In dieser Arbeit wird die Kontroverse um die Schulreform in Hamburg von 1949 (Einführung der Allgemeinen Volksschule als Einheitsschule durch die SPD; Rücknahme 1954 durch den Hamburg-Block) multiperspektiv aus Quellen des Hamburger Staatsarchivs (Zeitungsartikel, Protokolle, Entschließungen usw.) rekonstruiert und den Fragen nachgegangen, warum sie in Gesellschaft und Politik so starke Auseinandersetzungen hervorrief und schließlich schon nach wenigen Jahren scheiterte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Intentionen und Fragestellung
1.2. Methodisches Vorgehen
2. Der Einheitsschulentwurf der Hamburger Schulbehörde: Die ‚Allgemeine Volksschule’
3. Schulraumnot, Lehrermangel, Hunger und Obdachlosigkeit: Die richtige Zeit für eine Schulreform? - Hamburgs Schulwesen nach 1945
4. Die Hamburger Schulreform von 1949 im Meinungsstreit
4.1. Die Entwicklung und Beratung des Gesetzentwurfes in der Schulbehörde
4.1.1. Die Versammlung der Schulaufsichtsbeamten
4.1.2. Die Schuldeputation
4.2. Die Schulreform in der Kritik öffentlicher Verbände und Institutionen
4.2.1. Der Streit in der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens – Der schulpolitische / pädagogische Ausschuss und die Fachschaft höhere Schulen
4.2.2. Die Elternschaft
4.2.3. Die Universität Hamburg
4.2.4. Hamburger Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände
4.2.5. Die Kirchen
4.2.6. Andere Verbände
4.3. Schulpolitische Positionen der Parteien in der Hamburger Bürgerschaft
4.3.1. Die Christlich Demokratische Union (CDU)
4.3.2. Die Freie Demokratische Partei (FDP)
4.3.3. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)
4.3.4. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)
5. Der Wahlsieg des ‚Hamburg-Blocks’ 1953 – Restauration im Schulwesen?
5.1. Die Phase vor der Wahl und der Wahlkampf im Oktober 1953
5.2. Die Wiedereinführung der vierjährigen Grundschule - Das ‚Gesetz zur Ergänzung des Gesetzes über das Schulwesen der Hansestadt Hamburg vom 25. Oktober 1949’
5.2.1. Die Richtungsentscheidung nach der Wahl
5.2.2. Verhandlungen in der Deputation der Schulbehörde
5.2.3. Diskussion und Entscheidung über das Schulergänzungsgesetz in der Bürgerschaft
5.2.3.1. Die ablehnende Haltung der SPD und die Rechtfertigung des HB
5.2.3.2. Der Verlauf der Lesungen und die Abstimmung
5.3. Die Beurteilung des Ergänzungsgesetzes in der Hamburger Presse
6. Schluss: Zusammenfassung und Erkenntnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung um die Hamburger Schulreform zwischen 1949 und 1954. Das Hauptziel besteht darin, die Gründe für die Einführung der Einheitsschulidee durch die SPD 1949 sowie deren spätere Rückgängigmachung durch den sogenannten „Hamburg-Block“ nach dem Regierungswechsel 1953 zu analysieren.
- Entwicklung und Beratung des Hamburger Schulgesetzes von 1949
- Einfluss von Verbänden, Kirchen und Universität auf die Schulreform
- Positionen der politischen Parteien (SPD, CDU, FDP, KPD) zur Schulstruktur
- Rolle von Schulraumnot und Lehrermangel in der Nachkriegszeit
- Wahlsieg des „Hamburg-Blocks“ 1953 und die Restauration im Schulwesen
Auszug aus dem Buch
2. Der Einheitsschulentwurf der Hamburger Schulbehörde: Die ‚Allgemeine Volksschule’
Die Protagonisten einer Schulreform argumentierten auf verschiedene Weise für den Systemwechsel in der Schule. Vier Punkte können herausgearbeitet werden. Oberschulrat Schröder ging in der Denkschrift der Schulbehörde von 1949 auf diese Punkte ein. Dabei wandte er sich erstens gegen die Schule der wilhelminischen Gesellschaft. Sie war eine Schule „der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, die entsprechend der damaligen Klassenschichtung in zwei einander fremde Schulformen zerfiel, von denen die Volksschule die Kinder der großen Masse des Volkes aufnahm, während die höhere Schule mit ihrer Vorschule in der Regel nur von denjenigen Kindern besucht werden konnte, deren Eltern die Kosten der Ausbildung selbst tragen konnten.“
Die höhere Schule galt ihren politischen Gegnern als Standesschule, für deren Besuch nur die entsprechenden Kreise mit genügend Einkommen für Schulgeld und Lernmittel infrage kamen und durch die sich das Bürgertum das Bildungsprivileg für die einflussreichen und finanziell lukrativen Berufe und somit die Macht im Staat sicherte. Zudem seien in der höheren Schule nicht unbedingt die begabteren Schüler zu finden gewesen, sondern vor allem solche, die im Elternhaus genügend Unterstützung – und sei es durch teure Nach- oder Hausaufgabenhilfe – bekamen. Dieses Schulsystem gehörte zu den Angriffspunkten der Klassenkämpfer. In ihren Augen wurden durch die Ungerechtigkeit des Bildungswesen die gesellschaftlichen Schichten und Zustände zementiert, weil nicht die Leistung des Einzelnen, sondern nur seine soziale Herkunft über den Schulbesuch entschied. Dieses in Volks- und höhere Schulen getrennte Schulwesen sollte nun durch einen einheitlichen und organischen Aufbau ersetzt werden. Dabei würde vor allem eine verlängerte gemeinsame Grundschulzeit von sechs Jahren das gegenseitige Verstehen der verschiedenen Volksschichten fördern und Klassengegensätze abbauen. Der Schule wurde somit eine sozial-integrative Funktion zugesprochen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtet die Tradition der Schulreformen in Hamburg und legt die Intention sowie die Fragestellung der Arbeit dar.
2. Der Einheitsschulentwurf der Hamburger Schulbehörde: Die ‚Allgemeine Volksschule’: Erläutert die pädagogischen Beweggründe und Ziele hinter dem Entwurf der ‚Allgemeinen Volksschule‘ von 1949.
3. Schulraumnot, Lehrermangel, Hunger und Obdachlosigkeit: Die richtige Zeit für eine Schulreform? - Hamburgs Schulwesen nach 1945: Analysiert die schwierigen äußeren Rahmenbedingungen des Hamburger Schulwesens in der unmittelbaren Nachkriegszeit.
4. Die Hamburger Schulreform von 1949 im Meinungsstreit: Dokumentiert den parlamentarischen Prozess und die umfangreiche Kritik seitens Institutionen, Verbänden und Parteien am Entwurf von 1949.
5. Der Wahlsieg des ‚Hamburg-Blocks’ 1953 – Restauration im Schulwesen?: Untersucht den Regierungswechsel 1953 und die anschließende Rücknahme der Schulreform durch das Schulergänzungsgesetz.
6. Schluss: Zusammenfassung und Erkenntnisse: Reflektiert die Ursachen des Scheiterns der Schulreform und fasst die historischen Erkenntnisse zusammen.
Schlüsselwörter
Hamburger Schulreform, Einheitsschule, Allgemeine Volksschule, Hamburg-Block, Bildungsgeschichte, Nachkriegszeit, SPD, CDU, FDP, Grundschule, Schulpolitik, Lehrervertretung, Bildungsungerechtigkeit, Reformpädagogik, Schulergänzungsgesetz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung um das Hamburger Schulsystem im Zeitraum von 1949 bis 1954, insbesondere den Kampf um die Einführung und spätere Rücknahme der sechsjährigen Grundschule.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Zentrum stehen die Struktur des Schulsystems, die Rolle der verschiedenen politischen Parteien, die Einflüsse von Interessengruppen wie Verbänden, Kirchen und Universität sowie die Auswirkungen der materiellen Nachkriegsnot auf das Schulwesen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es zu analysieren, warum die sozialdemokratisch initiierte Schulreform von 1949 bereits vier Jahre später nach dem Wahlsieg des bürgerlichen „Hamburg-Blocks“ wieder rückgängig gemacht wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert fast ausschließlich auf einer regionalgeschichtlichen Analyse von Primärquellen aus dem Hamburger Staatsarchiv, darunter Sitzungsprotokolle der Schulbehörde, der Deputation und der Bürgerschaft sowie zeitgenössische Zeitungsberichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des ursprünglichen Einheitsschulentwurfs, die Analyse der äußeren Bedingungen nach 1945 sowie die detaillierte Nachzeichnung des Meinungsstreits um das Schulgesetz von 1949 und dessen Revision 1953/54.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „Einheitsschule“, „Allgemeine Volksschule“, „Restauration“, „Bildungsgerechtigkeit“ sowie der „Hamburg-Block“ als entscheidender politischer Gegenspieler der Reform.
Welche Rolle spielten die Hamburger Kirchen bei der Reform?
Die Kirchen waren vor allem am Religionsunterricht interessiert und lehnten eine rein „religionskundliche“ Basis ab. Sie übten erheblichen Druck auf die Schulbehörde aus, um einen christlich orientierten Religionsunterricht zu sichern.
Warum lehnte die Universität Hamburg die Reform ab?
Die Universität sah in der Reform eine Bedrohung für die wissenschaftliche Elitebildung und das humanistische Gymnasium. Sie argumentierte primär aus der Perspektive der höheren Schule und kritisierte die soziale Nivellierung.
Wie reagierte die Hamburger Elternschaft auf die Schulpläne?
Die Mehrheit der Eltern stand der sechsjährigen Grundschule ablehnend gegenüber, teils aus Tradition, teils aus Sorge um das Leistungsniveau und die Zukunftschancen ihrer Kinder im gegliederten Schulsystem.
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- Björn Böhling (Author), 2004, Die Auseinandersetzung um das Hamburger Schulsystem 1949-1954, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48236