Gestaltung von Orientierungs- und Wegeleitsystemen von zentralen Notaufnahmen

Zeitkritische Patientenführung


Bachelorarbeit, 2017
84 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Abstract

2 Einleitung
2.1 Begriffsdefinition

3 Forschungsstand
3.1 Orientierung in der Terra incognita
3.2 Zentrale Notaufnahmen und die „Rote Kreuz“ Analogie
3.3 Besonderheiten und Nutzergruppen
3.4 Zusammenfassung

4 Datenerhebung
4.1 Selbstbeobachtung einer fallähnlichen Situation
4.2 Experteninterviews

5 Datenauswertung
5.1 Aufbau der Zentralen Notaufnahme des Dominikus-Krankenhaus
5.2 Visuelle Analyse des bestehenden Orientierungs- und Leitsystems
5.3 Ablaufplan einer Wegfindung

6 Diskussion

7 Ausblick

8 Praktischer Teil

9 Designproblem

10 Recherche
10.1 Beispielhafte Lösungen
10.2 Corporate Design

11 Verbesserungsvorschläge und Konzeptentwicklung

12 Grafische Prototypen des Leitsystems (Experience Prototyps)

13 Designprozessreflexion

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Abstract

Orientierungs- und Wegeleitsysteme geben Richtungen und konkrete Entscheidungen vor und erleichtern die Orientierung im Raum. Orientierungs- und Wegeleitsysteme müssen gestalterisch eine Mammutaufgabe bewältigen: Sie müssen dem Nutzer Orientierung geben, allerdings gleichzeitig dezent und zurückhaltend sich mit dem Raum vereinen und dennoch bei Bedarf präsent sein. Die Systeme bedürfen absoluter Klarheit und sollen die Nutzer stets schnell und sicher an den gewünschten Bestimmungsort bringen.

Gerade in kritischen Situationen müssen sich Wege für den Nutzer eigenständig erschließen. Das gilt allem voran für zentrale Notaufnahmen in Krankenhäusern. Denn hier treffen alle nur erdenklichen Extreme aufeinander: Panische Patienten unter Stress in einer medizinischen Notsituation in fremder Umgebung. In dieser Bachelorarbeit möchte ich die Frage beantworten, was die Gestaltung von Orientierungs- und Wegeleitsystemen in solchen zeit- und entscheidungskritischen Situationen leisten muss, damit den Patienten in kürzester Zeit geholfen werden kann.

Als Objekt dieser Arbeit wurde das Dominikus-Krankenhaus in Berlin-Hermsdorf gewählt. Durch Beobachtung, Analyse der Nutzergruppen und Experteninterviews soll geklärt werden, wie sich Patienten in der Selbsteinweisung der zentralen Notaufnahme verhalten und wie deren Wegfindungsprozess mit Hinblick auf Zeit und Wegentscheidungen verbessert werden kann. Um die theoretischen Grundlagen näher zu beleuchten, wird zuerst der Forschungsstand zum Thema Wayshowing, Wayfinding und Orientierung erläutert. Da zentrale Notaufnahmen keine alltäglichen Orte sind, werden diese genauer definiert und deren Besonderheiten wie auch die Nutzergruppen herausgearbeitet.

Für die Analyse der Nutzerverhalten und der Feststellung von Verbesserungsmaßnahmen wird eine fallähnliche Situation von der Anfahrt bis zur Behandlung in der zentralen Notaufnahme des Dominikus-Krankenhaus nachgestellt. Ergänzt wird die Datenerhebung durch die Expertise von Mitarbeitern und Ärzten, welche in Experteninterviews mögliche Schwachstellen des bestehenden Leitsystems aus alltäglicher Sichtweise aufzeigen. Im späteren Verlauf des praktischen Teils dieser Bachelorarbeit wird auf Grundlage der erhobenen Daten ein gestalterisches Konzept für die Verbesserung des Orientierungs- und Wegeleitsystem erstellt. Hierfür fließen nicht nur das Corporate Design und die Leitfarben in den Kontext ein, sondern auch die architektonische Situation sowie die Lage und Anbindung des Krankenhauses.

ENGLISH
Wayshowing systems are pointing directions and decisions which help people orientating in the environment. Wayshowing systems need to fulfill a tremendous task: They should give orientation whilst being restrained and unified with the surroundings. Non the less they need to be present when needed. Wayshowing systems need to be clear in their intentions and should lead a person safely and fast to their desired destination.

The user needs to find his way on his own, especially in critical situations. This rule applies directly to accidents and emergency departments. Users are confronted with extreme situations: patients with panic in an unknown environment with severe medical conditions. In this bachelor thesis I’d like to answer the question how the design of a wayshowing system could influence the orientation in order to help people seeking medical help in the quickest way possible.

The study is based on the Dominikus-Krankenhaus in Berlin-Hermsdorf. By observation, analysis and interviews the question of how self-referred patients behave in terms of orientation and how to improve their movements in terms of time and decisions should be answered. Firstly, the state of research for wayshowing, wayfinding and orientation will be analyzed. Since accidents and emergency departments are by no means everyday facilities, I will define them, highlight their characteristic features and have a closer look at the user group.

A typical scenario of a self-referred patient will be analyzed in order to identify their behavior and possible improvements for the wayshowing system. Additionally, employees and doctors of the accidents and emergency department of the Dominikus hospital will be interviewed to draw the focus on weak spots of the overall orientation. During the course of this bachelor thesis a design concept for the improved orientation and wayshowing system will be developed, based on the evaluation of the data. Not only the corporate design, leading colors, architectural situation and location of the hospital will have a significant impact on the wayshowing system.

2 Einleitung

Es muss schnell gehen, denn es geht um Leben oder Tod. In zentralen Notaufnahmen suchen panische Patienten nach ärztlicher Hilfe für sich selbst oder die betroffene Person. Zeit ist hier eine entscheidende Schlüsselkomponente. Orientierungs- und Wegeleitsysteme müssen deshalb genau dort optimal und ohne Widerspruch funktionieren. Bevor diese jedoch gestaltet werden können, muss herausgefunden werden wie sich Besucher oder Patienten einer zentralen Notaufnahme in solch einer Situation verhalten. Woran orientieren sich eigentlich Menschen? Wie funktioniert gutes Wayshowing? Diese Fragen werden im theoretischen Teil dieser Bachelorarbeit anhand von Fachliteratur untersucht.

Anschließend wird untersucht, was zentrale Notaufnahmen so einzigartig macht im Bezug auf Orientierung. Es wird geklärt, wieso das Rote Kreuz seit jeher als unverwechselbares Zeichen für medizinische Hilfe verstanden wird und warum die Farbe Rot im medizinischen Kontext so gebräuchlich erscheint. Durch die Durchführung von Experteninterviews soll herausgefunden werden, welche Nutzergruppen in zentralen Notaufnahmen vertreten sind. Dies soll Rückschlüsse auf die besonderen Anforderungen für die Gestaltung für Orientierungs- und Wegeleitsysteme geben.

Als Objekt dieser Bachelorarbeit wurde die zentrale Notaufnahme des Dominikus-Krankenhaus in Berlin-Hermsdorf ausgewählt. Anhand einer fallähnlichen Situation wird das bestehende Orientierungs- und Wegeleitsystem analysiert und weitere Strategien der Orientierung und Nutzerführung herausgearbeitet.

Am Ende des theoretischen Teils dieser Bachelorarbeit soll eine vollständige Dokumentation der Wegführung eines Patienten in Selbsteinweisung vorliegen, um die spezifischen gestalterischen Anforderungen an ein Orientierungs- und Wegeleitsystem für zentrale Notaufnahmen besser zu verstehen.

2.1 Begriffsdefinition

Wenn man sich mit dem Thema Orientierungs- und Wegeleitsysteme näher beschäftigt, fallen oftmals Begriffe die einer kleinen Definition bedürfen. Im Folgenden werden die wichtigsten Begriffe näher erläutert.

Signaletik

Der Begriff Signaletik definiert die Möglichkeit, den Raum, die Fläche und Identität eines Systems miteinander zu verbinden und sichtbar zu machen (Uebele, 2006, S. 8f). Man gibt dem System eine ganzheitliche und allumfassende Bedeutung. Im gestalterischen Kontext wird die Kommunikation über die gemeinsame Nutzung von Typografie, Symbolen und gestalterischen Regeln vereinheitlicht (Gillhuber, 2015, S. 9).

Leitsystem

„Leitsysteme führen den Nutzer zum gewünschten Ziel“ (Stettien, 2005, S.10). Ein Leitsystem unterstützt den Nutzer bei allen richtungsweisenden Entscheidungen. Allerdings bestehen Leitsysteme nicht nur aus Beschilderungen und Pfeilen (Gillhuber, 2015, S.8). Da innerhalb von Gebäuden oftmals die Gefahr des Verlaufens gegeben ist, werden Leitsysteme oft in Kombination mit Orientierungssystemen verwendet. Leitsysteme werden auch als Wegeleitsysteme bezeichnet.

Orientierung

Als Orientierung versteht man die Interpretation einer Positionierung oder Wegweisung im Raum. Orientierung ist das „entscheidungs- und handlungsleitende Ordnungskonzept des Bewusstseins“ (Kling & Krüger, 2013, S. 10f). Im Bezug auf diese Bachelorarbeit wird der Fokus auf die mentale, kognitive Orientierung im Raum gelegt.

Orientierungssystem

Während ein Leitsystem den Nutzer von A nach B bringt, bietet das Orientierungssystem eine Orientierungsmöglichkeit im zwei- oder dreidimensionalen Raum. Ein Orientierungssystem bietet demjenigen Hilfe, wer die Orientierung verloren hat oder sich ein umfassendes Bild der Umgebung verschaffen möchte. „Orientierungssysteme haben [...] eine richtungs- und standortsweisende Funktion, mittels schematisch-grafischer Darstellungen“ (Schwarz, 2001, S. 7).

3 Forschungsstand

Orientierung und Wegfindung werden in der Fachliteratur recht detailliert beschrieben. Oftmals haben diese Vorgänge ihren Ursprung in der menschlichen Evolution und sind psychologische Trickkisten unseres Unterbewusstseins. Damit der Mensch im heutigen Zeitalter Informationen ohne große Umschweife aufnehmen und verarbeiten kann, bedarf es allerdings wohlüberlegter Gestaltung. Um die Funktionsweise der menschlichen Orientierung und die Konsequenzen für die Gestaltung von Wegeleitinformationen zu verstehen, werden im Folgenden fachliterarische Strategien der Wegfindung und Orientierung vorgestellt.

Da sich diese Arbeit mit der Gestaltung von Orientierungs- und Leitsystemen für zentrale Notaufnahmen beschäftigt, werden die grundlegenden Funktionen, der Aufbau sowie die Verbindung der Notfallrettung zum Roten Kreuz näher beleuchtet. Um die gestalterischen Anforderungen näher kennenzulernen, werden die Ziel- und Nutzergruppen näher beschrieben und die Besonderheiten in diesem Themengebiet herausgearbeitet.

3.1 Orientierung in der Terra incognita

Wayfinding

Der Mensch bewegt sich heutzutage im modernen Großstadtdschungel oft im „terra incognita“, dem unbekannten Land. Dabei sind wir stets auf der Suche nach einem gewissen Ziel. Räumliche wie aber auch gestalterische Gegebenheiten sollen Hinweise auf die zu nehmende Route geben. Per Mollerup zielt auf die nutzergeführte Wegfindung: „Good wayshowing design is user-led. It build on a deep understanding of how we find our way in built or natural environments.“ (Mollerup, 2013, S. 18). Besonders hervorgehoben werden kann die menschliche Fähigkeit sich in diesem unbekannten Gebiet zu orientieren. Dabei können die von uns unterbewusst angewandten Strategien beliebig oft wiederholt werden, bis diese zum gewünschten Ziel führen. Mollerup setzt dafür lediglich die aktive Auseinandersetzung mit der Umgebung durch den Nutzer voraus.

Das Wayfinding kann allgemein auch als problemlösender Vorgang aus drei Hauptprozessen definiert werden:

1. Suche nach Informationen

Informationen welche wichtige Hinweise auf den Ort des Zieles enthalten, können über vielfältige Wege kommuniziert werden. Diese Informationen können beispielsweise gelesen oder mündlich überliefert werden. Das schließt sowohl die aktive Suche nach Hinweisen vor Ort mit ein, als auch Hinweise durch andere Personen oder auch Karten. Orientieren kann sich der Nutzer während des Informationsprozesses an Zeichen, Hinweisen in der Umgebung oder anderen Wayfinding-Hilfen. All diese Informationen fügen wir unterbewusst zu einer sogenannten „cognitive map“ zusammen, welche eine mentale Reproduktion der Umgebung widerspiegelt.

Diese vereinfachte Darstellung wird während des gesamten Prozesses die Entscheidungen beeinflussen. Das Model der „cognitive map“ geht auf den US-Amerikaner Kevin Lynch zurück. In seiner Studie „The image of a city“ aus dem Jahr 1960 definiert er fünf Kernkomponenten einer mentalen Karte. Pfade, Knotenpunkte, Ecken, Distrikte und Erkennungszeichen. Im Gegensatz zu gedruckten Karten werden die mentalen Karten mit neu hinzugewonnen Informationen stetig aktualisiert und werden im Verlauf der Zeit immer genauer. Letzteres ist natürlich nur dann anzunehmen, wenn sich Umgebung und Raum währenddessen nicht ändern (Mollerup, 2013, S. 24).

2. Entscheidung

Mit den gewonnen Informationen versuchen wir bereits auf mentaler Ebene eine Verbindung zwischen Standort und Ziel herzustellen. Dieser Entscheidungsprozess wird durch die Identifizierung aller möglichen Routen durch die Umgebung beeinflusst. Nach Mollerup wägen wir ab, welche Route für uns geeignet wäre und am besten mit unserem Ziel übereinstimmt. Hier können diverse Eigenschaften wie Gewohnheiten, Entfernung, Sichtbarkeit, Barrierefreiheit, Terrain, Zugänglichkeit oder Wirtschaftlichkeit mit in die Entscheidung einfließen. Laut NHS Estates können an Entscheidungspunkten („decision points“) wichtige Richtungsentscheidungen durch zusätzliche Informationen verbessert werden (NHS Estates, 2007, S. 11).

3. Bewegung

Die Bewegung in die Richtung des Ziels ist eine der wichtigsten Handlungen im Wegfindungsprozess. Dabei bestimmen wir während des Prozesses fortlaufend unsere Position auf unserer mentalen Karte und gehen eine Endlosschleife mit den zuvor angeführten Prozessen ein. Die Umgebung wird ständig beobachtet und neue Erkenntnisse werden direkt in den Entscheidungsprozess mit eingearbeitet. Ist der Nutzer erfolgreich am Ziel angelangt, so sollten alle zukünftigen Versuche das Ziel erneut zu finden wesentlich leichter fallen oder können gar zu einer festen Gewohnheit werden. Gleiches gilt auch für den Weg zurück vom Ziel zum Ursprungsort. Eine Route sollte dabei auch immer in die entgegengesetzte Richtung funktionieren (NHS Estates, 2007, S. 10). Wären beispielsweise Eingänge nur von einer Seite passierbar, so müsste für den Weg zurück eine neue, unbekannte Route gefunden werden.

Wayshowing

Wayshowing ist die nächste Stufe zur Wegfindung in einer fremden Umgebung. Während sich das Wayfinding auf die menschliche Fähigkeit zur Orientierung und Richtungsführung verlässt, definiert das Wayshowing einen vorgegebenen Weg zu einem fixen Ziel. Das Wayshowing soll den Nutzer dabei unterstützen und seine Entscheidungen bestätigen oder korrigieren (Ötken, 2016, S.10).

Wayshowing betrachtet dabei alle Aspekte einer Umgebung um dem Nutzer, basierend auf seinen Entscheidungen, den bestmöglichen Weg zu zeigen. Kernpunkte sind all diejenigen, welche eine Navigation in der Umgebung ermöglichen: Identifikation, Verständlichkeit, Wiedererkennbarkeit und Zugang (Mollerup, 2013, S. 50). Mollerup erklärt auch, dass Wayshowing-Systeme ein fester Bestandteil der Umgebung sein können, um den Ort für den Suchenden zugänglich zu machen.

Gerade im Bezug auf zentrale Notaufnahmen bleibt im Ernstfall keine Zeit eine Route zu studieren. Hier muss die Umgebung aus der mentalen Karte heraus projiziert werden. Vor Ort werden dann keine Wayfinding-Entscheidungen getroffen, sondern es wird sich vollumfänglich auf das Wayshowing-System verlassen.

- Wo bin ich?
- Wie komme ich von A nach B?
- Wie komme ich von B zurück zu A?
- Wie komme ich von B zu C?
- Wie komme ich von C zurück zu A?
- Wie lange wird es dauern?
- Was werde ich auf dem Weg sehen?
- Was ist dort draußen?
- Wo finde ich das Krankenhaus (etc.)?

Da sich zentrale Notaufnahmen meistens in Krankenhäusern befinden, ist die letzte Frage relativ selbsterklärend zu beantworten. Der zeitliche Aspekt ist der kritischste in einer solchen Situation. Zwar sind die zentralen Notaufnahmen oft so konzipiert, dass von Anfahrt bis Behandlung keine großen Strecken zurückgelegt werden müssen, so sind jedoch die Strukturen über die Jahre sehr komplex gewachsen und bedürfen konkreter Wegeleitung.

Da sich die betroffenen Patienten selten mit der Umgebung eines Krankenhauses oder der räumlichen Aufteilung einer zentralen Notaufnahme auskennen, weil sie im Normalfall weder Mitarbeiter sind noch regelmäßig in der Einrichtung behandelt werden, sind die Fragen „Wie komme ich dort hin“ und „Wo finde ich die zentrale Notaufnahme“ erläuterungsbedürftig.

Um diesen Fragen Antworten zu geben nennt Mollerup acht Strategien, die Beispiele für gutes Wayshowing zeigen.

1. Trailblazing (Hierarchische Wegbereitung)

Die Wegbereitung geht bereits auf die frühen Ursprünge der Menschheit zurück. Damals wurden Spuren an Bäumen hinterlassen, um Wege und Richtungen zur beschreiben. Bei der Trailblazing Strategie ist das Ziel, die Umgebung mit so viel Schildern wie nötig und so wenigen wie möglich auszuschildern. Gestalterisch müssen die wichtigsten Elemente größer und prominenter ausfallen als die unwichtigeren Details. Da diese Elemente auch besser und schneller aufzufinden sind, dürfen aber auch die anderen Details, welche für spezifische Nutzergruppen interessant sein können, nicht vernachlässigt werden. So können beispielsweise Schilder einer stark genutzten Hauptstraße größer dargestellt werden als Schilder für kleinere Nebenstraßen. Somit bekommt die Hauptstraße auch gestalterisch eine wesentlich höhere Relevanz zugewiesen (Mollerup, 2013, S. 51f).

2. Environment (Umgebung)

Umgebungen können so gestaltet sein, dass die Orientierung selbsterklärend ist. Mollerup definiert die Sichtbarkeit als bestmögliches Wayshowing: Wenn ein Ziel bereits vom Standort aus sichtbar und der Weg nicht durch Objekte oder Unterbrechungen versperrt ist, dann kann der Nutzer den Zielort direkt anvisieren und ist nicht mehr auf zusätzliche Orientierung durch Schilder oder Karten angewiesen (Mollerup, 2013, S. 53).

3. Landmarks (Orientierungspunkte)

Orientierungspunkte sind natürliche oder artifizielle Anomalien in der Umgebung. Mit Ausnahme von Leuchttürmen und anderen maritimen Orientierungssystemen erfüllen diese eine eigene Funktion. Ein gut funktionierender Orientierungspunkt erfüllt nach Mollerup drei Voraussetzungen: Sichtbarkeit, Auffälligkeit und Zugänglichkeit. Wenn diese Kriterien erfüllt sind bietet der Orientierungspunkt dem Nutzer einen visuellen Anhaltspunkt in der Umgebung, an welchem er sich orientieren kann. So kann ein Hochhaus in einer Stadt mit lediglich einstöckigen Gebäuden ein prägnanter Orientierungspunkt sein. Dieses Prinzip kann in der Größe frei skaliert werden. Auch ein Wasserspender in einem Büro kann ein Orientierungspunkt für die Nutzer darstellen (Mollerup, 2013, S. 54).

4. Toponomy (Ortsgesetze)

Ortsgesetze beschreiben alltägliche Umgangsformen mit Nummerierungen und Namen. Diese Strategie bezieht sich vorrangig auf die Umgebung, wie z. B. auf Straßen, Geschosse oder öffentliche Plätze. Die logische und konsequente Benennung dieser kann dem Nutzer die Orientierung erleichtern. Mollerup empfiehlt logische Schlussfolgerungen auf beispielweise Straßennamen zu übertragen. So können die Nutzer unterbewusst den Schluss ziehen, dass der „Town Hall Square“ in der unmittelbaren Umgebung des Rathauses gelegen ist.

Ortsgesetze können sich aber auch durch die Verwendung von mehr als einer Sprache etablieren. So müssen in einigen Provinzen Spaniens alle öffentlichen Beschilderungen, auch die eines Krankenhauses mitsamt der zentralen Notaufnahme, in Spanisch und Katalanisch gestaltet werden, um allen örtlichen Nutzern eine Hilfestellung zu sein (Mollerup, 2013, S. 56ff).

5. Signs (Schilder)

Mollerup bezeichnet Schilder als das wichtigste Mittel des Wayshowings. Schilder sind relativ flexibel, frei gestaltbar und können Planungsfehler der Architektur oder Umgebung oftmals für den Nutzer unauffällig kaschieren. Schilder können nicht nur Richtungen vermitteln, sondern geben dem Nutzer gleichzeitig einen Überblick über mögliche Ziele und neue Informationen zum Ziel. Man kann Schilder grundsätzlich in drei Funktionseinheiten untergliedern: Ein Richtungsschild zeigt die Richtung in welcher ein Ziel liegt, welches vom Standpunkt des Schildes nicht sichtbar ist. Beschriftungsschilder geben dem Nutzer unterschiedlichste Informationen, welche das Ziel näher beschreiben wie z. B. Öffnungszeiten oder allgemeine Hinweise. Vorschriftsschilder kommunizieren Anweisungen, Regeln, Sicherheitshinweise oder Verbote, die zum Schutz, zur Sicherheit oder Nutzung eines Objektes dienen.

Schilder können auch mehr als nur statische Gebilde sein. Dynamische Schilder wechseln den Inhalt auf Basis von Ereignissen, Zeit oder Umständen, wie beispielsweise Flip-Displays an Flughäfen oder Bahnhöfen. Heutzutage sind dynamische Schilder fast vollständig digitalisiert worden (Mollerup, 2013, S. 60).

6. Maps (Karten)

Karten sind eine visuelle, skalierte Wiedergabe einer dreidimensionalen Umgebung auf ein zweidimensionales Bild. Indem Karten für den Nutzer interessante Merkmale einer Umgebung hervorheben und irrelevante Details reduziert, können diese besser wahrgenommen werden. Gestalterisch kann zwischen einer Karte und einem Diagramm unterschieden werden. Letzteres weißt immer einen sehr viel höheren Abstraktionsgrad auf und fokussiert sich auf die eigentliche Struktur einer Umgebung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Diagramm (Quelle: BVG, 2016, https://fahrinfo.bvg.de/Fahrinfo/bin/query.bin/dn?ujm=1&MapLayer=NETWORK)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Karte (Quelle: OpenStreetMap Deutschland, 2017, https://www.openstreetmap.de/karte.html?zoom=12&lat=52.52518&lon=13.43185&layers=000BTF)

Im Wayshowing stehen zwei Karten im Vordergrund: Portable Karten können wesentlich mehr Informationen beinhalten und sind zur Planung und Orientierung unterwegs aus nutzbar, um die Position in der Umgebung zu definieren. You-Are-Here Karten bieten den Vorteil, dass sie den genauen Standpunkt anzeigen und sich auf die wesentlichen Merkmale der Umgebung konzentrieren. Allerdings sind diese Karten oftmals fest vor Ort installiert und fokussieren nur einen Ausschnitt oder eine Route der Umgebung (Mollerup, 2013, S. 62-65).

7. Helpdeks (Infoschalter)

Informationsschalter sind trotz eines guten Orientierungs- und Wegeleitsystems und eindeutiger Umgebung notwendig. Wenn sich Nutzer unabhängig von Alter, Einschränkungen oder Zeitdruck nicht orientieren können, bevorzugen die meisten Menschen einen direkten Kontakt mit einem Mitarbeiter vor Ort. An Informationsschaltern können über die Wegeleitung hinaus auch Informationen zu Funktionen, Services oder allgemeinen Auskünften kommuniziert werden. Hier werden personalisierte Informationen mündlich weitergegeben, welche nicht allgemein relevant sind und nutzerspezifisch geklärt werden müssen (Mollerup, 2013, S.66).

8. Pre-visit information (Vorbereitete Informationen)

Bevor ein Nutzer sich in eine unbekannte und komplexe Umgebung begibt, informiert er sich mithilfe von Webseiten, Karten oder mündlicher Auskunft. Die Planung und Vorbereitung hilft dabei die Anreise und örtliche Gegebenheiten zu studieren. Darüber hinaus hat der Nutzer bereits eine Karte oder Informationsmaterialien an der Hand und kann sich, wenn nötig, daran schnell orientieren. Da sich der Nutzer bereits im Vorfeld mit der Umgebung vertraut gemacht hat, kann die mentale Karte bereits vor Ort genutzt und ergänzt werden (Mollerup, 2013, S. 68).

Orientierung

Das Wort „Orientierung“ hat seinen Ursprung im lateinischen Wort „oriens“. Es bedeutet so viel wie „Land, das in der Richtung der aufgehenden Sonne liegt“ oder auch „Morgenland“. Schon früh nutzten Menschen Hilfsmittel zur Orientierung in Raum und Umgebung. Selbst heute noch ist jedem die richtungsweisende Funktion des Polarsterns bekannt (Uebele, 2006, S. 8f).

Als Orientierung versteht man allgemein die Fähigkeit sich in einem Raum oder Umgebung zurechtzufinden. Orientierung kann auch als kognitive Fähigkeit zur zeitlichen, räumlichen oder persönlichen Differenzierung bezeichnet werden. Somit kann festgestellt werden, dass Orientierung ein Grundbedürfnis des Menschen darstellt. Desorientierte Menschen erfahren schnell den Zustand des Stresses, Unwohlsein oder der Angst. Gerade im Bezug auf zentrale Notaufnahmen sollen Menschen in Notsituationen zu keiner Zeit sich desorientiert fühlen (Schlüter, 2016, S.334f). Orientierung ist ein aktiver Problemlösungsprozess.

Die Motivation hierfür nimmt der Mensch aus seinem Ziel. Damit der Mensch den Weg zu seinem Ziel finden kann, bedarf es einer geplanten Abfolge von Entscheidungen. Diese werden auf Grundlage von Informationen getroffen, welche wir aus unserer Umgebung wahrnehmen können (Wenzel, 2003, S.21ff).

„Sich orientieren ist nicht eine Gabe, ein Vermögen, das man hat oder nicht. Es ist eine Voraussetzung, überhaupt existieren zu können. (...) Zu wissen, wo ich bin, wo ich mich befinde, ist die Voraussetzung dafür, wohin ich mich zu bewegen habe (...).“ (Aicher, 1982)

Ein wichtiger Baustein zur Orientierung ist die Wahrnehmung der Umgebung. Hierbei werden zunächst alle Informationen welche von unseren Sinnen geliefert werden interpretiert. Auf Basis dieser Reize werden Erkenntnisse gewonnen und Handlungen festgelegt. Entscheidend sind hierfür Hinweise und Merkmale aus der Umgebung, welche für die Auswahl unseres Zieles einen Mehrwert beinhalten. Wichtig ist anzumerken, dass jeder Mensch seine Umgebung anders wahrnimmt. Bei den meisten geht die Orientierung allgemein unterbewusst vonstatten. Erfahrungen und Gewohnheiten nehmen großen Einfluss auf die Wahrnehmung und somit auch auf die Art und Weise wie sich der Mensch orientiert (Gillhuber, 2015, S. 34).

Bei der Wahrnehmung ist der Mensch gezwungen, relevante Informationen von irrelevanten zu trennen. Für die Gestaltung von Orientierungssystemen ist daher die Beschränkung auf die wesentlichen Informationen essenziell (Meng, 2010, S. 133f).

3.2 Zentrale Notaufnahmen und die „Rote Kreuz“ Analogie

Die Pflege und Versorgung von Armen, Alten und Kranken entstand aus der Tradition der christlichen Kirche. Noch bevor im Mittelalter die ersten Hospitäler entstanden, wurden in Plänen für Klosterneubauten sogenannte „Infirmarien“ für Kranke und Pilger vorgesehen. Durch die zunehmende Professionalisierung des Heilens und Pflegens entstanden erste Krankenhäuser. Damals wurden alle Patienten allerdings generell stationär aufgenommen.

Eine zentrale interdisziplinäre Notaufnahme (ZNA) ist ein essenzieller Funktionsbereich eines Krankenhauses. Sie stellt für einen großen Teil der Patienten das Eingangsportal für eine stationäre Behandlung dar. Lebensrettende medizinische Kompetenzen stehen hier dem Notfallpatienten immer zeitnah zur Verfügung.

Notfallpatienten sind Personen, die sich in einem lebensbedrohlichen Zustand befinden oder bei denen schwere gesundheitliche Schäden zu befürchten sind, wenn sie nicht umgehend geeignete medizinische Hilfe erhalten (§2 Abs. 2 Rettungsdienstgesetz Berlin).

Krankenhäuser sind mit zahlreichen Funktionseinheiten ein verwirrendes Konstrukt der Neuzeit. So stellen die modernen Tempel der Gesundheit nicht nur hohe Ansprüche an Mitarbeiter und Architektur, sondern machen oftmals ein gut gestaltetes Orientierungs- und Wegeleitsystem unerlässlich. Aufgrund der steigenden Komplexität informieren sich Patienten oft vorab über ein Krankenhaus und suchen diese dann selektiv aus. Allerdings sind solche Vorbereitungen im absoluten Notfall kaum möglich. Laut de Cruppé & Geraedts belegen mit 50 % die Vorerfahrung mit einem Krankenhaus und die Wohnortsnähe die Schlüsselfaktoren zur Wahl der Klinik (Gillhuber, 2015, S. 8-13).

Strukturell ist eine zentrale Notaufnahme in vier Bereiche zu untergliedern:

1. Öffentlicher Bereich: Patienten und Angehörige können den öffentlichen Raum frei betreten. Bereits in diesem Bereich haben Fachpersonal und Ärzte direkten visuellen Kontakt zu den Patienten.
2. Anmeldung: Jeder Patient muss eine Anmeldung durchlaufen. Dieser Prozess trennt den Untersuchungs- und Behandlungsbereich vom öffentlichen Bereich. Das Personal entscheidet, je nach Dringlichkeit, selektiv über den Transfer in die eigentliche medizinische Abteilung. Dies dient der Sicherheit der Patienten als auch der Übersicht für das Personal. Von der Anmeldung aus sind alle öffentlichen Bereiche gut einsehbar.
3. Halböffentlicher Bereich: In diesem Bereich werden Untersuchungen und Behandlungen durchgeführt und sind nur durch Genehmigung des Personals zugänglich. Von hier aus sind alle weiteren Fachbereiche des Krankenhauses frei zugänglich, welche der Patient umstandsbedingt auch alleine aufsuchen kann.
4. Internbereich: Dieser Bereich gilt lediglich den Ärzten und dem Fachpersonal. Hier werden organisatorische Erledigungen und Dokumentationen bearbeiten. Allgemein haben Patienten keinen Zutritt zu diesem Bereich.

Während der Behandlung in der zentralen Notaufnahme kann es vorkommen, dass Patienten in eine Fachabteilung zur weiteren Untersuchung geschickt werden. Sind die Patienten noch in der körperlichen Lage und mobil, müssen sie gelegentlich alleine den Weg dorthin finden. Ein Orientierungs- und Wegeleitsystem greift diese Fälle mit auf und kombiniert dies beispielsweise mit der Nutzung eines Farbleitsystems, welches über alle Altersschichten und Sprachbarrieren hinweg funktioniert.

Zentrale Notaufnahmen verfügen zum Großteil über eine eigene Liegendanfahrt und sind für Krankenwagen wie auch private Fahrzeuge oder auch Fußgänger öffentlich zugänglich. Die zentrale Notaufnahme ist ein fester Teil der Klinikstruktur und kann Patienten direkt an Fachbereiche wie z. B. den OP oder die Radiologie transferieren (Petermann, 2016).

Besonders wichtig für zentrale Notaufnahmen ist das Außenleitsystem, welches die direkte Zufahrt regelt. Fremde Rettungswagen oder Selbsteinweiser müssen schnell von dem Leitsystem zur Aufnahme geführt werden. Darüber hinaus werden nicht autorisierte Einfahrten und Fremdparken reduziert, damit der Weg im Notfall auch passierbar bleibt. Gerade für zentrale Notaufnahmen müssen Leitsysteme also besonders zuverlässig, autoritär und ordentlich gestaltet sein (Meng, 2010, 139f).

Denn im Notfall sind Angehörige und Patienten selbst „blind vor Stress“. Dies erschwert die logische Wahrnehmung. Zudem befinden sich diese zusätzlich in einer unbekannten Umgebung (Meng, 2010, S. 139f).

Eine zentrale Notaufnahme muss immerzu einfach zu erreichen sein und der Weg dorthin sollte übersichtlich und klar ausgeschildert werden. Wie auch bei anderen öffentlichen Gebäuden müssen Orientierungs- und Wegeleitsystem barrierefrei gestaltet sein. Gerade für Selbsteinweiser ist ein Orientierungssystem wichtig, welches das Gebäude, das Gelände und den öffentlichen Verkehrsraum mit einbezieht.

Auf dem Gelände selbst sollten für Angehörige und Patienten die Zufahrten der zentralen Notaufnahme mit Richtungszeichen erkennbar gemacht werden. Auch Parkplätze sollten in der unmittelbaren Umgebung gekennzeichnet sein. Ebenfalls muss man den Fall abdecken, dass Patienten am Haupteingang des Krankenhauses stehen und dort dann den Zugang zur zentralen Notaufnahme suchen. Hier muss der Weg ebenfalls entsprechend beschildert werden (Petermann, 2016).

Rote Kreuz Analogie

Wenn man sich näher mit der Gestaltung von Orientierungs- und Wegeleitsystemen für zentrale Notaufnahmen beschäftigt, dauert es nicht lange bis man das prominente Rote Kreuz Symbol entdeckt. Das Rote Kreuz Symbol ist auf der Welt einzigartig. Laut dem Roten Kreuz kennen 98 % der deutschen Bevölkerung das Zeichen und assoziieren es durchwegs positiv. Seit jeher steht es für Hilfe in Notsituationen, medizinische Versorgung und Betreuung. Das Symbol ist selbst im humanitären Völkerrecht festgehalten, um bei kriegerischen Auseinandersetzungen Zivilpersonen sowie Verletzten oder Schiffbrüchigen Hilfe zu leisten (Deutsches Rotes Kreuz e.V., 2006, S. 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Schutzzeichen (Quelle: Wikipedia, 2017, https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzzeichen)

Bereit seit über 150 Jahren vertritt das Rote Kreuz die Grundsätze der Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität (Deutsches Rotes Kreuz e.V., 2006, S. 8).

Doch wie kam es zu dem Symbol des Roten Kreuzes, welches wir heute an Krankenhäusern und Rettungswagen sehen? Im Jahr 1863 wurde auf die Initiative des Schweizer Henri Dunant durch die Internationale Konferenz eine Möglichkeit gesucht, die Erkennung von Sanitätsdiensten auf den Schlachtfeldern zu verbessern. Der Vorschlag eines roten Kreuzes auf weißem Hintergrund, welches die umgekehrte Schweizer Nationalflagge darstellt, wurde 1864 in der ersten Genfer Konvention festgeschrieben und von allen Parteien anerkannt.

Im Russisch-Türkischen Krieg nutze das Osmanische Reich 1876 einen roten Halbmond auf weißem Hintergrund, welcher noch heute im nahen und mittleren Osten statt des roten Kreuzes Verwendung findet. Der rote Halbmond wurde auf Verlangen der türkischen Regierung erstellt, da diese einem religiösen Einfluss des roten Kreuzes auf die Soldaten entgegenwirken wollten. Auch der rote Halbmond wurde von der Internationalen Konferenz als Schutzzeichen offiziell anerkannt und ist heute vorwiegend in muslimisch geprägten Ländern im Einsatz.

Schutzzeichen sind Symbole, die in bewaffneten Auseinandersetzungen unter Schutz stehen. Solche Symbole sind bewusst einfach gehalten, auch weil sie in Notsituationen schnell hergestellt werden können und auch ohne grafische Zusätze deutlich zu erkennen sind. Die Konstruktion des roten Kreuzes ist so effektiv wie simpel: fünf gleichgroße Quadrate bilden das Schutzzeichen. Dabei ist jeder Arm des Kreuzes gleich lang wie breit (DRK Ortsverein Dornberg e.V., 2016).

Das Schutzzeichen des Roten Kreuzes signalisiert in Konfliktzeiten, dass Personen, Santitätseinrichtungen, darunter auch zentrale Notaufnahmen und Krankenhäuser, und Transportmittel durch die Genfer Abkommen und deren Zusatzprotokolle geschützt sind. Um die Wirkung zu vereinheitlichen und deutlicher darzustellen, wird geraten das Zeichen so groß wie möglich zu setzen und auf andere gestalterische Zusatzelemente zu verzichten (Deutsches Rotes Kreuz e.V., 2006, S. 11).

Das Rote Kreuz ist als Schutzzeichen durch den Staat gesetzlich geschützt und dessen missbräuchliche Verwendung ist strafrechtlich verfolgbar. Zivile Krankenhäuser, zentrale Notaufnahmen und Rettungsfahrzeuge müssen durch die Regierung anerkannt und ermächtigt sein das Schutzzeichen zu verwenden. Das ist mitunter auch einer der Gründe, wieso Apotheken in Deutschland das Rote Kreuz nicht tragen und stattdessen den Äskulapstab verwenden (Österreichisches Rotes Kreuz, 2017).

Zur farblichen Gestaltung des Roten Kreuzes ist festzuhalten, dass bei der Entwicklung des Symbols die Schweizer Nationalflagge zu Ehren der Gründerväter der Internationalen Konferenz umgedreht wurde. Der rote Farbton kommt demnach auch aus der Schweizer Nationalflagge. Da Rot traditionell eine Farbe zahlreicher Kantonwappen war, wurde der Farbton schlussendlich auch in die Nationalflagge der Schweiz übernommen. Der weiße Hintergrund des Roten Kreuzes unterstreicht damit auch den Grundgedanken der Neutralität und Unabhängigkeit.

3.3 Besonderheiten und Nutzergruppen

Primär lassen sich nur grobe Rückschlüsse auf die Nutzer und Nutzergruppen von zentralen Notaufnahmen ziehen. Deshalb müssen sich die Orientierungs- und Wegeleitsysteme an zwei Hauptnutzergruppen orientieren.

Für die erste Nutzergruppe, den Sanitätern und Rettungswagen, muss der Weg von der Zufahrt bis hin zur Aufnahme geregelt werden. Es kommt durchaus vor, dass fremdes Rettungspersonal an ein unbekanntes Krankenhaus geschickt wird und sich dort nicht zurechtfinden kann. Für die Gestaltung bedeutet das, dass Schilder und Richtungszeichen auch aus der erhöhten Sitzposition des Fahrers zu sehen sein müssen. Das Leitsystem muss hier also auch einen entscheidenden und zeitkritischen Beitrag leisten, die Zufahrt zur zentralen Notaufnahme zu regeln.

Die zweite Nutzergruppe besteht aus den eigentlichen Patienten und den Angehörigen, welche sie möglicherweise begleiten und/oder fahren. Diese Gruppe steht selbstverständlich unter Stress, da ihr gesundheitlicher Zustand kritisch ist und die medizinische Versorgung in jedem Fall so schnell wie möglich erfolgen muss. Vorrangig das Leitsystem muss die ankommenden Patienten sowohl vom Fahrzeug aus als auch zu Fuß auf eine direkte Route bis zur Anmeldung in der zentralen Notaufnahme führen. Wichtig für Angehörige ist auch, dass nachdem der Patient durch das Personal aufgenommen wurde, das Fahrzeug aus der Liegendanfahrt zu einem Parkplatz geführt wird und somit den Weg für andere Nutzer freihält.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Höhenvergleich Pkw & Rettungswagen (eigene Darstellung)

Für beide Nutzergruppen ist es essenziell, dass Orientierungs- und Wegeleitsysteme gut lesbar sind. Hier muss also ein Kompromiss zwischen der Anbringungshöhe der Schilder und den unterschiedlichen Fahrzeughöhen gefunden werden, um jedem Nutzer einen optimalen Blick auf die Schilder zu ermöglichen.

Bei der Umgebung und Liegendanfahrt müssen gleich mehrere Aspekte durch ein Orientierungs- und Wegeleitsystem aufgegriffen werden. Idealerweise werden in einem größeren Umkreis rund um das Krankenhaus, in Abstimmung mit den zuständigen Behörden, Hinweistafeln auf den öffentlichen Straßen angebracht. Dadurch sind Patienten welche mit dem Auto anfahren nicht abhängig von zusätzlicher Navigation durch Karten, Smartphone oder Navigationsgeräte.

Da es üblicherweise in einem Krankenhaus einen zentralen Haupteingang gibt, muss der separate Eingang zur Notaufnahme unbedingt gekennzeichnet werden. Hier empfiehlt es sich mit den Zonen „Krankenhaus“ und „Zentrale Notaufnahme“ zu arbeiten, damit Patienten für den Fall einer Anlieferung am Haupteingang direkt zur Notaufnahme transferiert werden können.

Besondere Aufmerksamkeit sollen die Nutzungsunterschiede im Bezug auf Patientenalter und Anlieferungszeitpunkt bekommen. Die Altersdemografie in Deutschland deutet darauf hin, dass es im Jahr 2050 wesentlich mehr ältere Menschen geben wird. Das richtet den Fokus auf die barrierefreie Gestaltung der Beschilderung, welche auch Menschen mit Handicap, seh- und altersschwache Menschen berücksichtigt. Infolge dieser demografischen Veränderungen werden auch immer mehr Patienten in den zentralen Notaufnahmen erwartet. Da schon heute diese an ihre Belastungsgrenzen stoßen, müssen besonders entscheidungs- und zeitkritische Situationen entschärft werden, damit der Patient so schnell wie möglich einen medizinischen Erstkontakt erhält.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Demografie Deutschland 2040 (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2017, https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/)

Ebenfalls müssen die Überlegungen mit einfließen, dass die Hauptbelastungszeiten von zentralen Notaufnahmen am Wochenende, gegen Abend und nachts sind. Das liegt vor allem daran, dass diese nur dann aufgesucht werden, wenn es absolut keine Alternativen mehr gibt. Unter der Woche und tagsüber werden weniger schwere Verletzungen auch durch Hausärzte abgedeckt.

3.4 Zusammenfassung

Wenn man als Gestalter sich ein umfassendes Bild von Orientierungs- und Wegeleitsystemen machen möchte, sind alle aufgeführten Quellen valide und bieten einen vollumfassenden Gesamteinblick über den Forschungsstand. Geht man allerdings weiter auf die Spezifikation für zentrale Notaufnahmen ein, gibt es kaum brauchbare Hinweise zur Nutzerführung und Orientierung.

Das Verhalten von Patienten in Notfallsituationen wird meistens lediglich aus medizinischer Sicht beschrieben und von der architektonischen Seite werden die Bedürfnisse der Orientierung nur dürftig beschrieben. Daher ist eine Konzentration auf das eigentliche Wayshowing unabdingbar. Der Nutzer muss in einer solchen Situation direkt zum Ziel geführt werden und wird selten die Zeit für Orientierung oder Wayfinding aufwenden können. Auch ein Orientierungssystem ist für die Anfahrt nicht besonders hilfreich, da deren Interpretation Zeit benötigt. Erst im Verlauf der weiteren Behandlung und innerhalb des Geländes der zentralen Notaufnahme finden sie Gebrauch.

Auch das Gelände und die direkte Umgebung müssen für die Zielgruppen gerecht gestaltet werden. Um die Anfahrt von Rettungswagen und privaten Fahrzeugen gleichermaßen zu erleichtern, sind bestenfalls Schilder und Richtungsangaben rund um das eigentliche Krankenhaus im öffentlichen Raum anzubringen.

Gestalter müssen sich demnach an den wichtigsten Wayshowing-Konzepten orientieren: den Schildern und dem Trailblazing. Auch die Verwendung von markanten Symbolen wie dem roten Kreuz und Signalfarben können helfen die zentrale Notaufnahme besser zu erkennen und zu finden. Mit Hinblick auf die demografische Entwicklung in Deutschland und dem Rest der Welt müssen Orientierungs- und Wegeleitsysteme zunehmend barrierefrei gestaltet werden. Das beinhaltet nicht nur die optimale Lesbarkeit bei Tag und Nacht, sondern auch die Kompatibilität mit allen Nutzergruppen, Patienten wie auch für Zu- und Mitarbeitern.

[...]

Ende der Leseprobe aus 84 Seiten

Details

Titel
Gestaltung von Orientierungs- und Wegeleitsystemen von zentralen Notaufnahmen
Untertitel
Zeitkritische Patientenführung
Hochschule
Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
84
Katalognummer
V481244
ISBN (eBook)
9783668960961
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wegeleitsysteme, orientierungssysteme, notaufnahme, patientenführung, orientierung, wayshowing, wayfinding, beschilderung, leitsystem, signaletik, krankenhaus
Arbeit zitieren
Tim Sauer (Autor), 2017, Gestaltung von Orientierungs- und Wegeleitsystemen von zentralen Notaufnahmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/481244

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gestaltung von Orientierungs- und Wegeleitsystemen von zentralen Notaufnahmen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden