Die slovenischen Ortsnamen Kärntens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Kärntner Namenlandschaft

3. Die Besiedlung des Alpenraumes durch die Slaven
3.1. Die vorslavischen Namenschichten und die Anfänge der Besiedlung
3.2. Zur Herkunft der Ethnonyme Slowene/Slovenec, Winde, Kärntner
3.3. Das Herzogtum Karantanien

4. Alpenslavisch oder (Alt)slowenisch?

5. Methoden zur Bestimmung des Alters von slowenischen ON
5.1. Urkundliche Belege
5.2. Phonetische Gestalt
5.3. Namentypologie
5.4. lexikalische Daten
5.5. Historische Fakten

6. Topographische Wörter und andere in den ON enthaltene Appellativa

7. Schriftsprachliche Form versus mundartliche Form

8. Kurzer Kommentar zu den jüngsten Entwicklungen im Ortstafelstreit

9. Literaturverzeichnis
9.1. Zweisprachige Ortsverzeichnisse
9.2. Namenkundliche Abhandlungen
9.3. Zum geschichtlichen und sprachpolitischen Hintergrund
9.4. Verzeichnis der Abbildungen
9.5. Internetadressen

1. Einleitung

Der lange Konflikt um die zweisprachigen Ortsnamen in Kärnten in ein Zeichen dafür, dass Ortsnamen mehr als reine Bezeichnungen für topographische Objekte sind. Vielmehr kommt ihnen eine entscheidende Rolle in der Identitätsfindung, dem historischen Selbstverständnis und dem nationalen Selbstbewusstsein eines Volkes zu. Umbenennungen von Städten und Orten nach einer Machtübernahme wie beispielsweise der russischen Revolution und sich bis zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zuspitzende Konflikte wie im Falle Kärntens zeigen, dass die Kontrolle über die Benennung von Stadt und Dorf auch Ausdruck und Anwendung politischer und gesellschaftlicher Macht bedeutet.

So ist es kein Zufall, dass gerade die Onomastik Tummelplatz von selbst ernannten Wissenschaftlern ist, die mit teilweise haarsträubenden Methoden versuchen, die Wissenschaft zu instrumentalisieren und vor den Karren nationalistischer Bestrebungen zu spannen.[1] Eine ernsthafte sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kärntner Namengut, wie sie seit den Siebzigern vor allem von Otto Kronsteiner und später von Heinz Dieter Pohl betrieben wurde, ist also nicht nur reiner Selbstzweck und im Interesse der Onomastik, sondern dient auch dazu, die tiefe Verwurzelung des Slavischen in Kärnten in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen und aufzuzeigen, dass das Slowenische nicht ein fremdes Element ist, sondern Teil der jahrhundertealten gemeinsamen Kärntner Geschichte.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der linguistischen Betrachtung der slavischen bzw. slowenischen Ortsnamen in Kärnten, enthält sich jedoch nicht eines kurzen Kommentars am Ende zu den jüngsten politischen Entwicklungen im Ortstafelstreit. Ein historischer Blick auf die Besiedlung des Alpenraumes gibt zu Anfang noch einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Kärntner Namenlandschaft.

2. Zur Kärntner Namenlandschaft

Qualifiziert man die Namen im heutigen Kärnten nach ihrer etymologischen Herkunft, lassen sich vier Gruppen bilden. Neben Namen slavischen oder deutschen Ursprungs stehen eine geringe Anzahl von Namen aus römischer und vorrömischer Zeit sowie die Gruppe der Übersetzungsnamen, bei denen der originäre Ursprung nicht mehr zu bestimmen ist, das heißt die Sprache, aus welcher die andere den Namen aufgegriffen und übersetzt hat. Namen dieser Gruppe sind entweder etymologisch slavisch oder etymologisch deutsch.

Das folgende Diagramm veranschaulicht die zahlenmäßige Verteilung dieser vier Gruppen. Quelle sind die Berechnungen von Pohl (POHL 2002, S.2), in welchen neben Siedlungsnamen auch Oronyme und Hydronyme eingeschlossen sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Die Besiedlung des Alpenraumes durch die Slaven

3.1. Die vorslavischen Namensschichten und die Anfänge der Besiedlung

Um die Entstehung der Kärntner Namenlandschaft mit ihren unterschiedlichen Schichten zu verstehen, ist es unerlässlich, einen Blick auf die Siedlungsgeschichte dieses Raumes zu werfen.

Als die Slaven in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts begannen, den östlichen Teil der Ostalpen zu besiedeln, fanden sie einen Raum vor, welcher nur recht spärlich besiedelt war. Die Langobarden, welche vorher in diesem Gebiet siedelten, hatten sich 568 in ihr Kernland Italien zurückgezogen. Mit ihnen zog ein Großteil der romanisierten illyrischen und keltischen Bevölkerung, auf deren vereinzelt Zurückgebliebenen die neuen Herrscher trafen und welche von ihnen rasch slavisiert wurden. Daran lässt sich der geringe Anteil von Namen aus römischen und vorrömischer Zeit erklären, welcher lediglich 3,6% ausmacht. Nur wenige Namen wurden von den neuen Siedlern übernommen.

Die erste indogermanische Schicht, welche sich namenkundlich nachweisen lässt und sich auf die frühere, nicht-indogermanische, onomastisch nicht mehr greifbare Schicht legte, ist die so genannte alteuropäische Schicht, welche sich in erster Linie in den Gewässernamen erhielt. In Kärnten finden sich aus dieser Schicht neben den Flüssen Gail und Gurk folgende Namen:

- dt. Lavant, sl. Labotnica, ma. Labot(a) < altsl. * labątъ < * albh - ‚ Fluss’ (ursprünglich ‚weiß’, s. genauer KRAHE, 1964, S.52)

- sl. Drava, dt. Drau < lat. Dravus < * droụos - ‚Flusslauf’, (ebenda, S.44 )

Die im 5. Jh. v. Chr. in den Alpen- und Donauraum eindringenden keltischen Stämme hinterließen die nächste Schicht von Namen, welche teilweise schwer von der vorherigen alteuropäischen zu differenzieren ist. Dies liegt unter anderem daran, dass Namen älterer Schichten meist durch die nachfolgenden Sprachen überliefern werden und den Sprachwandel dieser mit unterlaufen. Gesicherte Beispiele für Namen keltischen Ursprungs in Kärnten sind:

- dt . Glan, sl . Glana < kelt . glan ‚klar, rein, lauter’ (s. POHL 2000, S.117)
- dt . Guck, Guggenberg, Kuku < kelt . kukka ‚Gipfel’ (ebenda)
- dt . Kärnten, sl . Koroška < lat. carantanus < kelt . * karant- ‚Stein’ (ebenda, S.118, s. auch 84f.)

Während der Romanisierung der Region entstand eine keltoromanische Sprachform aus dem Vulgärlateinischen, welche diese Nahmen übernahm und zusätzlich einige wenige romanische Namen hinterließ, zu welchen u.a. der Bergname Egel (Villacher Egel, Spitz- egel) von lat. aculeus ‚Spitz(e)’ gehört (s. POHL 2000, S.118).

Die Besiedlung des Alpenraumes durch die Slaven fand nicht in einem geschlossenen Zug statt, sondern in mehreren Wellen einzeln vordringender slavischer Teilstämme, deren Anzahl auf zumindest zwei bestimmt werden kann. Darunter eine frühere westslavische Welle, welche nach 550 einsetzte und eine südslavische, welche von Ausmaß und Ergebnis nachhaltiger war und in die Zeit Ende des 6./Anfang des 7. Jahrhunderts fällt. Die Siedlungstätigkeit der Alpenslaven bestimmte ab diesem Zeitpunkt die Veränderung der Namenslandschaft, deren größten Anteil wie oben aufgeführt die slavischen Namen mit über 40 % ausmachen. Abbildung 2 zeigt das Vorkommen slavischer Ortsnamen in Österreich mit deutlicher Konzentration im Süden des Landes. Jedoch auch nördlich der deutsch-slavischen Isoglosse, welche sich zu Beginn der Neuzeit herausbildete, dokumentieren die immer noch häufig auftretenden Namen slavischen Ursprunges die Siedlungsgebiete der Alpenslaven.

Abb. 2

Ortsnamen slavischer Herkunft in Österreich (nach Kronsteiner)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2. Zur Herkunft der Ethnonyme Slowene/Slovenec, Winde, Kärntner

Liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auch auf den Siedlungsnamen, soll kurz ein Blick auf die verschiedenen Ethnonyme geworfen werden, welche für die Slaven im Alpenraum im Laufe der Geschichte auftraten.

Um 700 wurden die Alpenslaven zum ersten Mal nach ihrem als Carantana, Carantanum, Carantania bezeichneten Siedlungskernland Corantani, Corentani, Carantani, Carentani, Carintani (Karantaner) (siehe HISTORIKERKOMMISSION 1988, S. 14) benannt. Wie oben schon aufgezeigt, ist das Toponym keltischer Herkunft.

In zeitgenössischen Quellen findet sich die Bezeichnung Sclaveni (so bei dem gotischen Geschichtsschreiber Jordanes De origine actibusque Getarum, ca. 550 und in den Schriften von Procopius), Sclavani, Sclavi etc. für alle Slaven gemeinsam.

Die sich daraus entwickelte Eigenbenennung der heutigen Slowenen Slovenec, Pl. Slovenci ist erst 1550 bei Primoš Trubar schriftlich belegt, wahrscheinlich aber um ein vielfaches älter. Eine andere Bezeichnung für die Slaven, welches häufig von den Germanen gebraucht wurde und sich im heutigen deutschen Winden und auch Wenden erhalten hat, ist das Ethnonym Veneti, welches Jordanes neben der Bezeichnung Sclaveni demselben Volksstamm zuschreibt. In den antiken Quellen finden sich drei verschiedenen Stämme, welche als Veneti oder Venedi bezeichnet wurden, ob sie jedoch tatsächlich Slaven waren, ist fraglich. Aller Wahrscheinlichkeit nach übertrugen die Germanen das Ethnonym auf die Slaven, ohne das eine ethnische Übereinstimmung zwischen den ursprünglichen Trägern und dem neu betitelten Volk vorlag (s. SCHENKER 1996, S.3f.).

3.3. Das unabhängige Fürstentum der Karantaner

Anfang des 7. Jahrhunderts bildete sich in den Ostalpen ein unabhängiger Staat bzw. ein Staatengebilde (zum Begriff Staat in diesem Zusammenhang siehe KAHL 2002, S. 23f.) unter slavischer Herrschaft. Neben den langobardischen und bairischen Nachbarvölkern bestimmten vor allem die Auseinandersetzungen mit den Avaren, einem steppennomadischen Reitervolk unter dessen Vorherrschaft die Slaven in das Gebiet eingewandert waren, die politischen Ereignisse der Region. Das karantanische Staatsgebiet umfasste das gesamte heutige Kärnten sowie vermutlich Teile der Steiermark, Salzburgs, Osttirols sowie den heutigen Bezirk Slovenj Gradec im Norden Sloweniens (KAHL 2002, S. 416). Nicht alle Alpenslaven waren vom Fürstentum erfasst. So treten die Slaven des späteren Krain in den Überlieferungen unabhängig von den Karantanern unter dem Namen Carniolenses auf (vgl. KAHL 2002, S.415). Neben Slaven lebten auch andere ethnische Gruppierungen auf dem Staatsgebiet, deren genaue Zahl und Volkszugehörigkeit jedoch nicht mehr rekonstruierbar ist (KAHL 2002, S. 418).

Aus der Frühphase des Karantanenstaates ist aufgrund der dünnen Quellenlage nur wenig bekannt. So ist die slavische Bezeichnung für den Herrscher Karantaniens, welcher in lateinischen Quellen als dux auftaucht, nicht überliefert worden. Als einziger Hinweis dient hier der Ortsname Knežiče, deutsch Knasweg, welcher etymologisch auf knez zurückzuführen ist. Aufschluss über einen weiteren karantanischen Herrschaftstitel gibt der Ortsname Banja vas/Pfannsdorf, der auf den ursprünglich avarischen Titel des ban hinweist.

Das Ende der karantanischen Unabhängigkeit begann, als die Bedrohung durch die Avaren so groß wurde, dass Fürst Borut 745 die Baiern zur Unterstützung gegen die Feinde im Osten rief, worauf er gezwungen war, die fränkische Oberhoheit anzuerkennen. Seine Söhne Gorazd und Hotimir wurden als Geiseln nach Bayern geschickt und dort christlich erzogen. Als Hotimir schließlich 753 den Thron bestieg, begann die Christianisierung der Karantaner, gegen die sich jedoch eine innere Widerstandsbewegung bildete. Diese wurde ca. drei Jahre nach Hotimirs Tod 772 vom Baiernherzog Tassilo III. niedergeschlagen, was die endgültige Fußfassung des Christentums unter Fürst Vladun ermöglichte. (s. HISTORIKERKOMMISSION 1988, S. 15)

Der Verlust der letzen verbliebenen Souveränität und die Ersetzung des slavischen Fürsten durch einen bairischen Grafen erfolgte nach der Beteiligung Karantaniens am missglückten Aufstand von Fürst Ljudevit von Save-Kroatien 819-822. Nach mehreren territorialen Änderungen in den nächsten Jahrhunderten kam das Gebiet 1335 schließlich unter Habsburger Herrschaft.

Abb. 3 Alpenslawische Ansiedlung im 9. Jh. und das heutige Staatsgebiet der Republik Slowenien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Ein Paradebeispiel dafür ist die Publikation von Heinrich Schlifkowitz mit dem haarsträubenden Titel „Gab es jemals slawische Namen in Kärnten?“, welche im Kärntner Verlag M. Damböck erschien. Ein Blick auf die weiteren Schriften Schlifkowitzes, unter der sich u.a. ein Heft mit dem Titel „Gab es in Deutschland jemals Slawen?“ befindet, verdeutlicht den ideologischen Hintergrund des Verfassers und erübrigt eine weitere Beschäftigung mit ihm. Siehe dazu auch den Exkurs bei POHL 2000, S.15ff.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die slovenischen Ortsnamen Kärntens
Hochschule
Universität Regensburg
Veranstaltung
Hauptseminar Slavistische Namenskunde
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V48229
ISBN (eBook)
9783638449908
Dateigröße
1283 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ortsnamen, Kärntens, Hauptseminar, Slavistische, Namenskunde
Arbeit zitieren
Carolin Roeder (Autor), 2005, Die slovenischen Ortsnamen Kärntens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48229

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