"Ich bin, wo der Eichelhäher ..." – Günter Eichs Verhältnis zur Natur

Besprochen an ausgewählten Gedichten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Thematik und Beschränkung der Arbeit

1. „Himbeerranken aussprechen“ ― Die Bedeutung der Natur für Günter Eich

2. „Der Häher wirft mir die blaue Feder nicht zu“ ― Zweifel an der Natur

3. „Natur ist eine Form der Verneinung“ ― Abkehr von der Natur

4. „Ich will leben ohne Einverständnis“ ― Verweigerung und Nichteinverständnis mit Natur und Gesellschaft

5. Schluss

Verzeichnis der besprochenen oder (auszugsweise) zitierten

Gedichte

Literaturverzeichnis

Einleitung: Thematik und Beschränkung der Arbeit

Diese Arbeit untersucht Günter Eichs Verhältnis zur Natur anhand ausgewählter Gedichte. Sie geht dabei weder streng chronologisch vor, noch erhebt sie Anspruch darauf, sämtliche bedeutsame Lyrik besprechen zu wollen. Vielmehr ist es das Ziel, durch die Interpretation bekannter wie auch nahezu unbekannter Texte den Wandlungsprozess in Eichs Haltung gegenüber der Natur nachvollziehen, vielleicht auch verstehen zu können. 1965 schreibt Günter Eich in einem Brief an das Goethe-Institut München: „Ich habe als verspäteter Expressionist und Naturlyriker begonnen, heute enthält meine Lyrik viel groteske Züge, das liegt wohl an einem Hang zum Realen, es ist mir nicht möglich, die Welt nur in der Auswahl des Schönen und Edlen und Feierlichen zu sehen.“ (EICH IV, S.502f, hier zitiert: S.503) Diese Entwicklung weg von der Natur, hin zum Realen und darüber hinaus bis ins Groteske und Unverständliche[1] soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Es gilt, Eichs Haltung gegenüber der Natur auf verschiedenen Stufen seiner schriftstellerischen Entwicklung genau zu untersuchen und zu beschreiben, und möglichst Motive für den Wandel in dieser Beziehung herauszuarbeiten.

Die besprochenen Gedichte sind nicht chronologisch geordnet und orientieren sich auch nicht an der von Eich vorgenommenen Zusammenstellung in seinen veröffentlichten Gedichtbänden. Dennoch erfolgt die Auswahl der Gedichte keinesfalls willkürlich, sondern beruht auf inhaltlichen und formalen Gesichtspunkten, die dem Verfasser besonders geeignet erscheinen, die Position Eichs erkennen zu lassen.

1. „Himbeerranken aussprechen“ ― Die Bedeutung der Natur für Günter Eich

Um einen Einblick in Günter Eichs Verhältnis zur Natur in dessen frühen Werken zu gewinnen, ist es nicht unbedingt notwendig, sich ausschließlich mit Texten aus seinen frühen Gedichtbänden zu beschäftigen. Am Anfang soll hier vielmehr ein Gedicht näher betrachtet werden, das erst 1955 in „Botschaften des Regens“ erschien (EICH I, S.107):

HIMBEERRANKEN

Der Wald hinter den Gedanken,

die Regentropfen an ihnen

und der Herbst, der sie vergilben läßt —

ach, Himbeerranken aussprechen,

dir Beeren ins Ohr flüstern,

die roten, die ins Moos fielen.

Dein Ohr versteht sie nicht,

mein Mund spricht sie nicht aus,

Worte halten ihren Verfall nicht auf.

Hand in Hand zwischen undenkbaren Gedanken.

Im Dickicht verliert sich die Spur.

Der Mond schlägt sein Auge auf,

gelb und für immer.

Das Gedicht trägt einen Titel, der dem Leser nicht verständlicher erscheinen könnte: „Himbeerranken“ — unter diesem Begriff kann sich jeder etwas vorstellen, man hat sofort die wilden Äste eines Himbeerstrauchs vor Augen. Der Titel des Gedichts kündigt dem Leser Klarheit und Verständlichkeit an. Dass, was auf den ersten Blick verständlich erscheint, nicht auch verständlich sein muss, zeigt sich jedoch schon im ersten Vers: „Der Wald hinter den Gedanken“. Hier muss der Leser unwillkürlich ins Stocken geraten: „Der Wald hinter“ lässt erwarten, dass sich zwischen dem lyrischen Ich und dem Wald noch etwas befindet, der Leser erwartet eine weitere res extensa, stößt jedoch auf eine res cogitans: „Gedanken“. Wenn wir uns auch nicht vorzustellen vermögen, wie sich „Wald“ und „Gedanken“ räumlich hintereinander anordnen lassen, so gelingt dem ersten Vers doch zumindest eines: Er stellt eine (wie auch immer geartete) Beziehung zwischen dem „Wald“ und den „Gedanken“ her, also einen Zusammenhang zwischen der Natur und dem Denken. Diese Zusammengehörigkeit wird auch formal unterstützt: „Himbeerranken“ und „Gedanken“ reimen sich aufeinander, Natur und Denken scheinen also nicht nur in einem gegenseitigen Spannungsverhältnis zueinander zu stehen, sondern sich auch auf irgendeine Art und Weise zu entsprechen. Und der Zusammenhang verdichtet sich noch mehr: In den Versen 2 und 3 lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, ob die Pronomina „ihnen“ (V.2) und „sie“ (V.3) auf den „Wald“, die „Himbeerranken“ oder die „Gedanken“ referieren. Christian KOHLROSS[2] geht in seiner Interpretation des Gedichtes mit Verweis auf die Ausführungen von Ute Maria OELMANN[3] sogar so weit, zu behaupten, die Zuweisung der Pronomina seien austauschbar: „Ja man kann […] sogar die Auffassung vertreten, „Gedanken“ und „Himbeerranken“ seien hier ganz einfach ‚austauschbar’. […] Wenn sich Denken und Natur reimen, dann ist es nur folgerichtig, dass die lyrische Rede in ihrem weiteren Verlauf den Unterschied zwischen ihnen unkenntlich macht.“[4] Wenn die Pronomina austauschbar sind, dann heißt das auch, dass die lyrische Rede hier auf eine Eigenschaft hinweist, die sowohl der Natur, als auch dem Denken zugeschrieben werden kann: Vergänglichkeit. Beide sind der Zeitlichkeit unterworfen und können (für das Denken metaphorisch, für die Natur wörtlich betrachtet) durch „Regentropfen“ und „Herbst […] vergilben“. Das Gedicht versucht also, die Natur und das Denken miteinander zu verschmelzen, eins werden zu lassen. „ Himbeerranken ist eine Expedition zu den Wäldern, denen das Denken entsprungen ist; es versucht, den Gegensatz, in dem „Wald“ und „Gedanken“ zueinander stehen, aufzulösen — soweit das irgend möglich ist.“[5] Wie man sich diese Verschmelzung vorstellen kann, zeigt sich in der zweiten Strophe. Das lyrische Ich glaubt als Berührungspunkt zwischen Natur und Denken die Sprache zu erkennen: „ach, Himbeerranken aussprechen, / dir Beeren ins Ohr flüstern, / die roten, die ins Moos fielen.“ Der Wunsch nach einer Kommunikation mit bzw. durch die Natur tritt hier zutage: Zum lyrischen Ich, das durch seine emotionale Mitteilung („ach“) plötzlich viel stärker hervortritt, kommt ein ‚Du’. Natur soll hier nicht nur ausgesprochen, sondern auch gehört werden.[6] Dass dies nicht einfach ist, deutet sich schon im Ausruf des lyrischen Ichs an: „ach“ — ob nun aus Hoffnung oder Resignation geäußert, verbirgt sich dahinter doch in jedem Fall der Wunsch, Natur versprachlichen und als Sprache verstehen zu können. Die vierte Strophe zeigt jedoch, dass dieses Vorhaben (so) nicht gelingen kann: „Dein Ohr versteht sie nicht, / mein Mund spricht sie nicht aus, / Worte halten ihren Verfall nicht auf.“ Die Kommunikation scheint gescheitert zu sein, da „Ohr“ und „Mund“ nicht geeignet scheinen, die Natur auszusprechen. Doch vielleicht ist der Grund für das Nichtgelingen anderswo zu suchen: „Worte halten ihren Verfall nicht auf“ erinnert wieder an die Vergänglichkeit der Natur, der mit bloßen Worten nicht beizukommen ist. Es genügt also nicht, so wie es die lyrische Rede in Strophe 2 praktiziert, „Himbeerranken aus[zu]sprechen“ und „Beeren [zu] flüstern“. Versprachlichung der Natur muss tiefer ansetzen: Es reicht nicht aus, nur den lautlichen Körper eines Naturgegenstandes zu artikulieren, mit ihm muss auch der Gegenstand selbst ausgesprochen werden. Bezeichnung und Sache müssen in der lyrischen Rede zusammenfallen. Wenn das gelingt, hat die lyrische Rede erreicht, was sie in der engen Beziehung zwischen „Himbeerranken“ und „Gedanken“ schon angekündigt und mit der referenziellen Mehrdeutigkeit der Pronomina weiterverfolgt hat: Die völlige Verschmelzung von Denken und Natur. Wie diese Vereinigung aussehen könnte, zeigt die letzte Srophe. Bei aller Schwierigkeit, dieser Strophe interpretatorisch beikommen zu wollen, zeigt sich zunächst erstmal eines: Die Vereinigung von Denken und Natur ist nicht einfach zu verstehen und noch ungleich schwerer in Sprache auszudrücken. Da findet sich das an ein harmonisches Liebesmotiv erinnernde Bild „Hand in Hand“ plötzlich neben dem Oxymoron der „undenkbaren Gedanken“, verlieren sich „Spur[en]“ (wessen Spuren?) im „Dickicht“ und plötzlich kommt mit dem „Mond“ ein völlig neues Motiv hinzu, das die Zeit zu überwinden scheint („für immer“). Doch wenn die lyrische Rede nicht auf einfache Weise verstanden werden will, versuchen wir doch zumindest, ihr in kleinen Schritten näher zu kommen: Zunächst fällt auf, dass in der vierten Strophe Kommunikation nicht mehr sprachlich stattfindet. An die Stelle bloßer „Worte“ sind taktile („Hand in Hand“) und optische („Der Mond schlägt sein Auge auf“) Kommunikationsmittel getreten, die eine unmittelbarere Verständigung erlauben, jedoch auch ein hohes Maß an gegenseitiger Kenntnis seitens der Kommunikationspartner erfordern. Diese enge Beziehung kommt durch die Regression des Denkens zustande. Betrachten wir die „undenkbaren Gedanken“ etwas eingehender: Was hat man sich darunter vorzustellen? In dem Moment, in dem der Gedanke undenkbar wird, hört er auf, Gedanke zu sein, bleibt bestenfalls noch die „Spur“ eines Gedanken. Diese Regression durchläuft das Denken: Indem es durch die lyrische Rede mit der Natur zusammenfällt, wird es undenkbar, löst sich gewissermaßen in der Natur auf: „Im Dickicht [der Natur] verliert sich die Spur [des Denkens].“. In diesem Einfließen und Auflösen in der Natur gewinnt das Denken aber auch eine neue Dimension der Wahrnehmung, es „sieht“ mit dem „Auge“ der Natur und überwindet so, durch die Übernahme der Innensicht der Natur, die Zeit: „Der Mond schlägt sein Auge auf, / gelb und für immer.“. Dass dabei der „Mond“ sein Auge aufschlägt und nicht etwa das Denken, ist nicht verwunderlich, denn Natur und Denken sind ja zu einer Einheit verschmolzen und nicht mehr von einander zu unterscheiden.

Dieses poetologische Naturgedicht sagt viel über Eichs Verständnis seiner Naturlyrik aus: Der sprachmagischen Schule angehörend, wurde der junge Eich vor allem von Oskar LOERKE[7], Wilhelm LEHMANN[8] und Martin RASCHKE[9] beeinflusst; wie für alle diese Anhänger der naturmagischen Dichtung hatten auch für Eich die Schriften der Romantiker große Bedeutung[10]. So ist auch Eich überzeugt, dass „die Natur […] als Gefüge von Zeichen und als verschlüsselte Offenbarung des Seins“[11] verstanden werden kann. Er glaubt fest daran, dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen, nicht die absolut wahrhaftige Welt ist, sondern dem Menschen vielmehr ein großer Teil verborgen bleibt. In seiner „Rede vor den Kriegsblinden“ (EICH IV, S.609ff, hier zitiert: S.609) sagt er: „In mancher Hinsicht ist ja der Mensch schlechthin, nicht nur der Blinde, blind. Seine Sinnesorgane erfassen immer nur einen Teil der Wirklichkeit. Unsere Ohren hören den Schrei der Fledermäuse nicht und wir erkennen nicht die Farben Infrarot und Ultraviolett.“ Wieso sollte es also nicht noch andere, viel gewaltigere Dinge geben, die wir nicht erkennen, ja nicht einmal erahnen können? Im 1955 veröffentlichten Gedicht „Tauben“ (EICH I, S.105f) wird wird diese Vermutung offen ausgesprochen[12]:

[…]

Vertrau deiner Macht nicht,

so wirst du auch nicht verwundert sein,

wenn du erfährst, dass du unwichtig bist,

daß neben deinesgleichen heimliche Königreiche bestehen,

Sprachen ohne Laut, die nicht erforscht werden,

Herrschaften ohne Macht und unangreifbar,

daß die Entscheidungen geschehen im Taubenflug.

Eich vermutet diese verborgenen Welten in der Natur, im „Taubenflug“, in den „Himbeerranken“ oder im „Mond“. Wie aber soll man sich den „Königreiche[n]“ nähren, wie dem Geheimnis auf die Spur kommen? Eich gibt auf diese Frage eine klare Antwort: Im Prozess des Dichtens. In seiner 1956 gehaltenen Rede „Der Schriftsteller vor der Realität“ (EICH IV, S.613f, hier zitiert S.613) sagt er: „Ich bin Schriftsteller, das ist nicht nur ein Beruf, sondern die Entscheidung, die Welt als Sprache zu sehen. Als die eigentliche Sprache erscheint mir die, in der das Wort und das Ding zusammenfallen. Aus dieser Sprache, die sich rings um uns befindet, zugleich aber nicht vorhanden ist, gilt es zu übersetzen. Wir übersetzen, ohne den Urtext zu haben. Die gelungenste Übersetzung kommt ihm am nächsten und erreicht den höchsten Grad von Wirklichkeit.“ Eich erhält also dann Zugang zu den Geheimnissen hinter der objektiv wahrnehmbaren Natur, wenn es ihm gelingt, die Natur als „Sprache“ zu erfassen, das nicht Wahrnehmbare (den „Urtext“) in Sprache zu übersetzen und somit wahrnehmbar zu machen. Das setzt natürlich voraus, dass es zwischen Natur und Sprache eine Entsprechung gibt, die eine Übersetzung ersteinmal überhaupt möglich werden lässt: Natur und Sprache müssen eins werden, „das Wort und das Ding zusammenfallen“. Das lässt den Vorgang des Übersetzens nicht eben leicht werden: „Da wird gesagt, es sei die ‚Entscheidung’ des Dichters, ‚die Welt als Sprache zu sehen’; doch eben das, was der Dichter auf diese Weise gewahrt, ‚die eigentliche Sprache’, entzieht sich ihm. Er möchte ‚übersetzen’, aber ihm fehlt der ‚Urtext’. […] Was folgt daraus für den Übersetzungsbegriff Eichs? Zunächst einmal, dass es bei der Übersetzung nicht darum geht, das gleiche noch einmal, nur mit anderen Worten zu sagen. Kurzum, >Übersetzung< bedeutet für Eich nicht eine Übersetzung der Natursprache in die Sprache der Dichtung — nach Maßgabe des natursprachlich verfassten Originals. Der poetische Übersetzer Günter Eich bemüht sich vielmehr um Aneignung, darum also, sich etwas anderes […] zu eigen zu machen, indem er es gebraucht.“[13] Das „Dichten [als Übersetzungsvorgang] ist [für Eich] ein Akt der Erkenntnis“ (EICH IV, S.365), eben deshalb, weil es dem Dichter die Möglichkeit bietet, sich durch eine immer besser werdende Übersetzung dem „Urtext“, der Schlüssel für die Erkenntnis der hinter der Natur verborgenen Geheimnisse ist, immer weiter anzunähren. Doch macht Eich deutlich, dass es trotz aller Bemühung eine absolute Übersetzung nicht geben wird: „Wir bedienen uns des Wortes, des Satzes, der Sprache. Jedes Wort bewahrt einen Abglanz des magischen Zustandes, wo es mit dem gemeinten Gegenstand eins ist. Aus dieser Sprache können wir gleichsam immer nur übersetzen, recht und schlecht und jedenfalls nie vollkommen, auch wo uns die Übersetzung gelungen erscheint.“ (EICH IV, S.612) Dieser Wunsch nach der „vollkommenen […] Übersetzung“ wird auch in „Himbeerranken“ deutlich („ach, Himbeerranken aussprechen“), ebenso jedoch auch das Scheitern dieses Versuchs („Dein Ohr versteht sie nicht, / mein Mund spricht sie nicht aus“). Völlige Übereinstimmung kann erst dann erreicht werden, als sich in der letzten Strophe das Denken (also das „Wort“ der lyrischen Rede) in der Natur auflöst, um eins mit ihr zu werden. Hier fallen Ding und Bezeichnung zusammen.

Welche Bedeutung der Übersetzung zukommt, die gefunden werden soll, um „Wort“ und „Ding“ miteinander zu vereinigen, zeigt sich im Gedicht Fragment (EICH I, S.80), das hier nur auszugsweise angeführt werden soll:

FRAGMENT

Das Wort, das einzige! Immer suche ichs,

das wie Sesam die Tür der Berge öffnet,

es, durch die gläsern gewordenen Dinge blickend

ins Unsichtbare —

Wörter waren vergebens. […]

[…]

Du Wort, einziges, allen Wörtern unähnlich und gemeinsam,

ich vernehme dich in den Farben, horche auf dich im Anblick des Laubs,

wie liegst du mir auf der Zunge!

Du, das ich gekannt habe,

du, dessen ich teilhaft war,

du, das im Schallen des Ohrs ganz nahe ist, —

dennoch faß ich dich

niemals, niemals, niemals!

[…]

Das Gedicht ist bestens geeignet, um Eichs Selbstverständnis seiner Dichtung klar aufzuzeigen, „weil es die einzelnen Aspekte seiner Dichtungstheorie in lyrisch komprimierter Form artikuliert: die Vorstellung einer poetischen Ursprache, die magische Sageweise des lyrisches Wortes, in der die Dinge erst ihren wesensgemäßen Ausdruck finden, der metaphysische Grund des Dichterischen, der einen Sinn jenseits der Erscheinungen sichtbar macht.“[14] Deutlich sichtbar wird aber auch der Unterschied zwischen dem „Wort, [dem] einzige[m]“ und den bloßen „Wörtern“, die auszusprechen „vergebens“ bleibt. Denn alle Beschreibungen der Natur müssen fehlschlagen, wenn sie nicht mit dem Bezeichneten zusammenfallen. Nur dann können sie „wie Sesam das Tor der Berge“ öffnen und den Blick „durch die gläsern gewordenen Dinge“ freigeben[15]. Dieses eine Wort zu finden und aus dem unbekannten „Urtext“ der Natur in Sprache zu übersetzen, macht Eich zum Zentrum seiner poetischen Arbeit.

2. „Der Häher wirft mir die blaue Feder nicht zu“ ― Zweifel an der Natur

Zu den wohl am häufigsten interpretierten Naturgedichten EICHs gehören zweifellos „Die Häherfeder“ (EICH I, S.43f), die 1948 im Gedichtband „Abgelegene Gehöfte“ veröffentlicht, aber bereits 1946 geschrieben wurde, und das 1955 veröffentlichte „Tage mit Hähern“ (EICH I, S.81f). Das mag wohl daran liegen, dass im Vergleich dieser beiden Gedichte Eichs kritische Auseinandersetzung mit der Naturmagie besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Deshalb soll auch hier eine kurze Behandlung nicht ausbleiben.

DIE HÄHERFEDER

Ich bin, wo der Eichelhäher

zwischen den Zweigen streicht,

einem Geheimnis näher,

das nicht ins Bewusstsein reicht.

Es preßt mir Herz und Lunge,

nimmt jäh mir den Atem fort,

es liegt mir auf der Zunge,

doch gibt es dafür kein Wort.

Ich weiß nicht, welches der Dinge

oder ob es der Wind enthält.

Das Rauschen der Vogelschwinge,

begreift es den Sinn der Welt?

Der Häher warf seine blaue

Feder in den Sand.

Sie liegt wie eine schlaue

Antwort in meiner Hand.

Das Gedicht hat viel gemein mit den bereits besprochenen Gedichten „Himbeerranken“ und „Fragment“. Auch hier zeigt sich deutlich das naturmagische Dichtungsverständnis Günter Eichs. In der ersten Strophe postuliert das lyrische Ich das Vorhandensein eines „Geheimnis[ses]“ in der Natur („wo der Eichelhäher / zwischen den Zweigen streicht“), das für den Menschen jedoch nicht greifbar ist. Es ist eben deshalb nicht greifbar, weil es „dafür kein Wort“ gibt, das geeignet wäre, das Mystische auszusprechen, obwohl das lyrische Ich inmitten der Natur von dem allgegenwärtigen Geheimnis umgeben ist. Es könnte im „Wind“ enthalten sein oder im „Rauschen der Vogelschwinge“ oder aber auch in jedem anderen der „Dinge“, die die Natur bereithält. Die unmittelbare Nähe zum diesem „Geheimnis“, das dem lyrischen Ich zugleich aber unendlich fern erscheinen muss, ist nicht einfach zu ertragen. Das Leiden unter diesem Spannungsverhältnis äußert sich sogar in körperlichem Schmerz: „Es preßt mir Herz und Lunge, / nimmt jäh mir den Atem fort“[16]. Bis hierhin verrät uns das Gedicht nichts, was wir nicht schon in „Himbeerranken“ und „Fragment“ erfahren konnten: Auch dort war das „Geheimnis“ in der Natur allgegenwärtig — in den „Beeren“ ebenso wie im „Anblick des Laubs“. Und ähnlich wie in „Die Häherfeder“ hatte auch dort das lyrische Ich darunter zu leiden, dass es in das höhere Geheimnis der Natur keinen Einblick gewinnen konnte („Wort, einziges, […] / […] / wie liegst du mir auf der Zunge! / […] / dennoch faß ich dich / niemals, niemals, niemals!“). Doch plötzlich ereignet sich etwas Unerwartetes: „Der Häher warf seine blaue / Feder in den Sand.“ Die Natur scheint doch nicht so abweisend zu sein, wie bisher geglaubt. Sie gibt dem lyrischen Ich ein Zeichen: „Sie liegt wie eine schlaue / Antwort in meiner Hand.“ Mir der Feder besteht wieder Hoffnung auf Erkenntnis. „Ausdrücklich schließt so die Schlussstrophe den Ring zum Titel — die Feder ist eines der Zeichen, die auf das Geheimnis hindeuten, und sie ist zugleich das wichtigste. […] Am Ende hält der Sprechende die Feder ‚in der Hand’; sie wird als ‚schlau’ bezeichnet, denn sie weiß ihren Sinn verborgen zu halten, ist verschlüsselte, chiffrierte Botschaft, Spur und Weg zum Geheimnis.“[17] Das Gedicht fügt sich mit der letzten Stophe zu einem Ganzen: Nicht nur der Titel wird wieder aufgenommen, sondern auch der durchgehende Reim wird erklärbar. Denn was sollte sich als Äquivalent zum Formalen inhaltlich im Gedicht „aufeinander reimen“, wenn nicht die lyrische Rede auf die Natur? Dass die Beziehung zwischen Natur und lyrischer Rede eine harmonische sein kann, offenbart sich ausdrücklich in der letzten Strophe.[18]

[...]


[1] Zwei Jahre später, 1967, äußert sich Eich in einem Interview über seine literarische Entwicklung so: „Ich würde sagen, ich habe mich vom Ernst immer mehr zum Blödsinn entwickelt, ich finde also das Nichtvernünftige auf der Welt so bestimmend, dass es auch in irgendeiner Weise zum Ausdruck kommen muss.“ (EICH IV, S.508ff, hier zitiert: S.508)

[2] KOHLROSS, S.163ff.

[3] OELMANN, S.124.

[4] KOHLROSS, S.166.

[5] KOHLROSS, S.164. KOHLROSS sieht die Verbindung von „Wald“ und „Gedanken“ vor allem darin, dass die Wälder der Ursprung der Gedanken seien. Diese These begründet er so: „Das Denken, gerade das abendlänische, hat zumeist versucht, die Wälder hinter sich zu lassen. Obwohl […] selbst den Wäldern entsprungen, hat es sich von seinen Ursprüngen in den Wäldern ab- und den Städten zugewandt. Von dort, von den Akademien der Städte aus betrachtet, verwandeln sich die Wälder in die Ränder des erschlossenen Raums, in die Provinzen des Denkens. Diese provinziellen Wälder gilt es zurückzuerobern. Dazu müssen sie aber erst einmal in das Denken zurückgeholt, erinnert werden.“(S.164) Das diese These in Bezug auf Eichs Werk vertretbar ist, zeigt sich in dem Gedicht „Die Herkunft der Wahrheit“ (EICH I, S.109), auf das diese Arbeit an späterer Stelle noch ausführlicher eingeht.

[6] Ob mit dem ‚Du’ zum lyrischen Ich tatsächlich noch ein zweites Subjekt hinzutritt, erscheint zweifelhaft. Vielmehr scheint das ‚Du’ auf die kommunikative Verwendung von Sprache hinzuweisen. Vgl. hierzu KOHLROSS: „[…] Sprache in Zugleich von Sprechen und Hören fordert zu jedem Ich ein Du. Dieses Du kann - muss aber nicht - der (oder die) andere sein. Sprache ist nicht an den konkreten Mitmenschen gebunden. Sie kommt, zumal in der Dichtung, ganz gut ohne ihn aus. Nur auf das Du kann sie nicht verzichten.“ (KOHLROSS, S.168)

[7] Zwischen Eich und Loerke entwickelte sich schon früh ein enges freundschaftliches Verhältnis. Sie lernten sich vermutlich 1927 kennen und fanden viele gemeinsame Interessen ― nicht nur im Bereich der Naturlyrik, sondern auch bei der chinesischen Literatur und Sprache (Loerke hatte sich seit den frühen zwanziger Jahren mit chinesischer Lyrik beschäftigt, Eich begann 1925 ein Sinologie-Studium). Beide Dichter unterstützten sich gegenseitig bei der Veröffentlichung ihrer Werke. „Dass Eich Loerkes Lyrik auch später noch schätzte, geht daraus hervor, dass er Gedichte Loerkes in eine Hörfolge für den Rundfunk […] 1950 aufnahm und 1965 eine Auswahl von dessen Gedichten für den Suhrkamp-Verlag besorgte.“ (GOODBODY, S.262)

[8] Anders als mit Loerke und Raschke war Eich mit Lehmann nicht durch eine persönliche Freundschaft verbunden. Eich kannte jedoch Lehmanns Veröffentlichung und fand in dessen Arbeiten viele seiner eigenen Ansichten bestätigt: „In den dreißiger und vierziger Jahren wird Eich seine Auffassung einer von Geist durchdrungenen Natur bestätigt gefunden haben. Ebenso weisen seine Vorstellungen einer Überwindung der Zeit in der Dichtung, einer dort stattfindenden Vervollständigung der in der Natur nur latent vorhandenen Wirklichkeit und einer Sprache, in der Wort und Ding identisch werden, bedeutende Gemeinsamkeiten mit Lehmann auf. Mit der weitgehenden Unbeschwertheit von Lehmanns Zugang zur Natur konnte sich der von existenziellen Leiden geplagte jüngere Dichter jedoch nur bedingt identifizieren.“ (GOODBODY, S.277)

[9] Eich war mit Raschke nicht nur befreundet, sie arbeiteten auch öfters gemeinsam an Hörspielen und Rundfunksendungen. Die poetische Auffassung Eichs, „die Welt als Sprache zu sehen“ (EICH IV, S.613), dürfte sich maßgeblich durch den Einfluss Raschkes herausgebildet haben. So heißt es bei Raschke: „Aber Gottes Mund blieb stumm, nur seine Hände sprachen, Dinge wanderten aus ihnen hervor in endlosem Fluß, die Dinge waren seine Worte. Da sprach er das scheue Wort Reh, das schwere Wort Trog, das blaue Wort Meer, und so formten sich Sätze, Wälder entstanden, Gebirge, und wie eine große Rede hörte sich die Welt, voller Widerstreit, Küsten und Meere, Tag und Nacht.“ (RASCHKE, Martin: Ein Mensch ist allein. In: Kolonne. Jg. 1, 1930, H. 7/8, S.54)

[10] Eich beschäftigte sich intensiv mit Eichendorff, Tieck und Mörike, ebenso hatte er Kenntnis einiger Werke von Arnim und Brentano, später kamen Novalis, Jean Paul und Friedrich Schlegel hinzu.

[11] GOODBODY, S.253.

[12] In gleichnishafter Art und Weise verdeutlicht Eich diesen Gedanken auch in seinem Hörspiel „Der Tiger Jussuf (II)“ (EICH III, S.539ff, hier zitiert: S.550). Der Tiger Jussuf kommt zur Erkenntnis: „Es gibt hinter Käfig und Zirkus noch eine andere Welt. […] Auch wenn ich hinter Gittern geboren bin, ist das ein Beweis, daß es nichts anderes gibt als Gitter?“

[13] KOHLROSS, S. 152.

[14] GNÜG, S. 227.

[15] Dieses „Wort, das einzige“, ist keineswegs ein Wort im allgemeinverständlichen Sinn, sondern gleicht vielmehr einer Zauberformel, die ungreifbar und doch überall vorhanden ist, sofern man sie denn wahrzunehmen bereit ist: „Das Wort ist in jedem Wort unserer Sprache und rings um uns in der Natur vorhanden, der Dichter wird dessen für die Dauer eines Augenblicks teilhaft, er kann es jedoch weder bewusst erfassen noch jemals aussprechen.“ (GOODBODY S.331) Mit der Suche nach eben diesem Wort beschäftigt sich auch das 1957 entstandene Hörspiel „Allah hat hundert Namen“: Es bezieht sich auf den Glauben, dass Allah neunundneunzig Namen habe, die sich allesamt auf seine Eigenschaften beziehen und den Menschen bekannt seien, der hunderste aber schließe alle anderen ein und sei als großes Geheimnis der Schlüssel zur Erkenntnis Gottes und zum Verständnis der Welt. In „Allah hat hundert Namen“ erzählt der Ägypten Hakim, wie er den hundersten Namen Allahs erfahren habe: „Als mir der Star gestochen war, sah und hörte ich den hundersten Namen Allahs hundert- und tausendfach übersetzt. Im Ruf eines Vogels und im Blick eines Kindes, in einer Wolke, einem Ziegelstein und im Schreiten des Kamels.“ (EICH III, S.385) Mit dieser Vorstellung eines in der Natur allgegenwärtigen ‚Zauberwortes’, dessen Kenntnis das Verständnis der Welt ermöglicht, verbindet EICH vieles mit den Romantikern und deren Suche nach der ‚Blauen Blume’.

[16] Diese körperlichen Symtome müssen jedoch nicht zwingend vom Leiden am Ausgeschlossensein herrühren. Ebenso ist denkbar, dass die unmittelbare Nähe des übergroßen „Geheimnis[ses]“ für das lyrische Ich so erdrückend ist, dass es sie nicht auszuhalten vermag.

[17] BIEN 1962, S.77.

[18] Ähnliche Deutungen finden sich auch bei GOODBODY S.305 und bei POST (1977, S.63). Anders interpretiert jedoch KOHLROSS die Bedeutung der Feder als Chiffre: „[…] die Feder gleicht nur einer Antwort (vgl. Vers 15 u. 16). Damit zeigt die lyrische Rede, wie weit sie auch an ihrem Ende noch davon entfernt ist, den Zusammenhang von Natur und Gedicht, die Translation der (äußeren oder inneren) Natursprache in die lyrische Sprache zu realisieren. ‚Sie [sc. die ‚Feder’] liegt wie [nicht: als] eine schlaue/ Antwort in meiner Hand.’ Vom >wie< zum >als< ist der Weg noch weit.“ (KOHLROSS S.178) Mit dieser Interpretation betont KOHLROSS nicht (wie diese Arbeit es im Folgenden zu tun beabsichtigt) eine gegensätzliche Position der beiden Gedichte „Die Häherfeder“ und „Tage mit Hähern“, sondern postuliert vielmehr eine Kontinuenz in der Ablehnung der Natur als mögliche Quelle der Erkenntnis.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Ich bin, wo der Eichelhäher ..." – Günter Eichs Verhältnis zur Natur
Untertitel
Besprochen an ausgewählten Gedichten
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Deutsche Lyrik in Ost und West 1945 - 1990
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V48023
ISBN (eBook)
9783638448345
ISBN (Buch)
9783638637527
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese A. beschäftigt sich mit der Naturlyrik G.E.s. Anhand der Bespr. bekanntester als auch nahezu unbekannter (zT in dieser Arbeit zum 1.Mal interpretierter) Gedichte versucht der Autor, den Entwicklungsgang E.s Verhältnisses gegenüber der Natur nachzuzeichnen und verständlich zu machen. U.a. interpret. Gedichte: Die Häherfeder, Herkunft der Wahrheit, Fragment, Himbeerranken. Die Arbeit ist absolut fehlerfrei.
Schlagworte
Eichelhäher, Günter, Eichs, Verhältnis, Natur, Gedichten, Hauptseminar, Deutsche, Lyrik, West
Arbeit zitieren
Jens Junek (Autor), 2005, "Ich bin, wo der Eichelhäher ..." – Günter Eichs Verhältnis zur Natur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48023

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Ich bin, wo der Eichelhäher ..." – Günter Eichs Verhältnis zur Natur



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden