I. Einleitung
Viele Kommentare, viele Leserbriefe, viele Empörungen und viele Missverständnisse vor allem - das waren häufig die Reaktionen auf Neu-Erscheinungen von Thomas Bernhard. Die Provokation war quasi vorprogrammiert. Falls im Jahr 2005 beim Lesen und Studieren überhaupt noch etwas nachhaltig zu provozieren und zu irritieren vermag, dabei womöglich auch noch die eigenen Rezeptionsgewohnheiten durcheinander rüttelt, so eignen sich die Werke Bernhards immer noch hervorragend, gleichwohl der Autor seit nunmehr sechzehn Jahren ‚seinen Frieden gefunden’ hat.
Dennoch scheint es gerade bei Bernhard unangemessen, sich voreilig provozieren oder gar abschrecken zu lassen von dem, was man mitunter vorgesetzt bekommt, denn wo die Provoktion sonst oft nur noch effektheischendes Aufflackern ist, da kann sich kein nachhaltiger Widerstand mehr regen, und da ist auch kein Leben mehr.
Nehmen wir schlicht an, was wir vorfinden, betrachten wir es immer wieder gründlich, bevor wir es in uns aufnehmen, mit sämtlichen bitteren Beigeschmäcken, und nehmen wir uns vor allem viel Ruhe beim Verdauen. Seien wir stets wählerisch bei der Wahl unseres Bestecks, denn mit literaturwissenschaftlichen Standardwerkzeugen (Seziermessern, Pinzetten, Mikroskopen, Schraubstöcken, Schablonen und dergleichen) ist dem gesamten Werk dieses Autors ohnehin nicht angemessen zu begegnen, auch nicht seinen autobiographischen Schriften. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Dichtung und Wahrheit
II.1 Autobiographisches Material in Bernhards Werk
II.2 Erinnerung als „Selbsterlebensbeschreibung“
II.3 Von der „Ursache“ zum „Kind“
III. „Jedes Wort ein Treffer, jedes Kapitel eine Weltanklage, und alles zusammen eine totale Weltrevolution bis zur totalen Auslöschung“
IV. Absurdität des Daseins
V. Lachen, Weinen, Brüllen, Kopfschütteln - oder alles auf einmal: Komik und Groteske in Bernhards Kindheits -und Jugenderinnerungen
VI. Schweigen oder „Herr Bernhard, wir danken Ihnen für das ultimative Gespräch“
VII. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die autobiographischen Schriften von Thomas Bernhard nicht als bloßen Kommentar zu seinem Gesamtwerk, sondern analysiert sie als eigenständige literarische Gattung. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie der Autor durch spezifische Erzähltechniken, eine radikale Sprachgestaltung und die permanente Reflexion über Wahrheit, Fiktionalität und Existenz sein eigenes Leben zu einem literarischen Konstrukt verdichtet und sich so der starren Kategorisierung entzieht.
- Analyse der narrativen Strategien und der Identitätsfindung der Protagonisten
- Untersuchung der Rolle von Humor, Komik und Groteske in den Erinnerungsschriften
- Dekonstruktion des Spannungsfeldes zwischen faktischer Biographie und literarischer Fiktion
- Betrachtung der rhetorischen Mittel wie Tiraden, Superlative und Redundanzen
Auszug aus dem Buch
Die Herausforderung der Interpretation von Bernhards Prosa
Bernhards Prosa versperrt sich in weiten Teilen geradezu einer Interpretation, - wegen jener den Leser immer wieder in die Irre führenden und ihn narrenden Grenzverwischung zwischen Fiktionalität und Authentitzität, zwischen reiner Funktionalität der Protagonisten als Rolle oder Transportmittel für Reflexionen und ihrer Konzeption als in sich selbst gefangene Subjekte, die kaum handelnd - nur redend, beschreibend, nachdenkend agieren.
Wagt man es dennoch, nimmt es sich nicht häufig wie eine Abfolge vergeblichster Aktionen aus, zunächst die schwere Tür zu einer tief in einem Salzstock gelegenen Schatzkammer zu öffnen, in der jeder einzelne Text Bernhards in einem eigenen Schatzkästchen verwahrt liegt, um dann an einem gigantischen Schlüsselbund mit Tausenden von Schlüsseln den einen passenden zu finden, mit dem sich jenes eine gewünschte Schatzkästchen öffnen ließe, in welches der Autor seinen Text einzeln, bewusst und akribisch verschlossen, - und noch dazu bereits beim Schreiben so verschlüsselt hat, dass nur ein geklontes Bernhard-Gehirn je einmal in die Lage käme, das Verfasste zu entschlüsseln?
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Interpretation von Bernhards Werk ein und umreißt das Ziel der Arbeit, die autobiographischen Schriften als eigenständige literarische Gattung zu untersuchen.
II. Dichtung und Wahrheit: Hier wird das autobiographische Material in Bernhards Werk sowie die konzeptionelle Entwicklung von den Kindheits- bis zu den Jugenderinnerungen beleuchtet.
II.1 Autobiographisches Material in Bernhards Werk: Dieses Unterkapitel analysiert den Einsatz von autobiographischen Spurenelementen in verschiedenen Prosaarbeiten des Autors.
II.2 Erinnerung als „Selbsterlebensbeschreibung“: Dieser Abschnitt thematisiert das schriftstellerische Selbstverständnis im Kontext von Erinnerung und Wahrheit.
II.3 Von der „Ursache“ zum „Kind“: Der Autor beschreibt hier die inhaltliche und konzeptionelle Entwicklungstendenz innerhalb der Kindheits- und Jugenderinnerungen.
III. „Jedes Wort ein Treffer, jedes Kapitel eine Weltanklage, und alles zusammen eine totale Weltrevolution bis zur totalen Auslöschung“: Analyse der spezifischen Stilmittel, der Syntax und Rhetorik, die Bernhards autobiographische Schriften prägen.
IV. Absurdität des Daseins: Untersuchung der Ich-Findung und der zugrunde liegenden Existenzanalyse in Bernhards Texten.
V. Lachen, Weinen, Brüllen, Kopfschütteln - oder alles auf einmal: Komik und Groteske in Bernhards Kindheits -und Jugenderinnerungen: Dieses Kapitel widmet sich der Funktion von Komik und Groteske in den Kindheits- und Jugenderinnerungen.
VI. Schweigen oder „Herr Bernhard, wir danken Ihnen für das ultimative Gespräch“: Ein posthum geführtes fiktives Interview reflektiert Bernhards Sicht auf Leben, Werk und Medienbetrieb.
VII. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Einschätzung der Ergebnisse hinsichtlich der literarischen Qualität und der Identitätsfindung innerhalb der autobiographischen Schriften.
Schlüsselwörter
Thomas Bernhard, Autobiographie, Fiktionalität, Identitätsfindung, Sprachskepsis, Erzähltechnik, Groteske, Existenzanalyse, Selbsterlebensbeschreibung, Literaturwissenschaft, Wahrheit, Lüge, Erinnerung, Ausnahmezustand, Werk-Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den autobiographischen Schriften von Thomas Bernhard und hinterfragt deren Gattungszugehörigkeit sowie die narrative Gestaltung der Lebensgeschichte.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Themen sind die Sprachskepsis, die Ambivalenz zwischen Wahrheit und Lüge im autobiographischen Schreiben sowie der Prozess der Identitätsfindung des Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Bernhard seine Autobiographie als literarisches Konstrukt gestaltet, in dem Realität und Fiktion permanent miteinander verschmelzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die die Erzählverfahren, Rhetorik und die philosophischen Kontexte der behandelten Texte untersucht.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die stilistischen Mittel (z.B. Tiraden), die Rolle von Komik und Groteske sowie die philosophische Auseinandersetzung mit der Absurdität des Daseins.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbstfindung, Autentizität, Fiktionalisierung, Existenzanalyse, Erinnerungswerk und Sprachreflexion.
Wie bewertet der Autor den Wahrheitsanspruch seiner Schriften?
Bernhard verdeutlicht durch seinen Erzähler, dass absolute Wahrheit nicht mitteilbar ist und das autobiographische Schreiben stets ein Akt der subjektiven Formgebung bleibt.
Welche Rolle spielt die Figur des Großvaters in den Erinnerungen?
Der Großvater fungiert als ambivalente Mentorfigur, deren Lehrsätze den Protagonisten sowohl prägen als auch im späteren Verlauf zu einer bewussten Abnabelung führen.
Wie unterscheidet sich die Prosa der Jugenderinnerungen von Bernhards früheren Romanen?
Während die frühen Romane oft im Scheitern und Ich-Zerfall enden, zeigen die Jugenderinnerungen eine prozesshafte Entwicklung, die trotz aller Krisen eine Form der Selbstbehauptung ermöglicht.
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- Bertram Wetzel (Author), 2005, Zu den autobiographischen Schriften von Thomas Bernhard - Analyse eines Ausnahmezustands - eine Annäherung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48169