Orient und Okzident im Spannungsfeld terroristischer Aktivitäten - Der Versuch eines didaktischen Lösungsanatzes


Examensarbeit, 2005
149 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. OKZIDENT
2.1. Der geographische Okzident
2.2. Die Stellung von Kirche und Staat

3. ORIENT
3.1. Der geographische Orient
3.2. Abraham, der Vater der Religionen
3.3. Islam - Kultur im Orient
3.4. Spaltungen und Richtungen im Orient
3.5. Glaubensvorstellung
3.6. Gibt der Islam eine Rechtfertigung für terroristische Anschläge?
3.7. Djihad
3.8. Ausrufung vom „heiligen Krieg“

4. TERRORISMUS
4.1. Definition
4.2. Terror und Terrorismus
4.3. Islamischer Terrorismus
4.3.1. Alter Terrorismus
4.3.2. al-Far¯da al-gh£´iba; die vernachlässigte Glaubenspflicht
4.3.3. Der Weg vom altem zum neuen Terrorismus
4.3.4. Neuer Terrorismus
4.3.5. Al - Qaida
4.3.6. Kriterien des neuen, transnationalen Terrorismus anhand der Terrororganisation „Al - Qaida“

5. ISRAEL - PALÄSTINA

6. TERRORISMUS UND DIE MEDIEN
6.1. Die Nutzung der Medien
6.2. Das Bild des Islam in den Medien

7. SELBSTMORDATTENTÄTER
7.1. Selbstmordattentäter
7.2. Islam wider Selbstmord
7.3. Was treibt die Selbstmordattentäter an?

8. MÖGLICHE URSACHEN FÜR DEN TERRORISMUS
8.1. Die Medien
8.2. Der fortschreitende Islamismus und die Re - Islamisierung
8.3. Der Wegfall der Sowjetunion
8.4. Globalisierung

9. AUSBLICK UND MÖGLICHE LÖSUNGSANSÄTZE
9.1. Massenvernichtungswaffen
9.1.1. Nuklearwaffen
9.1.2. Biologische und chemische Kampfstoffe
9.2. Die mögliche Entwicklung in den nicht - westlichen Staaten
9.3. Zurück zum Staat

10. FAZIT

11. UMSETZUNG DES THEMAS IN EINEN UNTERRICHT

12. BEUTELSBACHER KONSENS
12.1. Überwältigungsverbot
12.2. Kontroverse
12.3. Analyse und Einflussnahme

13. ANALYSE DES BEDINGUNGSFELDES
13.1. Analyse der Lerngruppe
13.2. Klassensituation
13.3. Zielgruppenanalyse
13.4. Fach- / Sachstruktur

14. ANALYSE DER CURRICULAREN VORGABEN
14.1. Politisches Handlungsfeld und Schwerpunkte
14.2. Qualifikationen, Kompetenzen, Lernziele
14.2.1. Qualifikation 6
14.2.2. Qualifikationsbeschreibung
14.2.3. Lernzielanalyse

15. DIDAKTISCHE REDUKTION

16. DIDAKTISCHE STRUKTUR / MAKROSTRUKTUR

17. THEMA DER ERSTEN WOCHE: VERWANDTSCHAFT DER RELIGIONEN
17.1. Analyse der Thematik
17.2. Anzustrebende Kompetenzen
17.3. Feinlernziel
17.4. Anmerkung
17.5. Unterrichtstruktur / Mikrostruktur
17.5.1. Anhang 1: Fragebogen
17.5.2. Anhang 2: Stammbaum Abrahams
17.5.3. Anhang 3: Abraham und die Stammväter
17.5.4. Anhang 4: Geschichte Israels
17.5.5. Anhang 5: Geschichte Palästinas
17.5.6. Anhang 6: Möglicher Lösungsansatz Israel - Palästina

18. THEMA DER ZWEITEN WOCHE: WIE GEWALTTÄTIG IST EINE RELIGION? EIN VERGLEICH VON: ISLAM UND CHRISTENTUM
18.1. Analyse der Thematik
18.2. Anzustrebende Kompetenzen
18.3. Feinlernziel(e)
18.4. Unterrichtsstruktur / Mikrostruktur
18.4.1. Anhang 1: Karikatur
18.4.2. Anhang 2: Geplantes Tafelbild
18.4.3. Anhang 3: Konfliktpotential
18.4.4. Anhang 4: Friedenspotential

19. THEMA DER DRITTEN WOCHE: URSACHEN DES TERRORISMUS
19.1. Analyse der Thematik
19.2. Anzustrebende Kompetenzen
19.3. Feinlernziel(e)
19.4. Unterrichtstruktur / Mikrostruktur
19.4.1. Anhang 1: Bilderrätsel

20. THEMA DER VIERTEN WOCHE: WELCHE MÖGLICHEN LÖSUNGSANSÄTZE GIBT ES, UM DEN TERRORISMUS ZU BEKÄMPFEN?
20.1. Analyse der Thematik
20.2. Anzustrebende Kompetenzen
20.3. Feinlernziel(e)
20.4. Anmerkung
20.5. Unterrichtstruktur / Mikrostruktur
20.5.1. Anhang 1: Armut / Reichtum
20.5.2. Anhang 2: Unterdrückung
20.5.3. Anhang 3: Globalisierung
20.5.4. Anhang 4: Wandzeitung

21. FAZIT

22. SCHLUSSBETRACHTUNG

23. BILDER

24. DANK

25. LITERATURVERZEICHNIS
25.1. Bücher und Publikationen
25.2. Zeitschriften und Zeitungen
25.3. Internet
25.4. Grafiken und Bilder
25.5. Zusatzliteratur

26. FREMDWÖRTER

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Terrorspur der Islamisten

Abbildung 2: Die Welt des Islam

Abbildung 3: Der Stammbaum Abrahams

Abbildung 5: Kreuzzüge

Abbildung 6:Anschlag auf das World Trade Center

Abbildung 7: Islamische Frau

Abbildung 8: Frau im Schleier

Abbildung 9: Angehörige eines Selbstmordkommandos der pro-iranischen Hisbollah paradieren durch einen Vorort in Beirut

Abbildung 10: Palästinenser beten, nachdem israelische Soldaten ihnen den Weg zur Al-Aksa-Moschee versperren

Abbildung 11: Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001

Abbildung 12: Islamistischer Hass auf den Westen

Abbildung 13: Köln, 21.11.2004 - Türkei organisiert bundesweite Demonstration von Moslems 'Für Frieden und gegen Terror!'

Abbildung 14: Suicide bombers Asif Hanif and Omar Khan Sharif pose with the Qur'an

Abbildung 15: Kaaba in Mekka

Abbildung 16: Gustave Doré, Kreuzzüge

Abbildung 17: Religion eller terror?

Abbildung 18: Jesus Meets Mary

Abbildung 19: Elend nach dem Irak - Krieg

1. Einleitung

„Die innere Sicherheit Deutschlands war auch 2004 durch extremistische und terroristische Ausländergruppierungen in unterschiedlichem Maße Gefährdungen ausgesetzt. Die größte Gefahr ging wie im Vorjahr von is- lamistischen Terrorgruppierungen aus, die sich dem weltweitem ‚Jihad’ (verstanden als gewalttätiger Kampf / ‚heiliger Krieg’ gegen den Westen) verpflichtet fühlen. Trotz in der Vergangenheit vereitelter Anschläge und zahlreicher Festnahmen europaweit - auch in Deutschland - muss Deutschland weiterhin als Teil eines weltweiten Gefahrenraumes angese- hen werden und liegt somit auch im Zielspektrum terroristischer Gruppie- rungen. Die Anschläge vom 11. März 2004 in Madrid, bei denen 191 Men- schen starben und über 1600 verletzt wurden, verdeutlichen die Gefah- renlage und deren Dimension nachdrücklich.“1

In der Vorabfassung des Verfassungsschutzberichts 20042wird deutlich, dass Deutschland Teil eines weltweit terroristischen Gefahrenraumes ist. Aufgrund der anscheinend immer größeren Gefahr terroristischer Anschläge soll in dieser Arbeit der Hintergrund des islamistischen Extremismus und Terrorismus erarbeitet werden. Dieser islamistische Terrorismus ist zudem nicht auf Deutsch- land begrenzt und somit ist eine Betrachtung lediglich deutscher Ereignisse nicht möglich.

In folgender Grafik wird deutlich, dass sich die Anschläge in zunehmend kürzeren Abständen ereignen und arabische und islamische Staaten in hohem Maße betroffen sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Terrorspur der Islamisten3

Aufgrund der global vorkommen Anschläge soll auf das Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident eingegangen werden.

Hierzu wird zunächst das Gebiet, welches den Orient und den Okzident ein- grenzt, definiert. Es soll auf die jeweiligen Kulturen und Werte eingegangen wer- den, wobei der Glaube eine entscheidende Rolle zu spielen scheint. In wieweit man Erklärungen für den islamistischen Terrorismus in ihrer Religion, dem Islam, findet oder welche Gründe es außerdem gibt, stellt eine entscheiden- de Frage dieser Arbeit dar.

Genauer:

Gibt der Islam dem islamistischen Terrorismus eine Rechtfertigung und / oder gibt es darüber hinaus Impulse, die den islamistischen Terrorismus fördern oder begünstigen?

Es soll zudem untersucht werden, wie sich der Terrorismus im Laufe der Zeit entwickelt oder verändert hat.

Genauer:

Was hat zu einer möglichen Veränderung des Terrorismus und damit zu einer Ausbreitung des islamistischen Terrorismus geführt?

In dieser Arbeit soll versucht werden, durch eine genauere Analyse einzelner Konflikte den Gründen und Ursachen des islamistischen Terrorismus auf den Grund zu gehen.

Weiterhin sollen in diesem Zusammenhang u.a. Themen wie die Medien, Selbstmordattentäter, Re - Islamisierung, Globalisierung und Massenvernichtungswaffen angesprochen werden. Es stellt sich die Frage, in wieweit diese Themen für die Ausbreitung, deren Bild in der Öffentlichkeit oder der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus relevant sind .

Im zweiten Teil dieser Arbeit soll auf die Umsetzung dieses Themas in den Be- rufsschulunterricht eingegangen werden. Dabei soll ein Unterricht, welcher sich über vier Unterrichtsstunden von jeweils 90 Minuten erstreckt, erarbeitet werden. In einer Sachanalyse wird zunächst ein Überblick über das Thema gegeben. Diese erfolgt in Form eines Mind Maps. Anschließend wird eine didaktische Struktur angefertigt, welche einen Überblick über die ganze Unterrichtssequenz geben soll. Diese wird mit pädagogischen Ansätzen versehen. In der Unter- richtsstruktur wird im Abschluss der Ablauf der jeweiligen Unterrichtsstunden (90 Minuten) detailliert geplant.

Dabei soll die Verwandtschaft der Religionen Christentum, Judentum und Islam thematisiert werden. Die SchülerInnen sollen erkennen, dass die verschiedenen Glaubensrichtungen Gemeinsamkeiten besitzen. Des Weiteren sollen die Schü- lerInnen erkennen, welche Gründe für den islamistischen Terrorismus und deren Ausbreitung vorliegen können. Erst nachdem diese Gründe erarbeitet wurden, können mögliche Lösungsansätze entwickelt werden, welche am Ende dieser Unterrichtseinheit die SchülerInnen aufzeigen und formulieren sollen.

2. Okzident

Im ersten Kapitel soll ein Überblick geboten werden, was den Okzident darstellt und welche Staaten ihm angehören. Welche Grundvorstellungen besitzen die Menschen, die in diesen Staaten unter diesem Begriff in einer Gemeinschaft zu- sammenleben? Welche Rolle spielt der Glaube und damit die Kirche in diesen Ländern?

2.1. Der geographische Okzident

Der Okzident entspricht den Ländern des christlichen Glaubens. Diese Länder sind vorwiegend in Nord- und Südamerika und Europa zu finden. Russland, Australien und einige Länder Südafrikas gehören dieser Wertegemeinschaft ebenfalls an. In vielen Büchern oder Berichten ist auch von dem „Westen“ die Rede. Hier sind vor allem die „reichen“ Industrieländer gemeint.

Im Folgenden beziehe ich mich, falls nicht ausdrücklich anders erwähnt, auf das Buch „Abkehr vom Abendland“ von Gerhard Schweizer.4

Obwohl die christliche Religion weltweit gesehen die meisten Anhänger vorweist - rund zwei Millionen - gilt diese längst nicht mehr für alle Getauften als selbst- ständige Autorität. Seit dem 17. Jahrhundert verlor sie bereits bei den Menschen der abendländischen Region zunehmend an Bedeutung. Spätestens Mitte des

19. Jahrhunderts teilten sich die Menschen in religiös und weltlich denkende Gruppen. In dieser Welt der nebeneinander existierenden Denkrichtungen konn- te es nicht mehr nur eine Wahrheit geben. Die Menschen waren aufgerufen, sich ihre eigene Weltanschauung auszusuchen. Der Denkende, auf sich selbst ge- stellte Mensch, hat sich entwickelt. Ein ganz neues Individuum trat hervor, wel-

ches sich in keiner anderen Hochkultur bisher so radikal hat entwickeln können. Für diese Menschen ist nur das wahr, was sie mit ihren eigenen Augen sehen oder mit ihrer Vernunft überprüfen können. Alles andere stufen sie als Hypothese ein. Falls diese Menschen noch gläubig sind, neigen sie nun dazu, den Glauben mit all ihren Schriften und Aussagen zu hinterfragen. Sie überprüfen und relati- vieren. Dieser Menschentyp ist aufgrund seiner guten wirtschaftlichen Lage und der fortschreitenden Globalisierung vor allem für die Moslems zu einer Beeinflus- sung geworden, da er weltweit agiert und somit seine Werte in der Welt verbrei- tet. Mit der klaren Trennung von Kirche und Staat unterscheiden sich die Chris- ten in einem entscheidenden Punkt von der Wertegemeinschaft des Islam. Aber nicht nur von dieser, sondern auch von der der orthodoxen Hindus, Buddhisten oder Konfuzianer.

2.2. Die Stellung von Kirche und Staat

Thomas Schirrmacher schreibt im „Lexikon der Religionen“5Folgendes über die Verbindung von Kirche und Staat.

Das Christentum hat in seiner über 2000 - jährigen Geschichte und zeitweise weltweiten Ausbreitung fast alle Arten von Beziehungen zwischen Kirche und Staat durchlebt. Heute gibt es in allen christlichen Ländern eine klare Trennung zwischen diesen beiden. Dies wäre ohne die Geschichte, in der christliche Kir- chen die Politik missbraucht, aber auch von ihr missbraucht wurden, undenkbar. Der Staat steht nicht unter der Hegemonie einer Kirche oder eines Glaubens und darf auch nicht eine Religion oder Kirche beherrschen. Das bedeutet aber nicht, dass Kirche und Staat im Widerspruch zueinender stehen. Die Aufgabe des Staates ist die Ermöglichung eines zufriedenen Zusammenlebens und der Reli- gionsfreiheit seiner Bürger. Entgegen aller Verwicklungen der christlichen Ge- schichte gab es in keiner anderen Glaubensgemeinschaft eine so offen angeleg- te Trennung der Macht wie im Christentum. Weder im Alten noch im Neuen Tes tament ist eine Zusammenlegung von König / Herrscher und oberster Priester/Gottes in einer Person erwähnt. Der Historiker Eduard Eichmann schreibt ü- ber die alttestamentliche Gewaltenteilung von Hohepriester und König:

„Mit den heiligen Schriften sind diese alttestamentlichen Vorstellungen Gemeingut des christlichen Abendlandes geworden“.6

Mit dieser klaren Trennung ist ein Gegensatz zu anderen Religionen geschaffen worden. Ob dieser mit der Vormachtstellung der christlich geprägten Industriestaaten zusammenhängt, soll offen bleiben.

Im Folgenden soll nun auf den Orient eingegangen werden. Welche Staaten gehören ihm an und welche Wertevorstellungen prägen ihn?

3. Orient

In diesem Kapitel soll geklärt werden, welche Staaten dem Orient angehören und welche Wertevorstellungen dort existieren. Ist in diesen Wertevorstellungen bereits ein Ansatz für die Gründe des islamistischen Terrorismus zu finden?

3.1. Der geographische Orient

Als erstes stellt sich die Frage, wo der Orient liegt und welche Staaten dazuge- hören.

Recherchen im Internet7ergaben folgendes:

In der Literatur und den Medien werden Begriffe genannt wie alter Orient, Mittle- rer und Naher Osten oder Morgenland. Im Lauf der Geschichte haben diese Beg- riffe eine Veränderung erfahren. In den früheren Zeiten galt der gesamte asiati-

sche Raum wie z.B. die arabischen Länder, Indien und China als Orient. Zunehmens hat dieser Begriff an Bedeutung gewonnen. Es wurden im Zusammenhang mit dem Orient nur noch die Länder Vorderasiens mit Ägypten und den meisten islamischen Kulturen genannt. In der heutigen Zeit neigt man im Sprachgebrauch dazu, den Begriff „Naher Osten und die arabisch-islamische Welt“ zu verwenden. Dazu gehören auch die Türkei sowie einige Länder Nordafrikas. Die islamischen Staaten Südostasiens sind nicht gemeint.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Islamische Staaten8

Einige Staaten werden unter dem Zusammenhang terroristischer Aktivitäten noch genauer betrachtet oder miteinander verglichen. Daher soll hier nicht auf einzelne Länder eingegangen werden.

Der Begriff Orient wird weniger in einem politischen oder geographischen Zu- sammenhang verwendet, sondern eher in einem kulturellen, welcher vom Islam geprägt ist.

Die folgende Grafik zeigt die Ausbreitung des Islam.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Welt des Islam9

Um den Zusammenhang zwischen den Religionen zu verstehen soll im Folgenden ihr Ursprung kurz erläutert werden.

3.2. Abraham, der Vater der Religionen

Alle drei großen monotheistischen Religionen beziehen sich auf die Überlieferung von Abraham und dessen Bund mit Gott.

Nach biblischer und koranischer Überlieferung10hat Abraham zwei Söhne von zwei verschiedenen Frauen, Ismael von Hagar und Isaak von Sarah. Durch das mangelnde Vertrauen Abrahams und seiner Frau in Gottes Versprechen, ihnen einen Sohn zu schenken, wird ihm zunächst Ismael von der Magd seiner Frau geboren, auf den sich heute die Islamiten berufen. Erst später wird Isaak gebo- ren, auf dem der Segen Gottes liegt. Durch diese Söhne werden beide Frauen zu Stammmüttern ganzer Völker. Sie stehen am Ursprung unterschiedlicher religiö- ser Traditionen, geraten aber zugleich in einen Konflikt, der ökonomische und soziale Dimensionen hat. So verkörpern sie die gemeinsamen Anfänge, aber auch die Unterschiede und Spannungen zwischen den drei Religionen, welche bis heute beispielsweise in Israel anhalten.

Die folgende Grafik zeigt den Stammbaum Abrahams und damit die Spaltung der drei großen Religionen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Der Stammbaum Abrahams11

3.3. Islam - Kultur im Orient

Im Folgenden, sofern nicht ausdrücklich anders erwähnt, beziehe ich mich auf das Buch „Abkehr vom Abendland“ von Gerhard Schweizer12. Der Islam ist eine Hochkultur, welche dem Christentum so nahe steht wie keine andere, und zwar weder im Geographischen noch im Religiösen. Er grenzt im Osten sowie im Süden an das Abendland und Vorposten haben sich sogar in Jugoslawien13im Herzen von Europa niedergelassen. Trotz dieser geographi- schen Nähe oder der religiösen Verwandtschaft sind uns die islamischen Traditi- onen fremdgeblieben oder schrecken uns sogar ab. Oft werden das bunte Trei- ben auf den Märkten, die Reisenden auf ihren Kamelen oder die verstaubten Dörfer von den europäischen oder amerikanischen Bürgern als zutiefst andersar- tig gesehen. Auch haben Anhänger islamischen Glaubens mit Eroberungszügen auf europäischem Boden ein schlechtes Bild vom Islam hinterlassen. Dieser Ein- druck wird in der heutigen Zeit durch Selbstmordattentäter oder fanatische Krie- ger nur bestätigt. Warum messen wir aber die Andersartigkeit, welche uns vom Islam trennt, an diesen Ereignissen? Wir beurteilen unsere abendländliche Kultur auch nicht an den Kriegen, welche wir im Namen unserer Religion geführt ha- ben.14Aus diesem Grund sollten wir uns nicht den Blickwinkel gegenüber dem Islam einschränken lassen.

Um über Gegensätze des Orients zum Okzident sprechen zu können, soll in die- ser Arbeit zuerst zu den Ursprüngen der Geschichte zurückgegangen werden. Mohammed, der Begründer des Islam, wurde um das Jahr 570 unserer Zeitrech- nung geboren. Er war derselben Ansicht wie die Christen, dass es nur einen wahren Gott gibt. Er nannte ihn auf Arabisch „Allah“15. In der Zeit um 613 ver kündete er zum ersten Mal in seinen Predigten die Begriffe Moslem und Islam. Er sprach davon, dass alle Menschen vor Gott gleich wären, unabhängig davon, ob sie Herrscher oder einfacher Soldat, Araber, Grieche oder Römer seien. Ent- scheidend sei weder Rang, Volk oder Rasse. Dies waren völlig neue Ansichten angesichts der Traditionen der damaligen arabischen Stammesgesellschaften. Nun stellt sich aber die Frage, warum Mohammed nicht Christ oder Jude gewor- den ist?

Viele westliche Religionswissenschaftler sind davon überzeugt, Mohammed woll- te den Arabern nur den reinen Glauben der Christen und Juden nahe bringen. Mit der Zeit erkannte er aber, dass die Christen Jesus für Gottes Sohn hielten und den Heiligen Geist zu einer dritten Erscheinungsform. Er empfand, nicht an- ders als die Juden, die Dreifaltigkeit als ersten Schritt der Vielgötterei. Den Juden warf er vor, Jesus nicht als Propheten anzuerkennen. In dieser Diskussion mit Christen und Juden kam er schließlich zu der Überzeugung, einen eigenen Weg finden zu müssen. Erst als er dieses erkannte, formulierte er, was einem Moslem durch Gott vorgegeben sei:

„Er, Mohammed, sei dazu ausersehen, die Botschaften der großen Gottesverkünder - von Abraham bis Jesus - in Ihrer ursprünglichen Reinheit wiederherzustellen.“16

Das beinhaltete, dass er den Islam als höchste und letzte Gottesoffenbarung er- klärte und sich als letzten Propheten ansah. Dieses war der Grundstein der Aus- einandersetzung mit Juden und Christen. Mekka und nicht mehr Jerusalem rück- te an die erste Stelle und wurde zum Wallfahrtsort für alle Moslems. Mohammed erhielt aber die Achtung gegenüber Christen und Juden aufrecht und räumte ih- nen einen besonderen Platz unter den Ungläubigen ein. Er gestattete sogar die Heirat untereinander, da Christen und Juden ebenfalls an den einen Gott glaub- ten. Trauungen dieser Art sind in der damaligen Zeit oft vorgekommen. Unser heutiges Bild vom Islam ist eher geprägt durch Aussagen wie die von Ajatollah Khomeini, der 1979 mit dem folgenden Zitat durch die Weltpresse ging:

„Elf Dinge sind unrein: Urin, Kot, Sperma, Gebeine, Blut, der Hund, das Schwein, Männer und Frauen, die nicht Moslems sind, Bier und der Schweiß eines Kamels, das Exkremente verzehrt.“17

Obwohl er in seinem Zitat alle Menschen nicht islamischen Glaubens (also auch die Christen und Juden) auf die Stufe von Abscheu herabsetzt, erkennt er aus- drücklich das Toleranzgebot18des Korans gegenüber Verehrern des einen Got- tes an.

Was sagt aber der Koran, wenn sich ein Moslem zum Christentum bekehren will? In erster Linie fordert das Toleranzgebot Respekt gegenüber Christen und Juden und zum anderen stellt sich ein Moslem mit diesem Schritt auf eine gerin- gere Stufe der Wahrheit. Es gab und gibt immer noch moslemische Fanatiker, welche in solch einem Fall die Todesstrafe fordern. Anfang der achtziger Jahre sind die Ägyptischen Moslembrüder19mit solch einem Antrag an ihre Regierung herangetreten, welcher aber abgelehnt wurde. Als Antwort bekamen sie, dass sie den Koran falsch auslegten.

3.4. Spaltungen und Richtungen im Orient

Falls nicht ausdrücklich anders erwähnt, beziehe ich mich auf einen Beitrag von Christine Schirrmacher im „Lexikon der Religionen“.20

In der Zeit nach Mohammeds Tod sind verschiedene Spaltungen und Richtungen entstanden. Als erstes sollen die Sunniten angeschaut werden. Diese setzten sich nach dem Tode Mohammeds durch und wählten als Nachfolger des Propheten seinen Heerführer und Vertrauten Abu Bakr zum ersten Kalifen. Heute machen sie über 85 Prozent die Mehrheit der Muslime aus.21Sie betrachten sich selbst als Vertreter der Orthodoxen Theologie.

Die Schiiten bildeten eine zweite Gruppe von ca. 10 Prozent, welche der Mei- nung sind, nur ein direkter Angehöriger Mohammeds könne auch seine Nachfol- ge antreten. Sie schlossen sich Ali, dem Neffen und Schwiegersohn Moham- meds an, und bestimmten den Vater seiner direkten Nachkommen zum Kalifan- wärter, da diese noch zu jung waren. Dieser unterlag 632 dem ersten Kalifen Abu Bakr. Erst im Jahre 656 konnte Ali das Kalifat erringen, bis er 661 ermordet wurde. In den darauf folgenden Jahren, bis heute, haben die Sunniten bis auf kleinere Gebiete das Kalifat inne.

Die Haridjiten, eine weitere kleine Gruppe, waren der Meinung, dass der fähigste Mann die Nachfolge Mohammeds antreten sollte, unabhängig davon welcher Herkunft er war oder welchen Rang er bekleidete. Als einzige Bedingung stellten sie den Besitz gewisser Fähigkeiten: Nur wer die mit der Führung der Gemeinde verbundenen religiösen und moralischen Anforderungen erfüllt, ist ein würdiger Nachfolger Mohammeds. Im Jahre 657 spalteten sie sich von den Schiiten ab, die sie bis dahin unterstützt hatten. In der Zeit des vierten Kalifen Ali wurden sie zu dessen Feinden und töteten ihn bei einem Attentat.

3.5. Glaubensvorstellung

Der Islam beruft sich in seinem Glauben auf zwei Schriften: den Koran und die Sunna. Nach dem Glauben der Muslime sind im Koran wörtliche Mitteilungen Allahs enthalten, welche durch den Propheten Mohammed offenbart wurden. Die Sunna ist dagegen eine Überlieferung vom Leben des Propheten. Der Koran ist in 114 Suren, die nach ihrem inhaltlichen Zusammenhang geordnet sind, unter- teilt. Als Buch der Offenbarung versteht sich die heilige Schrift des Islam als An- leitung, wie man Egoismus überwinden und inneren wie äußeren Frieden erlan- gen kann. Außerdem werden soziale und gesellschaftliche Belange, die Ge- schichte des Universums, die Beziehung von Mann und Frau mit der Festset- zung ihrer Gleichwertigkeit und Regeln für ihr Zusammenleben geregelt. Hierzu kommen noch Anweisungen zur Kindererziehung und zu einem ehrlichen Berufs- leben. Es werden Themen wie Ökonomie und Ökologie, Politik und Privatleben, Erklärungen zu Hygiene und Ernährung angesprochen. In 700 Geboten und Ver- boten wird darauf hingewiesen, wie ein Gläubiger in diesem rein geistigen, irdi- schen Leben die Glückseligkeit erreicht.

Das „Lexikon der Religionen“22schreibt von einer Beachtung der „Fünf Säulen des Islam“ als positiven Ausdruck von Glaube und Zugehörigkeit zum Islam. Die Befolgung der Gebote dieser Säulen wird von der überwiegenden Zahl der Muslime als Verpflichtung betrachtet.

Nachfolgend sollen diese fünf Säulen und ihre Bedeutung kurz erläutert werden.

1. Das Glaubensbekenntnis:

“Es gibt keinen Gott, außer dem einen Gott und Mohammed ist sein Prophet”. Dies ist das Dogma der Einzigartigkeit Gottes.

2. Das Gebet:

Das tägliche Gebet ist ein rituelles Pflichtgebet und wird fünfmal am Tag gebetet: am Morgen, zu Mittag, am Nachmittag, bei Sonnenuntergang

und am Abend. Gebetet wird immer in Richtung Mekka. Beim Beten sind bestimmte Körperhaltungen wichtig; es wird eine genaue Abfolge von Stehen, Verneigungen und auf dem Boden knien eingehalten. Bei jedem Gebet ist der Ablauf derselbe. Am sechsten Tag jeder Woche, am Frei- tag, gehen die Moslems in die Moschee, um zu beten. Dieser Freitag ist unserem Sonntag gleichzusetzen. Dieses Freitagsgebet heißt Versamm- lungsgebet. Die Männer beten immer getrennt von den Frauen. Die Menschen werden durch den Muezzin23vom Minarett24der Moschee aus zum Gebet gerufen. Vor dem Gebet erfolgt immer eine rituelle Wa- schung. Trotz des Feiertages ist es den Menschen nicht verboten, an diesem Tag zu arbeiten.

3. Das Fasten:

Das 30 - tägige Fasten im Monat Ramadan25ist für alle Männer und Frauen verpflichtend. Jedoch dürfen sie erst ab der Pubertät an diesem Ritual teilnehmen. Dieses Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenunter- gang soll der Herabsendung des Korans gedenken. In dieser Zeit ist Es- sen, Trinken, Rauchen, Parfüm, Injektion und Geschlechtsverkehr unter- sagt. Auch soll in dieser Zeit Nachrede, Klatsch und Streit gemieden werden. Um die Gesundheit nicht zu gefährden ist das Fasten Schwan- geren, Stillenden, Reisenden, Kranken und Kindern untersagt.

Durch dieses Fasten ist das gesamte Leben im Islam eingeschränkt. Die Geschäfte haben nur wenige Stunden am Tag geöffnet und das gesellschaftliche Leben verlagert sich auf den Abend und die Nacht.

4. Almosen:

Die Sorge für die Armen ist für alle Muslime eine Verpflichtung. Das Al- mosen ist eine Art Steuer auf die Ersparnisse, die nicht der Staat erhebt,

sondern die der Moslem selbst verteilt. Viele geben sogar ein Zehntel ihres Einkommens dafür her.

5. Pilgerfahrt nach Mekka:

Wenigstens einmal im Leben sollte ein Muslim, wenn es ihm möglich ist, die Wallfahrt zum größten Heiligtum des Islam, der Kaaba in Mekka, machen. Dies soll im Wallfahrtsmonat „Dhu l-hidjdja“26geschehen und ist vom Koran vorgeschrieben. Frauen dürfen die Pilgerfahrt nur dann unternehmen, wenn ihre Männer es ihnen erlauben. Die Kaaba ist ein schwarzer Meteorit, der schon lange vor Mohammed als heilig verehrt wurde. Um die Kaaba herum werden von den Pilgern große Kreise ge- zogen. Manchmal sind bis zu einer halben Million Pilger, die den heiligen Stein, der Allahs Gegenwart bezeugt, berühren wollen.

Im folgenden Kapitel soll jetzt untersucht werden, ob der Koran eine Rechtfertigung der Gewalt liefert, worauf sich die Terroristen beziehen können.

3.6. Gibt der Islam eine Rechtfertigung für terroristische An- schläge?

Im Folgenden beziehe ich mich auf das Buch „Fanatische Krieger im Namen Allahs“ von Hadayatullah Hübsch.27

Was wird über den Krieg im Koran ausgesagt?

Das Prinzip der Selbstverteidigung, welches mit der berühmten Schlacht bei Badr28erwacht ist, blieb in Zeiten der ersten Kalifen bestehen und beruhte auf zwei Voraussetzungen:

1. Krieg soll den wahren Muslimen nur die letzte Möglichkeit im Umgang mit dem Frieden sein. Falls doch ein Krieg geführt werden muss, gel- ten als Leitlinie die Verse 39 bis 41 aus Sure 2229. Die im Vers ge- nannte Verteidigung des Lebens und der Freiheit gestattet den be- waffneten Kampf nur, wenn die folgenden Voraussetzungen vorliegen:

- Es muss ein Angriff vorliegen, der auf die Gläubigen abzielt. Der

Kampf darf also nur der Verteidigung dienen.

- Nur wenn der Feind ihnen zweifellos Unrecht antut, haben Muslime

die Erlaubnis, sich zu wehren.

- Sie müssen vorher aus ihren Häusern vertrieben worden sein.

Dann dürfen sie ihr Recht auf Heimat durch Kampf zurückerlangen.

- Der Angreifer muss sie allein wegen ihres Glaubens bekämpfen.

Allah gebietet, dass es in Glaubensdingen keinen Zwang geben dürfe und der Mensch sich frei entscheiden darf. Dies belegt der Koran in zwei Versen. (Sure 2, Vers 25630und Sure 18, Vers 2931) All dieses besagt, dass ein Krieg den Muslimen aus politischen sowie ökonomi-schen Beweggründen nicht gestattet ist.

2. Auch die Verhaltensweisen im Falle eines Krieges sind im Koran eben- falls genau definiert. Was ist also einem Muslim im Krieg erlaubt?

Dem Hadith, den persönlichen Aussagen des Propheten, lassen sich vier Vorschriften entnehmen, wie sich ein Moslem im Krieg zu verhal- ten hat.

- Erstens darf ein Moslem keinen Krieg von sich aus beginnen. Er

darf nur zur Waffe greifen, wenn sein Leben oder die Glaubensfreiheit für sich oder sein Land in Gefahr ist. Dies ist aber kein zwingender Weg. Es sollte auch die Möglichkeit bestehen, vorübergehend sein eigenes Land zu verlassen um einem gewalttätigenden Konflikt aus dem Weg zu gehen.

- Zweitens dürfen keine Zivilisten angegriffen werden, der Krieg darf sich nur gegen eine reguläre Armee richten. Frauen, Kinder, ältere Menschen oder religiöse Würdenträger dürfen in keiner Weise verletzt, beeinträchtigt, geschändet oder beleidigt werden.

- Drittens darf die Kriegshandlung nur als notwendiges Übel angese- hen werden. Geduldet werden weder Rache noch andere unnötige Brutalität. Die Kriegsführung darf nicht maßlos sein. Dies ist im Koran Sure 2, Vers 19032verankert.

- Viertens sind die Kriegshandlungen auf den Kampfplatz zu be-

schränken. Alle lebenswichtigen Güter und Einrichtungen müssen daher verschont werden. Auf keinen Fall darf das Prinzip der „verbrannten Erde“ gestattet werden. Das Ziel des geführten Krieges muss im Auge behalten werden.

Ob jetzt ein Krieg ausbricht oder nicht, die oberste Aufgabe eines Muslims sollte die Erhaltung des Friedens oder die schnelle Wiederherstellung des Friedens sein. Der Koran gibt Weisungen, was bei den Bemühungen zur Wiederherstellung des Friedenszustandes zu befolgen ist. Hier ist der Djihad als zweiter Aspekt aufgeführt. Dieser steht im Sinne von Bemühung und Anstrengung im Vordergrund. Was genauer mit dem Djihad gemeint ist und wie er ausgelegt wird, soll im nächsten Kapitel behandelt werden.

3.7. Djihad

Aus dem Lexikon „Kleines Islam - Lexikon“33geht hervor, dass mit dem Djihad eine Bemühung gemeint ist ein Ziel zu erreichen. Nun stellt sich die Frage, welches Ziel gemeint ist.

Es gibt drei Formen des Djihad: den kleinen, den mittleren und den großen.

Der große Djihad wird als eine individuelle Bemühung um den Glauben oder zum moralischen Handeln verstanden. Damit ist der Kampf gegen schlechte Ange- wohnheiten, sündiges Betragen und Mangel an Moral gemeint. Der mittlere Djihad bezeichnet die Verbreitung der Lehren des Korans mit Wort und Schrift.

Der kleine Djihad wird im islamischen Recht als zulässige Form des Krieges zur Erweiterung des islamischen Herrschaftsbereichs oder zu dessen Verteidigung bezeichnet.

Dieser Djihad, in allen drei Formen, ist eine Pflicht der Gemeinschaft der Musli- me und muss fortlaufend verfolgt werden. Wird der Djihad ausgerufen, müssen bestimmte Regeln eingehalten werden. Als erstes werden die Ungläubigen auf- gerufen, den Islam anzunehmen, bzw. wird an die Juden und Christen appelliert, die Herrschaft der Muslime anzuerkennen. Nach einer Bedenkzeit wird dann der Krieg begonnen. Nur als Volljähriger darf man dem Aufruf von Privatleuten, wel- che die nötige Autorität haben, oder Vertretern der politischen Gewalt zum Djihad folgen. Der Staat als solcher ist dazu nicht nötig. Der Djihad als heiliger Krieg ist nur dann gerechtfertigt, wenn die Gegner Nicht - Muslime, nicht mehr als Musli- me zählen oder vom Glauben Abgefallene sind (Apostaten). Der Kampf dient der Unterstützung und Stärkung sowie der Erweiterung der moslemischen Glau- bensgemeinschaft, der „Umma“. Wer an den einen, wahren Gott glaubt und sich dazu bekennt, dass Mohammed sein Prophet ist, der gehört der “umma mo- hammedija”, der Gemeinde Mohammeds an. Damit ist er ein Teil der Gesamtheit der Gläubigen. Sprache, Rasse, Nationalität und die Zugehörigkeit zu den unter- schiedlichen religiösen Ausprägungen oder Rechtsschulen des Islams spielen

keine Rolle. Ob ein Mensch als Muslim beispielsweise in Saudi-Arabien, Gambia, Indonesien oder Deutschland lebt, der Islam macht ihn zuallererst zum Teil der Gemeinschaft der Muslime. Von den Asketen34, später auch von den Sufis35(Sufismus), wurde der Djihad schon früh im übertragenen Sinne als “innerer Kampf” des Frommen gegen die bösen Kräfte der eigenen Psyche verstanden. Es ist jedoch falsch in diesem “geistigen” Djihad das eigentliche Ziel von Koran und Propheten zu sehen: Vorrangig, wenn nicht ausschließlich, ging es um den individuellen Einsatz im Kampf für die Verbreitung des Glaubens.

Wie wichtig für die Rechtgläubigen der Djihad ist, erläutern die folgenden Zitate aus dem Buch von Laffin36:

„Der Djihad ist gesetzlich vorgeschrieben als eines der Mittel, den Islam zu verbreiten. Folglich sollen Nichtmoslems den Islam entweder freiwillig, durch Weisheit und guten Rat annehmen, oder unfreiwillig durch den Kampf des Djihad. [...]”37

Dieses Zitat stammt von Scheich Abdullah Ghoshah, dem höchsten Richter Jordaniens. Allerdings wissen die Moslems seit zweihundert Jahren, dass sie gegen den Westen militärisch keine Chance besitzen, der Djihad mehr Idee als Realität darstellt. Trotzdem schreibt zum Beispiel genannter Scheich:

“[...] Es ist ungesetzlich, den Djihad aufzugeben, Frieden zu schließen und die Position der Schwäche einzunehmen, es sei denn, diese Unterbrechung diene dem Kräftesammeln in Zeiten, wo die Moslems schwach, ihre Gegner aber stark sind. [...]”38

Solange die Welt nicht ganz und gar islamisch geworden ist, ist der Djihad für den “Rechtgläubigen” der Allgemeinzustand. Keinen heiligen Krieg zu führen ist eine Position der Schwäche. An Frieden darf er erst denken, wenn das Ziel, die ganze Welt islamisch zu machen, erreicht ist.

Im nächsten Kapitel soll u.a. der Frage nachgegangen werden, was bei einem Ausruf des Djihad geschieht und wer diesen ausrufen darf?

3.8. Ausrufung vom „heiligen Krieg“

Der erste heilige Krieg, der ausgerufen wurde, war der Krieg um die Befreiung Mekkas durch den Propheten Mohammed. Später im Mittelalter kämpften die Christen in ihren Kreuzzügen gegen die Moslems, welche sich in einem Djihad gegen die Kreuzfahrer befanden.

In der heutigen Zeit sind vier heilige Kriege zu nennen. Ein Djihad wurde gegen den Staat Israel ausgerufen und seit ca. 50 Jahren mehr oder minder heftig ge- führt. Ein weiterer heiliger Krieg entstand mit dem ersten Golfkrieg von 1980 bis 1989. Vorwiegend bekämpften sich dort Sunniten und Schiiten in Gestalt des Irans und des Iraks. In diesem fast neunjährigen Kampf unter den Glaubensbrü- dern ging es vor allem um die reichlich vorkommenden Ölreserven, welche jeder versuchte unter seine Kontrolle zu bringen. Zudem spielten die USA und die da- malige Sowjetunion eine nicht unwesentliche Rolle, da sie versuchten ihre Inte- ressen in den Ländern durchzusetzen. 1990 besetzte der irakische Diktator Sad- dam Hussein39völkerrechtswidrig das Nachbaremirat Kuwait. Wieder ging es um Sicherung der Ölreserven. Gleichzeitig rief er zum Djihad gegen die UNO und die USA auf. Dieser Aufruf verhallte aber fast ungehört, da die Aggressivität, welche vom Irak - Regime ausging, eine einhergehende Gefährdung der Stabilität in der arabischen Welt mit sich brachte. Als letztes hatte der Führer der Terrororganisa- tion Al - Qaida, Osama bin Laden, zum heiligen Krieg gegen die Juden und die Kreuzfahrer (Christen) aufgerufen. Dieser heilige Krieg wird bis heute in Form des Terrorismus aufrechterhalten.

In wieweit der Islam und der damit verbundene Djihad mit dem Terrorismus einhergeht soll jetzt erarbeitet werden. Benutzen die Terroristen ihren Glauben als Vorwand, um Terroranschläge auszuführen? Wird der Terrorismus islamisiert oder glaubensunabhängig gesehen? Bevor darauf eingegangen wird, soll im Folgenden der Begriff Terrorismus erklärt werden.

4. Terrorismus

4.1. Definition

In den allgemeinen Definitionen, welche in vielen Lexika oder Fremdwörterbü- chern zu finden sind, ist Terrorismus ein Vorgang, bei dem durch Gewalttaten versucht wird, politische Ziele durchzusetzen oder zu beeinflussen. Als erstes äußert sich Terrorismus meistens in legalen oder illegalen Protesten. Diese wan- deln sich dann in Gewalttaten und schließlich endet der Protest mit Attentaten und Sabotageakten, welche häufig das Leben Unschuldiger kosten.

Terrorismus ist eine Form von Einschüchterung oder Abschreckung, bei der Zivi- listen angegriffen oder gepeinigt werden um eine Regierung/Gesellschaft zu ver- ängstigen. Dadurch wenden die Terroristen gezielt Gewalt an um ihre Ziele reali- sieren zu können.

Dieser Terror wird in der Regel durch aufeinander folgende Attentate ausgeübt; die angegriffenen Parteien werden in einen langfristigen Zustand von Angst und Schrecken versetzt.

Diese Definition kann aber so nicht unreflektiert stehen bleiben. Kaum ein ande- rer Begriff wird unterschiedlicher und kontroverser diskutiert als Terrorismus. In vielen Fällen hängt die Sichtweise von den Einstellungen der Betrachter ab. Par- teien werfen sich gegenseitig vor, Terroristen zu sein, schließen es aber für sich selber aus. Die Instrumentalisierung dieses Begriffes hat dazu geführt, dass man sich auf dem politischen Schauplatz nicht auf eine einheitliche Definition einigen konnte.

Zusätzlich zur oben genannten allgemeinen Definition sollten die Begriffe „Terror“ und „Terrorismus“ voneinander abgegrenzt werden.

4.2. Terror und Terrorismus

Im Folgenden beziehe ich mich, wenn nicht ausdrücklich anders erwähnt auf das Werk von Kai Hirschmann: „Terrorismus“.40

Die Begriffe „Terror“ und „Terrorismus“ stehen für die systematische Verbreitung von Furcht und Schrecken. Unter „Terror“ wird grundsätzlich eine staatliche Schreckensherrschaft über Bürger oder Gruppen verstanden. Dies bezeichnet man auch als „Terror von oben“. Terrorismus dagegen ist eine gezielte Aus- übung von Angriffen gegen Machtausübende. Hier steht der Begriff „Terror von unten“ für diese Art von Gewalt. Terrorismus wurde in der Geschichte als Waffe oder Methode von Staaten oder auch von nicht staatlichen Akteuren aus einer Vielzahl von Gründen heraus ausgeübt. Es handelt sich um eine letzte Eskalati- onsstufe von politischem Extremismus. Wie unterschiedlich die Definitionen sind, zeigen die drei folgenden Aussagen:41

- Als planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen

eine politische Ordnung definiert der deutsche Terrorismusforscher Peter Waldmann den Terrorismus. Es soll allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugt werden.

- Der amerikanische Terrorismusexperte Bruce Hoffman stellt die be-

wusste Erzeugung von Angst in den Mittelpunkt. Durch diese Gewalt oder deren Androhung soll eine politische Veränderung erzeugt wer- den.

- Der Historiker Walter Laqueur definiert Terrorismus als Androhung von

Gewalt um die Regierungen durch Panik in der Gesellschaft zu schwächen und somit einen Machtwechsel herbeizuführen.

Aus diesen drei Aussagen geht hervor, dass das Ziel von Terrorismus der Ver- such ist, politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Veränderungen durch Gewalt zu erzwingen. Diese Gewalt wird demnach organisiert und über einen längeren Zeitraum geplant und ausgeführt. Ausschreitungen auf Demonstratio- nen sind folglich kein Terrorismus. Terroristische Gewalt hat fünf typische Grundkarakteristika. Erstens ist sie geplant, vorsätzlich und zielt auf Gemütsbe- wegungen in der Bevölkerung. Zweitens richtet sie sich an eine breite Öffentlich- keit und verfolgt eine psychologische Wirkung, indem sie Angst auslösen soll. Drittens werden die Angriffe willkürlich ausgewählt und zielen auf symbolische Ziele und Personen.42Viertens bricht die Gewalttat soziale Normen und wird so- mit als Gräueltat aufgenommen und fünftens zielen diese Gewalttaten auf eine Beeinflussung des Verhaltens der Gegner. Innerhalb des Terrorismus wird zwi- schen nationalem und internationalem Terrorismus unterschieden. Dies hängt mit dem „neuen“ und „alten“ Terrorismus zusammen, worauf später noch einge- gangen werden soll.

Letztendlich ist es eine politische Entscheidung, ob eine Gruppe als Freiheitskämpfer oder als Terroristen anzusehen ist. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, ob die jeweilige Organisation bei ihren Gegnern einen Unterschied zwischen Kämpfern (Soldaten) und Zivilisten macht.

Udo Ulfkotte unterscheidet in einem Bericht, welcher von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben wurde, zwischen vier Gruppen von Terroris- ten.43

1. Geistig verwirrte Einzeltäter, welche ohne Unterstützung von außen tä- tig werden. In den meisten Fällen sehen sich diese Täter als Auser- wählte. (Beispiel: der Attentäter von Oklahoma44)

2. Revolutionäre Gruppen, die durch Bomben oder größere Angriffe ver- suchen, politische oder soziale Veränderungen herbeizuführen. (Bei- spiel: die inzwischen aufgelöste RAF und die frühere PLO)

3. Ethnische oder politische Minderheiten, die gewalttätig für ihre Selbstbestimmung in einem Staatswesen kämpfen. (Beispiel: die kurdische PKK)

4. Gruppen oder Vereinigungen, die aufgrund religiöser oder pseudo - religiöser Motive kämpfen.(Beispiel: Osama bin Laden mit seiner Al Qaida)

Seit dem 11. September 2001 ist Terrorismus immer öfter in Verbindung mit dem Islam gesehen oder in den Medien genannt worden. Was ist islamischer Terrorismus und wo liegen die Ursprünge? Dieser Frage soll in diesem Kapitel auf den Grund gegangen werden.

4.3. Islamischer Terrorismus

Terrorismus gibt es schon lange, doch ist in den letzten Jahren Terrorismus und Islam oft in einem Atemzug erwähnt worden und dies wird sich voraussichtlich in naher Zukunft nicht ändern. Peter Heine schreibt in seinem Buch „Terror in Al- lahs Namen“45von der Idee der Gewaltentwicklung. Er behauptet, dass ein Wechsel vom islamischen Fundamentalismus mit eindeutigen Zielen hin zum islamischen Terrorismus auf Entwicklungen zurückgehen, welche mit Aktionen

von nicht religiös motivierten Tätern zusammenhängen. Hier können Anschläge von radikalen palästinensischen Organisationen, Entführungen von Flugzeugen oder das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München ge- nannt werden. Die Anschläge, welche von der deutschen Rote-Armee-Fraktion oder von japanischen Terroristen verübt worden sind, sind in den arabischen Ländern zur Kenntnis genommen worden. Zum Teil herrschten bei den genann- ten Anschlägen Kooperationsbeziehungen. Zu verzeichnen war, dass auch Frauen sich beteiligten. Diese nahmen im Hintergrund teil, kamen aber auch durch Selbstmordattentate zum Einsatz, wie z. B. bei der Volksfront zur Befrei- ung Palästinas. Islamisten konnten diesen Einsatz der Frauen nicht verstehen und anders nicht akzeptieren und fühlen sich bis heute den Gruppen ideologisch anders Denkender immer überlegen. Der Glaube vom Jenseits und die Überzeu- gung des Aufopferns durch ihren Tod für ein irdisches Ziel macht es ihnen leich- ter für ein höheres Ziel zu sterben. In der Entwicklung der terroristischen Aktivitä- ten, die auf islamische Täter zurückzuführen sind, lässt sich ein Umbruch beobachten. Experten sprechen hier von „neuen Terroristen“ und „traditionellen Terroristen“. Was ist aber der Unterschied zwischen diesen und woran erkennt man ihn?

Dies soll anhand der folgenden Tabelle verdeutlicht werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Unterschiede zwischen „neuen“ und „alten“ Terrorgruppen46

Schaut man sich diese Tabelle an, wird deutlich, dass die neuen Terroristen viel mehr Möglichkeiten besitzen. Alte Terroristen bekamen ihre Gelder aus Erpres- sungen von Beiträgen oder Schutzgebühren. In der heutigen Zeit können Terro- risten im weltweiten Kapitalnetz versteckt agieren und Gelder transferieren. Die- se Finanzströme werden durch ein jahrtausende altes Überweisungssystem, das

„Hawala“47genannt wird, getätigt. „Hawala - Stuben“ sind meistens als Trödel- händler, Imbissstände oder Juweliere getarnt. Bei diesem System zahlt eine Per- son Geld an einem Ort ein und bekommt als Gegenleistung einen Zettel mit einer Buchstaben- oder Ziffernfolge. Diese wird an einen anderen „Hawala - Partner“ weltweit übermittelt und dort kann das Geld von jeder Person abgehoben wer- den. Diese Person braucht nur die Buchstaben- oder Ziffernfolge zu nennen. Die- se Überweisung wird nirgendwo elektronisch gespeichert und taucht in keinen Papieren auf.

Das Potential dieser neuen Terroristen wird demgemäß von Sicherheitsbehörden als wachsend eingestuft, wobei man das Potential der alten Terroristen lediglich als begrenzt ansah.

Der Terror, welcher in der islamischen Welt in den siebziger und achtziger Jahren herrschte, kann also als alter Terrorismus bezeichnet werden. Dieser soll näher betrachtet werden, bevor zum neuen Terrorismus und damit zu den aktuellen Geschehnissen übergegangen wird.

4.3.1. Alter Terrorismus

Angesichts der vielen Schauplätze des Terrorismus kann nicht auf alles eingegangen werden. Es soll versucht werden, anhand einzelner Beispiele stellvertretend für den Terrorismus zu sprechen.

Der Spiegel48schreibt zur politischen Situation der achtziger Jahre in Ägypten Folgendes:

Als Nachfolger von Präsident Nassad vertrat Anwar al - Sadat49gegenüber den Muslimbrüdern eine gemäßigte Politik. Parallel dazu näherte er sich außenpoli- tisch dem Westen an. Im Jahre 1977 besuchte er Jerusalem und 1979 schloss

Ägypten als erster islamischer Staat einen Friedensvertrag mit Israel. Im Jahre 1981 fiel er einem Attentat zum Opfer.

Nach dem Buch von Peter Heine sollen jetzt die radikalen Organisationen, welche hinter dem Tod al - Sadat´s stecken, sowie ihre Beweggründe erarbeitet werden. Falls nicht ausdrücklich anders erwähnt beziehe ich mich auf sein Buch „Terror in Allahs Namen“.50

In den Wochen vor seinem Tod startete al -Sadat eine groß angelegte Verhaf- tungsaktion, wobei er 1527 Personen inhaftieren ließ. Nach seinen eigenen An- gaben waren davon 1194 aus folgendem Grund verhaftet worden: Sie gehörten zu radikalen islamischen Bewegungen, welche zum gemeinsamen Gebet und zu radikalen Predigten zusammen kamen und radikal islamistisches Propaganda- material verbreiteten. Genannt wurden in diesem Zusammenhang die Gruppen Amr bi-l-Ma´r¼f wa-l-nahi an al-Munkar (Das Gute befehlen und das Böse verhin- dern), Al-Jih£d, Tawaqquf wa Tabayyum (Halt und Erklärung), al-Jam´iyya al- Shar´iyya (Gesetzesgemeinschaft) und bekannt nach dem radikalen Theoretiker die Gruppe Sayyid Qutb al Qutbiyun. Unter diesen radikalen Gruppen waren 467 Personen, welche 1977 als Mitglieder einer damals radikalen Vereinigung auf sich aufmerksam gemacht hatten. Unter dem Namen al-Takkf¯r wa-l-higra (Für heidnisch erklären und auswandern) gingen Entführungen und Bombenanschlä- ge auf ihr Konto. In dieser Gruppe gehörte der größte Teil zu den Arbeitslosen und Unterbeschäftigten der ägyptischen Gesellschaft. Sie waren arm und dazu kamen auch noch die daraus resultierenden gesellschaftlichen Probleme. Hier soll als Beispiel das Frauenproblem genannt werden. Vorüberwiegend junge Männer sahen die Art des Auftretens der Frauen in der Öffentlichkeit als höchst anrüchig an. Die Massenmedien waren ein großes Ziel verbaler Angriffe, da sie die Meinung vertraten, amerikanische Serien wie „Dallas“ fördern den morali- schen Verfall und machen es den islamischen Männern unmöglich ein anständi- ges, islamisches Mädchen zu finden. Aus einer Reihe von Gründen gibt es in Ägypten und anderen islamischen Ländern tatsächlich einen Männerüberschuss. Dieses hat zur Folge, dass die nach islamischem Recht geforderten Brautgelder

eine Höhe erreichten, welche selbst ein wohlhabender Heiratswilliger nicht mehr ohne weiteres bezahlen konnte. Dies hat sich auch in heutiger Zeit nicht verän- dert. Andere Themen wie Wohnungsnot, schlechte medizinische Versorgung oder Arbeitslosigkeit wurden und werden zudem in den Medien nicht angespro- chen. Dieser Umstand schürt eine weitere Unzufriedenheit und Abneigung ge- genüber der Regierung.

Darüber hinaus ging die Kritik der jungen Extremisten weiter. Ägypten sei auf dem Vormarsch durch gesellschaftliche und politische Praxis nicht mehr in Über- einstimmung mit den Vorschriften des Islam zu leben. Die Medien interessieren sich mehr für nebensächliche Themen, wie z.B. Sport und nicht mehr ausrei- chend für religiöse Themen. In der Wirtschaft wird ständig gegen das Zinsverbot des Koran verstoßen und der Verkauf von dem für die Moslems verbotenen Ge- nussmittel Alkohol wird nicht nur vom Staat toleriert, sondern selbst betrieben. Vorwiegend aus diesen Gründen erklärten die jungen Männer diesen Staat für heidnisch. Sie brachen ihre sozialen Kontakte zur Familie und zu ihrem gesam- ten gesellschaftlichen Umfeld ab und zogen sich in Wüstenregionen zurück. Ge- nauso handelte Mohammed, als er erfahren musste, dass er in seiner Heimat- stadt Mekka seinen Glauben nicht so leben konnte, wie es den Vorschriften ent- sprach. Wie Mohammed zu seiner Zeit nahmen die jungen Extremisten nun den Djihad auf, der sich gegen den ägyptischen Staat richtete. Kasernen und Kadet- tenschulen wurden angegriffen. Der damalige Minister wurde entführt und kam unter mysteriösen Umständen ums Leben. Obwohl diese Gruppe bald zerschla- gen werden konnte, wurden ihre Gedanken und Vorstellungen in der Öffentlich- keit bekannt und dort lebhaft diskutiert. Das Regime um Anwar al - Sadat wuss- te, dass man diese Vorstellungen der Gruppe nicht totschweigen konnte und sah es als pädagogische Herausforderung an, den jungen Menschen zu beweisen, dass die Ideen der al-Takkf¯r wa-l-higra - Gruppe nichts mit dem Islam zu tun hatten. Als Reaktion auf den Terror hatte die Regierung sich als weitere Aufgabe gestellt sich intensiver um die Alltagsprobleme der Menschen zu kümmern. Dies konnte die islamitischen Gruppen in Ägypten jedoch nicht zurückdrängen. 1981 fiel Anwar al - Sadat selbst einem Anschlag eines islamitischen Täters zum Op- fer. Die Motive dieser Tat wurden sorgfältig formuliert und niedergeschrieben. Unter anderem geschah dies durch einen der Anführer der Gruppe Islamischer Dschihd, Ayman al-Zawahiri, der heute zu den engsten Mitarbeitern von Osama bin Laden gehört. Diese Niederschrift, die auch al-Far¯da al-gh£´iba (Die vernachlässigte Glaubenspflicht) genannt wird, wurde für viele Radikale zum Dokument ihrer Überzeugungen, worauf im nächsten Kapitel eingegangen werden soll. Erst in den 90er Jahren war ein Rückgang der islamitischen Gruppen in Ä- gypten zu verzeichnen. Dazu war aber ein hoher materieller und personeller Aufwand nötig, mit der Folge, dass ein erheblicher Teil der Aktivisten der Terrorgruppen ins Ausland flüchtete. Hier ist das westliche Exil, der benachbarte Sudan und vor allem Afghanistan zu nennen. Auf die daraus folgenden Auswirkungen in Afghanistan soll später noch eingegangen werden.

4.3.2. al-Far¯da al-gh£´iba; die vernachlässigte Glaubenspflicht

Die Erklärungen, die in der al-Far¯da veröffentlicht wurden, haben nach 20 Jahren immer noch Einfluss auf islamische Terroristen. Aus diesem Grund soll hier auf den Inhalt der al-Far¯da eingegangen werden, wobei ich mich auf das Buch „Terror in Allahs Namen“ beziehe“.51

Im ersten Teil ist festgeschrieben, dass der Djihad in den Jahren immer mehr in Vergessenheit geraten ist und an Bedeutung verloren hat. Es wird auf Äußerun- gen des Propheten eingegangen und Autoren dieser Niederschrift meinen,

... „jeder solle das für den Islam tun, wozu er geeignet sei: Wer beten könne, müsse beten, wer fasten könne, müsse fasten.“52

Nicht erwähnt wird, was der tun solle, der kämpfen könne.

Außerdem wird angeordnet, einen islamischen Staat zu gründen, wenn die reli- giösen Pflichten ohne diesen nicht vollständig erfüllt werden können. Dies ist ei- ne religiöse Verpflichtung aller Moslems und wenn dieser Staat nicht ohne Ge- walt geschaffen werden kann, so ist auch die Gewalt eine religiöse Verpflichtung.

[...]


1Bundesministerium des Innern: Verfassungsschutzbericht 2004. Vorabfassung, Mai 2005, S. 183

2Ebd., S. 183 ff.

3Richter-publizistik: CRP-Infotec, Grafik: Die Terrorspur der Islamisten, 31.03.2004, URL: http://richter-publizistik.de/10terror/anschlagchronik.html, Stand: 30.052005

4Vgl. Gerhard Schweizer: Abkehr vom Abendland. Östliche Traditionen gegen westliche Zivilisationen, Hoffmann und Campe, Hamburg 1986, S 18 f.

5Vgl. Thomas Schirrmacher: Religion und Staat, in: Harenberg, Lexikon der Religionen, Redakti- on: Berthold Budde, Christine Laue-Bothen, Verlags- und Medien GmbH & Co. KG, Dortmund 2002, S. 71 f.

6Eduard Eichmann, in: ebd., S. 72

7Wikimedia Foundation Inc.: Orient, 18.052005, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Orient, Stand:

30.05.2005

8Marcus Marschalek, Elisabeth Kluge: Islam heute, URL: http://religion.orf.at/tv/lexikon/le_islam_heute.htm#Islamische%20Staaten, Stand: 30.05.2005. In Klammern: Der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerungszahl des ausgewählten Landes

9Studiengesellschaft für Friedensforschung E.V. München: Islam und Islamismus - Eine Heraus- forderung für Deutschland, Grafik: Die Welt des Islam, URL: http://www.studiengesellschaft- friedensforschung.de/da_50.htm, Stand: 30.05.2005

10Henning, Max (Übersetzt aus dem arabischen): Der Koran, Unterstützte Buchgemeinschafts- - Lizenzausgabe von u.a. Bertelsmann Club GmbH, Rheda - Wiedenbrück, Wien / Stuttgart 1991 und Herder: Die Bibel, Einheitsübersetzung, Stuttgart 1980

11Halima Krausen: Abraham, Hagar und Sarah, Grafik: Stammbaum Ibrahim, URL: http://www.geocities.com/Athens/Thebes/8206/hkrausen/abrhsd.htm, Stand: 30.05.2005

12Vgl. a.a.O. Gerhard Schweizer: Abkehr vom Abendland, S 33 ff.

13Jugoslawien entspricht dem heutigen Bosnien und Serbien.

14Hier sind die drei Kreuzzüge zu nennen, welche von 1096 bis 1192 im Namen des Christentums gegen den Islam stattgefunden haben. Vgl. Teja Fiedler: „Deus Lo Vult“ - Gtt will es, in: Stern 13/2005 vom 23.03.2005, S.70 ff.

15Al|lah <arab.; »der Gott«>: (bes. islam. Rel.) Gott

16A.a.O. Gerhard Schweizer: Abkehr vom Abendland, S. 35

17Ajatollah Khomeini in: a.a.O. Gerhard Schweizer, Abkehr vom Abendland, S. 36

18Laut Koran darf es in Sachen Religion nicht nur keinen Zwang geben (Sure 2, Vers 256); religi- öser Pluralismus wird sogar als eine von Gott gewollte, heilsame Wettbewerbssituation darge- stellt (Sure 5, Vers 48). „Und so Allah es gewollt hätte, hätte Er sie zu einer Gemeinde gemacht [...]" (Sure 42, Vers 8). Diese Duldsamkeit leitet sich schließlich daraus her, dass Jesus von den Muslimen als maßgeblicher Prophet, als größter jüdischer überhaupt, verstanden wird. „Er hat euch den Glauben verordnet, den Er Noah vorschrieb, und was Wir dir offenbarten und Abraham und Moses und Jesus vorschrieben: ‚Haltet den Glauben und trennt euch nicht in ihm.’ " (Sure 42, Vers 13).

19Die radikale Organisation der Moslembrüder wurde im Jahre 1928 von Hassan El-Bana, einem 22-jährigen Araber aus Südägypten, gegründet. Das Ziel war es, nach dem Zerfall des Osmani- schen Reiches den Kampf gegen die Europäer und für die Vorherrschaft des Islam in der Welt mit allen möglichen Mitteln voranzutreiben. Seit der Gründung ist diese Organisation immer radi- kaler geworden. Aus ihren Reihen werden fanatische Extremisten und Selbstmordattentäter rek- rutiert.

20Vgl. Christine Schirrmacher: Titel, in: a.a.O. Harenberg, Lexikon der Religionen, S. 446 f.

21vgl. Autor: Titel, in: Ralf Elger (Hrsg.), Friederike Stolleis: Kleines Islam Lexikon, Lizenzausga- be für die Bundeszentrale für politische Bildung, Verlag C.H. Beck oHG, Bonn 2002, S. 292

22Vgl. Christine Schirrmacher: Titel, in: a.a.O Harenberg, Lexikon der Religionen, S. 436 ff.

23Vorbeter

24Gebetsturm

25Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Jahres. Der islamische Kalender ist ein Mondkalender. Er wird also in Mondjahren gerechnet. Weil das Mondjahr kürzer als das Sonnenjahr ist, wandern die Monate im Laufe mehrerer Jahrzehnte durchs Sonnenjahr.

26Die kleine Pilgerfahrt (hadsch el-asghar oder 'umra) kann zu jeder Jahreszeit unternommen werden. Die große Pilgerfahrt (hadsch el-akbar) wird im Pilgermonat (dhu l-hiddscha, 12. Monat des islamischen Jahres) unternommen.

27Hadayatullah Hübsch: Fanatische Krieger im Namen Allahs. Die Wurzeln des islamischen Terrors, Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 2001, S. 32 ff.

28Es handelt sich um die Schlacht in Yathrib, wo sich Mohammed mit ca. 30 Gläubigen gegen 1000 erfahrene Krieger stellte. Er versprach ihnen den Sieg und den Tod des namentlich genannten Anführers der Ungläubigen. Und in der Tat erlangten sie einen großen Sieg. Mohammeds Prophezeiungen gingen wörtlich in Erfüllung.

2939 Gewähr ist denen gegeben, die bekämpft wurden, dieweil ihnen Gewalt angetan ward; und siehe, wahrlich, Allah hat Macht, ihnen beizustehen: 40 Jene, die schuldlos aus ihren Wohnun- gen vertrieben wurden, nur weil sie sprechen: „Unser Herr ist Allah.“ Und wofern nicht Allah den einen Menschen durch die anderen wehrte, wahrlich, so wären Klöster, Kirchen, Bethäuser und Moscheen, in denen Allahs Name (so) häufig genannt wird, zerstört. Und wem Allah helfen will, dem hilft Er wahrlich. Siehe, Allah ist stark und mächtig. 41 Denen (hilft Er), die, wenn Wir ihnen im Lande Wohnung gegeben haben, das Gebet verrichten und die Armenspende entrichten und das Rechte gebieten und das Unrechte untersagen. Und Allah ist der Ausgang der Dinge.

30256 Es ist kein Zwang im Glauben.

3129 Und sprich: „Die Wahrheit ist von eurem Herrn; und wer will, der Glaube, und wer will, der glaube nicht.[...]“

32190 Und bekämpft in Allahs Pfad, wer euch bekämpft; doch übertretet nicht (indem ihr zuerst den Kampf beginnt); siehe, Allah liebt nicht die Übertreter.

33Vgl. Christian Szyska, Universität Bonn, Orientalistik in: a.a.O. Kleines Islam Lexikon, Ralf Elger (Hrsg.), Friederike Stolleis, S. 146 f.

34Die Asketen sind ein Glied des taoistischen Priesterstandes. Sie leben ehelos, teilweise als Einsiedler in kleineren oder größeren Gemeinschaften in Tempeln oder Klöstern.

35Ein Sufi ist ein Mensch, der nach dem Sufismus (einer uralten Weisheit und Methode der Schu- lung) lebt.

36Vgl. John Laffin: Islam. Die Macht des Glaubens, Wilhelm Heyne Verlag, München 1991, S.71 f

37Scheich Abdullah Ghoshah, der höchste Richter des Haschemitischen Königreiches Jordanien in einem Vortrag über den Djihad. In: ebd. S. 71

38Scheich Abdullah Ghoshah, der höchste Richter des Haschemitischen Königreiches Jordanien in einem Vortrag über den Djihad. In: ebd. S. 71

39Staats- und Regierungschef des Iraks von 1079 bis zu seiner Festnahme im Dezember 2003.

40Vgl. Kai Hirschmann: Terrorismus, Europäische Verlagsanstalt - Sabine Groenewold Verlage, Hamburg 2003, S. 7 ff.

41vgl. ebd., S. 8

42Beispielhaft für Anschläge auf symbolische Orte sind das Attentat auf das Olympiadorf in München 1972 und das World Trade Centre in New York 2001. Als symbolische Personen sind z.B. Politiker oder Friedensbefürworter wie der israelische Botschafter Shlomo Argov, der 1982 Ziel eines Anschlages in London wurde.

43Vgl. Udo Ulfkotte: Propheten des Terrors. Das geheime Netzwerk der Islamisten, München

2001, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Informationen zur politischen Bildung. Internationale Beziehungen II, Heft 274, Franzis´print & media GmbH, Bonn 03/2002, S. 55 f.

44Im Zentrum von Oklahoma wurden am 9. April 1993 bei dem Bombenanschlag 168 Menschen getötet. Der Täter konnte rasch gefasst werden und wurde 2001 hingerichtet.

45Vgl. Peter Heine: Terror in Allahs Namen, Originalausgabe, Herder Verlag, Freiburg 2001, S.117 ff.

46Vgl. ebd. S. 118 f.

47Vgl. Udo Ulfkotte: Propheten des Terrors. Das geheime Netzwerk der Islamisten, a.a.O., in: Bundeszentrale für politische Bildung: Informationen zur politischen Bildung. Internationale Beziehungen II, Heft 274, a.a.O., S. 57 f.

48Vgl. Länder - Dossier, in: Spiegel Spezial, Nr. 2/2003, S. 39

49Amtszeit von 1970 bis 1981

50Vgl. Peter Heine: Terror in Allahs Namen: Extremistische Kräfte im Islam, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Verlag Herder, Bonn 2004, S. 110 ff.

51Vgl. Ebd., S 114 ff.

52Autoren der „al-Far¯da al-gh£´iba“ in: Ebd., S. 115

Ende der Leseprobe aus 149 Seiten

Details

Titel
Orient und Okzident im Spannungsfeld terroristischer Aktivitäten - Der Versuch eines didaktischen Lösungsanatzes
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für politische Wissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
149
Katalognummer
V48042
ISBN (eBook)
9783638448505
ISBN (Buch)
9783638708241
Dateigröße
2510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Orient, Okzident, Spannungsfeld, Aktivitäten, Versuch, Lösungsanatzes
Arbeit zitieren
Wilfried Lübben (Autor), 2005, Orient und Okzident im Spannungsfeld terroristischer Aktivitäten - Der Versuch eines didaktischen Lösungsanatzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48042

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