Symphonie oder Dissonanz - Ausgleich oder Kompromiss? Abwägung der Akteursinteressen im Vorfeld der Goldenen Bulle von 1356 zu Metz


Seminararbeit, 2005

11 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhalt

I. Kooperation oder Konfrontation: Der Untersuchungsgegenstand

II. Die Interessen Karls IV.: Ausverkäufer oder Bewahrer des Reiches?

III. Die Interessen der weltlichen Kurfürsten: Familienbande

IV. Die Interessen der geistlichen Kurfürsten: Autarkie und Loyalität

V. Auf dem Weg von Nürnberg nach Metz (1356): Inszenierte Konflikte?

VI. Symphonie oder Dissonanz bei der Erschaffung der Bulle?

VII. Literatur

I. Kooperation oder Konfrontation: Der Untersuchungsgegenstand

Voller Hindernisse stellt sich die Reise Karls IV. zum Abschluss der in Nürnberg 1355 begonnenen Verhandlungen um die Goldene Bulle zum Hoftag nach Metz dar. Doch nicht nur die Widrigkeiten mittelalterlicher Reisen hielten ihn von seinem Zeitplan zur Vollendung der Goldenen Bulle ab, auch reichsrelevante Probleme haben dabei eine wesentliche Rolle gespielt. In Nürnberg kam es lediglich zur Verabschiedung eines Teils der kaiserlichen Programmatik für die Goldenen Bulle. Zur Verhandlung weiterer, vom Kaiser vorgesehener Kapitel sollte eine neuerliche Reichsversammlung[1] zu Metz die offenen Fragen klären und in den in Nürnberg beschlossenen Text einfügen. Den Teilnehmern des Treffens in Nürnberg rang Karl IV. die Zusage ab, dass man sich nach kurzer Frist in Metz einfinden sollte, doch verschob sich der Termin bis an das Jahresende. Vorliegende Arbeit fragt danach, ob es sich weniger um unsystematische Zufälle herrschaftlichen Alltags handelte, weshalb sich der Abschluss der Goldenen Bulle verzögerte, sondern um mit Interessen der Kurfürsten direkt korrelierte Verhinderungen, die daher eventuell sogar beabsichtigt waren. So ist auch der gewählte Titel dieses Essays zu verstehen, der nach Symphonie oder Dissonanz fragt, also nach einer fairen Abwägung gemeinschaftlich erarbeiteten Interessenausgleichs in Gegensatz zu einem faulem Kompromiss divergierender Verhandlungsinteressen. Zu diesem Zweck werden die Interessen der weltlichen und geistlichen Hauptakteure – Kaiser und Kurfürsten – den historischen Ereignissen des Jahres 1356 gegenübergestellt.

II. Die Interessen Karls IV.: Ausverkäufer oder Bewahrer des Reiches?

In Bewertung der Interessenlage Karls IV. ist die Fragestellung Hergemöllers maßgeblich, man müsse bilanzieren, was auf der Nürnberger Reichversammlung von 1355/56 über die ersten 23 Kapitel der Goldenen Bulle beraten wurde, was dieser davon gewollt habe und wie am Ende das Ergebnis aussah. Irgendwo zwischen einem „vom Kaiser initiierten Erlass“ oder einer „erzwungene[n] Verfassung eines kurfürstlichen Konjurantengremiums“ müsse schließlich die Wahrheit angesiedelt sein.[2] In einem Brief an die Einwohner von Straßburg hatte der Kaiser seinen Anspruch in fünf Programmpunkte gekleidet:[3] Es müsse 1) die Entscheidung über die Festsetzung der weltlichen Kurwürde getroffen, 2) eine Ordnung der Wechselkurse aller umlaufenden Münzen reguliert, 3) die Minderung von Rhein- und Strassenzöllen verhandelt, 4) Sicherungsmaßnahmen zur Wahrung des Friedens zu Lande und zu Wasser vereinbart und 5) die Regelung der Königswahl nach dem Majoritätsprinzip durchgesetzt werden. Spätestens nach Nürnberg sind die Punkte 1) und 5) in das verschriftlichte Recht der Bulle eingegangen, auch wenn das gedankliche Prinzip der Majoritätswahl schon länger ausgereift war[4] und bis auf den brandenburgischen Fall die Kurstimmen ebenfalls feststanden.[5]

In der Praxis war der Verfassungskonsens vor der Mitte des 14. Jahrhunderts je nach Region des Reiches ausgesprochen schmal,[6] weshalb erstmals 1355 Ordnung und Vereinheitlichung in Angriff genommen wurden. Der Unfriede gegeneinander konkurrierender Könige, der für die Zeit zwischen 1198 bis 1349 in 79 von 152 Jahren das Reich lähmte, wurde damit friedenstiftend auf Dauer beendet.[7] In den Fragen der Münzreform hatte es auch schon Ansätze hin zu einer Goldmünzenprivilegierung und –vereinheitlichung gegeben. Zur Stabilisierung des Hellers, der sich in beständiger Entwertung befand, sollten Schrot und Korn neu bestimmt werden und zur Überwachung der Einhaltung mussten verschiedene Münzkennzeichen verbindlich werden. Der dritte Punkt sollte die unerträgliche Lage im Zollwesen auf Rhein und Transitstrecken abwenden, offenbar um städtischem Handel entgegenzukommen. Der Landfrieden als vierter Punkt bedurfte neuer Balance zwischen den Interessen dreier Parteien: des Reiches, Landesfürsten und der Landstände. Zwar bestanden bis auf den rheinischen Bereich noch zahlreiche regionale Landfrieden, doch durch die Behandlung auf einer Reichsversammlung wären sie zu größerer persönlichen Verpflichtung jedes einzelnen Teilnehmers auf einen gemeinsamen Landfrieden gelangt. Der Nachdruck durch symbolischen Akte im Rahmen einer Reichsversammlung war erheblich.[8]

Nur ein kleiner Teil der kaiserlichen Gesamtvorstellungen konnte in der Bulla Aurea verwirklicht werden, dennoch besteht ein Teilerfolg in der verbindlichen Auswahl der weltlichen Kurfürsten und der Festlegung des Procedere für die „häufig Streit veranlassenden“[9] Zeremonien und Prozessionen sowie für die Majoritätswahl. Wobei die Kur der Kurfürsten kollegial untereinander in Einbeziehung auch Karls IV. in Rolle des böhmischen Kurfürsten geschah.[10] Hierin liegt ein Hinweis auf die Philosophie des Ausgleichs in der Bulle. Andere Bereiche konnten zwar nicht zur Zufriedenheit des Kaisers geregelt werden, flossen jedoch in Details ein. So deutet Capit. XVII,2 die Zollminderungspläne an, einige Passagen widmen sich Landfriedens- und allgemeinen Friedensfragen, und bezüglich der Münzfragen wurde einige Tage nach Nürnberg ein Gesetz im Einvernehmen mit den weltlichen Kurfürsten beschlossen.[11] Darüber hinaus sprach man dem Kaiser zahlreiche Ehrsymbole zu, die ihn anderenorts zum Einlenken zugunsten kurfürstlicher Interessen bewegten. Gemessen an den Kompetenzen, die im Gefälle der Macht von Territorialherren zu Zentralherrschaft dem Kaiser noch blieben, erreichte Karl viel. Die Zentralgewalt war durch Vergabe fast sämtlicher Reichsrechte derartig eingeschränkt, dass gegen kurfürstliche Einmütigkeit wenig bewegbar war. Karls IV. geringere Durchsetzungskraft nach dem Tod seines Parteigängers Balduin, sein Großonkel und Erzbischof von Trier, macht die Wahl des Gegenkandidaten zu seinem Vorschlag als Nachfolger besonders anschaulich.[12] Karl IV. kann somit weder als Ausverkäufer noch als Bewahrer des Reiches gelten, eher als Bewahrer der Reichs strukturen in ausgleichsbemühter Suche nach staatstragenden Grundlagen für eine stabile Zukunft.

[...]


[1] Es kommt in der Historiographie bei der Begrifflichkeit des „Reichstages“ Unbehagen zum Ausdruck, weshalb zugunsten des Begriffes „Reichsversammlung“ auf die Verwendung von „Reichstag“ verzichtet wird.

[2] Hergemöller, Bernd-Ulrich: Die Goldene Bulle. Karl IV. und die Kunst des Möglichen, in: Ferdinand Seibt (Hg.): Kaiser Karl IV. Staatsmann und Mäzen, München 1978; S. 143-145, hier S. 143. Eine Frage, die sich auch schon Zeumer, Karl: Entstehung und Bedeutung der Goldenen Bulle, in: Ders.: Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV., T. 1 (=Quellen und Studien zur Verfassungsgeschichte des Deutschen Reiches in Mittelalter und Neuzeit; Bd. 2,1), Weimar 1908 in dieser Weise stellt, aber in wilhelminischem Obrigkeitsdenken Karl IV. Gesetzgeberfunktion zuordnet und daher den Kompromisscharakter zwischen den Beteiligten mißdeutet (S. 183) sowie von Karls Durchsetzungskraft enttäuscht scheint (S. 235-238).

[3] Petersen, Erling Ladewig: Studien zur Goldenen Bulle von 1356, in: DA, 1966, 22; S. 227-253, S. 230.

[4] Dotzauer, Winfried: Überlegungen zur Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. unter besonderer Berücksichtigung des rechtlichen Hintergrunds, in: Winfried Dotzauer (Hg.): Landesgeschichte und Reichsgeschichte. Festschrift für Alois Gerlich zum 70. Geburtstag (=Geschichtliche Landeskunde; Bd. 42), Stuttgart 1995; S. 165-193, hier S. 167-176.

[5] Hergemöller: Bulle; S.143, z.B. auch in Urkunden 4.-10. bei Zeumer, Karl: Text der Goldenen Bulle und Urkunden zu ihrer Geschichte und Erläuterung, in: Ders.: Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV., T. 2 (=Quellen und Studien zur Verfassungsgeschichte des Deutschen Reiches in Mittelalter und Neuzeit; Bd. 2,2), Weimar 1908; S. 57-69.

[6] Lenz, Martin: Konsens und Dissens. Deutsche Königswahl (1273-1349) und die zeitgenössische Geschichtsschreibung (= Formen der Erinnerung; Bd. 5), Göttingen 2002; S. 250-265, hier besonders S. 254: „Nur das Abstrakteste blieb unstrittig[.]“; S. 255: „Der ‚stille’ Dissens zwischen den ‚Verfassungsregionen’ wurde umso tiefer, je mehr die jeweiligen Autoren sich den Details der Reichsverfassung zuwandten.“

[7] Wolf, Armin: Die Goldene Bulle von 1356, in: Georg Scheibelreiter: Höhepunkte des Mittelalters, Darmstadt 2004; S. 188-201, hier S. 188 und 192: Karl IV. bündelte „geschickt individuelle Interessen zu Gunsten des Ganzen und schuf Bedingungen, die nach mehr als hundert Jahren das Römische Königtum und das Reich über Jahrhunderte erhalten konnten.“

[8] Kunisch, Johannes: Formen symbolischen Handelns in der Goldenen Bulle von 1356, in: Barbara Stollberg-Rilinger (Hg.): Vormoderne politische Verfahren (=Zeitschrift für Historische Forschung; Beiheft 25), Berlin 2001; S. 263-80, hier: S 270: „Sie banden die Akteure und verpflichteten sie auf das Öffentlich gezeigte.“

[9] Hergemöller: Bulle; S. 145.

[10] Zeumer: Entstehung; S. 144.

[11] Hergemöller: Bulle; S. 145; Zeumer: Entstehung; S. 114: in Sulzbach am 20. Januar 1356.

[12] Hergemöller: Bulle; S. 145.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Symphonie oder Dissonanz - Ausgleich oder Kompromiss? Abwägung der Akteursinteressen im Vorfeld der Goldenen Bulle von 1356 zu Metz
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar, Arbeitsbereich Mittelalter)
Veranstaltung
Die historiographische Rezeption der 'Goldenen Bulle' von 1356
Note
1,6
Autor
Jahr
2005
Seiten
11
Katalognummer
V48162
ISBN (eBook)
9783638449403
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Frage nach Gegensatz oder Miteinander zwischen Kaiser und Kurfürsten bei der Reichsreform von 1356 wird an die Forschungsliteratur zur Goldenen Bulle gestellt. Bewertung: "Die Ausarbeitung zeigt eine deutliche Befähigung [...] zum wissenschaftlichen Arbeiten, da sie über einen geschickt formulierte Leitfrage, einen klaren Argumentationsgang und eine abgewogene Schlussthese verfügt.[...]um ein gutes Drittel gegenüber der Aufgabenstellung zu lang. [...](1,6) erscheint daher als angemessen."
Schlagworte
Symphonie, Dissonanz, Ausgleich, Kompromiss, Abwägung, Akteursinteressen, Vorfeld, Goldenen, Bulle, Metz, Rezeption, Goldenen, Bulle
Arbeit zitieren
Nico Nolden (Autor), 2005, Symphonie oder Dissonanz - Ausgleich oder Kompromiss? Abwägung der Akteursinteressen im Vorfeld der Goldenen Bulle von 1356 zu Metz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48162

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