Minne in den Parzival-Büchern


Seminararbeit, 2005
17 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Jeschute
2.1 Jeschute und Parzival
2.2 Jeschute und Orilus

3. Liaze
3.1 Gurnemanz Minnelehre
3.2 Liaze und Parzival

4. Condwiramurs
4.1 Parzival auf Pelrapeire
4.2 Jahre der Trennung – Die Blutstropfenszene

5. Die Minneexkurse

6. Sigune und Schionatulander

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

9. Schlusserklärung

1. Vorwort

Die Minnethematik spielt im ´Parzival´ Wolframs von Eschenbach, sowie in allen anderen Artusromanen, eine dominante Rolle. Sie steht mit der Thematik des Rittertums und vor allem auch mit der der âventiure in engem, nicht voneinander trennbaren Zusammenhang.[1]

Gleichwohl in den Parzival-Büchern des Romans der Gegenstand der Minne nicht so dominierend in den Vordergrund der Handlung tritt, wie es in den Gahmuret-Büchern und in den Gawan-Partien der Fall ist, spielt er für den Werdegang Parzivals vom tumpen Knaben zum Artusritter und schließlich zum Gralskönig eine eminente Rolle.

Zielsetzung vorliegender Seminararbeit ist es vorrangig ebendiesen Zusammenhang zu erörtern. Anhand der Beschreibung und Interpretation weitgehend chronologisch angeordneter Textpassagen aus dem ´Parzival´ sollen verschiedene Konzeptionen von Minne in den Parzival-Büchern vorgestellt werden. In diesem Kontext soll an geeigneten Beispielen zudem die Entwicklung von Parzivals Auffassung von Minne dargelegt und mit seinem Werdegang in Verbindung gebracht werden. Weiteres Ziel ist es, die Verschiedenartigkeit der Minnebeziehungen in den Parzival-Büchern aufzuzeigen, sowie auf die Ansichten zur Minne der Autor-Erzähler-Figur einzugehen.

Abschließend soll aus dem Erarbeiteten, auch unter dem Gesichtspunkt inwiefern Wolfram in seinem Parzival eine neue Minnekonzeption entworfen hat, Resümee gezogen werden. Auch Überlegungen zur Aktualität dieser neuen Konzeption spielen hier mit herein. Vergleiche mit Wolframs Vorlage, dem Conte du Graal von Chretien, werden in dieser Seminararbeit weitgehend außer Acht gelassen, da sie für das Abdecken der Thematik nicht unbedingt erforderlich sind.

2. Jeschute

2.1 Jeschute und Parzival

Bereits Parzivals erste zwischenmenschliche Begegnung nach seinem Fortgehen aus Soltane wird dieser Person zugleich zum Verhängnis. Er erblickt auf einem Feld die Herzogin Jeschute, Ehefrau des Ritters Orilus de Lalander, die schlafend in ihrem Zelt liegt. Parzival fühlt sich sofort zu ihr hingezogen, jedoch nicht ihrer schönen weiblichen Reize wegen, „ si truoc der minne wâfen“ (Parzival; 130,4), die vom Erzähler auf sinnlich erotische Art und Weise beschrieben werden, sondern aufgrund ihres Ringes, den er schon aus der Ferne aufblitzen sieht.

Zu diesem Zeitpunkt werden Parzival die Lehren seiner Mutter Herzeloyde das erste Mal zum Verhängnis. Diese riet ihm dazu bei jeder Gelegenheit das Fingerringlein einer Frau zu erwerben, sie um einen Kuss zu drängen und ihren Körper feste zu umarmen, da dies ihm

gelücke und hôhen muot“ (128,1) einbringen werde.

Da Parzival bei seinem ersten Zusammentreffen mit Jeschute noch keinerlei Ahnung vom höfisch-ritterlichen Verhaltenskodex hat, führt diese tumpheit dazu, dass er die Minnelehre der Mutter falsch interpretiert, indem er sie einfach wörtlich umsetzt, ohne auf irgendeine Art Feingefühl zu beweisen. Sinnbildlich für Parzivals naives Verhalten steht zu diesem Augenblick seine Bekleidung mit dem Narrengewand, das ihm die Mutter verpasst hat. Parzival hat nichts weiter im Sinn als den Ratschlägen Herzeloydes Folge zu leisten: „ dô dâhter an die muoter sîn: / diu riet an wîbes vingerlîn.“ (130,29f.) So handelt er höchst unhöfisch und stürzt sich brutal auf das Bett der schlafenden Jeschute und versucht mit aller Gewalt ihren Ring an sich zu reißen. Obwohl sich Jeschute wehrt, kümmert er sich nicht um ihre Klagen und zwängt ihr einen Kuss auf den Mund auf und raubt ihr neben dem Ring auch noch eine Spange. Danach verzehrt er sogar dreist die für Orilus und Jeschute aufgetischte Mahlzeit. Auf die Warnung Jeschutes, ihr Mann käme bald zurück, wird noch einmal das Unwissen über seine verhängnisvolle Tat klar: „ wan schadet ez iu an êren, / sôwil ich hinnen kêren.“ (130,17f.) Parzival ist nicht bewusst, dass er Jeschutes êre bereits befleckt hat. Er reitet von ihr fort, jedoch nicht ohne ihr noch einmal einen Kuss aufzuzwängen.

2.2 Jeschute und Orilus

Auch wenn sie auf den ersten Blick wie ein konventionelles höfisches Minneverhältnis wirkt, ist die Beziehung zwischen Orilus und Jeschute rechtlich gesehen eine dem Mittelalter typische Muntehe.[2]

Orilus bemerkt bei seinem Eintreffen sofort, dass Jeschute Besuch von einem Mann hatte und beschuldigt seine Frau sogleich einen Anderen zu haben. Jeschutes ehrliche Erklärungsversuche schlagen fehl, zumal sie fataler Weise auch Parzivals vollkommenen Schönheit erwähnt. Obwohl sie vor Orilus weiter ihre Unschuld zu beteuern versucht, ist dieser von Eifersucht aufgestachelt von seiner Bestrafung Jeschutes für den vermeintlichen Treuebruch nicht mehr abzubringen.

Dies hat für Jeschute tragische Folgen: Orilus verurteilt sie in aller Härte zu einem untertänigen Leben an seiner Seite. Er verbietet ihr Bett- und Tischgemeinschaft, zerstört ihren Sattel und ihr Saumzeug und untersagt ihr jemals ein anderes Kleid zu tragen, als sie es zu diesem Zeitpunkt anhat. „Er schöpft das Verfügungsrecht über seine Frau voll aus – was ihm als Ehemann gemäß mittelalterlichem Recht durchaus zukommt."[3] Selbst der Erzähler bekundet sein Mitleid mit Jeschute: „ waer mir aller wîbe haz bereit, / mich müet doch froun Jeschûten leit.“ (137,29f.) Jeschute fügt treu ergeben sich ihrem Mann und leistet seinen Anweisungen Folge. Bemerkenswert ist, dass sie nicht über ihr eigenes Schicksal weint, sondern vielmehr um das Unglück, das ihrem Mann Orilus widerfahren ist.[4]

Erst als Parzival in Buch V nach seinem ersten Aufenthalt auf Munsalvaesche zufällig auf Orilus und die geschundene Jeschute, die trotz allem ihrem Mann treu geblieben ist, trifft, ist den Eheleuten die Chance zur Versöhnung gegeben. Jeschute erkennt Parzival sogleich an seiner Schönheit wieder und berichtet ihm, wie schlecht es ihr seit dem ersten Zusammentreffen mit ihm ergangen ist, ohne erstaunlicherweise wirklich böse zu werden. Parzival will sich zu diesem Zeitpunkt den Frevel, den er begangen hat, und dessen Folgen offenbar noch immer nicht eingesehen. Er streitet ab jemals einer Frau Schande zugefügt zu haben, bezieht sich in dieser Aussage jedoch ausschließlich auf die Zeit seines Rittertums. Da er aber Mitleid mit Jeschute empfindet, beginnt er einen Zweikampf mit Orilus, in dem Parzival als Sieger hervorgeht. Er verlangt von dem Besiegten unter Androhung des Todes, sich mit seiner Frau zu versöhnen. Orilus leistet dem zwar Folge, doch geschieht die erpresste Versöhnung zu Beginn eher halbherzig: „ ich hân vil prîss durch iuch [Jeschute] verlorn: / waz denne? ez ist doch verkorn. “ ( 268,17f.)

Erst als Parzival in Anwesenheit des Paares in Trevrizents Klause einen heiligen Schwur leistet, in dem er sich zu seiner alleinigen Schuld bekennt, ist auch Orilus von der Unschuld seiner Frau überzeugt: „ jâ mac mit êren nu mîn lîp / ergetzen diz werde wîp“ (270,29f.).

Hier erst wird durch Parzivals Eid deutlich, dass er inzwischen seine Schuld erkannt hat und auch bereit ist seine Fehler zuzugeben und für sie Verantwortung zu übernehmen. Er ist nun dazu in der Lage sein falsches Verhalten zu reflektieren:

ich was ein tôre und niht ein man,

gewahsen niht pî witzen.

vil weinens, dâ bî switzen

mit jâmer dolte vil ir lîp

sist benamn ein unschuldic wîp.

dane scheide ich ûz niht mêre:

des sî pfant mîn saelde und êre.[5]

Die Eheleute Jeschute und Orilus sind durch Parzivals beginnende Selbsterkenntnis wieder glücklich vereint, woraufhin noch eine ausführliche Beschreibung ihrer Versöhnungsnacht folgt.

3. Liaze

3.1 Gurnemanz Minnelehre

Bereits vor Parzivals zweiten Treffen mit Jeschute macht Parzival die Bekanntschaft mit Liaze, der Tochter Gurnemanz. Parzival, der zwar schon von König Artus zum Ritter geschlagen wurde und auch Ithers Rüstung und Pferd besitzt, hat zu diesem Zeitpunkt noch immer keine Ahnung vom höfisch-ritterlichen Verhaltenskodex. Hierfür spricht abermals sinnbildlich das Narrengewand, welches Parzival unter seiner Rüstung noch immer trägt. Erst während seinem Aufenthalt bei Gurnemanz erfährt er aus dessen Lehren wichtige Grundprinzipien über das Rittertum und auch über die Minne.[6] Gurnemanz erteilt dem unerfahrenen Parzival Ratschläge für die Beziehung zwischen Mann und Frau. Zuerst schildert er, wie ein Mann sich zu verhalten habe, um die Gunst einer Frau zu erwerben: „ Sît manlîch und wol gemuot: / daz ist ze werdem prîse guot. / und lât iu liep sîn diu wîp “ (172,7-9). Weiterhin ermahnt er Parzival auch zur Ehrlichkeit und warnt ihn vor Verrat der Frau gegenüber, denn „ gein werder minne valscher list / hât gein prîse kurze vrist.“ (172,15f.)

Gurnemanz klärt ihn darüber auf, dass Ehemann und -frau wie Gegenstücke sind, die perfekt in einander passen wie Tag und Nacht, und dass sie unzertrennbar miteinander verbunden sind. In diesem Teil der Lehre klingt auch eine sexuelle Aufklärung mit an, es wird hierzu ein Vergleich aus dem Bereich der Biologie verwendet: „ si blüent ûz eime kerne gar. “ (173,5)

3.2 Liaze und Parzival

Erst nach der Erteilung der Lehren, wird Parzival Gurnemanz Tochter Liaze bei Tisch vorgestellt. Bei diesem ersten Zusammentreffen wird erkenntlich, dass Parzival auf dem Weg ist die Lehren Gurnemanz zu verstehen. Als nämlich Gurnemanz ihn in Gegenwart Liazes auf sein falsches Verhalten gegenüber Jeschute anspricht und ihn mahnt mit seiner Tochter nicht genauso zu verfahren, schämt sich Parzival dafür. Dadurch zeigt sich, dass es für Parzival erstmals eine Rolle spielt, welches Bild sich andere Menschen, in diesem Fall Liaze, von ihm bilden.

Liaze wird als eine schöne junge Dame vorgestellt, die sich höfisch zu benehmen weiß. Artig befolgt sie, was ihr Vater ihr sagt, wodurch ihr eine sehr passive Rolle zukommt. Als ihr der Vater nach dem Essen keinen weiteren Anweisungen mehr erteilt, zieht sei es vor zu gehen. Es ist also kein Anzeichen dafür zu erkennen, dass sie Liebe für Parzival empfindet, der Kuss am Tisch war ja auch von Gurnemanz aufgetragen. Dessen Absicht aus seiner Tochter und seinem Gast ein Paar zu machen, stellt für Parzival erstmals eine ernsthafte Chance auf ein Minneverhältnis dar. Zwar fühlt sich Parzival schon von Liaze angezogen, aber er setzt seine Prioritäten an dieser Stelle anderweitig:

bî sîme herzem kumber lac

anders niht wan umbe daz:

er wolt ê gestriten baz,

ê daz er dar an wurde warm,

daz man dâ heizet frouwen arm. [7]

Parzival gerät hier in ein Dilemma, das einerseits durch sein Gefühl bei Gurnemanz in der Schuld zu stehen und seiner Dankbarkeit ihm gegenüber, und andererseits durch seinen inneren Drang erst ritterliche Ehre zu erlangen entsteht. Er entscheidet sich letztendlich gegen eine Beziehung mit Liaze, obwohl ihm Gurnemanz sein Leid[8] klagt. Durch eine Erklärung, gewissermaßen Rechtfertigung, für seinen Entschluss zum Aufbruch aus Graharz, wird noch einmal deutlich, dass er das Unglück seines Lehrmeisters begreift und es ihm nahe geht:

dô sprach er ´hêrre, in bin niht wîs:

bezal abr i´emer ritters prîs,

sô daz ich wol mac minne gern,

ir sult mich Lîâzen wern,

iwerr tohter, der schoenen magt.

ir habt mir alze vil geklagt:

mag ich iu jâmer denne entsagen,

des lâz ich iuch sô vil niht tragen.´ [9]

Parzival gibt Gurnemanz hier ein Eheversprechen, das lediglich auf Mitleid zu basieren scheint. Nach seinem Abschied von Graharz zeigt sich zu Beginn des IV. Buches, dass dies zu schnell geurteilt wäre. Sein Gefühlschaos offenbart, dass Liaze ihm doch mehr bedeutet hat, als es bisher den Anschein erweckte und er kann nicht umhin an zu denken. So vergleicht er auch später noch Condwiramurs Gestalt mit der Liazes und erinnert sich an sie.[10]

Am Ende der Gurnemanz-Episode ist Parzival zwar noch nicht in der Lage Rittertum und Minne zu vereinbaren, dennoch hat Parzival durch die Begegnung mit Liaze auf seinem Weg vom tumpen Knaben hin zum minnefähigen Ritter einen bedeutenden Erfahrungszuwachs gewonnen.

[...]


[1] Verwendung der neuen deutschen Rechtschreibung.

[2] Vgl.: Emmerling, Sonja: Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern des `Parzival`. Wolframs Arbeit an einem literarischen Modell. Tübingen 2004 (= Hermaea N.F. 100). S. 268.

[3] Ebd. S. 269.

[4] Vgl. Hartmanns Erec. Verbindung durch Wolfram hergestellt: Jeschute ist Erecs Schwester. Enite, Erecs Frau, ereilt ein sehr ähnliches Schicksal.

[5] 269,24-30.

[6] Ich beschränke mich hier auf die Minnelehre des Gurnemanz, da der ritterliche Bereich der Lehren für das Thema der Arbeit eher weniger von Belang ist.

[7] 176,30 -177,4.

[8] Parzival wäre für ihn wie ein Sohn gewesen, nachdem er seine drei eigenen bereits verloren hat.

[9] 178,29 - 179,6.

[10] Vgl. 188,2–5.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Minne in den Parzival-Büchern
Hochschule
Universität Regensburg
Veranstaltung
Proseminar II
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V48026
ISBN (eBook)
9783638448376
ISBN (Buch)
9783638791403
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minne, Parzival-Büchern, Proseminar
Arbeit zitieren
Gloria Körner (Autor), 2005, Minne in den Parzival-Büchern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48026

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