1 EINLEITUNG
Es war ein Tag im April 1994. Ich war 18 Jahre alt und den ganzen Tag über gab es kein anderes Gesprächsthema in der Schule und unter Freunden als "Kurt Cobain hat sich umgebracht." Die Betroffenheit in meiner Umgebung war groß. Kaum jemand, der nicht eine Nirvana - Platte besaß, kaum jemand, der Cobains verweigernde, vermeintlich rebellische Haltung nicht ein bisschen bewunderte. Damals begann mich eine Frage zu beschäftigen, die mich bis zum heutigen Tage nicht losgelassen hat: Warum nimmt sich ein Mensch das Leben? Was muss passieren, damit die Angst vor der Zukunft, vor dem Leben jeden Erhaltungstrieb negiert?
Und bald schon wurde angesichts von Warnungen, dass Jugendliche Cobain in den Tod folgen könnten, eine neue Frage aufgeworfen: Worauf ist suizidales Nachahmungsverhalten rückzuführen - auf die Beschaffenheit eines medialen Berichts, auf die Prädisposition des Individuums, auf die Wechselwirkung von beidem, oder spielen hier ganz andere Faktoren eine Rolle? Diese Fragestellungen waren wohl rückblickend die Geburtsstunde dieser Arbeit.
Betrachtet man Suizid und Suizidversuch, so erkennt man in ihnen Verhaltensweisen, die nur dem Menschen zukommen. Voraussetzung dafür ist der selbstreflexive Gedanke, der eigenen Existenz durch bewusstes Handeln ein Ende setzen zu können. Lässt man sich auf eine tiefergehende Beschäftigung mit der Suizidproblematik ein, stößt man schnell auf eine unglaubliche Fülle an Literatur: Das Thema spannt sich von der Soziologie zur Anthropologie, von der Medizin zur Psychologie, von der Philosophie zur Religion. Bei all diesen Perspektiven, aus denen der Suizid gesehen wurde, bleibt eines doch immer gleich: Über Suizid zu schreiben ist eine schwierige und heikle Angelegenheit.
Die Auseinandersetzung mit dem Suizid ist die Konfrontation mit einer, grundlegende existentielle Belange berührenden, Materie - dem Tod, und es gibt wohl keinen Menschen, bei dem, wenn er an den Tod denkt, nicht auch Gedanken an die eigene Sterblichkeit aufflackern
[...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 THEORETISCHE ASPEKTE DER SUIZIDALITÄT
2.1 GRUNDLAGEN DER SUIZIDFORSCHUNG
2.2 TERMINOLOGIE
2.3 DEFINITION DER SUIZIDALITÄT
2.4 DIFFERENZ ZWISCHEN SUIZID UND SUIZIDVERSUCH
2.5 EPIDEMIOLOGISCHE SUIZIDFORSCHUNG
2.5.1 Repräsentative Erfassung von Suizid und Suizidversuch
2.5.2 Soziologische Suizidtheorie nach Durkheim
2.5.3 Risikogruppen
2.5.4 Resümee epidemiologischer Erkenntnisse
2.6 KLINISCH - PSYCHIATRISCHE ERKLÄRUNGSMODELLE
2.6.1 Depression und Suizid
2.6.2 Vererbung und Suizid
2.6.3 Suchterkrankungen und Suizid
2.6.4 Suizidale Entwicklung nach Pöldinger
2.6.5 Das präsuizidale Syndrom
2.6.6 Ärger und Hoffnungslosigkeit als Erklärungskonstrukte der Suizidalität
2.7 TIEFENPSYCHOLOGISCHE ANSÄTZE
2.7.1 Sigmund Freuds Suizidtheorie
2.7.2 Selbstdestruktivität als Folge einer Ich - Schwäche
2.7.3 Objektbeziehungspsychologische Erklärungsmodelle
2.7.4 Die narzisstische Krise
2.7.5 Die Entwicklung der narzisstischen Persönlichkeit
2.7.6 Suizidhandlungen im Rahmen narzisstischer Krisen
2.7.7 Narzisstische Suizidalitätsformen
2.8 LERNTHEORETISCHE ANSÄTZE
2.8.1 Die klassische Konditionierung
2.8.2 Instrumentelle Konditionierung
2.8.3 Modelllernen
3 IDENTITÄTSKONSTRUKTION UND SUIZID
3.1 DER BEGRIFF „IDENTITÄT“
3.1.1 Identitätsauffassung der Moderne
3.1.2 Postmoderne Identitätsauffassung
3.1.3 Das Konzept der narrativen Identität
3.1.4 Der narrative Ansatz in der Suizidforschung
3.2 IDENTITÄTSIDEEN
3.2.1 Retrospektive der Identitätsidee Grunge
3.2.2 Kurt Cobain im Zentrum der Identitätsidee Grunge
4 MASSENMEDIEN UND SUIZID
4.1 THEORIEN UND KONZEPTE DER MASSENKOMMUNIKATION
4.1.1 Wirkansatz
4.1.2 Nutzen - Belohnungsansatz
4.1.3 Der dynamisch - transaktionale Ansatz
4.1.4 Die systemtheoretische Sichtweise
4.1.5 Eine konstruktivistische Perspektive
4.1.6 Kulturtheoretischer Ansatz/ Cultural Studies
4.2 THESEN ZUR WIRKUNG MEDIALER GEWALTDARSTELLUNGEN
4.2.1 Thesen zur Verhinderung realer Gewalt durch mediale Gewaltmodelle
4.2.2 Thesen zur Begünstigung realer Gewalt durch mediale Gewaltmodelle
4.2.3 These zur Desensibilisierung durch mediale Gewaltmodelle
4.2.4 Die These der Wirkungslosigkeit
4.2.5 Medienpädagogische Implikationen
4.3 MEDIENINDUZIERTE SUIZIDHANDLUNGEN: GIBT ES DEN „WERTHER - EFFEKT“?
4.3.1 Empirische Evidenz für medieninduzierte Suizidhandlungen
4.3.1.1 DIE STUDIEN VON D. P. PHILLIPS
4.3.1.2 EINE STUDIE ZUR FERNSEHSERIE „TOD EINES SCHÜLERS“ VON A. SCHMIDTKE UND H. HÄFNER
4.3.1.3 EINE STUDIE ZUR FERNSEHSERIE „CASUALTY“ VON K. HAWTON ET AL.
4.3.1.4 DER SUIZID DES HOTEL - SACHER - CHEFS GÜRTLER: EINE STUDIE VON B. HADINGER
4.3.1.5 DER SUIZID UWE BARSCHELS: EINE STUDIE DES INSTITUTES FÜR RECHTSMEDIZIN DER UNIVERSITÄT HAMBURG
4.3.1.6 „FINAL EXIT“. EINE STUDIE VON P. MAZURK ET AL.
4.3.1.7 DIE WIENER U-BAHNSUIZIDE: EINE STUDIE VON G. SONNECK ET AL., INSTITUT FÜR MEDIZINISCHE PSYCHOLOGIE, WIEN
4.3.1.8 EXKURS: MEDIENEINFLUSS AUF SUIZIDHANDLUNGEN IN JAPAN VON 1955 BIS 1985. EINE STUDIE VON S. STACK
4.3.2 Ein Medienwirkungsmodell zur Beeinflussung suizidrelevanter Handlungsdeterminanten von Christa Lindner-Braun
4.4 NACHRICHTENAUSWAHL: REALITÄT ALS MEDIALE KONSTRUKTION
4.4.1 Gatekeeper - Forschung
4.4.2 Nachrichtenwert - Theorie
4.5 DIE BERICHTERSTATTUNG ZUMSUIZID KURT COBAINS: EIN RÜCKBLICK
5 DAS FALLBEISPIEL MTV
5.1 FORSCHUNGSINTERESSE
5.2 VORSCHLÄGE FÜR EIN INHALTSANALYTISCHES UNTERSUCHUNGSDESIGN
5.3 ENTWURF FÜR EIN KATEGORIENSCHEMA
5.3.1 Formalkriterien
5.3.2 Inhaltliche Kriterien
5.4 DIE MTV - BERICHTERSTATTUNG VOM8.APRIL 1995
5.5 EXPERTINNENINTERVIEW
5.5.1 Expertinneninterview zum Thema „Medieneinfluss auf Suizidhandlungen“
5.5.2 Auswertung des Interviews
5.6 STATISTISCHE VERGLEICHSDATEN. DIE AUSWIRKUNGEN DES COBAIN - SUIZIDS
5.7 RESÜMIERENDE INTERPRETATION
6 SUIZIDPRÄVENTION
6.1 SUIZID: KLISCHEE UND WIRKLICHKEIT
6.2 BEREICHE DER SUIZIDPRÄVENTION
6.2.1 Primärprävention
6.2.2 Sekundärprävention
6.2.3 Tertiärprävention
6.3 RICHTLINIEN DER BERICHTERSTATTUNG ZUR SUIZIDPROBLEMATIK
6.3.1 Übergreifende Richtlinien der Suizidberichterstattung
6.3.2 Richtlinien für die spezifische Suizidberichterstattung
6.3.3 Richtlinien zur medialen Vermittlung suizidpräventiver Informationen
6.3.4 Medieneinfluss auf das Inanspruchnahmeverhalten
6.4 WEITERFÜHRENDE ANREGUNGEN
7 ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Phänomen der Suizidalität im Kontext der modernen Medienwirkungsforschung, wobei der Suizid von Kurt Cobain als zentrales Fallbeispiel dient. Das primäre Ziel besteht darin, den Medieneinfluss auf suizidale Handlungen – den sogenannten "Werther-Effekt" – theoretisch und empirisch zu beleuchten, um daraus einen Kriterienkatalog für eine verantwortungsvolle, suizidpräventive Berichterstattung abzuleiten.
- Grundlagen der Suizidforschung und klinisch-psychiatrische Erklärungsmodelle
- Identitätskonstruktion im postmodernen Medienzeitalter
- Theorien und Konzepte der Massenkommunikation bezüglich der Wirkung medialer Gewaltdarstellungen
- Empirische Evidenz medieninduzierter Suizidhandlungen und deren kritische Reflexion
- Möglichkeiten der suizidpräventiven Medienintervention
Auszug aus dem Buch
1 EINLEITUNG
Es war ein Tag im April 1994. Ich war 18 Jahre alt und den ganzen Tag über gab es kein anderes Gesprächsthema in der Schule und unter Freunden als „Kurt Cobain hat sich umgebracht.“ Die Betroffenheit in meiner Umgebung war groß. Kaum jemand, der nicht eine Nirvana - Platte besaß, kaum jemand, der Cobains verweigernde, vermeintlich rebellische Haltung nicht ein bisschen bewunderte. Damals begann mich eine Frage zu beschäftigen, die mich bis zum heutigen Tage nicht losgelassen hat: Warum nimmt sich ein Mensch das Leben? Was muss passieren, damit die Angst vor der Zukunft, vor dem Leben jeden Erhaltungstrieb negiert?
Und bald schon wurde angesichts von Warnungen, dass Jugendliche Cobain in den Tod folgen könnten, eine neue Frage aufgeworfen: Worauf ist suizidales Nachahmungsverhalten rückzuführen – auf die Beschaffenheit eines medialen Berichts, auf die Prädisposition des Individuums, auf die Wechselwirkung von beidem, oder spielen hier ganz andere Faktoren eine Rolle? Diese Fragestellungen waren wohl rückblickend die Geburtsstunde dieser Arbeit.
Betrachtet man Suizid und Suizidversuch, so erkennt man in ihnen Verhaltensweisen, die nur dem Menschen zukommen. Voraussetzung dafür ist der selbstreflexive Gedanke, der eigenen Existenz durch bewusstes Handeln ein Ende setzen zu können. Lässt man sich auf eine tiefergehende Beschäftigung mit der Suizidproblematik ein, stößt man schnell auf eine unglaubliche Fülle an Literatur: Das Thema spannt sich von der Soziologie zur Anthropologie, von der Medizin zur Psychologie, von der Philosophie zur Religion. Bei all diesen Perspektiven, aus denen der Suizid gesehen wurde, bleibt eines doch immer gleich: Über Suizid zu schreiben ist eine schwierige und heikle Angelegenheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung thematisiert die persönliche Motivation des Autors und die historische Relevanz der Suizidproblematik sowie die Einbettung des Suizids von Kurt Cobain als Forschungsgegenstand.
2 THEORETISCHE ASPEKTE DER SUIZIDALITÄT: Dieses Kapitel liefert einen Überblick über die wissenschaftliche Definition, epidemiologische Erfassung und verschiedene psychiatrische sowie tiefenpsychologische Erklärungsmodelle suizidalen Verhaltens.
3 IDENTITÄTSKONSTRUKTION UND SUIZID: Hier wird der Prozess der Identitätsbildung in der Moderne und Postmoderne analysiert und der Zusammenhang zwischen Identitätsideen und suizidalem Handeln unter Bezugnahme auf Kurt Cobain untersucht.
4 MASSENMEDIEN UND SUIZID: Dieses Kapitel erörtert medienwissenschaftliche Theorien und empirische Studien zur Wirkung medialer Darstellungen auf Suizidhandlungen und beleuchtet die Rolle der Nachrichtenselektion.
5 DAS FALLBEISPIEL MTV: In diesem Kapitel wird die Berichterstattung des Musiksenders MTV zum Suizid von Kurt Cobain untersucht, ergänzt durch ein Experteninterview zur suizidpräventiven Medienarbeit.
6 SUIZIDPRÄVENTION: Abschließend werden Bereiche der Suizidprävention definiert und Richtlinien für eine verantwortungsvolle, suizidpräventive Berichterstattung in Medien formuliert.
Schlüsselwörter
Suizid, Suizidalität, Werther-Effekt, Kurt Cobain, Medienwirkung, Massenkommunikation, Identitätskonstruktion, Suizidprävention, Medienpädagogik, Nachrichtenwert-Theorie, Krisenintervention, Nachahmungsverhalten, Medienverantwortung, Sozialisation, Suizidologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der massenmedialen Berichterstattung über Suizide und der Wahrscheinlichkeit von suizidalem Nachahmungsverhalten, fokussiert auf das Fallbeispiel des Musikers Kurt Cobain.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Erkenntnisse aus der Suizidologie, der Identitätsforschung, der Medienwirkungsforschung und der Medienpädagogik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erstellung eines Kriterienkatalogs, der Medienvertretern Richtlinien für eine verantwortungsbewusste und präventionsorientierte Berichterstattung über Suizidereignisse an die Hand gibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung bestehender Studien sowie eine deskriptive Untersuchung der medialen Berichterstattung des Senders MTV im Kontext von Kurt Cobains Suizid, ergänzt durch ein Experteninterview.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Modelle zur Suizidalität, die Konstruktion von Identitäten durch mediale Vorbilder sowie verschiedene medienwissenschaftliche Thesen zur Wirkung medialer Suiziddarstellungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Suizidprävention, der "Werther-Effekt", Medienverantwortung, Identitätsarbeit und die Analyse von Nachrichtenwerten.
Inwiefern spielt der Suizid von Kurt Cobain eine Rolle?
Cobains Suizid dient als zentrales Fallbeispiel, um die "Idolfunktion" eines prominenten Vorbilds für die Generation X und die Wirkung der medialen Inszenierung auf suizidgefährdete Rezipienten konkret zu analysieren.
Was sagt die befragte Expertin zum Medieneinfluss?
Dr. Boglarka Hadinger betont im Interview, dass Medien keine unmittelbaren "Trigger" für Suizide sind, aber in einem suizidalen Kontext als Anstoß fungieren können, weshalb sie für eine differenziertere Berichterstattung plädiert, die neben Problemen auch Alternativen aufzeigt.
- Quote paper
- Clemens Stampf (Author), 2002, Der Werther-Effekt. Das Problem des Medieneinflusses auf Suizidhandlungen unter besonderer Berücksichtigung des Suizids von Kurt Cobain, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4820