Der lange Konflikt um die zweisprachigen Ortsnamen in Kärnten in ein Zeichen dafür, dass Ortsnamen mehr als reine Bezeichnungen für topographische Objekte sind. Vielmehr kommt ihnen eine entscheidende Rolle in der Identitätsfindung, dem historischen Selbstverständnis und dem nationalen Selbstbewusstsein eines Volkes zu. Umbenennungen von Städten und Orten nach einer Machtübernahme wie beispielsweise der russischen Revolution und sich bis zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zuspitzende Konflikte wie im Falle Kärntens zeigen, dass die Kontrolle über die Benennung von Stadt und Dorf auch Ausdruck und Anwendung politischer und gesellschaftlicher Macht bedeutet.
So ist es kein Zufall, dass gerade die Onomastik Tummelplatz von selbst ernannten Wissenschaftlern ist, die mit teilweise haarsträubenden Methoden versuchen, die Wissenschaft zu instrumentalisieren und vor den Karren nationalistischer Bestrebungen zu spannen. Eine ernsthafte sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kärntner Namengut, wie sie seit den Siebzigern vor allem von Otto Kronsteiner und später von Heinz Dieter Pohl betrieben wurde, ist also nicht nur reiner Selbstzweck und im Interesse der Onomastik, sondern dient auch dazu, die tiefe Verwurzelung des Slavischen in Kärnten in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen und aufzuzeigen, dass das Slowenische nicht ein fremdes Element ist, sondern Teil der jahrhundertealten gemeinsamen Kärntner Geschichte.
Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der linguistischen Betrachtung der slavischen bzw. slowenischen Ortsnamen in Kärnten, enthält sich jedoch nicht eines kurzen Kommentars am Ende zu den jüngsten politischen Entwicklungen im Ortstafelstreit. Ein historischer Blick auf die Besiedlung des Alpenraumes gibt zu Anfang noch einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Kärntner Namenlandschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Kärntner Namenlandschaft
3. Die Besiedlung des Alpenraumes durch die Slaven
3.1. Die vorslavischen Namenschichten und die Anfänge der Besiedlung
3.2. Zur Herkunft der Ethnonyme Slowene/Slovenec, Winde, Kärntner
3.3. Das Herzogtum Karantanien
4. Alpenslavisch oder (Alt)slowenisch?
5. Methoden zur Bestimmung des Alters von slowenischen ON
5.1. Urkundliche Belege
5.2. Phonetische Gestalt
5.3. Namentypologie
5.4. Historische Fakten
5.5. Lexikalische Daten
6. Topographische Wörter und andere in den ON enthaltene Appellativa
7. Schriftsprachliche Form versus mundartliche Form
8. Kurzer Kommentar zu den jüngsten Entwicklungen im Ortstafelstreit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die linguistische Beschaffenheit und historische Verwurzelung slowenischer Ortsnamen in Kärnten, um deren Bedeutung für die Identitätsfindung und das historische Selbstverständnis aufzuzeigen. Dabei wird die These untermauert, dass diese Namen ein konstitutives Element der regionalen Kulturlandschaft darstellen und über rein topographische Bezeichnungen hinausgehen.
- Siedlungsgeschichte des Alpenraumes durch die Slaven
- Etymologische Analyse und Altersbestimmung von Ortsnamen
- Klassifizierung topographischer Appellativa und deren Ableitungen
- Sprachwissenschaftliche Einordnung (alpenslavisch vs. slowenisch)
- Reflexion des politischen Ortstafelstreits in Kärnten
Auszug aus dem Buch
3.3. DAS UNABHÄNGIGE FÜRSTENTUM DER KARANTANER
Anfang des 7. Jahrhunderts bildete sich in den Ostalpen ein unabhängiger Staat bzw. ein Staatengebilde (zum Begriff Staat in diesem Zusammenhang siehe KAHL 2002, S. 23f.) unter slavischer Herrschaft. Neben den langobardischen und bairischen Nachbarvölkern bestimmten vor allem die Auseinandersetzungen mit den Avaren, einem steppennomadischen Reitervolk unter dessen Vorherrschaft die Slaven in das Gebiet eingewandert waren, die politischen Ereignisse der Region. Das karantanische Staatsgebiet umfasste das gesamte heutige Kärnten sowie vermutlich Teile der Steiermark, Salzburgs, Osttirols sowie den heutigen Bezirk Slovenj Gradec im Norden Sloweniens (KAHL 2002, S. 416). Nicht alle Alpenslaven waren vom Fürstentum erfasst. So treten die Slaven des späteren Krain in den Überlieferungen unabhängig von den Karantanern unter dem Namen Carniolenses auf (vgl. KAHL 2002, S.415). Neben Slaven lebten auch andere ethnische Gruppierungen auf dem Staatsgebiet, deren genaue Zahl und Volkszugehörigkeit jedoch nicht mehr rekonstruierbar ist (KAHL 2002, S. 418).
Aus der Frühphase des Karantanenstaates ist aufgrund der dünnen Quellenlage nur wenig bekannt. So ist die slavische Bezeichnung für den Herrscher Karantaniens, welcher in lateinischen Quellen als dux auftaucht, nicht überliefert worden. Als einziger Hinweis dient hier der Ortsname Knežice, deutsch Knasweg, welcher etymologisch auf knez zurückzuführen ist. Aufschluss über einen weiteren karantanischen Herrschaftstitel gibt der Ortsname Banja vas/Pfannsdorf, der auf den ursprünglich avarischen Titel des ban hinweist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Erläutert die Rolle von Ortsnamen als Identitätsmerkmale und führt in den linguistischen Fokus sowie den politischen Kontext der Arbeit ein.
2. Zur Kärntner Namenlandschaft: Klassifiziert die Ortsnamen des heutigen Kärntens nach ihrer etymologischen Herkunft in vier grundlegende Gruppen.
3. Die Besiedlung des Alpenraumes durch die Slaven: Beleuchtet die Siedlungsgeschichte, die Herkunft der Ethnonyme und die Entstehung des Herzogtums Karantanien.
4. Alpenslavisch oder (Alt)slowenisch?: Differenziert zwischen der Bezeichnung der slavischen Ortsnamen und definiert den Begriff der slowenischen Ortsnamen im engeren Sinne.
5. Methoden zur Bestimmung des Alters von slowenischen ON: Stellt sprachwissenschaftliche und historische Kriterien zur Datierung von Ortsnamen vor.
6. Topographische Wörter und andere in den ON enthaltene Appellativa: Analysiert den Grundbestand an slowenischen Appellativa in Kärntner Ortsnamen anhand semantischer Gruppen.
7. Schriftsprachliche Form versus mundartliche Form: Diskutiert die soziolinguistischen und politischen Spannungsfelder bei der Wahl der Schreibweise von Ortsnamen.
8. Kurzer Kommentar zu den jüngsten Entwicklungen im Ortstafelstreit: Analysiert den aktuellen politischen Umgang mit zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten und bewertet die Rolle der Sprachwissenschaft dabei.
Schlüsselwörter
Kärnten, Slowenische Ortsnamen, Onomastik, Karantanien, Alpenslaven, Sprachkontakt, Ortstafelstreit, Etymologie, Siedlungsgeschichte, Toponyme, Sprachpolitik, Indogermanische Schicht, Mundart, Zweisprachigkeit, Knez.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Analyse slowenischer Ortsnamen im heutigen Kärnten und untersucht deren historische Entwicklung sowie ihre Bedeutung als identitätsstiftendes Element.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Siedlungsgeschichte des Alpenraumes, die Etymologie von Ortsnamen, Methoden zur Altersbestimmung von Namen sowie die politische Dimension der Verwendung zweisprachiger Ortsschilder.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die tiefe Verwurzelung des Slavischen in Kärnten aufzuzeigen und linguistisch zu belegen, um den Status des Slowenischen als Teil der gemeinsamen Kärntner Geschichte zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Autorin/der Autor nutzt onomastische Untersuchungsmethoden, darunter die Analyse von urkundlichen Belegen, die Untersuchung der phonetischen Gestalt, Namentypologie sowie den Vergleich mit lexikalischen und historischen Daten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in historische Analysen der Besiedlung, sprachwissenschaftliche Methoden zur Datierung von Namen, eine Klassifizierung von topographischen Appellativa und eine Diskussion über schriftsprachliche versus mundartliche Namensformen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wesentliche Begriffe sind Kärnten, Slowenische Ortsnamen, Onomastik, Karantanien, Sprachpolitik und der Ortstafelstreit.
Welche Rolle spielt das Herzogtum Karantanien für die Namenslandschaft?
Karantanien bildete den Siedlungskern der Alpenslaven; der Name selbst ist keltischen Ursprungs und zeugt von der jahrhundertealten Siedlungskontinuität im Raum Kärnten.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen schriftsprachlichen und mundartlichen Ortsnamen?
Die Arbeit beleuchtet die Divergenz etwa bei der Endung „-vas“ (schriftsprachlich) und „-ves“ (mundartlich) und diskutiert, wie diese Differenzen im politischen Kontext des Ortstafelstreits instrumentalisiert werden.
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- Carolin Roeder (Author), 2005, Die slovenischen Ortsnamen Kärntens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48229