Trotz einer Zunahme an Aufzeichnungen in den letzten Jahrhunderten bleibt auch das Vaterbild der jüngeren Vergangenheit diffus. „(W)ir (wissen) bis jetzt nur sehr wenig über das Familienleben der Väter, während über die Frau in der Familie sehr viel geforscht wurde.“ (Burgess, S. 58) Außerdem scheinen viele historische Schilderungen die tendenziöse Absicht zu verfolgen, den Vater undifferenziert als brutalen Patriarchen darzustellen, der autoritär ein grausames Regiment über die Familienmitglieder führt. Burgess beklagt die Ungenauigkeit der Forschungen von Familienhistorikern besonders aus den 1970er Jahren, die Quellen häufig selektiv auswerteten, um „ihre Vorstellung vom distanzierten Zuchtmeister, die so tief in der westlichen Psyche verankert ist“, (S. 60) zu bestätigen. Dagegen beförderten jüngere Forschungen zahlreiche Aufzeichnungen aus den letzten 3 Jahrhunderten zu Tage, die ein anderes Bild zeichnen. „Aus jeder geschichtlichen Epoche erfahren wir, daß die Väter sich ihren Kindern eng verbunden fühlten und mit vielen Sorgen kämpften, die Vätern auch heute noch zu schaffen machen.“ (dies., S. 63) Eine uneinheitliche Darstellung des Vaterbilds sieht auch Fthenakis. „Bezüglich der Rolle des Mannes in der Familie des 18. Jahrhunderts“ macht er „zwei widersprüchliche Standpunkte“ (1999, S. 17) aus, nämlich zum einen den des familiär engagierten Vaters und zum anderen den des distanzierten autoritären Patriarchen, wobei die Frage offen bleibt, ob sich diese Rollenmodelle wirklich gegenseitig ausschließen oder nicht bis zu einem gewissen Grad vereinbar sind.

Familien bildeten im vorindustriellen Zeitalter überwiegend eine landwirtschaftlich geprägte Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft. Neben dem Bauernhof als Existenzgrundlage wuchs ab Ende des 17. Jahrhunderts auch die Bedeutung des Handwerks und des Einzelhandels. Der Familienbetrieb unter Führung des Vaters war die vorherrschende ökonomische Einheit. Alle Familienmitglieder, selbst junge Kinder, trugen ihren Anteil zum Lebensunterhalt der Familie bei. Eine herausragende Rolle spielte die Beziehung des Vaters zum ältesten Sohn, der in der Regel zum väterlichen Nachfolger bestimmt war. Charakteristisch für die damaligen Lebensverhältnisse waren die räumliche Nähe von Arbeits- und Lebensbereich und die Funktion des Vaters als familiärer Vormund, Vorbild für die Söhne und beruflicher Anleiter. Dies änderte sich mit dem Einsetzen der industriellen Revolution, die ab ca. 1785 von England ausging. Maschinelle Produktionsweisen, Eisenbahnen, Dampfschiffe und das Entstehen von Großstädten veränderten die westlichen Gesellschaften auf nachhaltige Weise. Landwirtschaftliche und handwerkliche Betriebe verloren an Bedeutung und wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr durch industrielle Arbeitsplätze ersetzt. Damit ging auch eine Trennung von Arbeits- und Familienleben, wodurch die bis dato hauptsächlich biologisch bedingte geschlechtsspezifische Aufgabenverteilung vertieft wurde. Während die Mutter immer stärker für Kindererziehung und Haushaltsführung zuständig war, verschwanden die Väter zunehmend aus dem familiären Alltag. Die Berufswelt mit ihren damals sehr harten, zeit- und kraftintensiven Arbeitsbedingungen war den Männern zugeordnet, auch wenn vor allem Frauen aus dem Proletariat aufgrund geringer Löhne der Männer durch Erwerbstätigkeit häufig einen Beitrag zum Familieneinkommen leisten mussten. Doch das förderte zunächst in keiner Weise eine Rollenangleichung, sondern erhöhte das Prestige der Männer, die ihre Familie als Alleinverdiener versorgen konnten. Eine Berufstätigkeit der Ehefrau wurde mit Schwäche und sozialer Unterprivilegierung des Familienvaters gleichgesetzt; er galt als unfähig, seine Frau vor harter Arbeit zu schützen. Die väterliche Funktion beschränkte sich immer mehr auf die des Erzeugers und Ernährers. „Väterliche Autorität beruhte primär auf den materiellen Ressourcen, die ein Mann seiner Familie zur Verfügung stellen konnte.“ (Fthenakis 1999, S. 20f) Der soziale, ideelle und ökonomische Druck auf Männer erhöhte sich stetig. Das schlägt sich in einem enormen Anwachsen des Alkoholkonsums im Verlauf des 19. Jahrhunderts als Kompensation nieder; Fthenakis nennt eine Verdopplung bis Verdreifachung (1999, vgl. 20f). Auf der anderen Seite wurde das häusliche Leben immer frauen- bzw. mütterzentrierter und zum Inbegriff von Weiblichkeit. „Je mehr Heim und Herd mit Frauen und bezahlte Arbeit mit Männern gleichgesetzt wurde, desto mehr distanzierten sich die Männer von der Pflege und Betreuung ihrer Kinder und um so mehr schienen Frauen dies zu unterstützen.“ (Burgess, S. 89) Männern, die sich an der Hausarbeit beteiligten, wurde früher Arbeitslosigkeit unterstellt. So entstanden bis heute wirksame geschlechtliche Rollenstereotype.

Ansprüche, Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Anforderungen, die mit der Vaterrolle verknüpft sind, werden durch eine Vermischung von traditionellen patriarchalischen Vorstellungen und einer gewandelten gesellschaftlichen Realität immer gegensätzlicher und immer weniger miteinander vereinbar. Auf der einen Seite bleiben „klassische Werte wie formelles Auftreten, emotionale Zurückhaltung, Selbstbeherrschung und rationale Kontrolle“ (Fthenakis 1999, S. 19) erhalten, während andererseits von Männern im Zuge eines Wertewandel im 19. Jahrhundert partnerschaftliches Verhalten, Zuneigung und Emotionalität erwartet wird. Während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Gesetze erlassen werden, die die Misshandlung von Frauen und Kindern unter Strafe stellen (vgl. Fthenakis 1999, S. 21), gilt gleichzeitig weiterhin das patriarchalische Ideal des Vaters als familiäre Autorität und Bewahrer von Zucht und Ordnung. Schon damals gab es Kampagnen, die ein stärkeres Engagement der Väter in der Erziehung ihrer Kinder fordern, andererseits wurden Arbeitszeiten und Wege zum Arbeitsplatz immer länger, was die Männer zunehmend von ihren Familien isolierte. Ein Vater sollte seine Familie ernähren können, gleichzeitig bewegten sich die Löhne von Fabrikarbeitern am Rande des Existenzminimums. Solche Widersprüche zwischen kulturellem Ideal und sozialer Realität müssen zwangsläufig zur Überforderung des Individuums und zu enttäuschten Erwartungshaltungen in seinem Umfeld führen. Außerdem liegt darin eine nahe liegende Erklärung für die oben erwähnten widersprüchlichen historischen Darstellungen, die nicht nur mangelndem Datenmaterial, sondern auch ideologischen Absichten geschuldet sind. Stellt man die traditionelle patriarchalische Vaterkonzeption in Reinform in den Vordergrund und reichert sie mit Schilderungen von entfremdeten und misshandelten Kindern an, lässt sich trefflich ein negatives Vaterbild mit äußerst kritikwürdigen autoritären Verhaltensweisen entwerfen. Betont man jedoch stärker die sozialen Lebensumstände, sieht den Vater im gesellschaftlichen Kontext und ergänzt die Beschreibung mit Quellen wohlwollender Vaterbeschreibungen ergibt sich ein entgegengesetztes Image. Eine objektive Einschätzung der historischen Bedeutung des Vaters wird durch solche tendenziösen Darstellungen erheblich erschwert.

In der historischen Rückschau zeichnet sich jedoch die Tendenz ab, dass Determinanten wie Gesellschaftsstruktur, Staatsform, Mythenbildung, Religion oder soziale und geographische Lebensumstände einen starken Einfluss auf die Vaterschaftskonzeption haben. Väterliche Funktionen fluktuieren stark und hängen von der gesellschaftlichen Struktur ab. Daher ist eine allgemeine, über einen langen Zeitraum gültige Definition von Funktionen eines leiblichen Vaters nicht möglich. „Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte gab es eine einzigartige gleichförmige Rolle des Mannes in der Familie.“ (Fthenakis 1999, S. 27) Je primitiver und überschaubarer die sozialen Lebensbedingungen sind, desto mehr Entfaltungsspielraum wird dem Vater ermöglicht. Seine Position ist machtvoller und seine Funktionen vielfältiger. Je stärker der Differenzierungsgrad einer Gesellschaft steigt, umso eher werden väterliche Aufgaben auf andere Funktionsträger verlagert, z.B. die pädagogische Funktion auf Mütter und Lehrer oder die Schutzfunktion auf den Staat. Daher schwächte die zunehmende Komplexität westlicher Gesellschaften in der Vergangenheit kontinuierlich die Position des Vaters. Dieser Vorgang wurde durch die industrielle Revolution ab Ende des 18. Jahrhunderts stark beschleunigt.

2. Die Bedeutung des Vaters aus Sicht der klassischen Psychologie

Ein großer Teil der in dieser Arbeit behandelten Literatur stammt aus der Psychologie und ihren unterschiedlichen Fachbereichen, wie der Sozialpsychologie, der Entwicklungspsychologie, der Epidemiologie oder der Psychoanalyse. Einen besonders breiten Raum nimmt als Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939) ein, auf dessen Theorien die Untersuchungen zahlreicher hier zitierter Autoren, wie Mitscherlich, Radebold, Le Camus u.a. basieren. Freuds Lehre bezogen auf die Bedeutung des Vaters ist zwar nicht völlig unumstritten, stellt aber „Grundwahrheiten ... für Psychiater und Psychologen“ dar und wird „kaum infrage gestellt“ (Le Camus, S. 10). Daher werden wesentliche Erkenntnisse aus der Freudschen Theorie und aus sich daran anschließenden Untersuchungen über die Bedeutung des Vaters aus psychologischer Perspektive im Folgenden kurz zusammengefasst.

2. 1. Sigmund Freud

Nach Freud gewinnt der Vater in der phallischen Phase ab ca. dem 3. Lebensjahr eines Kindes an Bedeutung. Zu diesem Zeitpunkt wird die bestehende Mutter-Kind-Symbiose aufgehoben, das Kind erkennt die Mutter als eigenständige Person. Der Vater stellt durch seine Präsenz für das Kind einen zweiten Pol dar, der ihm hilft, die Symbiose mit der Mutter zu überwinden. Er verkörpert ein zweites alternatives Objekt neben dem primären Liebesobjekt Mutter, zu dem das Kind eine Bindung, eine zweite Objektbeziehung aufbaut. Die erste psychologische Funktion des Vaters stellt also die eines „Störers“ dar, jedoch jenseits der negativen konnotativen Aufladung der Begriffe. Im Gegenteil, durch seine „störende“ Rolle unterstützt er die kindliche Entwicklung, indem er die Mutter-Kind-Dyade zu einer Triade erweitert. Aus diesem Vorgang hat die Entwicklungspsychologie später, zu Beginn 1970er Jahre, das Konzept der Triangulierung entwickelt. Außerdem wurde die Bedeutung des Vaters im Vergleich zur Einschätzung Freuds zeitlich vorverlegt. Man geht mittlerweile davon aus, dass die Dreiecksbeziehung Mutter-Vater-Kind bereits zwischen dem 9.-14. Lebensmonat beginnt. Allerneueste Ergebnisse der Säuglingsforschung deuten sogar auf einen noch früheren Zeitpunkt hin (vgl. Petri, S. 30f). Die Triade wird dann als reif und vollständig vollzogen angesehen, wenn das Kind Vater und Mutter als getrennte und ganze Objekte erkennt (vgl. Gläser, S. 246). Dieser Prozess gilt als Voraussetzung, um in die ödipale Phase überzuleiten.

An die Triangulierungsphase schließt sich ab dem ca. 3. Lebensjahr die infantil-genitale Phase an. Hier beginnen Jungen den Vater als einen Rivalen im Ringen um die Gunst der Mutter anzusehen, was von Freud, der griechischen Mythologie folgend, bei Jungen als „Ödipuskomplex“ bezeichnet wurde. Der Sohn möchte die Mutter allein besitzen und den Vater loswerden. In der Vorstellungswelt des Kindes begegnet der Vater wiederum dem Begehren des Sohnes mit der Angst auslösenden Drohung der Kastration. „Intrapsychisch wird durch die Kastrationsdrohung und die ihr folgende Kastrationsangst das Gewissen, das sogenannte ,Über-Ich’ gebildet.“ (Petri, S. 34) Der libidinös gesteuerter Wunsch nach Vereinigung mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil drückt sich in einem verstärkten körperlichen Zärtlichkeitsbedürfnis und Eifersucht auf den gleichgeschlechtlichen Elternteil ausdrückt. Hampden-Turner schildert die frühe Gewissens- und Identitätsbildung folgendermaßen:

„Zunächst kommt es zu einer Projektion der eigenen Aggression durch das Kind auf den gleichgeschlechtlichen Elternteil, die daraus entstehende Angst vor Bestrafung bewirkt die Unterdrückung der phallischen Impulse, eine Identifikation mit dem Verbot des Vaters/der Mutter und folglich die Sublimation der Sexualität in Liebe. Dieser Vorgang erzeugt beim Kind die ersten Ansätze des Überichs. Im Identifikationsprozeß des Jungen mit seinem Vater oder des Mädchens mit seiner Mutter werden die männlichen und weiblichen Eigenschaften weitergegeben.“ (S. 43)

Im weiteren Verlauf des Heranwachsens während der Latenzzeit (6. bis 12. Lebensjahr) und der genitalen Phase (12 bis zur Reife) müssen die inneren Konflikte, Vaterhass, Kastrationsangst und Inzestwunsch, vom Kind gelöst werden, was bei Erfolg zu einer weiteren Formung des Über-Ichs führt. Die elterlichen Verbote müssen internalisiert und sexuelles Begehren durch Zärtlichkeit ersetzt werden.

Aus der Freudschen Theorie geht hervor, dass der Vater eine wichtige Rolle bei der Ablösung des Kindes von der Mutter, der geschlechtlichen Identitätsfindung und der Gewissensbildung (Über-Ich) des Kindes spielt. „Man ist sich einig, dass der Vater, indem er die Verbote des Überichs verkörpert, maßgeblich am Aufbau der Psyche von Kindern beiderlei Geschlechts beteiligt ist.“ (Le Camus, S. 10) Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass der Ödipuskomplex umstritten ist und es sich hierbei mehr oder weniger um eine Glaubensfrage handelt. Mit „ Ödipus [Kursivdruck hier und in allen folgenden Zitaten jeweils im Original, Anm. d. Verf.] steht und fällt das ganze Freudsche Modell“, stellt Braun (S. 27) fest und gibt zu bedenken, dass selbst bei einer Akzeptanz der ödipalen Phase ihre Bedeutung von Freud eventuell übertrieben worden sei. C.G. Jung, der die Überbetonung des Sexualtriebs bei Freud kritisiert, schlägt vor, die sexuell geprägte Terminologie abzuschwächen: „Wenn ich aber sage, daß der Ödipuskomplex zunächst nur eine Formel sei für das kindliche Begehren gegenüber Vater und Mutter und für den Konflikt, den dieses Begehren hervorruft – wie jedes eigennützige Begehren Konflikte erzeugt –, so dürfte die Sache akzeptabler erscheinen.“ (S. 178)

Einen weiteren Schwachpunkt in der Freud’schen Theorie stellt die mangelhafte Beschreibung des weiblichen Innenlebens dar. Die schlichte Umkehrung zu einem „weiblichen Ödipuskomplex“ bezeichnet Petri als „abenteuerlich“ (S. 34). Als Problem taucht auf, dass das erste Liebesobjekt des Mädchens zwangsläufig wie beim Jungen ebenfalls die Mutter ist, diese aber im Gegensatz zum Jungen dem gleichen Geschlecht angehört. Daher muss das Mädchen erst einen so genannten „Objektwechsel“ zum Vater vollziehen, um eine dem Ödipuskomplex entsprechende gegengeschlechtliche Konstellation zu erreichen. Ein Thema, das in der modernen Psychoanalyse weiter diskutiert wird (s. Kap. 6.1. u. 6.3.) In Analogie zur Terminologie Freuds wurde die infantile Liebe des weiblichen Kindes zum Vater von C.G. Jung nach der Tochter des Agamemnons „Elektrakomplex“ genannt.

2.2. Alfred Adler

Ein anderer Klassiker der Psychologie Alfred Adler (1870-1937) hielt den schicksalhaft vererbten Ödipuskomplex ebenfalls für überbewertet. Bei ihm tritt an seine Stelle ein angeborener Minderwertigkeitskomplex, d.h. Kinder entwickeln durch die Wahrnehmung väterlicher Überlegenheit und Größe Minderwertigkeitsgefühle, deren Bewältigung während der Entwicklung ebenfalls das Über-Ich formt und schließlich Antrieb zur Überwindung von Hindernissen verleiht (vgl. Braun, S. 30ff). Adler betont aber ebenfalls einen wichtigen Aspekt, der schon bei Freud angelegt ist: der Vater als Grundvoraussetzung für die Entstehung dialektischen Denkens. Ein Fehlen der durch den Vater erzeugten Bipolarität erschwert die Ablösung von der Mutter und somit die Ich-Bildung des Kindes. Adler misst der Funktion des Vaters in punkto Vermittlung von Liebe und Mitmenschlichkeit eine ähnliche, aber etwas geringere Bedeutung als der der Mutter zu. Hinzu kommt aber in einer männlich dominierten Gesellschaft die wirtschaftlich soziale Funktion als Ernährer und Familienoberhaupt und ein daraus resultierendes Identifikationsmodell besonders für Jungen. Deshalb wirke sich Vaterlosigkeit unter diesen Umständen bei Jungen negativer aus als bei Mädchen (vgl. Braun, S. 32). Während Adler die soziale Rolle stärker als Freud in den Vordergrund stellt, bleibt die Bedeutung der dialektischen Verschränkung der Elternteile bei ihm erhalten. Der Mutter wird stärker der emotional-affektive Bereich und dem Vater der Realitätsbezug zur Außenwelt zugeschrieben.

2.3. Carl Gustav Jung

Carl Gustav Jung (1875-1961) war zunächst ein Schüler und Anhänger Freuds, entwickelte dann aber ein eigenes psychologisches Konzept. Bei ihm gehört der Vater, ebenso wie die Mutter, zu den so genannten „Archetypen“. Dabei handelt es sich um Bilder, die in Millionen von Jahren der Menschheitsgeschichte in den untersten Schichten der Seele gespeichert wurden und die jeder Mensch nicht erst im Leben erwirbt, sondern, ähnlich wie der Wandertrieb oder Nestbauinstinkt bei Vögeln, von Geburt an durch Vererbung besitzt. „Die ererbten Systeme entsprechen den seit der Urzeit prävalierenden menschlichen Situationen, das heißt es gibt Jugend und Alter, Geburt und Tod; es gibt Söhne und Töchter, Väter und Mütter; ...“ (Jung, S. 364) Der Archetypus Vater existiert bei jedem Menschen unabhängig davon, ob der Vater real präsent ist oder nicht. Er entfaltet immer auch Macht über das Individuum. Aus dem Gegenüber des inneren Bildes und der Entsprechung in der äußeren Realität ergibt sich ein Gefälle oder eine Spannung, die als Energie Antriebskraft verleiht, aber auch Ursache für Neurosen sein kann. Aus dem Vorhandensein beider Elternteile als Archetypen in jedermanns Unterbewusstsein ergibt sich auch bei Jung eine „dialektische Verschränkung von Vater und Mutter in ihrer erzieherischen Bedeutung für das Kind. Sie ist so deutlich, daß sie eigentlich nichts zu wünschen übrig läßt, denn sie bestätigt, daß der Vater den Jungen aus der einseitigen Abhängigkeit befreien kann, keineswegs muß. Die Familie kann also als Dreieck Vater-Mutter-Kind...strukturiert“ angesehen werden (Braun, S. 34).

2.4. Zusammenfassung

Das Motiv der Dialektik zieht sich wie ein „roter Faden“ durch die psychologische Betrachtungsweise. Ursprünglich stammt der Begriff mit seiner Verschmelzung von These und Antithese zu einer Synthese aus der Philosophie und wird besonders mit Hegel in Verbindung gebracht. Störig beschreibt die Bedeutung der Dialektik sehr anschaulich:

„Es ist nicht schwer, praktische Beispiele anzuführen, die den Sinn und die Fruchtbarkeit eines solchen dreistufigen dialektischen Schemas zeigen. Jeder hat die Erfahrung gemacht, daß wir in unserem Urteil über Menschen, Dinge, Ereignisse – im täglichen Leben wie in der Wissenschaft – oft genug zunächst, ,von einem Extrem ins andere fallen’, also von der These zur Antithese, um unser abschließendes Urteil dann auf einer ,goldenen Mitte’ zu finden, die aber doch etwas mehr ist als ein Kompromiß zwischen beiden Extremen. Das würde zeigen, wie unser Denken dialektisch fortschreitet.“ (S. 521)

Zusammengefasst ergeben sich aus den vorangegangenen Erläuterungen die Schlussfolgerungen, dass aus Sicht der klassischen Psychologie der Vater eine wichtige Koordinate in einer familiären Dreiecksbeziehung darstellt. Die Elternteile bilden die Pole, bzw. die Extreme zwischen denen das Kind hin- und herpendeln kann, um letztlich zu einem Selbst, der „goldenen Mitte“, zu finden. Diese gefundene Mitte könnte sich in einer ausgeglichenen Ich-Identität widerspiegeln, die dann der oben aufgeführten Beschreibung Störigs folgend in der Regel mehr als ein Kompromiss zwischen den Extremen ist. D.h. eine gelungene Verschmelzung von Vater- und Mutterpersönlichkeit führt zu einer höheren Entwicklungs- bzw. Persönlichkeitsstufe. Einschränkend muss erwähnt werden, dass eine gelungene Identitätsentwicklung, wie z.B. Erikson zeigt, natürlich noch von einer Vielzahl weiterer Faktoren abhängt.

Vaterlosigkeit hat vor dem Hintergrund der klassischen Psychologie eine Vielzahl von Defiziten zur Folge. Die innere Antriebskraft, bzw. die intrinsische Motivation und die damit verbundene Fähigkeit zur Problembewältigung oder das Ausdauervermögen bei der Überwindung von Hindernissen dürften demnach unterentwickelt sein. Zudem wird die Gewissensbildung, bei der der Vater eine entscheidende Rolle spielt, behindert. Die für die Identitätsreifung wichtige Fähigkeit des Ertragens von Ambivalenzen – der Vater wird gehasst und zugleich geliebt oder bewundert – beeinträchtigt die Persönlichkeitsentwicklung ebenso, wie die fehlende dialektische Verschränkung von Vater und Mutter.

3. Mitscherlichs Vorläufer

3.1. Paul Federn

Die „vaterlose Gesellschaft“ wurde schon vor Alexander Mitscherlich, der den Begriff populär machte, von anderen Theoretikern thematisiert. Schon im Jahre 1919 verfasste der österreichische Freudschüler Paul Federn einem Aufsatz mit dem Titel: „Zur Psychologie der Revolution: Die vaterlose Gesellschaft“. Er griff dabei einen Terminus auf, den sein Lehrmeister in dem Aufsatz „Die infantile Wiederkehr des Totemismus“ (1913) geschaffen hatte (vgl. Freud, S. 166).

Federn analysiert auf der Basis der psychologischen Forschungen Freuds, Jungs und Adlers die politische Situation zu Beginn der Weimarer Republik, die durch den Spartakusaufstand, Streiks und der Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten gekennzeichnet war. Bei Federn, der eine sozialistische Räterepublik herbeisehnt, ist der Begriff „vaterlose Gesellschaft“ ausschließlich positiv besetzt. Er sieht nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und den damit verbundenen Herrschaftsstrukturen, die er mit dem väterlichen Autoritätsprinzip gleichsetzt, die Chance zur Schaffung einer demokratischen Gesellschaft, die auf Brüderlichkeit beruht. Nachdem der deutsche Kaiser und sein Staat sich jeglicher Autorität und innerer (unbewusst väterlicher) Bindung beim Proletariat beraubt hatten, „standen plötzlich in begreiflicher innerer Verwirrtheit eine Menge vaterloser Gesellen da, welche das gemeinsame Mutterland und die Not zur Schaffung einer vaterlosen Gesellschaft zwingt.“ (Federn, S. 73) Federn hofft, dass sich das althergebrachte patriarchalische Vaterprinzip, in dem der Einzelne immer unbewusst auf der Suche nach autoritären, Halt bietenden Vorbildern ist, überwinden lasse und einem Bruderprinzip weiche, das auf gleichberechtigter, quasi geschwisterlicher Bindung beruht und eine basisdemokratische, sozialistische Räterepublik ermögliche. Er glaubte, dass sich „die Befriedigung des Verlangens nach einer Vatergestalt in der starken Anhängerschaft an einzelne hervorragende Männer“ (S. 85), wie in den demokratischen USA durch Roosevelt, stillen lasse. Federn sah zwar die starke psychologische Macht der Vateridee, die gesellschaftlich seit Jahrtausenden tief verwurzelt sei und deren Organisationsformen als einzige Kulturbestand gehabt hätten, hoffte aber: „Es wäre voreilig, daraus zu schließen, daß auch die jetzige Bruderschaftsbewegung scheitern muß.“ (S. 76) Hier war offensichtlich der Wunsch Vater des Gedankens, denn die Räterepublik setzte sich nicht durch und wie sich schließlich durch das Scheitern der Weimarer Republik herausstellen sollte, war das Verlangen der Bevölkerung nach einer starken autoritären (Vater-)Figur doch so übermächtig, dass es sich ab 1933 dann im Führerprinzip bahnbrach. Obwohl Federn dieses radikale Scheitern nicht vorhersah, beschlichen ihn bei rein psychologischer Betrachtung einige Zweifel: „Das Vater-Sohn-Motiv hat die schwerste Niederlage erlitten. Es ist aber durch die Familienerziehung und als ererbtes Gefühl tief in der Menschheit verankert und wird wahrscheinlich auch diesmal verhindern, daß eine restlos ,Vaterlose Gesellschaft’ sich durchsetzt.“ (S. 86)

Aus heutiger Perspektive scheint sich Federns Utopie langfristig letztlich doch verwirklicht zu haben. Jedenfalls gebührt ihm die Anerkennung durch die Synthese von Psychologie und Soziologie einen frühen Aufsatz zur Sozialpsychologie geschaffen zu haben, auf den Mitscherlich später aufbauen konnte. Federn geht von einer „Massenseele“ (S. 67) aus, die die Summe eines gleichen Seelenzustands von Individuen einer gesellschaftlichen Gruppe mit ähnlicher sozialisatorischer Prägung darstellt. Diese Massenseele bringt gruppenübergreifend Motivationen und Einstellungen hervor, die in gleichen sozialen Handeln münden. Sie ist somit ein Ursprung für gesellschaftliche Entwicklungen oder politische Ereignisse, wie z.B. Revolutionen. „Es sind Massenerscheinungen, die nur dann aus den Seelenvorgängen des Einzelnen erklärt werden können, wenn sich diese in derselben Richtung summieren.“ (Federn, S. 67) Diese Denkweise geht auf Freud zurück, der ebenfalls eine „Massenpsyche zugrunde legt, in welcher sich die seelischen Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben des einzelnen.“ (S. 174) Die Funktion der Psychoanalyse als ein Grundpfeiler dieser Betrachtungsweise sollte dabei nicht nur als eine Lehre von der Pathologie der Seele, was ein gängiges Vorurteil ist, verstanden werden, sondern auch, wie es Mitscherlich ausdrückt, als „eine Lehre von seelischen Grundtatbeständen des Normalen“ (zit. n. Lohmann, S. 84). Das bedeutet, dass die Sozialpsychologie sich sowohl mit der Erklärung „krankhafter“ negativer, als auch mit der Analyse „gesunder“ ganz normaler gesellschaftlicher Entwicklungen beschäftigt.

An der Betrachtungsweise Paul Federns ist hervorzuheben, wie stark er das Vaterprinzip mit autoritären Herrschaftsformen in Verbindung bringt. Es stellt für ihn eine psychologische Grundvoraussetzung für Unterwürfigkeit, bzw. Untertanenmentalität, dar, was wiederum Totalitarismus den Weg ebnet. Diesen Aspekt bei Federn hebt auch Mitscherlich als „beachtenswerte Tatsache“ hervor und führt weiter aus:

„Der Zusammenbruch der Vaterautorität setzt gleichsam automatisch die Suche nach einem neuen Halt gebenden Vater in Gang. Der Versuch, einen anderen sozialen Bezug des familiären Gefüges an seine Stelle zu setzen, etwa eine Geschwisterordnung, erweckt eine tiefe Angst, deren Reaktion die irrationale Hasseinstellung gegen den ist, der solche Konsequenz vorschlägt. Die Schwäche des Vaters soll dadurch ungeschehen gemacht werden, daß ihm ein neuer mit unverbrauchter Stärke folgt.“ (S. 363f)

Dieser Zusammenhang wird auch in den nachfolgenden Betrachtungen noch des Öfteren auftauchen. An Federns Untersuchung fällt außerdem auf, dass die in Urzeiten geschaffene gottähnliche Erhöhung und Bewunderung des Vaters langsam, zumindest im Weltbild der politischen Linken, in das Gegenteil, d.h. in Verachtung und Hass umschlägt.

3.2. Max Horkheimer

Eine weitere wichtige Arbeit als theoretische Grundlage zum Verständnis der vaterlosen Gesellschaft, auch wenn der Begriff nicht explizit verwendet wird, ist Max Horkheimers (1895-1973) sozialphilosophischer Aufsatz über „Autorität und Familie in der Gegenwart“ aus den Jahren 1947/1949. Er beschreibt darin die Unvereinbarkeit von industrieller Massengesellschaft, die sich im 19. Jahrhundert ausgebildet hat, und traditionellen familiären Strukturen, was auch später bei Mitscherlich eine wesentliche Rolle spielt.

Die Aufklärung habe das Individuum aus der Abhängigkeit von feudalen Cliquen und der Kirche befreit. Bevormundung, Zwangsarbeit und Leibeigenschaft wurden allmählich im 19. Jahrhundert in der Industriegesellschaft durch vertragliche Arbeitsverhältnisse, die berechenbar seien und auf freien Tauschhandel beruhten, ersetzt. Nur die bürgerliche Familie in Form des Familienbetriebes ahme dadurch, dass sie auf dem Blutsprinzip beruhe, feudale Strukturen nach und trage so „von Anfang an einen tiefen Widerspruch in sich.“ (S. 377) Im Familienbetrieb der Mittelschicht herrschten weiterhin pseudo-feudale hierarchische Machtverhältnisse mit dem Vater als Oberhaupt. In einer modernen Gesellschaft könne aber jeder Angestellter sein. Auch Frauen würden Millionen von Arbeitsplätzen angeboten, was im Gegensatz zu früherer Abhängigkeit einen Bruch mit der Familie erleichtere, da er keine ökonomische Katastrophe mehr darstelle. Die Kinder bemerkten den Widerspruch zwischen familiärer Machtausübung und gesellschaftlich veränderter Rahmenbedingungen schnell und verlören den Respekt vor den Eltern. „Autorität im Hause nimmt einen irrationalen Zug an“ (S. 379), wenn sie in krasser Diskrepanz zur gesellschaftlichen Wirklichkeit steht. Ähnlich wie Federn sieht Horkheimer das Familiengefüge als soziales Vorbild für Gehorsam gegenüber dem Staat:

„Respekt vor Gesetz und Ordnung im Staat scheint untrennbar mit dem Respekt der Kinder vor ihren Eltern verbunden zu sein. Gefühle, Einstellungen und Überzeugungen, die in der Familie wurzeln, machen den Zusammenhalt unseres kulturellen Systems aus. Sie sind ein Element des sozialen Kitts. (...) Im täglichen Leben...scheint die Autorität der Nation von der Autorität der Familie abzuhängen.“ (S. 380)

Daher stamme der nahezu universale Wunsch die Familie zu stärken. Eine Aussage, die Horkheimers Aufsatz unverminderte aktuelle Gültigkeit verleiht. Der Wert der Familie wird auch heute trotz bröckelnder Strukturen hochgehalten und nicht nur konservative Parteien versuchen, damit Wähler für sich zu gewinnen. Auch an anderen Stellen wirkt Horkheimers über 50 Jahre alte Analyse zu den Auswirkungen der Massengesellschaft wie eine Beschreibung gegenwärtiger Verhältnisse. Die Methoden der industrialisierten Arbeitswelt entwerte die Erfahrung und Weisheit der Alten. Sie brächten keinen Vorteil mehr „und die negativen Züge des Alters werden deutlich hervortreten.“ (S. 381) Die zunehmende Individualisierung führe zu einer „Atomisierung der Gesellschaft“ (S. 377) und einer Vereinsamung der Menschen. Die Mutterrolle würde zunehmend verwissenschaftlicht und professionalisiert (vgl. S. 385). Das verursache einen Verlust uneingeschränkter natürlicher Mutterliebe und beeinträchtige die Liebesfähigkeit der Kinder. Familiäre Beziehungen würden sich allmählich den zweckorientierten der industriellen Massengesellschaft annähern. „Die Individuen sind in der Ehe ebenso austauschbar wie in wirtschaftlichen Beziehungen. Jeder Partner geht völlig darin auf, daß er einem partikulären Zweck dient. Jeder bleibt ein abstraktes Zentrum von Interessen und Talenten.“ (S. 383) Die Eltern geraten in einen Widerspruch zwischen den traditionellen Rollen in der Familie und den von der modernen Gesellschaft geprägten Rollen. Diese Kluft würde von den Kinder bemerkt und sei „weitgehend verantwortlich für das verkümmerte Wachstum ihres Gefühlslebens, die Verhärtung ihres Charakters und ihre verfrühte Umwandlung in Erwachsene. Das Wechselspiel zwischen der Familie und dem allgemeinen Kulturverfall wird zum circulus vitiosus.“ (S. 383) Horkheimer sieht in der Auszehrung der Familie die Ursache für eine gesteigerte Anfälligkeit für Totalitarismus, denn die in der Familie geübte Verhaltensweise zur Unterordnung sei noch wirksam und bringe eine Einstellung zur blinden Unterwerfung hervor. Er führt weiter aus:

„Die sozial bedingte Schwäche des Vaters, die durch gelegentliche Ausbrüche von Männlichkeit nicht widerlegt wird, verwehrt dem Kind, sich wahrhaft mit ihm zu identifizieren. In früheren Zeiten war die liebende Nachahmung des selbstsicheren, klugen Mannes, der sich seinen Pflichten widmet, für das Individuum die Quelle moralischer Autonomie. Heute freilich hält das heranwachsende Kind, das anstatt eines Vaterbildes nur die abstrakte Vorstellung einer willkürlichen Macht empfing, Ausschau nach einem stärkeren, machtvolleren Vater, nach einem Über-Vater, wie ihn die faschistische Vorstellungswelt anbietet.“ (S. 384f)

Es lassen sich weitgehende Übereinstimmungen mit den oben erwähnten Thesen Federns und Mitscherlichs feststellen. Horkheimer sieht jedoch die von Federn propagierte auf dem Bruderprinzip beruhende Gesellschaft wesentlich kritischer. Selbst wenn eine Vaterfigur, was auch ein Onkel oder Lehrer sein könne, überwiegend negativ von einem Kind erlebt würde, habe dieser immer irgendwelche Eigenschaften und Merkmale, die als menschliche Züge diskutiert oder nachgeahmt werden könnten. Die Tendenz zur Abstrahierung von Autorität, also den Vater durch ein Kollektiv zu ersetzen und eine gleichzeitige Reduktion der Fähigkeit zur Unterordnung zu einer rein psychologischen Funktion, was aus der Schwächung familiärer Bindungen folgere, führten häufig zu einer „allgemeinen Bereitschaft, jede beliebige Autorität zu akzeptieren, wenn sie nur stark genug ist.“ (S. 385)

Federn und Horkheimer sehen in den klassischen familiären Machtstrukturen einen Wegbereiter für autoritäre Herrschaftsformen. Während Federn jedoch einzig die Unterwerfung unter eine autoritäre Vaterfigur herausstellt, macht Horkheimer die starre, veränderungsunwillige Struktur der bürgerlichen Familie und deren zunehmenden Widerspruch zwischen traditionellen Werten und der gesellschaftlichen Realität verantwortlich. Das bezieht auch die althergebrachte Rolle der behütenden Mutter vergangener Jahrhunderte mit ein, die durch die moderne Lebensform ebenso wie die autoritäre Vaterrolle ausgehöhlt würde. Wenn diese leeren Hülsen aber künstlich aufrecht erhalten würden, könnten aus ihnen keine echte Beziehung erwachsen (vgl. S. 389).

Horkheimer plädiert für eine Modernisierung der Familie, die sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen weiterentwickeln muss, um Kindern ehrliche ungekünstelte Beziehungen zu ihren Eltern bieten zu können, wozu das traditionelle Elternideal mit seinem Widerspruch zur modernen Massengesellschaft nicht mehr fähig ist. Die Verehrung des Vaters als starke Autorität und ein zum Rührstück verkommener Mutterkult, beides mittlerweile leere Hülsen, aber dennoch bis zum heutigen Tag immer wieder strapaziert, produzieren Rollenstereotype vom erfolgreichen, harten aber gerechten, gelegentlich großzügigen Mann und der gut aussehenden, sauberen, gesunden Frau mit praktischem Geschick. Ideale, wie Horkheimer an Studien aus den USA belegt (vgl. S. 387ff), die in der Vorstellungswelt faschistisch gesinnter Personen vorkommen. Da aber die Familie das Modell für die Interaktion mit der Gesellschaft darstellt, müssen Vater- und Mutterrolle so definiert werden, dass Kinder die Erfahrung echter Elternliebe machen können, um die eigene Liebesfähigkeit zu schulen. So kann autoritätshörigen Persönlichkeiten und Totalitarismus vorgebeugt werden.

Horkheimers Ansatz, familiäre Strukturen in Beziehung zur industrialisierten Massengesellschaft, die die Lebensverhältnisse der Menschen in bis dato nicht gekannter Rasanz veränderte, zu setzen, kann als wegweisend für Mitscherlichs folgende Erörterungen betrachtet werden. Obwohl Horkheimers Aufsatz bei Mitscherlich keine direkte Erwähnung findet, wird er ihm sehr wahrscheinlich bekannt gewesen sein. Die beiden Wissenschaftler kannten sich persönlich, denn Horkheimer war Berater und Mitarbeiter bei der von Mitscherlich herausgegebenen Zeitschrift „Psyche“. Zudem fühlte Mitscherlich sich den Theoretikern der Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer freundschaftlich verbunden. Daher ist ziemlich sicher davon auszugehen, dass er eines ihrer Hauptwerke „Dialektik der Aufklärung“, in dem Horkheimers Aufsatz enthalten ist, kannte. Neben dem gleichen Ansatz, die Einwirkungen der Massengesellschaft auf das Individuum zu analysieren, unterscheiden sich die Werke vor allem darin, dass Mitscherlich statt der philosophischen die psychologischen Aspekte des Problems analysiert. Wie sein Biograph Hans-Martin Lohmann schreibt, hatte Mitscherlich eine eher „unphilosophische Einstellung...zu den Problemen seiner Zeit“ (1987, S. 57).

[...]

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen der vaterlosen Gesellschaft auf die Schule
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1.0
Autor
Jahr
2005
Seiten
79
Katalognummer
V47965
ISBN (eBook)
9783638447911
ISBN (Buch)
9783638708210
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Auswirkungen, Gesellschaft, Schule
Arbeit zitieren
Axel Sichler (Autor), 2005, Auswirkungen der vaterlosen Gesellschaft auf die Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47965

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