In der vorliegenden Arbeit soll die Konstituentenanalyse bzw. IC-Analyse und die darauf aufbauende (frühe) Phrasenstrukturgrammatik thematisiert werden, deren Ursprung im klassischen amerikanischen Strukturalismus liegt. Dabei spielt die Formanalyse gegenüber einer historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft eine bedeutende Rolle. Entsprechend werden Erkenntnisse einflussreicher Linguisten dieser Zeit wie Leonard Bloomfield, der eigentliche Begründer der amerikanischen deskriptiven Linguistik, Rulon Wells, Zellig S. Harris, ein Schüler von Bloomfield, oder Charles F. Hockett aufgegriffen. Zeitlich betrachtet wird die Arbeit einen Bogen schlagen von den 1930er Jahren bis zum Jahr 1957, in welchem Noam Chomsky in seinem Werk „Syntactic Structures“ die Phrasenstrukturgrammatik für seine berühmte generative Transformationsgrammatik aufgreift und weiterentwickelt.
Der Einfluss, den die Phrasenstrukturgrammatik auf Chomsky, aber auch auf viele andere Linguisten und moderne Grammatikmodelle hatte bzw. heute noch hat, war und ist beachtlich. Sie bildete die Grundlage für die meisten nachfolgenden Grammatiktheorien. Für mich Grund genug, mich im Folgenden detaillierter mit dem Grammatikmodell der Phrasen und Konstituenten auseinander zu setzen.
Da es sich hier um germanistische Sprachwissenschaft handelt, werde ich Aspekte der Phrasenstrukturgrammatik anhand von deutschen Beispielsätzen näher erläutern. D.h., ich werde versuchen, als Pendant zu den Sätzen aus der englischen Fachliteratur geeignete deutsche Sätze zu formulieren (sie bei deutscher Literatur gegebenenfalls übernehmen), um mit diesen phrasenstrukturgrammatisch zu arbeiten.
Einleiten wird die Arbeit mit der zur wichtigsten Methode des Strukturalismus bzw. der strukturellen Linguistik zählende Distributionsanalyse, welche die Segmentierung und Klassifizierung einschließt.
Im Anschluss daran werde ich eine IC-Analyse an einem deutschen Satz mit Hilfe eines Baumdiagramms durchführen, wobei weitere Termini geklärt werden müssen. Neben der Darstellungsform durch das Baumdiagramm gibt es noch weitere Varianten, welche unter Punkt 3 und 4 näher erläutert werden.
Im fünften und letzten Abschnitt sollen schließlich Kritikpunkte an der Konstituentenstrukturgrammatik im Vordergrund stehen, welche u.a. auch von Chomsky vorgebracht wurden; dabei werden Schwächen des Grammatikmodells aufgezeigt und deutlich gemacht, an welchen Stellen es an seine Grenzen stößt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Distributionsanalyse: Segmentierung und Klassifikation
1.1 Ermittlung von Konstituenten
1.1.1 Substitutionstest
1.1.2 Permutationstest
1.1.3 Eliminierungstest
1.1.4 Koordinationstest
1.2 Einordnung gewonnener Konstituenten
2. Die IC-Analyse mit Hilfe des Baumdiagramms
3. Phrasenstrukturregeln
4. Weitere Darstellungstechniken der Konstituentenanalyse
4.1 Indizierte Klammerung
4.2 Kastenschema
4.3 Striche
5. Grenzen der Phrasenstrukturgrammatik
Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht die Grundlagen der Konstituentenanalyse (IC-Analyse) sowie der daraus resultierenden Phrasenstrukturgrammatik, die ihre Wurzeln im klassischen amerikanischen Strukturalismus hat. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, wie dieses Grammatikmodell aufgebaut ist, welche Möglichkeiten es zur Beschreibung deutscher Sätze bietet und an welchen Stellen es aufgrund syntaktisch-semantischer Anforderungen an seine Grenzen stößt.
- Grundlagen der Distributionsanalyse und Segmentierung
- Methoden der Konstituentenermittlung (Substitution, Permutation, Eliminierung, Koordination)
- Hierarchische Darstellung durch Baumdiagramme
- Formulierung von Phrasenstrukturregeln und generative Grammatik
- Kritische Reflexion der Grenzen des Modells und Ansätze zur Weiterentwicklung
Auszug aus dem Buch
1.1 Ermittlung von Konstituenten
„The common part of any (two or more) complex forms is a linguistic form; it is a constituent (or component) of these complex forms. The constituent is said to be contained in (or to be included in or to enter into) the complex forms.” Diese Definition von ´Konstituente´ lieferte Leonard Bloomfield bereits 1933 in seinem Werk ´Language´. Bei einem deutschen Satz wie (1) Ein Junge spielt Fußball und der Aufgabe, diesen Satz in Konstituenten zu unterteilen, würde wohl als erstes intuitiv ein Trennstrich zwischen ´Junge´ und ´spielt´ gezogen werden. Somit würden ´Ein Junge´ und ´spielt Fußball´ jeweils eine Konstituente bilden, weil diese Wortpaare enger miteinander verbunden sind. Genauer gesagt würde es sich hierbei um ´immediate constituents´ handeln, da es sich um die in einem ersten Zerlegungsschritt gewonnenen unmittelbare Konstituenten des Satzes handelt. Daraus resultiert auch die Abkürzung ´IC-Analyse´.
Die Theorie der ´immediate constituents´ kommt ebenfalls schon 1933 bei Bloomfield vor: „Any English-speaking person who concerns himself with this matter, is sure to tell us that the immediate constituents of Poor John ran away are the two forms poor John and ran away; that each of these is, in turn, a complex form; that the immediate constituents of ran away are ran, a morpheme, and away, a complex form, whose constituents are the morphemes a- and way; and that the constituents of poor John are the Morphemes poor and John. Only in this way will a proper analysis (that is, one which takes account of the meanings) lead to the ultimately constituent morphemes.”
Auch Leonard Bloomfield segmentiert an dieser Stelle ´aus dem Bauch heraus´, Methoden und Kriterien, wie in (unmittelbare) Konstituenten zu unterteilen ist, werden noch nicht angeboten. Um genau diese Methoden der Segmentierung sprachlicher Elemente (und deren Klassifizierung unter 1.2), welche eine vollständige IC-Analyse erst ermöglichen, soll es nun im Folgenden gehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Thematik der Konstituentenanalyse und der historischen Einordnung der Phrasenstrukturgrammatik im strukturalistischen Kontext.
1. Die Distributionsanalyse: Segmentierung und Klassifikation: Einführung in die operativen Verfahren zur Bestimmung von Konstituenten, wie etwa Substitutionstests oder Permutationsproben.
2. Die IC-Analyse mit Hilfe des Baumdiagramms: Darstellung der hierarchischen Satzstruktur mittels Strukturbaummodellen und Einführung der zugehörigen Fachtermini.
3. Phrasenstrukturregeln: Erläuterung des Übergangs von deskriptiven Modellen hin zu generativen Regelwerken nach Noam Chomsky.
4. Weitere Darstellungstechniken der Konstituentenanalyse: Präsentation alternativer Notationen wie indizierter Klammerungen oder Kastenschemata zur Abbildung syntaktischer Beziehungen.
5. Grenzen der Phrasenstrukturgrammatik: Kritische Analyse der Defizite des Modells, insbesondere bei diskontinuierlichen Strukturen und der Abbildung semantischer Äquivalenzen.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Leistungsfähigkeit und der prinzipiellen Einschränkungen des untersuchten Grammatikmodells.
Schlüsselwörter
Konstituentenanalyse, IC-Analyse, Phrasenstrukturgrammatik, Strukturalismus, Distribution, Segmentierung, Syntax, Baumdiagramm, generative Grammatik, Oberflächenstruktur, Nominalphrase, Verbalphrase, Transformationsgrammatik, Sprachwissenschaft, Konstituenten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Konstituentenanalyse und der darauf aufbauenden Phrasenstrukturgrammatik, wobei die theoretische Basis und die praktische Anwendung an deutschen Beispielsätzen beleuchtet werden.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Arbeit behandelt die Segmentierungssprache, verschiedene Testverfahren zur Konstituentenermittlung, hierarchische Baumdiagramme sowie die generativen Regeln zur Satzbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Modell der Phrasen- und Konstituentenstrukturgrammatik verständlich zu machen, seine Möglichkeiten aufzuzeigen und seine Grenzen kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Es werden methodische Testverfahren des amerikanischen Strukturalismus angewandt, wie der Substitutionstest, Permutationstest, Eliminierungstest und Koordinationstest.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Segmentierung, die graphische Darstellung mittels Bäumen, die Formulierung von Ersetzungsregeln und eine abschließende Kritik der Schwachstellen des Modells.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Konstituentenanalyse, IC-Analyse, Phrasenstrukturgrammatik, Strukturalismus und Generative Grammatik.
Warum ist das "Binaritätsprinzip" für die Konstituentenanalyse problematisch?
Wie im Text durch Hans Jürgen Heringer angeführt, wird die künstliche Zweiteilung bei der Segmentierung als Schwachstelle betrachtet, da sie oft nicht theoretisch begründet, sondern lediglich durch das gewählte Sprachmodell erzwungen wird.
Warum scheitert die Phrasenstrukturgrammatik an diskontinuierlichen Verben?
Da die Analyse sich stark auf die unmittelbaren Nachbarn in einer linearen oder hierarchischen Struktur konzentriert, kann sie Zusammenhänge zwischen räumlich getrennten Elementen, wie dem Präfix 'ab' und dem Verb 'gibt', nur schwer abbilden.
- Quote paper
- Gunnar Norda (Author), 2005, Die Phrasenstrukturgrammatik (Konstituentenstrukturgrammatik). Eine kritische Betrachtung mit Bezug auf Chomsky und die Transformationsgrammatik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47987