In dieser Arbeit wird das politische System des Libanons anhand einer demokratietheoretischen Analyse mit dem Ansatz von Arend Lijphart untersucht. Es wird der Einfluss der libanesischen Proporzmodells auf den 1975 ausgebrochenen Bürgerkrieg dargelegt und inwiefern der Libanon als beispielhaft für ein Konkordanzsystem stehen kann beziehungsweise ob sich dieses bewährt hat.
Besonderes Augenmerk soll auf dem Nationalpakt von 1943 liegen, welcher den Grundstein für die libanesische Demokratie darstellte. Zum Beginn der Arbeit soll eine Begriffsklärung der "Konkordanzdemokratie" vorangestellt werden. Nach einem darauffolgenden kurzen historischen Abriss zur Entstehung des libanesischen Staates, wird der Nationalpakt in seinen Grundzügen vorgestellt und analysiert werden. Auf den historischen Begebenheiten aufbauend soll eine demokratietheoretische Einordnung folgen. Als theoretische Grundlage dient hierfür der Ansatz Arend Lijpharts, der mit seinem Werk "Democracy in Plural Societies" als "Vater der Konkordanzdemokratie" angesehen werden kann. Nach der Vorstellung seines Ansatzes soll herausgearbeitet werden, inwiefern das libanesische politische System die von Lijphart formulierten Anforderungen an eine Konkordanzdemokratie erfüllt. Im weiteren Verlauf wird die spezielle Rolle der libanesischen Eliten dargelegt werden, deren Wirken teilweise sehr unterschiedlich bewertet wird. Abschließend wird dann die Rolle des politischen Systems im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg überprüft werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung: Konkordanzdemokratie
3. Ein neuer Staat entsteht – Der Libanon als französisches Mandat bis zur Unabhängigkeit (1920-1943)
3.1 Die Haltungen der wichtigsten Konfessionen
3.2 Verfassung und Demographie
4. Der Nationalpakt von 1943 als Grundstein für das politische System des Libanons
4.1 Die Bestimmungen des Nationalpaktes
4.2 Der umstrittene Proporz
5. Der Libanon aus demokratietheoretischer Sicht: Ein funktionierendes Konkordanzsystem?
5.1 Der Ansatz Arend Lijpharts und dessen Grundlagen
5.2 Fünf Kriterien einer Konkordanzdemokratie
5.3 Lijpharts Beurteilung des libanesischen Systems
6. Die Gültigkeit von Lijpharts Thesen im spezifischen Fall des Libanons
6.1 Die Rolle der Eliten
7. Das politische System als bürgerkriegsbegünstigender Faktor
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den potenziellen Kausalzusammenhang zwischen dem libanesischen Konkordanzsystem und dem Ausbruch des Bürgerkrieges von 1975, wobei der Schwerpunkt auf der demokratietheoretischen Analyse des Nationalpaktes von 1943 unter Anwendung des Modells von Arend Lijphart liegt.
- Historische Genese des libanesischen Staates zwischen 1920 und 1943
- Analyse der Bestimmungen und Folgen des Nationalpaktes von 1943
- Demokratietheoretische Einordnung mittels Lijpharts Kriterienkatalog
- Rolle der politischen Eliten im libanesischen Konkordanzmodell
- Einfluss interner und externer Faktoren auf die Destabilisierung des politischen Systems
Auszug aus dem Buch
4.2 Der umstrittene Proporz
Der Nationalpakt und der Proporz lassen sich als konstituierende Elemente des libanesischen Staatswesens beschreiben, die auch in der Wissenschaft immer umstritten waren und es bis heute sind. In der Literatur lassen sich mannigfaltige Positionen zur Bewertung des Nationalpaktes finden, von vollständiger Ablehnung bis hin zur kompletten Bejahung des Paktes in all seinen Facetten.
Von der idealisierten Vorstellung einer nationalen Einheit, die der Nationalpakt vorsah, lässt sich der Proporz als der vielleicht konfliktträchtigste Teil der Einigung charakterisieren. Der Proporz von 6 Christen auf 5 Muslime galt bei der Besetzung des Parlaments und der Ämterverteilung in der staatlichen Administration. Die entscheidenden Schlüsselpositionen wurden quasi ausschließlich von Maroniten besetzt. Das Oberkommando der Armee, die Leitung des militärischen Geheimdienstes (Deuxieme Bureau), der Behörde für innere Sicherheit sowie die Direktion der Zentralbank waren allesamt fest in maronitischer Hand (Hanf 1990: 130). Der Mechanismus der starren Proporzregelung basierte auf der letzten Zensuserhebung von 1932, die ohnehin fragliche, knappe maronitische Mehrheit von damals bestand aber schon zur Zeit des Nationalpaktes von 1943 de facto nicht mehr.
Der Pakt als solcher lässt sich als Prinzip einer allgemeinen Machtteilung verstehen, der Proporz hingegen war schon vorher, wenn auch in einer anderen Ratio, bestehend und war als Provisorium angedacht. Hanf kritisiert die Proporzreglung als starr und inflexibel, eine Einschätzung, die auch der an den Verhandlungen zum Nationalpakt beteiligte Henri Pharaon, teilte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der libanesischen Demokratie ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen dem Konkordanzsystem und dem Bürgerkrieg.
2. Begriffsklärung: Konkordanzdemokratie: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Konkordanzdemokratie als Oberbegriff für Konsens- und Verhandlungsdemokratien in pluralistischen Gesellschaften definiert.
3. Ein neuer Staat entsteht – Der Libanon als französisches Mandat bis zur Unabhängigkeit (1920-1943): Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entstehung des Staates unter französischer Mandatsherrschaft und die konfessionell unterschiedlichen Identitätsentwürfe.
4. Der Nationalpakt von 1943 als Grundstein für das politische System des Libanons: Es wird der Nationalpakt als historischer Kompromiss zwischen Maroniten und Sunniten sowie die Implementierung des umstrittenen Proporzsystems analysiert.
5. Der Libanon aus demokratietheoretischer Sicht: Ein funktionierendes Konkordanzsystem?: Hier erfolgt die Anwendung der fünf Kriterien nach Arend Lijphart auf das politische System des Libanons zur demokratietheoretischen Einordnung.
6. Die Gültigkeit von Lijpharts Thesen im spezifischen Fall des Libanons: Eine kritische Auseinandersetzung mit Lijpharts Thesen unter Einbeziehung weiterer Forschungsliteratur, insbesondere zur Rolle der politischen Eliten.
7. Das politische System als bürgerkriegsbegünstigender Faktor: Das Fazit der Analyse prüft, inwieweit das Konkordanzmodell durch strukturelle Schwächen und die Vernachlässigung sozialer Aspekte den Boden für den Bürgerkrieg bereitete.
Schlüsselwörter
Konkordanzdemokratie, Libanon, Nationalpakt, Arend Lijphart, Proporzsystem, Bürgerkrieg 1975, Machtteilung, Konfessionalismus, Politische Eliten, Demokratie, Konsenspolitik, Konsociation, Politische Stabilität, Minoritäten, Politische Soziologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Stabilität und Funktionsfähigkeit des libanesischen politischen Systems im Zeitraum zwischen der Unabhängigkeit 1943 und dem Ausbruch des Bürgerkrieges 1975.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Konkordanzmodell, der Nationalpakt von 1943, die Rolle der konfessionellen Eliten sowie die demokratietheoretische Bewertung durch Arend Lijphart.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit fragt nach dem Kausalzusammenhang zwischen dem libanesischen Konkordanzsystem und dem Ausbruch des Bürgerkrieges im Jahr 1975.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die theoretische Konzepte (insbesondere von Arend Lijphart) auf historische Fallbeispiele anwendet und bestehende Forschungsliteratur kontrastiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entstehung des Staates, die Analyse des Nationalpaktes, die Kriterien der Konkordanzdemokratie und die kritische Überprüfung von Lijpharts Thesen anhand des Libanon-Falls.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Konkordanzdemokratie, Machtteilung (Power-sharing), Nationalpakt, Proporz, Konfessionalismus und politische Eliten.
Welche Schwachstelle des Konkordanzsystems wird im Text besonders hervorgehoben?
Besonders kritisiert wird die Inflexibilität des Proporzsystems, das auf einem veralteten Zensus von 1932 basierte und demographische Veränderungen nicht adäquat abbilden konnte.
Wie bewerten die herangezogenen Autoren wie Georges Corm die Rolle der Eliten?
Autoren wie Corm bewerten die Rolle der Eliten äußerst kritisch und sehen diese als korrupt an, da sie zur Machtabsicherung fremde Hilfe in Anspruch nahmen und den Klientelismus förderten.
- Arbeit zitieren
- Sami Künne (Autor:in), 2016, Das libanesische Konkordanzsystem und sein Einfluss auf den Bürgerkrieg von 1975, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/480653