Sebastian Brants "Narrenschiff": "Fortuna" im Kapitel 37 "Von gluckes fall"


Seminararbeit, 2005

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Thematik

2. Sebastin Brant und das „Narrenschiff“
2. 1. Kapitel 37: „Von gluckes fall“

3. Fazit

4. Anhang
4. 1. Literaturverzeichnis
4. 2. Textbeispiel - Sebastian Brant: Das Narrenschiff – Kapitel 37
4. 3. Der Holzschnitt

1. Zur Thematik

In meiner Arbeit möchte ich das 37. Kapitel „Von gluckes fall“ in Sebastian Brants „Narrenschiff“ in Hinblick auf die Glücksthematik untersuchen. Zuvor werde ich einen kurzen Blick auf den Autor und das „Narrenschiff“ werfen.

2. Sebastian Brant und das „Narrenschiff“

Der Straßburger Jurist Sebastian Brant lebte von 1457 bis 1521 und gilt als der berühmteste Autor um 1500. Er verfasste nicht nur Dichtung wie das „Narrenschiff“, sondern machte sich auch als juristischer Fachschriftsteller einen Namen. Außerdem ging Brant einer Tätigkeit nach, die wir heute als „Journalist“ bezeichnen würden: Die neuen Möglichkeiten der Drucktechnik nutzend, war er Verfasser von gesellschaftlich und politisch aktuellen Flugschriften. Brant hatte ein erstaunlich modern anmutendes Anliegen: Er wollte die Menschen über Geschehnisse, die sie betrafen, informieren, und damit dies so schnell und direkt wie möglich geschehen konnte, wählte er die Flugblattform. Beim Verfassen der deutsch-lateinisch abgefassten Texte legte er Wert auf poetische Formen. Joachim Knape bezeichnet Brants Einstellung sehr treffend als „journalistisches Aktualitätsbewusstsein“[1] und führt dieses auf ein Kommunikatormodell der Antike zurück, das „literarische Kompetenz mit sozial relevanter Künderkompetenz verband“.[2]

In den Jahren 1492 bis 1494 entstand in Basel das „Narrenschiff“. Brants Motivation, dieses Werk zu verfassen, ist verwandt mit seiner journalistischen „Künderkompetenz“: Er versuchte mit dieser Moralsatire die Leser auf menschliche Unzulänglichkeiten in etlichen Lebensbereichen hinzuweisen. Er verfolgt damit ein offenkundig didaktisches Ziel: Die „ vorred “ des Autors weist den Leser darauf hin, dass jeder sich in der einen oder anderen Gestalt erkenn soll :„ Den narren spiegel ich diß nenn / Jn dem ein yeder narr sich kenn “.[3] Diese Selbsterkenntnis führt zur Überwindung der Narrheit: „ Dann wer sich für ein narren acht / Der ist bald zu eym wisen gmacht “(S. 108).[4]

Damit es ihm gelänge, möglichst viele Menschen mit seinem Appell zu erreichen, wählte er eine den Leser ansprechende Form. Jeder der 112 Bereiche erhält ein eigenes Kapitel, in welchem die Thematik zuerst mit einem kurzen, zusammenfassenden Motto von einem Umfang von 3 bis 4 Versen umrissen wird, dann mit einem Holzschnitt illustriert wird. Unter dem Bild folgt die fettgedruckt Überschrift, welcher der Leser auf den ersten Blick das Thema entnehmen kann. Erst dann kommt die Ausführung, die in sich wiederum klar gegliedert ist: Sie beginnt mit eine allgemeinen Aussage über das Thema, dieses wird dann an einem oder mehreren Beispielen konkretisiert; den Abschluss bildet eine Sentenz, in der die Aussage nochmals in Form einer Moral resümiert wird. Der übersichtliche Aufbau, Brants „volkstümlich-einfach[e], sentenzen-, bilder- und exempelreich[e]“[5] Sprache zusammen mit den überaus wirkungs- und ausdrucksvollen Illustrationen aus prominenter Hand[6] haben wohl zum immensen Erfolg des „Narrenschiffs“ beigetragen. In den Jahren 1494 bis 1635 gab es rund 75 sicher nachgewiesene Drucke[7]. Nachdem im Jahre 1497 die lateinische Version „Stultifera navis“ von Brants Schüler Jakob Locher in Basel erschien, konnte das Werk europaweit gelesen werden und so erschienen im Folgezug Übersetzungen in einige Sprachen.[8] Auf diese Weise erlangte das „Narrenschiff“ auf dem ganzen Kontinent Popularität und sollte der bedeutendste Erfolg der deutschen Literatur bis Goethes „Werther“ werden.

2. 1. Kapitel 37: „Von gluckes fall“

Dem obigen Schema entsprechend, beginnt dieses Kapitel mit einem Motto. Es ist hier ein Dreizeiler mit dem Reimschema aaa. Der Paarreim, welcher im Motto gern auf 3 Zeilen wie im vorliegenden Kapitel oder sogar 4 Zeilen ausgedehnt wird, ist Kennzeichen des gesamten „Narrenschiffs“. In der einleitende Sentenz benützt Brant das Glücksrad als literarisches Symbol und warnt davor, dass jeder, der auf diesem aufsteigt, d. h. Glück oder Erfolg hat, auf diesem auch wieder niederzustürzen droht: „ Wer sitzet vff des glückes rad / Der ist ouch warten fall / mit schad “ (S. 228). Glück kann in Unglück, Erfolg in Misserfolg umschlagen. Darunter folgt ein Holzschnitt von Albrecht Dürer, welcher in der Originalausgabe[9] gut zwei Drittel einer Buchseite in Anspruch nimmt und somit nicht als ein optisches „Extra“ gedeutet werden darf, sondern als eine dem Text beinahe gleichberechtigte Komponente des Werkes betrachtet werden muss.[10] Sebastian Brant und seinem Verleger Johann Bergmann von Olpe waren wohl die Wirkung von Bildern, die in einem illustrierenden und wechselwirkenden Verhältnis zum belehrenden Text stehen, sehr bewusst – der Inhalt jedes Kapitels kann durch einen kurzen Blick auf den dazugehörigen Holzschnitt vermittelt oder wieder ins Gedächtnis gerufen werden. Zusammen mit dem Motto dürfen sie wohl auch „Appetithäppchen“ angesehen werden – der Leser soll auf das Thema eingestimmt und neugierig gemacht werden. Der Holzschnitt im Kapitel 37 zeigt ein Rad, das „Glücksrad“, welches vom oberen linken Bildrand aus von einer göttlichen Instanz bewegt wird. Auf dem Rad sitzen drei Narren. Sie sind als Esel mit menschlichen Attributen dargestellt. So hat der rechte Esel menschliche Beine und trägt Schuhe; den Linken zeichnet sogar ein vollkommen menschlicher Oberkörper aus. Die Entscheidung, den Narren als Esel abzubilden, wurde im „Narrenschiff“ mehrmals getroffen. Sie ist konsequent, da der Esel seit jeher ein Symboltier für Narrheit und Trägheit ist. Darüber hinaus tragen die Figuren auf dem Bild das Narrenkleid und haben eine Narrenkappe mit Schellen um den Hals bzw. auf dem Kopf. Der erste, rechte Narr ist im Begriff, aufzusteigen und blickt sehnsüchtig nach oben. Der zweite, mittlere Narr ist auf der Höhe des Rades angelangt und spielt mit einem runden Gegenstand, den man wohl als Reichsapfel deuten darf. Der Reichsapfel als Herrscherinsignie ist hier ein Symbol für Macht - die Person ist auf dem Glücksrad ganz oben angelangt. Der „Glückliche“ verhält sich jedoch überheblich. Dies wird dadurch angedeutet, dass er sowohl dem Betrachter als auch der göttlichen Instanz abgewendet ist und ihnen das nackte Hinterteil entgegenstreckt. Der dritte, linke Narr klammert sich mit letzter Kraft an der abfallenden Seite des Rades fest und wird sogleich in das offene Grab unter ihm fallen.

[...]


[1] Joachim Knape: Einleitung zu Das Narrenschiff, Ditzingen 2005, S. 17.

[2] Ebda., S. 15.

[3] Sebastian Brant: Das Narrenschiff, Ditzingen 2005, S. 108.

[4] Im Folgenden beziehen sich Seitenangaben in Klammern auf Brant: Das Narrenschiff, Ditzingen 2005.

[5] Manfred Lemmer: Sebastian Brant, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters: Verfasserlexikon, hrsg. v. Kurt Ruh, Band 1. Berlin 1976, S. 1002.

[6] Ein Großteil der Holzschnitte wird Albrecht Dürer zugeschrieben. Manfred Lemmer: Die Holzschnitte zu Sebastian Brants Narrenschiff. Leipzig 1964.

[7] Mit Bearbeitungen und Übersetzungen. Manfred Lemmer: Einleitung zu Das Narrenschiff, Tübingen 2004, S. XXIII.

[8] Es gab Übersetzungen ins Niederdeutsche, Niederländische, Englische, Französische und Flämische. S. Thomas Wilhelmi: Sebastian Brant Bibiliographie, Bern 1990.

[9] Sebastian Brant: Das Narren Schyff, Basel 1494.

[10] Filigran gearbeitete Bordüren, die jede Druckseite rahmen, sind ein weiteres künstlerisches Merkmal des „Narrenschiffs“. Reprints der Seitengestaltung im Original finden sich bei Lemmer: Die Holzschnitte zu Sebastian Brants Narrenschiff, Leipzig 1964.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Sebastian Brants "Narrenschiff": "Fortuna" im Kapitel 37 "Von gluckes fall"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
10
Katalognummer
V48158
ISBN (eBook)
9783638449373
ISBN (Buch)
9783656179870
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sebastian, Brants, Narrenschiff, Fortuna, Kapitel, Proseminar
Arbeit zitieren
Karin Pfundstein (Autor), 2005, Sebastian Brants "Narrenschiff": "Fortuna" im Kapitel 37 "Von gluckes fall", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48158

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