Charakteranalyse und Verführungsebenen in Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
21 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

1. Einleitung

Das Wort ‘Verführung’ kennt in der heutigen Zeit sehr viele Bedeutungen. Wo es früher noch vor allem dazu diente, das geschlechtliche Rollenspiel und die damit verbundene Verführ- ung zu bezeichnen, sind heute die Versuchung des Geldes und die damit verbundene Möglichkeit, sich sehr vieles leisten zu können, hinzugekommen. Ganz bewußt wird in der Marktwirt- schaft die Psyche beeinflußt, immer mehr besitzen zu wollen. Friedrich Dürrenmatt arbeitet in seinem Drama „Der Besuch der alten Dame“[1] vor allem diese zwei verschiedenen Aspekte der Verführung heraus. Zum einen die geschlechtliche, zum anderen die Verführung des Geldes.

Aufgefallen sind mir bei genauerem Betrachten des Dramas zwei geschlechtliche Verführungen, die sich zwischen den Protagonisten

Ill und Claire abspielen und entsprechend dazu drei weitere, die die Verführung durch Geld und den damit verbundenen Verfall der Moral thematisieren. Diese fünf Verführungen zu unterstreichen, soll die Grundlage dieser Hausarbeit sein. Ausführlich eingehen werde ich auf die zentrale Verführung: die von der Protagonistin gebotene Milliarde für Güllen, wenn jemand ihren Jugendfreund Ill tötet.

Um die im Drama auftauchenden Verführungen verstehen zu können, werde ich zunächst die handelnden Personen beschreiben. Schließlich sind sie es, die verführen oder verführt werden. Konzentrieren werde ich mich dabei vor allem auf die beiden Protagonisten Claire und Ill.

Zuletzt werde ich mich kurz mit der Frage der Aktualität dieser Tragikkomödie und der Motivation Dürrenmatts, dieses Stück zu schreiben, beschäftigen und hierzu Beispiele aus der Vergangenheit und auch der Gegenwart heranziehen.

2. Charaktereigenschaften der handelnden Personen

2.1 Claire Zachanassian ( Geb. Klara Wäscher )

Claire kommt nach langjähriger Abwesenheit in ihre Heimatstadt Güllen zurück und trägt sich nur mit einem Gedanken, nämlich dem der Rache an Ill, ihrer Jugendliebe. Dieser soll die Schuld an ihrem verpfuschten Leben tragen. Als sie zurückkehrt, wird aus der einstmals Verführten die Verführerin einer ganzen Stadt. Claire tritt gleich zu Anfang des Dramas als eine ins Groteske übersteigerte Person in das Geschehen ein. Sie kommt am Bahn- hof von Güllen an, in Begleitung ihres siebten Gatten, eines Sarges und eines Käfigs, indem sich ein schwarzer Panther befindet.

„Der Bürgermeister: verblüfft [...] Sarg? Claire[...]:Ich brachte ihn mit. Ich kann ihn vielleicht brauchen[...]“[2] Schon an diesem Punkt wird durch den Sarg eine Andeutung auf den späteren Tod Ills unternommen, da Claire Ill einst ihren Panther nannte. Auf der anderen Seite entsteht ein völlig absurdes Bild von Claires Person und ihrem Leben. Dieses Bild kommt nicht allein durch die mitgebrachten Gegenstände zustande, sondern vor allem durch Claires eigene Darstellung beispielsweise ihres Mannes.

„Claire Zachanassian: Komm, Moby, verneig dich. Eigentlich heißt er Pedro, doch macht sich Moby schöner. Es paßt besser zu Boby, wie der Kammerdiener heißt. Den hat man schließlich fürs Leben, da müssen sich dann eben die Gatten nach seinem Namen richten.“[3]

Elisabeth Brock-Sulzer beschreibt Claire in ihrem Buch „Friedrich Dürrenmatt - Stationen seines Werkes“[4] folgendermaßen:

„[ ... ] Claire steht schon jenseits der Wahrscheinlichkeit; alles was in ihr an Menschlichem anklingt, tönt wie ein Echo, tönt nur noch zurück ins Leben, nicht aber aus ihm heraus. An ihr geschieht nichts mehr, nur durch sie geschieht noch etwas, geschieht sogar sehr viel“[5].

Sie hat die Welt um sich herum ganz in ihrer Hand. Die einzigen Dinge an Claire, die uns liebevoll und menschlich vorkommen, sind die Dar-stellungen der Liebesschmeicheleien zwischen Ill und Claire aus derer beider Jugend.

„Claire [...]: Es war wunderbar, all die Tage, da wir zusammen waren [...] mein schwarzer Panther“[6] Doch diese Liebenswürdigkeiten tönen, wie es Brock-Sulzer ausdrückt, nur noch ins Leben zurück, nicht aber aus ihm heraus. Es ist kein gegenwärtiges Empfinden mehr.

Jetzt müssen sich ihre Gatten namentlich dem Kammerdiener anpassen, werden schnell verlassen und bedeuten für Claires Leben nicht mehr als ein ‘Gegenstand’. Sie kann ihnen, aufgrund ihrer bitteren Enttäuschung durch Ill, keine Liebe mehr entgegenbringen.

Dürrenmatt zeigt diese Unwichtigkeit der Gatten Claires auf, indem er sie im Personenverzeichnis nicht mit Namen erscheinen läßt, sondern sie „Gatten VII-IX“[7] nennt.

Die Klara Wäscher, die Güllen verließ, scheint wenig mit der Person gemeinsam zu haben, die als Claire Zachanassian nach Güllen zurück-kehrt. Claire bewegt sich inzwischen außerhalb der menschlichen Ordnung, ist etwas Unabänderliches, Mächtiges, Kalkulierendes, Starres geworden und außerstande innerhalb des Stückes eine Entwicklung durchzumachen „es sei denn die, zu versteinern, ein Götzenbild zu werden“.[8]

Der Gipfel alles Grotesken ist schließlich ihr Angebot von einer Milliarde für Ills Kopf.

„ Claire: Ich kann sie [ die Gerechtigkeit ] mir leisten. Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet“.[9]

Fragwürdig und grotesk erscheint hier der Begriff ‘Gerechtigkeit’ gebraucht zu werden. Claire erweckt den Eindruck als habe sie in ihrer ‘eigenen Welt’ auch eine ‘eigene Gerechtigkeit’ entworfen.

Dennoch, nachdem sie im ersten Akt ihr Angebot an Güllen unter-breitet hat, besteht ihre Aufgabe nur noch darin zu warten, daß sich alles von alleine fügt und ihr eigener Gerechtigkeitsbegriff auf die Güllener abfärbt. Die Finanzkraft Claires hat einen durchaus realis-tischen Charakter. Sie wird als eine der reichsten Frauen der Welt vorgestellt. Sie ist also in der Lage, durch ihr Vermögen, wie sich zeigen wird, jegliche moralischen Grundsätze außer Kraft zu setzen.

Ihre karikierte Darstellung als monströse, berechnende und ver-führende Person macht sie zu einer modernen Abbild des biblischen, teuflischen Versuchers, der Jesus mit irdischen Reichtümern zu locken versucht. Zum Vergleich eignet sich an dieser Stelle eine Bibelpassage:

„Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm:

Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“[10].

Doch im Gegensatz zu Jesus, der das Angebot des Teufels aufgrund seiner göttlichen, reinen Herkunft ablehnen kann, ist das Güllener Volk mit seinen menschlichen Schwächen außerstande es Jesus gleichzutun.

Denn bereits im zweiten Akt beginnt die teuflische Mechanik, nach der sich die Güllener verschulden. Ill erkennt diese Handlungslogik:

„Die Stadt macht Schulden. Mit den Schulden steigt der Wohlstand. Mit dem Wohlstand die Notwendigkeit, mich zu töten. Und so braucht die Dame nur auf ihrem Balkon sitzen, Kaffee zu trinken, Zigarren zu rauchen und zu warten. Nur zu warten“[11].

[...]


[1] Friedrich Dürrenmatt: „Der Besuch der alten Dame“. Eine tragische Komödie. Neufassung von 1980, Zürich, 1985. ( folgend. Dürrenmatt: Der Besuch der alten )

[2] Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, S. 31

[3] Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, S. 26

[4] Elisabeth Brock - Sulzer: „Friedrich Dürrenmatt: Stationen seines Werkes“, Zürich, Verlag der Arche, 1964. ( folgend: Brock - Sulzer )

[5] Brock - Sulzer, S. 80

[6] Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, S. 25-26

[7] Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, S. 10

[8] Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, S. 143

[9] Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, S. 49

[10] Die Bibel: Mt 3, 8 - 9. Lutherbibel Standardausgabe, Stuttgart, Deutsche Bibelgesellschaft, 1985.

[11] Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame, S. 65

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Charakteranalyse und Verführungsebenen in Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Literaturwissenschaft/Germanistik)
Veranstaltung
Verführer und Verführte auf der Bühne
Note
2,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V4809
ISBN (eBook)
9783638129374
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Komischerweise scheinen die Verführungsebenen in Dürrenmatts: Besuch der alten Dame noch nie untersucht worden zu sein...
Schlagworte
Charakteranalyse, Verführungsebenen, Friedrich, Dürrenmatts, Besuch, Dame, Verführer, Verführte, Bühne
Arbeit zitieren
Nadja Jurk (Autor), 2000, Charakteranalyse und Verführungsebenen in Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4809

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