Das Lied KV 308 « Dans un bois solitaire » von Wolfgang Amadeus Mozart


Seminararbeit, 2005
17 Seiten, Note: 1

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Zur Thematik

2. Zur Entstehungsgeschichte

3. Zum Liedtext

4. Analyse
4. 1. Textsemantik und deklamatorische Aspekte bei der Vertonung
4. 2. Metrische und syntaktische Aspekte

5. Schlussbemerkung

6. Anhang
6. 1. Quellenverzeichnis
6. 2. Der Liedtext mit deutscher Übertragung

1. ZUR THEMATIK

Meine Arbeit hat das französische Lied « Dans un bois solitaire» (KV 308) von Wolfgang Amadeus Mozart zum Gegenstand. Nach einem kurzen Bericht über die Entstehungsumstände möchte ich bei der Analyse des Werks ein besonderes Augenmerk darauf werfen, was für ein Verhältnis zwischen Musik und Text besteht und dabei auf deklamatorische, semantische, syntaktische und metrische Aspekte eingehen.

Mit dem Liedschaffen Mozarts befasste sich die musikwissenschaftliche Forschung bisher wenig. Ernst August Ballins Publikation Das Wort-Ton-Verhältnis in den klavierbegleiteten Liedern W. A. Mozarts aus dem Jahre 1984 ist die einzige selbständige Publikation zu diesem Thema und enthält eine recht ausführliche Analyse des von mir thematisierten Werkes, beschränkt sich allerdings auf semantische und deklamatorische Beobachtungen. Bernhard Paumgartners Aufsatz Der Dichter des Liedes K.V. 307[1] hat in erster Linie die Liedvorlagen[2] und deren Dichter zum Thema; Maurice J. E. Brown konzentriert sich in seiner Arbeit Mozart’s Songs for Voice and Piano[3] auf die Publikationsgeschichte der Lieder Mozarts.

2. ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE

Wolfgang Amadeus Mozart hat in den Jahren 1777 und 1778 zwei französische Arietten komponiert: « Oiseaux, si tous les ans» (KV 307) und « Dans un bois solitaire» (KV 308). Im Rahmen seiner Bewerbungsreise an den Höfen von München, Mannheim und Paris hielt sich der Komponist vom 30. Oktober 1777 bis zum 13./14. März 1778 in Mannheim auf. Dort und in diesem Zeitraum sind die beiden Lieder KV 307 und KV 308 entstanden, wie zwei Briefe, die Mozart an seinen Vater richtete, belegen.[4] Da er aber in beiden Quellen keine konkreten Angaben zu den Liedern macht, „bieten sich [...] keinerlei Anhaltspunkt dafür, welche der beiden Arietten die zu Anfang und welche die am Schlusse des Mannheimer Aufenthaltes entstandene Ariette ist [...]“.[5] Die selben Briefquellen nennen auch die Auftragsgeberin für die Kompositionen[6]: die Sängerin Elisabeth Augusta Wendling, hier Gustl genannt, Tochter des Mannheimer Flötisten Johann Baptist Wendling, zu dem Mozart in Mannheim einen freundschaftlichen Kontakt pflegte. „Mad:selle gustl“ hatte wohl einen sehr konkreten Wunsch, was die Grundlage des zuerst komponierten Gesangstückes mit Klavierbegleitung bilden sollte, denn sie gab ihm, so Mozart in seinem Brief, auch den Text. Welches der beiden vertonten Gedichte nun aber das „Wunschgedicht“ der Auftraggeberin war, ist aus schon erörterten Gründen nicht belegbar. Es gibt auch keine Anhaltspunkte dafür, ob Fräulein Wendling ihm auch den zweiten Liedtext vorlegte oder ob Mozart nicht selbst auf das Gedicht stieß und es für seine „versprochenen ariettes“[7] als geeignet befand. Bernhard Paumgartnerbelegt sehr überzeugend, dass beide Gedichte, « Oiseaux, si tous les ans» von Antoine Ferrand und « Dans un lieu solitaire» von Antoine Houdart de la Motte, wohl der „im französischen Kulturkreis des Settecento recht verbreiteten dreibändigen ,Anthologie Françoise’ von Monnet“ entnommen wurden.[8] Er beweist dies mit der Tatsache, dass beide Texte in dieser Sammlung zu finden sind. Außerdem ergibt sich so eine plausible Erklärungsmöglichkeit, warum Mozart[9] im Titel und im ersten Vers von Dans un bois solitaire das Wort lieu zu bois umgeändert hat.[10]

3. ZUM LIEDTEXT

Dem Lied zugrunde liegt ein Gedicht von Antoine Houdar(t) de la Motte, der von 1672 bis 1731 gelebt hat. Er gilt als Anakreontiker.[11] Ballin merkt an, dass „die anmutige, z. T. dramatische Amormythe“ einen „geistreichen, überaus feinen Humor[s]“[12] des Dichters zeige. Das Gedicht besteht aus 5 Strophen à 4 Versen. 8 Silben bilden jeweils einen Vers; wir haben es hier also mit einem octosyllabe zu tun.

Das Reimschema ist kreuzweise; die Verse mit a-Reim enden jeweils paroxyton (rime masculine), jene mit b-Reim oxyton (rime féminine)[13].

4. ANALYSE

4.1. TEXTSEMANTIK UND DEKLAMATORISCHE ASPEKTE BEI DER VERTONUNG

Das erste augenfällige Moment bei der Vertonung ist sicherlich die bei Mozart äußerst ungewöhnliche Tonart As-Dur. Kein anderes Vokalstück Mozarts steht in dieser Tonart. Lüthy schreibt dazu: „Wenn Mozart in dem Lied «Dans un bois» As-dur als Haupttonart wählte, ist es gewiss wieder die Schilderung des Geheimnisvollen und Düsteren, die ihn bestimmte, diesen Modus zu wählen.“[14]

Gemeinsam mit dem Schwesterwerk «Oiseaux, si tous les ans» zählt « Dans un bois» zu den ersten durchkomponierten Klavierliedern Mozarts. Jede Strophe wird nicht nur mit neuer Melodie bestückt, sondern erhält auch einen individuellen Charakter durch wechselnde Tempi (T. 41/42, T. 58, T. 63), charakterisierende Klavierfiguren (T.1, T. 18, T. 29, T. 42) und harmonische Modulation.

Das Lied beginnt leicht und lyrisch, mit lockerer Akkordbrechung in der Klavierbegleitung, entsprechend der idyllischen Schilderung des Textes (T. 1-6). Doch schon hier scheint Mozart das Unheil, das der Liedtext im Fortgang schildern wird, andeuten zu wollen, wenn er erstmals bei solitaire (dt.: einsam; T. 2, Schlag 2) und nochmals bei Vers 2 (T. 4) in die Paralleltonart f-moll „abrutscht“. Nach der Rückkehr ins Dur der V. Stufe landet er in T. 7-9 wieder in einer Molltonart, der II. Stufe b-moll, nun textlich an das erstmalige Erblicken des „Kindes“ Amor gekoppelt. Auch hier kündigt sich das Schicksal mit Mollklängen an, genauso wie in T. 11 auf das Wort redoutable (dt.: furchtbar) ein letztes Mal in der ersten Strophe. Letztere Stelle, die Amors Wirken und Handeln im Lied charakterisiert (le redoutable Amour, dt.: der furchtbare Amor), ist außerdem durch eine Silbendehnung besonders herausgestellt. Insgesamt trifft Ballin den Charakter der ersten Strophe sehr genau, wenn er schreibt, es herrsche eine „empfindsame Atmosphäre im Expositionsteil“, die „sich auf den durch breite, volltaktig aufwärts gerichtete Themenköpfe eingeleitete, dann in ruhiger wellenartiger Bewegung abwärts geführten ausdrucksvollen Melodiezügen“[15] gründe. Hinzugefügt werden muss allerdings, dass dieser „lieblich lyrische Ausdruck“[16] an den oben angeführten Stellen einen zumindest leichten Bruch erfährt.

Mit der 2. Strophe beginnt der Mittelteil des Liedes, der durch eine Textdeklamation, die der Dramatik des Inhalts bis in Nuancen angepasst ist, und durch harmonische Modulation „in scharfem Kontrast zu dem ruhigen, lyrisch liedhaften Expositions-teil“[17] steht. Die liedhafte Volltaktigkeit der 1. Strophe wird von einer auftaktigen Versbehandlung abgelöst. Besonders ab T. 18 mit Auftakt wird die „Dramatik des Augenblicks“ (« sa beauté me flatte») musikalisch hervorgehoben: Die abgehackt wirkende Klavierbegleitung, deren Diskant auf der Eins und der Drei pausiert, und die gedehnte, abwärts gerichtete Melodielinie mit Vorhalten charakterisieren das lyrische Ich und wie es vom Anblick Amors geradezu überwältigt ist. Der Dichter de la Motte betont schon in der Textvorlage diesen Vers durch einen Wechsel von der prosaischen Vergangenheit zum dramatischen Präsens; Mozart nimmt dies durch eine Textdeklamation, die sich von der vorhergehenden und der nachfolgenden abhebt, auf. Auffälligerweise benutzt Mozart im nächsten Vers (« mais j’aurais dû m’en défier»), der, wie die oben untersuchten Stellen in T. 2 (solitaire), T. 4 und T. 11 (redoutable), den unheilvollen Ausgang im Nachhinein beschwört, wieder, wie dort, die Tonikaparallele f-moll. Das hier ausgedrückte Bedauern wird durch die Wiederholung des Verses (T. 22-23) eine Sekunde tiefer noch stärker hervorge-hoben. Darauf folgt eine Melodielinie, die zunächst durch verkürzte Notenwerte[18], unruhige Sprünge und einer kreisenden Bewegung (T. 24-25), dann durch eine punktierte Abwärtsbewegung mit Wiederholung (T. 26-29) die innere Unruhe des lyrischen Ichs wiederspiegelt: Die Ähnlichkeit des Schlafenden mit einer Dame, die in ihm sehr schmerzhafte Gefühle hervorzurufen scheint, verwirrt und betrübt ihn. Außerdem werden diese beiden Verszeilen (V. 8-9) von einem Klavierdiskant, der colla parte mit der Singstimme geht und „gleichzeitig über die Phraseneinschnitte hinwegleitet“[19], begleitet.

Das punktierte Motiv mit Dreiklangsbrechung in T. 29 leitet zur 3. Strophe über und begleitet die Singstimme bis T. 33, während sie Amors Reize schildert und dabei an die verflossene oder nicht erwiderte Liebe erinnert wird. Die einfache, abwärts gerichtete Melodielinie, die liedhaft anmutend wiederholt wird, hebt die schwelgerischen Erinnerungen, in welchen das lyrische Ich jetzt ganz gefangen ist, hervor. Und just in diesem Moment passiert das Unglück: « Un soupir m’échappe, il s’éveille». Genauso wie sich das lyrische Ich über diese Unachtsamkeit erschrickt, wird auch die fließende Diskantbegleitung mit einem Akkordschlag in fp (T. 34) unterbrochen. Dieser verminderte Septakkord, der den „breiten [...] Aufwärts-seufzer“[20] in der Singstimme unterbaut, wirkt wie ein Innehalten, im Kontext gesehen allerdings vielmehr wie ein erschreckendes Erstarren, wie die Ruhe vor dem drohenden Sturm. Und dieser kündigt sich bereits ab dem darauffolgenden Takt (T. 35) an: zum einen durch die punktierten, markant nachschlagenden Dreiklänge in beiden Stimmen des Klaviers, welche sehr an ein Opernakkampagnato erinnern[21], zum andern durch die mit Pausen voneinander abgesetzten Teilverse[22], der letzte mit Wiederholung (T. 34-37). Auch hier greift Mozart wieder an jener Stelle zu dieser opernhaften Dramatik, wo schon der Dichter ein dramatisches Mittel einsetzte: das Tempus der Gegenwart (vgl. T. 18-19).

[...]


[1] In: Neues Mozart Jahrbuch III, 1943.

[2] Sowohl KV 308 als auch KV 307, was der Titel nicht vermuten lässt.

[3] In: The Music Review 17, 1956.

[4] „Ich habe der Mad:selle gustl, (die tochter) gleich nach meiner ankunft ein französisches lied, wozu sie mir den text gegeben hat, gemacht, welches sie unvergleichlich singt.“ (Brief vom 7. Februar 1778), „der tochter habe ich noch einige französische ariettes versprochen, wovon ich heüt eins angefangen habe.“ (Brief vom 28. Februar 1778). Bauer-Deutsch II, S. 265 und S. 305.

[5] E. A. Ballin: NMA, Kritische Berichte III, 8, 1964, S. 70.

[6] S. Anm. 4, 1. Zitat.

[7] S. Anm. 4, 2. Zitat.

[8] Paumgartner: K.V. 307, S. 239-249.

[9] „Die Lesart bois gegenüber dem originalen lieu rührt nachweislich von Mozart her: Die Textände-rung durch Mozart ist durch die gleichlautende Lesart in dem nach Mozarts Autograph wiedergegebe-nen Liedtitel (Liedanfang) im Inh. Verz. der Breitkopfschen Oeuvres-Ausgabe von 1799 [...] bezeugt.“ Ballin: NMA, Kritischer Bericht, S. 74-75.

[10] Im Register der Anthologie stehe es, so Paumgartner, „alphabetisch unmittelbar hinter dem Lied ,Dans un b o i s je vis l’autre jour’.“ Mozart habe deshalb „aus dem reichlich trockenen ,lieu’ das ,bois’“ gemacht. Paumgartner: K.V. 307, S. 240.

[11] Dieses Gedicht ist eines seiner „Odes Anacréontiques“. Vgl. Paumgartner: K.V. 307, S. 240.

[12] E. A. Ballin: Das Wort-Ton-Verhältnis in W. A. Mozarts klavierbegleiteten Liedern, 1984, S. 27.

[13] S.: W. T. Elwert: Französische Metrik, 1966, S. 29 und S. 35.

[14] W. Lüthy: Mozart und die Tonartencharakteristik, 1931, S. 76. S. a. Ballin: Wort-Ton-Verhältnis, S. 84.

[15] Ballin: Wort-Ton-Verhältnis, S. 84.

[16] Ebda.

[17] Ebda.

[18] Die Achtelnote löst die Viertelnote als Silbenträger ab.

[19] Ballin: Wort-Ton-Verhältnis, S. 85.

[20] Ebda.

[21] Vgl. Ebda.

[22] „Die kurzen stockenden Phrasen mit dem ängstlich engen Motiv der punktierten kleinen Sekunde [...] scheinen uns dabei zugleich die ängstlichen Gefühle des Liebhabers [...] nahebringen zu sollen.“ Ebda.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Lied KV 308 « Dans un bois solitaire » von Wolfgang Amadeus Mozart
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Musikwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Seminar: Sprachen und Sprachvertonung bei Mozart
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V48161
ISBN (eBook)
9783638449397
ISBN (Buch)
9783656178903
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
- mit Übersetzung des französischen Liedtextes
Schlagworte
Lied, Dans, Wolfgang, Amadeus, Mozart, Seminar, Sprachen, Sprachvertonung
Arbeit zitieren
Karin Pfundstein (Autor), 2005, Das Lied KV 308 « Dans un bois solitaire » von Wolfgang Amadeus Mozart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48161

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