Verträge und Vertrauen in der Automobilindustrie - Empirische Erkenntnisse und theoretische Überlegungen


Diplomarbeit, 2005

96 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit

2. Verträge und Vertrauen: Stand der empirischen Forschung
2.1 Theoretische Grundlagen und Forschungsansätze
2.1.1 Transaktionskostentheorie
2.1.2 Resource-Based View und Organizational Learning
2.2 Determinanten von interorganisationalen Geschäftsbeziehungen
2.2.1 Faktorspezifität
2.2.2. Unsicherheit
2.2.2.1 Umweltunsicherheit
2.2.2.2 Technologische Unsicherheit
2.2.3 Interdependenz
2.2.4 Bedeutung geistigen Eigentums
2.2.5 Lernen in interorganisationalen Geschäftsbeziehungen
2.3 Kontroll- und Koordinationsprobleme in interorganisationalen Geschäftsbeziehungen
2.3.1 „Appropriation Concerns”
2.3.2 „Coordination Concerns“
2.3.3 „Uncertainty Concerns“
2.4 Verträge und Vertrauen als Kontroll- und Koordinationsmechanismen
2.4.1 Dimensionen von Verträgen
2.4.2 Dimensionen von Vertrauen
2.4.3 Verträge und Vertrauen
2.4.3.1 Substitutive Beziehung von Vertrauen zu Verträgen
2.4.3.2 Komplementäre Beziehung von Verträgen und Vertrauen

3. Verträge und Vertrauen in der Automobilindustrie
3.1 Situation in der Automobilindustrie
3.1.1 Trends bei der Beschaffungs- und Kooperationsstruktur
3.1.2 Trends bei Entwicklungs- und Fertigungstiefen
3.1.3 Verhandlungsmacht und Substituierbarkeit der Produkte als zentrale Rahmenbedingungen
3.2 Verträge in der Automobilindustrie
3.2.1 Gegenstände vertraglicher Regelungen
3.2.1.1 Entwicklungsvereinbarungen
3.2.1.2 Zielvereinbarungen
3.2.1.3 Know-how-Schutz
3.2.1.4 Haftungsregelungen
3.2.1.5 Konfliktlösungsmechanismen
3.2.2. Anwendung von Verträgen
3.2.2.1 Juristische Einordnung der Regelwerke
3.2.2.2 Praktische Implikationen im Streitfall
3.3 Vertrauen in der Automobilindustrie
3.3.1 Vertrauensbildende Maßnahmen
3.3.1.1 Zertifizierung
3.3.1.2 Aufbau von Vertrauen
3.3.2 Partnerschaftskultur
3.3.2.1 Machtasymmetrien zwischen Hersteller und Zulieferer
3.3.2.2 Abhängigkeiten und Commitmentbildung
3.3.3 Praktische Bedeutung von Vertrauen in der Automobilindustrie

4. Vier Fallszenarien zum Verhältnis von Verträgen und Vertrauen
4.1 Szenario A: Geringe Herstellermacht, hohe Substituierbarkeit der Zulieferleistungen
4.2 Szenario B: Geringe Herstellermacht, geringe Substituierbarkeit der Zulieferleistungen
4.3 Szenario C: Hohe Herstellermacht, geringe Substituierbarkeit der Zulieferleistungen
4.4 Szenario D: Hohe Herstellermacht, hohe Substituierbarkeit der Zulieferleistungen

5. Resümee

Anhang: Aktuelle Forschungsergebnisse

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1: Beispiel für ineffiziente Kontrollmechanismen

Abbildung 2: Darstellung des Modells

Abbildung 3: Zulieferkategorien

Abbildung 4: Vier Fallszenarien in der Automobilbranche

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Verträge und Vertrauen waren in den letzten Jahren immer wieder Bestandteil der Organisationsforschung1 . Eine der diskutierten Fragen ist, ob Verträge und Vertrauen dabei als funktional äquivalente Mechanismen zu betrachten sind.

Die Automobilindustrie sah sich in den letzten Jahren aufgrund fortschreitender Globalisierung umfassenden Konzentrationsprozessen und schnellem technologischen Fortschritt großen Veränderungen ausgesetzt. Nur noch etwa zehn selbständig agierende Automobilhersteller2 teilen sämtliche Marken und Märkte unter sich auf3 . Schnelle technologische Entwicklungen und die Besinnung auf Kernprozesse haben dazu geführt, dass mittlerweile ein großer Teil der Wertschöpfung und Entwicklung am Endprodukt von den Zulieferern geleistet wird. Gerade vor dem Hintergrund verschobener Kräfteverhältnisse in der Automobilindustrie muss die Beziehung vom „weichen“ Konstrukt Vertrauen zur formellen Vertragsgestaltung untersucht werden. Die Hersteller verfügen aufgrund von Konzentrationsprozessen über eine erhöhte Einkaufsmacht. Gleichzeitig haben sich innerhalb der Zulieferbranche aufgrund des erhöhten Bedarfs an kompletten Systemlösungen so genannte „Megazulieferer“ gebildet, die, basierend auf Entwicklungs-Know-how und großem Umsatzvolumen, über eine ausgeprägte Marktmacht verfügen.

Vor diesem Hintergrund haben Aspekte einer kooperativen interorganisationalen Beziehungsgestaltung an Bedeutung gewonnen, wobei Verträgen und Vertrauen als Steuerungsinstrumente besondere Bedeutung zukommt.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Ziel der Arbeit ist es, einen ausführlichen Überblick über den aktuellen Stand der empirischen und theoretischen Forschung zu Verträgen und Vertrauen in interorganisationalen Geschäftsbeziehungen zu gewinnen. Für den Bezug zur Automobilindustrie sollen, ausgehend von den Dimensionen „Herstellermacht“ und „Substituierbarkeit der Zulieferleistungen“, die unterschiedlichen Ausprägungen und Bedeutungen von Verträgen und Vertrauen beispielhaft für verschiedene ZulieferAbnehmer-Beziehungskonstellationen dargestellt werden.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in fünf Kapitel. Nach Heranführung an die Thematik in Kapitel eins gibt Kapitel zwei einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu Verträgen und Vertrauen. Nach einer kurzen Darstellung der zugrunde liegenden Theorien sollen die Determinanten von Geschäftsbeziehungen und die sich daraus ergebenden Kontroll- und Koordinationsprobleme genauer erörtert werden. Eine kurze Darstellung und Erläuterung von Verträgen und Vertrauen, und ihre jeweiligen Beziehungen zueinander, schließt das Kapitel ab. Kapitel drei vermittelt einen kurzen Überblick über die aktuelle Situation in der Automobilindustrie und untersucht die jeweiligen Ausprägungen von vertraglichen Regelungen und Vertrauen. Im vierten Kapitel soll in vier Fallszenarien dargestellt werden, wie sich, anhand von vier typischen Zulieferer-Hersteller-Beziehungskonstellationen, unterschiedliche Ausprä-gungen von Verträgen und Vertrauen ergeben können. Kapitel fünf bildet mit einem Fazit zu den geleisteten Erkenntnissen den Abschluss der Arbeit.

2. Verträge und Vertrauen: Stand der empirischen Forschung

2.1 Theoretische Grundlagen und Forschungsansätze

2.1.1 Transaktionskostentheorie

Die Transaktionskostentheorie zählt zum Forschungsgebiet der Neuen Institutionen-ökonomik. Die Neue Institutionenökonomik - und insbesondere die Transaktions-kostentheorie - unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von der neoklassischen Theorie, in dem sie diese durch realistische Verhaltensannahmen, beispielsweise aus der Soziologie, ergänzt4 . Den Grundstein zur Transaktionskostentheorie legte Ronald Coase (1937) schon im Jahr 1937, als er mit seinem Aufsatz „The Nature of the Firm“ die Existenz und die Größe von Unternehmen zu erklären versuchte5 . Diese Überlegungen wurden insbesondere durch grundlegende Arbeiten von Williamson (1985) weiterentwickelt6 . Coase und Williamson sehen Firmen und Märkte als alternative Mittel der Koordination von Transaktionen7 , wobei Unternehmen, in der Theorie als Hierarchien bezeichnet, eine Koordinationsfunktion aufgrund von Macht- und Kontroll-befugnissen ausüben, und Märkte für die Koordination über den Preismechanismus stehen.

Die Literatur führt in ihren Beiträgen zur Transaktionskostentheorie an, dass jedes Problem, das als Vertragsproblem entsteht oder als solches darstellbar ist, unter dem Gesichtspunkt der Einsparung von Transaktionskosten untersucht und erklärt werden kann8 . In ihrer Betrachtung liegt der Fokus auf den Kosten, die, abhängig von der jeweiligen Organisationsform bei der Durchführung von Transaktionen entstehen9 . Ziel ist es, auf diese Weise die unterschiedlichen Organisationsformen des Leistungs- austausches hinsichtlich ihrer Effizienz zu beurteilen10 . Somit bietet die Transaktionskostentheorie die Möglichkeit, gewachsene Strukturen nicht nur statisch zu betrachten, sondern sie als dynamische Innovationen organisatorischer Art mit dem Ziel der Effizienzsteigerung aufzufassen.

Die Transaktionskostentheorie unterstellt, dass es unmöglich ist, sämtliche Ver-handlungstätigkeiten bei Transaktionen im Vorfeld abzuwickeln, erkennt jedoch das Vorhandensein von ex ante Anreizen an, Probleme im Vorfeld zu verhandeln und zu lösen. Eine Verhandlung im Vorfeld setzt die wirksame Funktion einer Gerichtsbarkeit voraus, was die Transaktionskostentheorie jedoch generell in Frage stellt11 . Daher liegt der Schwerpunkt der Betrachtung innerhalb der Transaktionskostentheorie auf den Problemen, die nach Vertragsabschluss in der Erfüllungsphase entstehen. Es wird angenommen, dass es während der gesamten Vertragslaufzeit zu weiteren Verhandlungen und eventuellen Leistungsjustierungen zwischen beiden Parteien kommt, wodurch außergerichtliche Regelungen und der Vertrag als solches ökonomische Relevanz erhalten12 . Diese Betrachtungsweise wird nur ermöglicht, da die Transaktionskostentheorie von begrenzt rationalem Verhalten aufgrund unvollständiger Informationen und möglichem opportunistischen Verhalten der anderen Akteure ausgeht. Opportunistische Verhaltensweisen von Individuen erweisen sich als wichtige und zentrale Punkte der Transaktionskostentheorie und bezeichnen die Verfolgung von Eigeninteressen unter Zuhilfenahme von List13 .

Eine Transaktion findet statt, wenn ein Transaktionsobjekt vom Wirkungskreis eines Akteurs oder Geschäftspartners in den eines anderen wechselt14 . Probleme und Konflikte bei der Durchführung von Transaktionen führen wiederum zu Transaktionskosten, die sich zu ex ante und ex post Transaktionskosten abgrenzen15 . Zu den ex ante Transaktionskosten zählen die Kosten im Vorfeld einer Transaktions- abwicklung, insbesondere Anbahnungskosten und Vereinbarungskosten16 . Anbahnungskosten beinhalten die Suche nach geeigneten Vertragspartnern, die zum Erbringen der gewünschten Leistung in der Lage sind. Die anschließend notwendige Informationsbeschaffung, z.B. über Vertrauenswürdigkeit, Leistungsfähigkeit und Konditionen sowie Informationsverarbeitung und -auswertung verursacht weitere Kosten17 . Für den Fall, dass die Leistung in der eigenen Unternehmung erbracht werden kann, entfallen diese Kosten, da innerhalb einer Organisation von einer transparenten Informationsverbreitung ausgegangen wird18 .

Vereinbarungskosten entstehen nach der Wahl eines geeigneten Vertragspartners. Es erfolgt eine Verhandlung über die einzelnen Vertragspunkte, welche unter Umständen mit erheblichen Kosten verbunden ist. Diese sind abhängig vom jeweiligen Umfang der Informationsprobleme, wie etwa Fragen bezüglich Qualität, Preis, Menge etc.19 . Vertragsverhandlungen binden insbesondere personelle Ressourcen, deren Kosten abhängig sind vom Umfang, der Art des Entscheidungsfindungsprozesses und der Dauer der Verhandlungen. Weitere Kosten liegen in der eventuellen Inanspruchnahme externer Berater und Institutionen, die der weiteren Absicherung dienen20 .

Ex post Transaktionskosten können in Kontrollkosten und Anpassungskosten unterschieden werden21 . Kontrollkosten umfassen diejenigen Kosten, die, nachdem eine Vereinbarung getroffen wurde, bei der Überwachung des vertraglich festgelegten Leistungsaustausches entstehen. Kontrollkosten können sowohl kaufmännischer (Controlling) als auch technischer (Qualitätskontrolle) Natur sein.

Ebenso lassen sich Anpassungskosten differenzieren, die entstehen, wenn während des Leistungsaustausches Änderungen eintreten. Diese Anpassungskosten können technischer Natur sein, etwa wenn es aufgrund technischer Neuerungen zu Nach-verhandlungen über die Leistungsart und -tiefe kommen kann. Allgemeiner gesagt können neue Informationen oder eine Änderung der relevanten Umwelt eine Justierung der vorhandenen Vereinbarungen nötig machen22 . Die möglicherweise resultierenden Konflikte bedürfen einer weiteren Verhandlung oder der Einschaltung von Schieds-stellen.

Die Transaktionskostentheorie beurteilt die Institutionen nach ihrer Vorteilhaftigkeit und Effizienz. Institutionelle Arrangements sind Markt, Hierarchie und eine hybride Form23 . Nach der Auffassung von Macneil (1978) unterscheidet die Theorie drei verschiedene Formen von Verträgen24 :

- Bei einzelnen, diskreten Transaktionen am Markt liegt die klassische Vertrags- auffassung zu Grunde. Für den klassischen Vertrag spielt die Identität der Vertragspartner keine Rolle. Der Vertrag enthält erschöpfende Regelungen, z. B. über Inhalt, Preis und Qualität, welche über die gesamte Laufzeit Gültigkeit haben. Genau beschriebene Rechtsmittel geben Auskunft über Konsequenzen bei Leistungsmängeln.
- Innerhalb einer Hierarchie werden Transaktionen durch relationale Verträge geregelt. Relationale Verträge bleiben systematisch unvollständig und geben nur einen Rahmen vor, innerhalb dessen sich die Partner bewegen25 . Kontinuierliche Änderungsbedürfnisse, beispielsweise technologischer Art, werden von Beginn an eingeplant. Dispute bei relationalen Verträgen werden intern beigelegt, Lösungen selbst erarbeitet und in Form von Erlassen erteilt26 . Transaktions-partner sind firmeninterne oder vertikal integrierte Organisations- oder Produktionseinheiten.
- Die hybride Form stellt eine Gestaltungsform dar, die sich zwischen den beiden Extremformen Markt und Hierarchie bewegt. Bei dieser Gestaltungsform handeln beide Transaktionspartner autonom voneinander, sind aber bilateral voneinander abhängig, d. h. die Wahl eines anderen Partners wäre kosten- und zeitintensiv. Bei der hybriden Form kommen Verträge neoklassischer Art zur Anwendung, die anpassungsfähiger und weniger starr als klassische Verträge sind. Eine private Schlichtungsinstanz übernimmt in Verträgen neoklassischer Art die Aufgabe der nachträglichen Überprüfung und Konkretisierung der Vertragsinhalte und ist dadurch in der Lage, Konflikte beizulegen27 . Diese private Instanz erweist sich aufgrund ihrer Flexibilität einer gerichtlichen Instanz überlegen28 .

2.1.2 Resource-Based View und Organizational Learning

Die Transaktionskostentheorie befasst sich hauptsächlich mit der Frage, warum ökonomische Aktivitäten innerhalb von Unternehmen getätigt, und nicht über den Markt abgewickelt werden.

Im Gegensatz dazu beschäftigt sich der Resource-Based View mit der Frage, warum eine ökonomische Aktivität innerhalb eines bestimmten Unternehmens getätigt wird29 . Der Fokus liegt auf den Ressourcen und Fähigkeiten, die es einem Unternehmen ermöglichen, Leistungen und Erzeugnisse günstiger oder besser auf den Markt zu bringen als ihre Konkurrenten. Das heißt, dass Wettbewerbsvorteile sich durch eine effizientere Handhabung und Steuerung der vorhandenen firmeneigenen Ressourcen - in der Produktion oder auf organisationaler Ebene - erzielen lassen30 . Firmen, die schwer imitier- und substituierbare, seltene und wertvolle Ressourcen und Fähigkeiten vereinigen, haben einen Vorteil gegenüber ihren Wettbewerbern31 .

Der Resource-Based View gibt mit seiner Betrachtungsweise implizit Strategien vor, die es Unternehmen ermöglichen sollen, Wettbewerbsvorteile zu erlangen oder zu halten: mit der Kontrolle über knappe Ressourcen oder Fähigkeiten. Diese Kontrolle soll über die Akquirierung von besonderen Wissensträgern, Wissensmanagement und einer Forcierung der Lernfähigkeit erreicht werden32 .

Betrachtet man also die Ressourcen und Fähigkeiten eines Unternehmens in einem Zeitrahmen, wird deutlich, welche Bedeutung dem organisationalen Lernen zukommt. Eine integrierte dynamische Betrachtung des Resource-Based View bietet der Ansatz der „dynamic capabilities“33 . Diese Betrachtungsweise untersucht die Fähigkeit eines Unternehmens, interne und externe Kompetenzen im Hinblick auf eine sich schnell verändernde Umwelt zu bilden, zu integrieren und anzupassen34 . Um wettbewerbsfähig zu bleiben, genügt nicht das Vorhandensein einer sich vom Wettbewerber abgrenzenden Kernkompetenz. In einer sich schnell wandelnden technologischen Umwelt sind der Ausbau vorhandener Kompetenzen und die Adaption neuer Ressourcen zu weiteren Kompetenzfeldern unerlässlich. Unternehmen können sich durch die Art der Koordination und Integration von Prozessen von anderen Firmen differenzieren und durch eine schnellere und reibungslosere Adaption neuer Technologien Wettbewerbs-vorteile erzielen.

Lernen ist ein Prozess, der durch Erfahrungen und Wiederholungen ermöglicht, zu bewältigende Aufgaben effektiver und effizienter zu erledigen. Lernprozesse innerhalb von Organisationen erfordern deshalb einen hohen Koordinationsaufwand, um neue Informationen und Technologien zu verarbeiten und zu integrieren. Lernerfolge stellen sich daher meist schrittweise und langsam ein. Individuelles und soziales Lernen kann neue Verhaltensweisen in Organisationen hervorbringen, die - sofern sie erfolgreich sind - als Routinen und Regeln zur Wissensverbreitung beitragen35 .

Organisationale Lernprozesse können aus vier Perspektiven heraus betrachtet werden36 : (1) Zum ersten können Unternehmen innerhalb von Allianzen etwas über eine erfolgreiche Beziehungsgestaltung lernen, um für zukünftige Beziehungen kooperative Strategien zu adaptieren. (2) Zweitens können Unternehmen etwas über ihren Partner lernen, um beispielsweise die Beziehung effektiver zu managen. (3) Zum dritten können Allianzpartner miteinander lernen, etwa um neue Geschäftszweige zu betreten oder neue Fähigkeiten zu entwickeln. (4) Die vierte Perspektive zeigt, wie Firmen von einem Partner lernen können, ihre eigenen Ressourcen mit fremdem Wissen aufzuwerten und in geeigneter Weise mit den Ressourcen des Partners zu kombinieren.

2.2 Determinanten von interorganisationalen Geschäftsbeziehungen

Ausgehend von den theoretischen Grundlagen sollen im folgenden Abschnitt die wichtigsten Determinanten dargestellt werden, die für interorganisationale Geschäftsbeziehungen37 von Bedeutung sind.

2.2.1 Faktorspezifität

Faktorspezifität („asset specificity“) ist eine der Kerndeterminanten der Transaktions-kostentheorie nach Williamson38 . Um Werte zu generieren, bedarf es von Seiten der an einer Geschäftsbeziehung beteiligten Unternehmen spezifischer Investitionen, die bei anderen Wert schöpfenden Tätigkeiten oder Transaktionen einen geringeren Wert haben39 . Verschiedene Formen von Faktorspezifitäten sind beispielsweise charakterisierend für Allianzen40 . Der Grad oder das Ausmaß der beziehungs-spezifischen Investitionen ist ein Maß für die Verwundbarkeit eines Vertragspartners gegenüber Opportunismus41 des anderen Vertragspartners. Der andere Vertragspartner wird - unter der Annahme streng opportunistischen Verhaltens - versuchen, sich zusätzliche Renten durch Ausnutzen seiner Verhandlungsposition zu verschaffen42 . Unternehmen setzen sich durch spezifische Investitionen selbst dem Risiko einer Wertenteignung durch den Vertragspartner aus.

Faktorspezifität kann aus verschiedenen Quellen hervorgehen. Speziell geschaffene physische Aktiva, so die gemeine Auffassung, werden geschaffen, um eine für eine Allianz oder Geschäftsbeziehung notwendige Tätigkeit ausführen zu können43 . Gerade in der Automobilindustrie, in der die meisten Teile speziell für einen Kunden gefertigt („customized“) werden, gibt es viele Aktiva dieser Art. Ein typisches Beispiel dafür wäre eine Presse für Karosserieteile für ein bestimmtes Fahrzeugmodel. Aber physische Aktiva können auch aufgrund ihrer geographischen Lage, oder aufgrund der Tatsache, dass Investitionen auf Geheiß eines bestimmten Kunden getätigt wurden, spezifischer Natur sein44 .

Faktorspezifität ist nicht limitiert auf eine physische Eigenschaft. Die Mitarbeiter, beziehungsweise Projektbeteiligten, entwickeln in der Regel spezielles Wissen, welches außerhalb dieser bestimmten Beziehung oder Allianz nicht von Nutzen ist. Dieses Wissen kann beispielsweise speziell entwickeltes technisches Vokabular, oder das Wissen um spezielle struktur- und ablaufverbessernde Maßnahmen beim Partner sein45 . Dieses Wissen lässt sich als Faktorspezifität beschreiben, da es außerhalb der Beziehung nicht anwendbar oder nicht von Nutzen ist.

Faktorspezifische Aktiva, ob in tangibler oder intangibler Form, stellen ein Hindernis bei der Bildung von Geschäftsbeziehungen oder Allianzen dar. Keine der beteiligten Parteien will sich bewusst dem inhärenten Risiko opportunistischer Verhaltensweisen aussetzen. Eine strukturierte Beziehungsgestaltung kann helfen, dieses Risiko zu minimieren. Steigende Faktorspezifität hat jedoch keinen Einfluss auf die vertragliche Komplexität innerhalb von interorganisationalen Geschäftsbeziehungen46 . Allerdings kann Faktorspezifität Abhängigkeiten erzeugen. Sie eröffnet einerseits die Möglichkeit zu opportunistischen Verhaltensweisen von Seiten des Partners, kann aber andererseits auch dazu dienen, den eigenen Wert dem Partner gegenüber zu erhöhen. Dieser eigene gestiegene Wert macht den Partner abhängig und reduziert den Anreiz zu opportunistischen Verhaltensweisen. Nooteboom et al. (2000) bezeichnen diese kausale Beziehung als „self-interested commitment“47 .

2.2.2. Unsicherheit

Unsicherheit ist eine der Determinanten von Geschäftsbeziehungen, die schon in Williamsons Werken außerordentliche Bedeutung fand48 . Unsicherheit kann zwei Ursachen haben. Zum einen kann die Häufigkeit von Störungen zunehmen, d. h. die Wahrscheinlichkeit unvorhergesehener Umstände steigt, zum anderen können die Störeinflüsse folgenträchtiger sein, d. h. ihre Konsequenzen sind für den jeweiligen Partner schwerwiegender. Gerade bei spezifischen Investitionen, die wenig Nutzen außerhalb der Geschäftsbeziehungen haben, ist dem Auftreten von Unsicherheit besondere Bedeutung beizumessen. Unternehmen versuchen bei Unsicherheit ihre Investitionen gegen unvorhergesehene Einflüsse abzusichern49 . Der Motor für den Gebrauch verschiedener hierarchischer Kontrollmodelle ist die Steuerung und Bewältigung von Unsicherheit50 . Unsicherheit soll im Folgenden weiter in Umwelt-unsicherheit und technologische Unsicherheit abgegrenzt werden.

2.2.2.1 Umweltunsicherheit

Umweltunsicherheiten entstehen infolge mangelnder Voraussicht gegenüber potentiellen Entwicklungen von Umweltfaktoren, wie etwa gesellschaftliche, politische oder Nachfrage bedingte Veränderungen des Marktes. Faktorpreise für Produktionsmittel können sich aufgrund einer vorübergehenden Knappheit am Markt oder aufgrund von Devisenschwankungen erhöhen. Gesellschaftliche oder politische Veränderungen können es einem Produkt erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen, sich am Markt durchzusetzen. Ein Beispiel wäre die aktuelle Diskussion über die Feinstaubbelastung in deutschen Großstädten51 , die zu Akzeptanzproblemen bei Dieselfahrzeugen ohne Rußfiltersysteme führte.

Durch Informationen über mögliche Veränderungen der Umweltzustände in der Zukunft kann Unsicherheit vermindert werden52 . Allerdings setzen die mit der Informationsbeschaffung verbundenen Kosten einer Prognose über zukünftige Umweltveränderungen Grenzen, so dass eine vollständige Überwindung der Umweltun-sicherheit nicht erreicht werden kann. Daraus resultierend besteht ein latenter Anpassungsbedarf der getroffenen Vereinbarungen, der bei Bedarf zu weiteren ex post Transaktionskosten führt53 . Komplexe, untergliederte Aufgaben führen zu erhöhter Unsicherheit, aufgrund von resultierenden Interdependenzen zwischen den einzelnen Unteraufgaben („subtasks“). Jeder einzelnen Unteraufgabe ist eine eigene Form von Unsicherheit oder Risiko inhärent, die sich gemeinsam auf die Gesamtaufgabe aufladen. Dadurch können Interdependenzen das Risiko exponentiell erhöhen. Diese Unsicherheiten oder Risiken können durch den Aufbau eines strukturieren Koordinations- und Kontrollsystems vermindert werden54 .

2.2.2.2 Technologische Unsicherheit

Unsicherheit kann auch eine sich schnell verändernde Technologie als Ursache haben55 . Ein hohes Maß an technologischer Unsicherheit kann beispielsweise Zulieferer davon abhalten, spezifische Investitionen zu tätigen. Sind mehrere technologische Systeme auf dem Markt konkurrierend, setzt sich der Zulieferer der Gefahr opportunistischen Verhaltens von Seiten der Hersteller aus, sofern er seine Investitionen in ein bestimmtes einzelnes technologisches System tätigt. Damit würden sich Machtasymmetrien ergeben. Die Hersteller hätten die Möglichkeit, bei Bedarf auf andere Systeme auszuweichen, und die Zulieferer würden sich der Gefahr der Enteignung potentieller Renten durch den Hersteller aussetzen.

Ein weiteres Problem entsteht bei der Evaluierung der Leistungen. Schnelle und ständige Erneuerungen der den Systemen zugrunde liegenden Technologien führen aufgrund fehlender Vergleichswerte zu Problemen bei der Gütemessung der zu erstellenden Leistungen. Das Bestreben beider Partner, trotz der Probleme die gewünschten Ziele möglichst genau zu konkretisieren, führt zu einer Ausweitung der vertraglichen Regelungen56 . Wechselnde technologische Bedingungen sollten daher indirekter Bestandteil der Vereinbarungen zwischen Transaktionspartnern sein, um beteiligten Akteuren die Möglichkeit der Adaption technischer Neuerungen zu bieten. Diese Flexibilität für Innovationen und Neuerungen muss aber aufgrund mangelnder Konkretisierung mit einem komplexen Geflecht aus Restriktionen und Bedingungen formuliert werden. Allgemeiner gesprochen führt technologische Unsicherheit zu gesteigerter vertraglicher Komplexität. Unsicherheit kann generell durch eine umfassende Informationsbeschaffung überwunden werden, die umfassenden Kosten würden aber eine rentable Beschaffung nicht möglich machen.

2.2.3 Interdependenz

Das Konzept der Interdependenz ist ein fundamentales Prinzip um die Kosten der Koordination von Organisationen zu bestimmen57 . Unternehmen versuchen mit der Etablierung von interorganisationalen Geschäftsbeziehungen ihre jeweiligen Ressourcen in einer für beide Seiten Wert steigernden Form zu kombinieren, und verfolgen die Absicht, Wettbewerbsvorteile zu erzielen58 . Die jeweiligen Partner bündeln ihre Ressourcen, bestimmen ihre jeweiligen Aufgaben und treffen eine geeignete Auswahl der beteiligten Arbeitskräfte. Durch die untergeordneten Aufgaben entsteht eine Interdependenz, die über die Grenzen der einzelnen Organisationen hinaus koordiniert werden muss. Interorganisationale Geschäftsbeziehungen können auch als eine Form der Koordination von interdependenten Aufgaben zwischen Partnern bezeichnet werden59 .

Das Ausmaß der erwarteten Interdependenz zwischen den Partnern zu Beginn einer Geschäftsbeziehung kann in hohem Maß variieren und hängt von den zu bewältigenden Aufgaben und dem beteiligten Mitarbeiterstab ab. Einerseits kann in einer interorganisationalen Geschäftsbeziehung nur ein kleiner Mitarbeiterstab mit geringem Anpassungsbedarf für den Informationsaustausch über den fortlaufenden Transaktions-prozess involviert sein. Andererseits kann ein komplexer, in seinen Aufgabenbereichen verzahnter Mitarbeiterstab beider Partner dauerhafte gegenseitige Anpassung erfordern. Je größer der Bedarf an gemeinsamen Entscheidungen und einer gemeinsamen Aufgabengestaltung ist, desto größer ist der Grad der Interdependenz60 .

Ein hoher Grad an Interdependenz stellt hohe Koordinationserfordernisse an die Aufgabenplanung und -steuerung des Managements. Hierarchische Kontroll-mechanismen im Sinne der Transaktionskostentheorie werden bei gestiegenen Anforderungen an einen funktionierenden Informationsfluss zwischen Transaktions-partnern als effektive Steuerungsinstrumente gesehen61 . Je größer die Anforderungen an die Koordination von Prozessen sind, und je höher der Bedarf nach gemeinsam gefällten Entscheidungen ist, desto höher ist der erwartete Grad der Interdependenz und die zu erwartenden Koordinationskosten innerhalb von interorganisationalen Geschäfts-beziehungen. Als Grad für das Ausmaß der Interdependenz werden als Terminologien die zusammengefasste, die sequentielle und die reziproke Interdependenz von Thompson (1967) genannt62 .

- Bei zusammengefasster Interdependenz erbringt jeder der Partner eine in sich abgegrenzte Leistung oder Ressource in die Beziehung ein und kann wiederum aus diesem Pool von Ressourcen bei Bedarf selbst Nutzen ziehen. Die Koordinationserfordernisse sind hierbei gering.
- Eine Zuliefer-Abnehmer-Beziehung stellt eine typische sequentielle Interdependenz dar. Ressourcen werden von einem Partner zum anderen transferiert, der Koordinationsaufwand ist charakterisiert durch die Herstellung und Sicherung von geeigneten Kontaktmöglichkeiten.
- Reziproke Interdependenzen benötigen den höchsten Koordinationsaufwand. Die Aktivitäten eines Partners sind der Input für weitere Aktivitäten des anderen. Die Steuerung des gesamten Transformationsprozesses erfordert einen komplexen Austausch von Informationen über viele Ebenen und während des gesamten Zeitablaufs. Beispiele für derartige interorganisationale Geschäfts- beziehungen wären solche, in denen komplementäre Technologien genutzt werden, gemeinsam der Innovationszeitraum verkürzt wird und beide Partner versuchen, ihre eigenen Kenntnisse aktiv zu verbessern63 .

2.2.4 Bedeutung geistigen Eigentums

Speziell in Geschäftsbeziehungen und Allianzen, in denen technologische Kom-ponenten Bestandteil des Transformationsprozesses sind, wird der Bedeutung geistigen Eigentums besondere Bedeutung beigemessen. Insbesondere in der Automobilindustrie wird von Zulieferbetrieben im Auftrag der Hersteller (Original Equipment Manufacturer - OEM) Forschung und Entwicklung (F&E) betrieben. Komplette Komponenten oder Systeme können Teil einer Entwicklungsvereinbarung sein. Gerade bei wichtigen F&E Vorhaben haben Informationsfluss und -transfer eine zentrale Bedeutung erlangt. Daher ist es nur eine konsequente Folge, dass der mögliche Missbrauch von geistigem oder proprietärem Eigentum, ausgehend von interorganisationalem Transfer, als das größte Risiko bei der Vertragsschließung erachtet wird64 . Ein Technologietransfer ist -zusätzlich zu seinem eigentlichen Sinn, dem Austausch von Gütern und Dienstleistungen - ein stillschweigender und impliziter Austausch von Informationen, denen auch Bestandteile geistigen Eigentums unterliegen können65 . Die jeweiligen Partner haben ein großes Interesse, den Informations- und Transformationsfluss möglichst reibungslos zu halten, jedoch besteht ein nicht minder großes Interesse daran, ihr jeweiliges geistiges Eigentum vor dem Zugriff und der Verwertung durch andere zu schützen.

Da ein Informations- und Technologieaustausch von beiden Partnern gewünscht und ökonomisch sinnvoll ist, besteht die Schwierigkeit in der Abgrenzung zwischen gewollter und unerlaubter Nutzung von geistigem Eigentum durch den Partner. Der jeweilige Gebrauch hängt von den genauen Umständen ab und ist daher nur schwer vertraglich zu spezifizieren66 . Es ist in Austauschbeziehungen mit technologischen Komponenten schwer zu differenzieren, abzugrenzen und zu überwachen, ab wann eine unerlaubte Nutzung von intellektuellem Eigentum stattfindet. Formal exakte Klauseln zu Nutzungsrechten sind im Hinblick auf eine sich schnell verändernde und unvorhersehbare technologische Umwelt schwer zu formulieren67 . Eine unerlaubte Enteignung oder ein Missbrauch von intellektuellem Eigentum kann für das betroffene Unternehmen einen großen Eingriff in seine wirtschaftliche Handlungsfähigkeit bedeuten68 .

Patente69 sind ein Mittel, unrechtmäßigen Gebrauch und Imitation zu unterbieten, führen jedoch nicht immer zum erwarteten Erfolg70 . Aurora/Ceccagnoli (2004) haben bei ihren Untersuchungen herausgefunden, dass für einen erfolgreichen Schutz von Innovationsrenten weitere Determinanten von Bedeutung sind. Eine Patentierung ist nur in wenigen Fällen alleinig Erfolg versprechend.

Ein weiteres Problem bei der Behandlung von intellektuellem Eigentum besteht, nach der Identifizierung, in seiner Quantifizierung. Sollten sich beide Partner darüber einig sein, dass eine Nutzung geistigen Eigentums stattgefunden hat (oder stattfinden soll), besteht immer noch das Problem der genauen Evaluierung. Aufgrund mangelnder Planbarkeit bei der Entstehung und der schweren Quantifizierung von intellektuellem Eigentum besteht ein Mangel an vertraglich genau festgelegten Vereinbarungen. Generell lässt sich feststellen, dass Unternehmen bei im Transaktionsprozess eingebundenem, intellektuellem Eigentum, zu einer hierarchischeren Form der Beziehungsgestaltung neigen, d.h. bei strategisch wichtigem oder besonders umfangreichen intellektuellem Eigentum sogar vertikal integrieren71 .

2.2.5 Lernen in interorganisationalen Geschäftsbeziehungen

Ansätze über das interorganisationale Lernen, ausgehend von einem ständigen Wissenstransfer zwischen beiden Parteien, fokussieren ihren Blick auf den Output. Produktinnovationen sind zum großen Teil Ergebnisse von Austauschbeziehungen zwischen Zulieferern und Abnehmern, in denen beide Partner Austauschroutinen von Wissen und Informationen entwickelt haben72 . Der Grad und das Ausmaß interorganisationalen Lernens hängen insbesondere davon ab, wie die jeweiligen Transaktionspartner mit den erhaltenen Informationen umgehen73 . Eine hohe Lernfähigkeit setzt demnach voraus, dass beide Partner interorganisationale Prozesse implementieren, die es ermöglichen, wertvolles Wissen zu erkennen, und, über die jeweiligen organisationalen Grenzen hinweg, zu transferieren. Interaktionsroutinen, die die Frequenz und die Intensität der sozio-technischen Interaktionen maximieren, sind daher Bestandteil der Lernfähigkeit von interorganisationalen Geschäftsbeziehungen und folglich Grundlage zur Erzielung von Wettbewerbsvorteilen durch Innovation74 .

Dieser Ansatz erklärt Veränderungen bei der Innovationsneigung, jedoch hat Lernen noch eine weitergehende Bedeutung zur evolutionären Veränderung bei interorgani-sationalen Beziehungen. Gerade bei längerfristigen Geschäftsbeziehungen ist eine Entwicklung in der Struktur zu beobachten, die nicht vollständig mit Veränderungen der technologischen Umwelt, den transferierten Gütern oder einer veränderten Risikoneigung der Partner erklärt werden kann. Schnelle Innovationsschritte innerhalb einer Branche können nur einen Teil dieser Beziehungsevolution erklären. Diese Beobachtungen legen den Schluss nahe, dass innerhalb von interorganisationalen Geschäftsbeziehungen, speziell im Hinblick auf eine möglichst effiziente Vertrags- und Beziehungsgestaltung, ein Lernprozess bei den Partnern stattfindet.75 . Diese Lernprozesse sind sukzessiver Natur und lokal begrenzt. Beide Parteien nehmen verschiedene mögliche Entwicklungen, Risiken und Fehlanpassungen nur langsam wahr und adaptieren diese nur zögerlich als Klauseln und Bestimmungen für ihr Vertragswerk76 . Mögliche Probleme und Eventualitäten werden nicht einkalkuliert, sondern erst nach negativen Erfahrungen in neue Verträge eingebunden.

Beide Parteien nutzen Verträge in zunehmendem Maß als Wissensdepot und Basis für Lernerfolge. Die so entstandenen Klauseln haben den Vorteil, dass sie im Gegensatz zu Informations- und Wissenstransfers über Memos oder oraler Kommunikation, sofortige rechtliche Bindungswirkung auf beide Parteien haben. Für jede Form von Lernen in interorganisationalen Geschäftsbeziehungen gilt, dass die Partner erfahren genug im Umgang miteinander sein müssen, um zu wissen, an welchen Stellen und Ebenen relevantes Wissen vorhanden ist, und wo beim jeweiligen Partner die kritischen Informations- und Wissenslücken liegen77 .

2.3 Kontroll- und Koordinationsprobleme in interorganisationalen Geschäftsbeziehungen

Die vorangegangenen Determinanten von interorganisationalen Geschäftsbeziehungen stellen im Kern die Faktoren dar, die bei interorganisationalen Geschäftsbeziehungen zu beachten sind. Eine umfassende Einbeziehung aller Determinanten führt jedoch zu Problemen, deren Bewältigung eine Herausforderung an das Management darstellt. Die auftretenden Kontroll- und Koordinationsprobleme sollen im folgenden Abschnitt dargestellt werden.

2.3.1 „Appropriation Concerns”

Das Konzept der „appropriation concerns“78 ist zurückzuführen auf die Transaktions-kostenökonomie. Wenn kollaborierende Unternehmen spezifische Investitionen tätigen, die wenig Alternativnutzen und folglich geringen alternativen Wert außerhalb der Partnerschaft haben, treten „appropriation concerns“ auf. Viele Geschäftsbeziehungen und Allianzen werden heutzutage gebildet, um gemeinsame Anstrengungen zur Erschaffung oder Ausschöpfung von Technologien zu verfolgen. Bei der gemeinsamen Wertschöpfung setzen sich die beteiligten Unternehmen der potentiellen Abschöpfung des eigenen, intellektuellen Kapitals durch den Partner aus79 . Daher versuchen Unternehmen, ihre Investitionen gegen Imitation und Reproduktion durch den potentiell opportunistischen Partner zu schützen.

Wenn Verträge aufgrund fehlender Spezifikationen unvollständig sind, steigt das Risiko, dass beide Parteien möglicherweise zu „moral hazard“ neigen80 . Beispielsweise kann der Inhaber einer wichtigen Technologie zu einem späteren Zeitpunkt, wenn Verträge schon spezifiziert sind, einen besseren Partner finden und auf Grund dessen weniger ausgereifte (oder inferiore) Technologie liefern als vertraglich festgelegt. Auf der anderen Seite kann der Empfänger die gelieferte Technologie in einer nicht im Vertrag festgelegten Art und Weise nutzen und modifizieren, so dass sie schädlich auf den Technologielieferanten wirken kann. Eine schädliche Wirkung erfolgt, wenn eine Modifikation in substitutiver Weise zur Technologie des Lieferanten steht und dessen Wettbewerbsposition schwächt.

„Appropriation concerns“ entstehen durch eine latent vorhandene Unsicherheit, kombiniert mit der Schwierigkeit, transferiertes Know-how und intellektuelles Eigentum genau zu spezifizieren und zu quantifizieren. Die Transaktionspartner sind in einer Geschäftsbeziehung in erster Linie darüber besorgt, dass sie einen fairen und entsprechenden Anteil, gemäß ihrer eingebrachten Leistung, an den zu erwartenden Renten bekommen81 . Die subjektive Betrachtungsweise und schwere Evaluierbarkeit eigener eingebrachter Leistungen verstärkt zusätzlich die Neigung zu „moral hazard“. Besondere Herausforderungen werden daher an die vertraglichen Kontroll-, Überwachungs- und Durchsetzungsfunktionen gestellt. Aus transaktionskosten-theoretischer Sicht sind besonders Überlegungen interessant, die untersuchen, welche

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1 Beispielsweise Apelt (1999), Bartelt (2002), Das/Teng (2001), Dekker (2004), Dyer/Chu (2000), Gulati (1995), Gulati/Singh (1998), Helper/Sako (1998), Klein Woolthuis/Hillebrand/Nooteboom (2003), Köster (2003), Lane/Bachmann (1996), Madhok/Mellewigt/Weibel (2004), Mayer/Argyres (2004), Reuer/Arino/Mellewigt (2004), Rooks/Raub/Tazelaar (2003)

2 Original Equipment Manufacturer (OEM).

3 o.V. (2005) und Roland Berger & Partner (2000), S. 16.

4 Vgl. Williamson (1990), S. 2 ff

5 Vgl. Coase (1937a)

6 Das 1985 erschienene Werk „The Economic Institutions of Capitalism“ komprimiert Williamsons Erkenntnisse zur Transaktionskostentheorie, in dem es seine bisherigen Ergebnisse systematisch zusammenfasst. Das Werk ist 1990 auch in deutscher Übersetzung erschienen (vgl. Williamsons (1990)).

7 Madhok (2002), S. 536.

8 Vgl. beispielsweise Williamson (1990), S. 20.

9 Vgl. Williamson (1990), S. 30.

10 Williamson (1990) spricht von einer „komparativen Institutionenanalyse“, S. 20.

11 Vgl. Williamson (1990), S. 32 f..

12 Vgl. Williamson (1990), S. 33.

13 Vgl. Williamson (1990), S. 49 ff..

14 Vgl. Hanke (1993), S. 6.

15 Vgl. Williamson (1990), S. 20ff.

16 Vgl. Adolphs (1996), S. 124.

17 Vgl. Hanke (1993), S. 7.

18 Hier kann sich ein möglicher Kritikpunkt anschließen. Gerade innerhalb von großen Organisationen besteht die Problematik der Installation eines effizienten und effektiven Knowledge-Transfer-Systems.

19 Vgl. Hempfling-Wendelken (1997), S. 41.

20 Vgl. Hanke (1993), S. 7.

21 Vgl. Hempfling-Wendelken (1997), S. 42.

22 Vgl. Hanke (1993), S. 8

23 Vgl. David/Han (2004), S. 40 f.

24 Vgl. Macneil (1978), S. 886 ff.

25 Vgl. Macneil (1978), S. 886 ff.

26 Vgl. David/Han (2004), S. 41.

27 Vgl Williamson (1990), S. 77 ff.

28 Vgl. Hanke (1993), S. 10.

29 Vgl. Madhok (2002), S. 537.

30 Vgl. Teece/Pisano/Shuen (1997), S. 513.

31 Vgl. Dyer/Singh (1998), S. 660.

32 Vgl. Teece/Pisano/Shuen (1997), S. 514

33 Siehe die Arbeiten von Teece/Pisano/Shuen (1997) und Helfat/Peteraf (2003).

34 Vgl. Teece/Pisano/Shuen (1997), S. 516.

35 Vgl. Nothhelfer (1999), S. 212.

36 Vgl. Inkpen (2002), S. 268 f.

37 Die Begriffe „Allianz“ und „interorganisationale Geschäftsbeziehung“ werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

38 Vgl. Williamson (1990), S. 34 ff.

39 Eine im Kundenauftrag entwickeltes Produkt kann so speziell sein, dass es für mögliche andere Kunden nur einen geringen oder gar keinen Wert hat. Auch die Produktionsmittel für die Entwicklung eines Kundenproduktes können von so spezieller Natur sein, dass sie außerhalb der Geschäftsbeziehung keinen Wert haben.

40 Vgl. Hoetker/Mellewigt (2004), S. 3.

41 Siehe Abschnitt 2.1.1.

42 Vgl. Williamson (1990), S. 36.

43 Vgl. Hoetker/Mellewigt (2004), S. 4.

44 Vgl. Williamson (1991), S. 281.

45 Vgl. Hoetker/Mellewigt (2004), S. 4.

46 Vgl. Reuer/Arino/Mellewigt (2004), S. 4.

47 Nooteboom et al. (2000), S. 118.

48 Vgl. Williamson (1990), S. 35 ff.

49 Vgl. Dekker (2004), S. 29.

50 Vgl. Gulati/Singh (1998), S. 783 f.

51 Vgl. o.V. (2005), Die unsichtbare Gefahr, in: Der Spiegel, 04.04.2005, Ausg. 14, S. 78 ff.

52 Vgl. Hempfling-Wendelken (1997), S. 44.

53 Vgl. Hanke (1993), S. 16.

54 Vgl. Gulati/Singh (1998), S. 784.

55 Vgl. Poppo/Zenger (2002), S. 709.

56 Vgl. Poppo/Zenger (2002), S. 709.

57 Vgl. Gulati/Singh (1998), S. 784.

58 Vgl. Dyer/Singh (1998), S.661.

59 Vgl. Dekker (2004), S. 30.

60 Vgl. Gulati/Singh (1998), S. 785.

61 Vgl. Dekker (2004), S. 30.

62 Vgl. Thompson (1967), S. 132 ff.

63 Vgl. Gulati/Singh (1998), S. 787.

64 Vgl. Clemons/Hitt (2004), S. 89.

65 Vgl. Oxley (1997), S. 388. Allgemein spricht man bei diesem impliziten Transfer von „tacit know- how“, z.B. Dyer/Sing (1998), S. 665, Arora/Ceccagnoli (2004), S. 4, Gulati/Singh (1998), S. 789. „Tacit know-how“ hat aber auch insbesondere eine Bedeutung bei der Verbreitung von Wissen in Allianzen (siehe Dyer/Singh (1998)).

66 Vgl. Gulati/Singh (1998), S. 788.

67 Vgl. Oxley (1997), S. 389.

68 Vgl. Clemons/Hitt (2004), S. 95.

69 Patente sind hoheitlich erteilte gewerbliche Schutzrechte, die ein zeitlich begrenztes ausschließliches Recht zur gewerblichen Nutzung eines technischen Verfahrens oder eines technischen Produktes gewähren.

70 Vgl. Arora/Ceccagnoli (2004), S. 2.

71 Vgl. Gulati/Singh (1998), S. 789.

72 Vgl. Dyer/Singh (1998), S. 664.

73 Cohen und Levinthal haben den Ausdruck der „absorptive capacity” verwendet, um die Fähigkeit einer Organisation zu umschreiben, Informationen zu erkennen, zu bewerten und zu assimilieren, und diese einem kommerziellen Zweck unterzuordnen: Cohen/Levinthal (1990), S. 128.

74 Vgl. Dyer/Singh (1998), S. 665.

75 Vgl. Mayer/Argyres (2004), S. 395.

76 Vgl. Mayer/Argyres (2004), S. 396.

77 Vgl. Dyer/Singh (1998), S. 665.

78 Vgl. Oxley (1997), Dekker (2004).

79 Vgl. Oxley (1997), S. 388.

80 Vgl. u.a. Oxley (1997), S. 392. Als „moral hazard” bezeichnet man die Gefahr einer Verhaltensänderung nach vermeintlichem Wegfall eines Risikos. Ursprünglich aus der Versicherungswissenschaft, wird der Begriff auch in der Ökonomie verwendet.

81 Vgl. Gulati/Singh (1998), S. 788.

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Verträge und Vertrauen in der Automobilindustrie - Empirische Erkenntnisse und theoretische Überlegungen
Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
96
Katalognummer
V48256
ISBN (eBook)
9783638450140
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verträge, Vertrauen, Automobilindustrie, Empirische, Erkenntnisse
Arbeit zitieren
Dominik Gertenbach (Autor), 2005, Verträge und Vertrauen in der Automobilindustrie - Empirische Erkenntnisse und theoretische Überlegungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48256

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