Die Wahrnehmung von Raumrelationen und die Interpretation raumrelationaler Äusserungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
29 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

EINLEITUNG

1. PRINZIPIEN DER RAUMAUFFASSUNG
1.1. FAKTOREN DER RELATUM-WAHL
1.2. AUFFASSUNG RÄUMLICHER RELATIONEN

2. ORIGO-INSTANZIERUNG
2.1. DAS INTRINSISCHE BEZUGSSYSTEM
2.2. DAS EXTRINSISCHE BEZUGSSYSTEM
2.3. DAS DEIKTISCHE BEZUGSSYSTEM
2.4. ORIGO-INSTANZIERUNG IM KONFLIKTFALL

3. ORIGO-WAHL UND SPRACHLICHER AUSDRUCK
3.1. MARKIERUNG DER ORIGO-WAHL
3.2. INTERPRETATION VON RAUMRELATIONEN

4. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Einleitung

Wenn man die Gegenstände in Abb.1 betrachtet und die räumlichen Relationen der Ob- jekte Auto und Ball aus der Betrachterperspektive (Strichmännchen) mit den Präpositionen vor/hinter bestimmten sollte, so gibt es dafür verschiedene Möglichkeiten. Der Betrachter kann sagen:

a) Der Ball ist vor dem Auto.

Das bedeutet, dass der Ball sich zwischen ihm und dem Auto befindet. Er nimmt die Rela- tionen von Ball und Auto aus seiner eigenen, egozentrischen bzw. deiktischen Perspektive wahr.

Der Betrachter kann aber auch sagen:

b) Der Ball ist hinter dem Auto.

Damit schreibt der Betrachter dem Auto eine objekteigene Rückseite zu, an deren horizontalen Verlängerung sich der Ball befindet, eben an der Rückseite des Objekts. Er betrachtet die Relation des Balls zum Auto aus der Perspektive des Autos.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Aus der Betrachterperspektive (Strichmännchen) kann der Ball sowohl vor dem Auto (egozentrische Perspektive) oder hinter dem Auto liegen (kanonische Perspektive).

Das Beispiel zeigt, dass Situationen existieren, in denen die selben Raumrelationen von Objekten einmal mit Objekt a steht vor b und genauso gut mit Objekt a steht hinter b angezeigt werden können. Probleme in Kommunikationssituationen gibt es dann, wenn der Sprecher eine Perspektive annimmt bzw. sprachlich ausdrückt, die der Hörer anders interpretiert. Man sollte davon ausgehen, dass Sprache so angelegt ist, dass solche Missverständnisse erst gar nicht auftreten. Die folgende Arbeit soll aufzeigen, dass das nicht der Fall ist. Vielmehr ist es so, dass Kommunikationsteilnehmern oft nicht bewusst ist, dass überhaupt verschiedene Perspektivmöglichkeiten existieren, die in Konflikt miteinander geraten können; dieser Konflikt wird oft nicht sprachlich markiert. Versuche von Joachim Grabowski haben dieses Problem behandelt; eine Auswahl dieser Versuche werde ich im dritten Kapitel erläutern.

Um das Problem der unterschiedlichen Auffassung von Raumrelationen beschreiben zu können, ist zunächst ein Überblick über die Determinanten der menschlichen Raumauffassung sinnvoll. Worin bestehen diese Determinanten?

Wir beschreiben Raumrelationen immer, in dem wir zwei Objekte zueinander in Relation setzten. Der Ball liegt vor dem Auto, der Baum steht hinter dem Haus. Die Beispiele zei- gen, dass dabei immer auf ein Objekt referiert wird, das bestimmte Eigenschaften besitzt. Welche Parameter spielen eine Rolle bei der Wahl eines geeigneten Referenzobjektes? Mit dieser Frage beschäftige ich mich im ersten Kapitel. Im Anschluss (Kapitel 1.2) sollen die allgemeinen Prinzipien der menschlichen Raumauffassung diskutiert werden. Wie konstituiert sich ein Raum? Wie werden Objekte wahrgenommen? Die sprachliche Be- schreibung von Raumrelationen wird an Hand von Präpositionen, Adverbien und Adjektiven vorgenommen, so dass wir sagen, ein Gegenstand a befindet sich vor/hinter , links/rechts ,über/unter (von) einem Gegenstand b. Bedingung für solche Aussagen ist, dass Objekte entsprechende Pole besitzen. Nach welchen Prinzipien werden Objekten solche Pole zugewiesen?

In diesem Zusammenhang werden auch die verschiedenen Möglichkeiten von Objektrelationen diskutiert. Objekte können aneinander angrenzen, ineinander enthalten sein, sich in der Nähe anderer Objekte befinden. Entsprechend der Varianz der Wahr- nehmung existieren verschiedene Möglichkeiten der sprachlichen Verdeutlichung.

Im zweiten Kapitel skizziere ich die verschiedenen Möglichkeiten der Beschreibung von Raumrelationen. Diese sind abhängig von der Beschaffenheit der Objekte, die in Relation zueinander gesetzt werden. Um Raumrelationen wahrnehmen und beschreiben zu können, dimensioniert der Mensch den Raum, die Raumachsen werden entweder durch Objekte konstituiert oder durch den betrachtenden Menschen selber. Ich werden in diesem Kapitel die verschiedenen Bezugssysteme diskutieren, an Hand derer Objektrelationen beschrieben werden können.

Abschließend stellt sich die Frage, welche Perspektive (egozentrische/ kanonische) in welcher Kommunikationssituation bevorzugt wird. Verschiedene Überlegungen zu dieser Frage werden in Kapitel 3 behandelt. Dabei beziehe ich mich vor allem auf die hörerseitige Interpretation sprachlicher Äußerungen über Objektrelationen und konzentriere mich dabei auf die Interpretation von Objektrelationen durch die Präpositionen vor und hinter.

1. Prinzipien der Raumauffassung

1.1. Faktoren der Relatum-Wahl

Anordnungen von Objekten in einem bestimmten Raum werden immer so ausgedrückt, dass die Position eines bestimmten Objektes relativ zur Position eines anderen Objektes beschrieben wird: Die Vase steht links neben dem Schrank, der Mülleimer steht hinter dem Haus, usw.. Die Position der Vase wird in Relation zu dem Schrank angegeben, die Position des Mülleimers dementsprechend in Relation zur Position des Hauses. Vase und Mülleimer wären in den vorliegenden Beispielen Zielobjekte oder intendierte Objekte, der Schrank und das Haus Referenzobjekte (nach Ehrich, 1985) oder Relatumobjekte (Grabowski, 1999). Für diese Arbeit werde ich durchgängig den Begriff Relatum für Objekte verwenden, auf die sich ein bestimmter Sprecher bei der Benennung von Raumrelationen bezieht. Die Begriffe Zielobjekt und intendiertes Objekt verwende ich synonym.

Nach welchen Prinzipien werden Zielobjekt und Relatum ausgewählt. Sollte man die Relationen eines Hauses und eines Gänseblümchens bestimmten, so würde man nicht sagen Das Haus steht hinter dem Gänseblümchen, sondern Das Gänseblümchen steht vor dem Hause. Joachim Grabowski geht von folgenden Grundannahmen aus:

„Das intendierte Objekt ergibt sich in der Regel aus dem situativen beziehungsweise diskursiven Kontext.; es ist das Objekt, das der Hörer sucht, auf das der Sprecher den Hörer hinweisen möchte oder dessen räumliche Position der Sprecher aus andere Gründen auszeichnen möchte. [...] In der Regel wählt der Sprecher [...] aus er Objektumgebung des Zielobjekts ein Objekt aus, von dem er annimmt, dass der Hörer dessen Raumposition kennt oder bestimmen kann und deshalb für die räumliche Verankerung des Zielobjekts überhaupt erst geeignet ist.“1

Grundvoraussetzung für das Relatum ist also, dass seine Position Sprecher und Hörer gleichermaßen bekannt ist, bzw. von beiden wahrgenommen werden kann.

Leonard Talmy2 hat für das Englische bestimmte Charakteristika für Zielobjekte und Relatumobjekte herausgearbeitet. Seine Ergebnisse lassen sich m.E. auf die deutsche Sprache ohne Einschränkungen übertragen. Talmy kommt zur der Auffassung, dass ein Relatum als solchen gewählt wird, weil es

a) weniger beweglich ist als das Zielobjekt (z.B. Das Fahrrad steht vor dem Baum. Das Fahrrad kann jederzeit fortbewegt werden, der Baum nicht).
b) größer ist als das Zielobjekt. (Die meisten Fahrräder sind kleiner als Bäume, es sei denn es handelt sich um einen jungen Baum.)
c) als geometrisch kompliziertere Konstruktion wahrgenommen wird, im Gegensatz zu Zielobjekten, die oft als Punkt abstrahiert werden können.
d) im Hintergrund steht, im Gegensatz zum intendierten Objekt, das den Vordergrund einnimmt (vgl. Figur und Hintergrund-Konzepte aus der Gestaltpsychologie z.B. bei

Metzger, 1954). Die Figur wird bevorzugt zum Zielobjekt, der Grund zum Relatum. (z.B. Der Brunnen steht vor der Mauer. Die Mauer ist der Grund, weil sie sich weiter ausdehnt als der Brunnen und im Hintergrund verläuft. Diese Annahme korrespondiert eng mit Annahme b), dass größere Objekte bevorzugt als Relatum gewählt werden.) Talmy gibt noch ein fünftes Charakteristikum an, dass jedoch eng in Zusammenhang steht mit Annahme a), der Beweglichkeit von Zielobjekten:
e) Das Relatum ist in der Regel dauerhaft an einem Platz verankert, es ist ortsstabil, und wird aus der Erinnerung kogniziert, während das Zielobjekt erst später in die Szene tritt und aus der aktuellen Wahrnehmung heraus erkannt wird. (z.B. Der Wal schwimmt hinter der roten Boje. Die Boje ist zwar wesentlich kleiner als der Wal, ist aber fest im Raum verankert.)

Insgesamt ergeben sich drei wesentliche Faktoren, nach denen die Wahl des Relatums ausfällt. Objekte, die mehr im Hintergrund stehen, nehmen bevorzugt die Rolle des Rela- tums ein, Zielobjekte stehen bevorzugt im Vordergrund (Figur/Grund-Konzept). Das grö- ßere Objekt wird bevorzugt als Relatum gewählt. Dabei ist von Vorteil, wenn das kleinere Objekt vor dem größeren Objekt positioniert ist, damit es perzeptuell zugänglich ist3. Ein dritter Faktor ist die Bewegung von Objekten. Relati sind meist ortstabil, Zielobjekte be- weglich. Weil die Position eines Relatums bekannt sein muss, so kommen m.E. als Rela- tumobjekte gerade solche Objekte in Frage, die gut kogniziert werden können. Ein Haus

kann leichter wahrgenommen werden als ein Gänseblümchen, das leicht zu übersehen ist. Je mehr der beschriebenen Charakteristika auf ein Objekt zutreffen, desto wahrscheinlicher ist seine Funktion als Relatum bzw. Zielobjekt; ein großes Objekt, das fest an einem Ort verankert ist und keine Bewegungseigenschaften hat, wird bevorzugt als Relatum gewählt.4

1.2. Auffassung räumlicher Relationen

Warum würde man intuitiv sagen, dass die Äußerung Das Auto steht neben Frankreich falsch ist, obwohl der Satz grammatikalisch korrekt ist? Auch die Prinzipien der RelatumWahl (s.o.) werden erfüllt: Frankreich ist erstens größer als das Auto und hat zweitens kaum Bewegungseigenschaften; es würde sich theoretisch als Relatum eignen, intuitiv würde ein Sprecher Frankreich als Relatum in diese Äußerungszusammenhang jedoch nicht einsetzten. Grund dafür ist, dass noch weitere Faktoren für die menschliche Raumauffassung und die Kognition von Objektrelationen eine Rolle spielen.

Um diese Gründe darzulegen, möchte ich kurz einige Determinanten der allgemeinen Raumauffassung darlegen. Ein Raum besteht aus Örtern. Ausgehend von der Frage, wie sich solche Örter konstituieren hat Joachim Grabowski insgesamt sieben Axiome5 der menschlichen Raumauffassung formuliert. Zunächst sind nur die ersten drei dieser Axiome relevant:

1. Ein Ort konstituiert sich aus einer zusammenhängenden Menge von Raumpunkten, so dass gesagt werden kann, dass weder eine leere Menge noch ein einzelner Punkt Ort darstellt.

2. Einzelne Objekte nehmen Örter ein, wobei ein Objekt zu einem bestimmten Zeitpunkt genau ein Ort einnimmt. Den Ort, den dieses Objekt einnimmt, ist sein Eigenort. Den Eigenort, den ein Objekt einnimmt, ist situations- und wahrnehmungsabhängig. Der Ei- genort eines Behälterobjektes umfassen in der Regel auch dessen Innenraum, das muss aber nicht immer so sein (Steht eine Schüssel aufrecht auf einem Tisch und in der Schüssel befinden sich Äpfel, so würde man sagen Die Ä pfel sind in der Schüssel; der Innenraum ist Teil des Eigenortes der Schüssel. Stellt man die Schüssel umgekehrt auf eine ebene Fläche und befindet sich darunter ein Apfel, so würde man vielmehr sagen Der Apfel ist unter der Schüssel; der Innenraum ist nicht Teil des Eigenortes der Schüssel.)

3. Objekte haben Regionen. Die Region ist die Umgebung des Objektes, wobei der Eigenort eine Teilmenge der Region ist. Für Regionen gilt, dass sie nicht symmetrisch sein müssen; so ist das, was wir auf den menschlichen Körper bezogen als vorne bezeichnen, für den Menschen eine größere Region, weil erstere sensorisch und perzeptuell besser zugänglich ist.

Die Zuschreibung von Regionen ist stark vom Kontext abhängig. Wenn jemand sagt

Hier bin ich zu Hause, dann ist die Region, die mit hier bezeichnet wird wesentlich kleiner als die Region, die mit hier in der Aussage Hier ist das Wetter sch ö n bezeichnet wird. Was wir als Umgebung eines Objektes bezeichnen ist im Weltwissen, in der menschlichen Erfahrung verankert; so ist die Region eines Fensters der Teil des Raumes, den es einnimmt, wenn wir es benutzten, es auf und zu machen, etc.. Zweitens konstituiert sich die Region situations- und wahrnehmungsabhängig. Be- trachtet ein Biologe einen Baum, so würde er auch dessen Wurzeln zur Region des Baumes zählen, betrachtet ein Spaziergänger einen Baum, so würde er wahrscheinlich nur den sichtbaren Teil des Baumes als dessen Region bezeichnen. Das bedeutet, dass zu einem anderen Zeitpunkt, in der Auffassung eines anderen Individuums ein Objekt eine andere Region einnehmen kann. Die Region, die ein Objekt zu einem be- stimmten Zeitpunkt in der Auffassung einer bestimmten Person einnimmt, nennt Grabowski Auffassungszeitpunkt.

„Wie schon bei den Eigenörtern von Objekten kann man im Rahmen der Grundlagen der menschlichen Auffassung nur konstatieren, dass Regionen ausgezeichnete Örter sind, ohne jedoch allgemein und sozusagen ein für allemal angeben zu können, wie sie beschaffen sind.“6

Die Region eines Ortes zu einem Auffassungszeitpunkt ist also nur empirisch nach- weisbar.

Jedes Objekt umfasst also zwei verschiedene Arten von Örtern, den Eigenort und die Region zu einem bestimmen Auffassungszeitpunkt7.

Der Mensch ist in der Regel mit dreidimensionalen Räumen konfrontiert, so dass jeder Punkt in einem Raum sechs benachbarte Punkte hat, wir bezeichnen diese als oben/ unten, hinten/ vorne, links/ rechts. Doch wie kommt die Auffassung und Benennung dieser Punkte zustande? Woher wissen wir, was unten ist oder vorne ? Joachim Grabowski und andere gehen davon aus, dass das System der menschliche Raumauffassung stark von anthropomorphen Prinzipien abhängig ist, d.h. dass der Mensch bei der Kognition von Räumen und Objekten sowie bei sprachlichen Äußerungen über Raumrelationen seine eigene Körpererfahrung zu Grunde legt. Der menschliche Körper ist asymmetrisch aufge- baut. Vorne ist der Raum, den wir mit den Händen am besten erreichen können, der am besten perzeptuell zugänglich ist, wir bewegen uns in der Regel und ohne Mühe nach vorne. Nach hinten können wir schlechter gehen, schlechter sehen, der Raum, der sich an unseren Rücken anschließt, ist im allgemeinen schlechter zugänglich. In Anlehnung an die menschliche Körpererfahrung konstituieren sich bestimmte Achsen. Eine erste Horizontale konstituiert sich in Anlehnung an die asymmetrischen Vorder- und Rückseite des menschlichen Körpers. Diese verläuft beim Menschen durch Schultern, Hüfte und Beine und teilt den Körper horizontal in hinten und vorne. Die entstehenden Seiten sind asymmetrisch, weil (s.o.) nicht beide Teile identisch sind - vorne haben wir Augen, Nase, Mund - und auch nicht symmetrisch einsetzbar sind.

Eine zweite Horizontale ergibt sich durch die zwei Seiten des menschlichen Körpers. Zwar ist die Asymmetrie zwischen linker und rechter Körperhälfte nicht so ausgeprägt wie die der 1. Horizontalen, die Neigung eines jeden Menschen, eher den rechten Arm oder den linken zu benutzen ist jedoch allgemein bekannt. Die Lage der inneren Organe, so liegt das Herz immer links, kann für die Bestimmung der 2. Horizontalen meiner Meinung nach nicht herangezogen werden, weil damit keine allgemeinen Körpererfahrungen einhergehen, es sei denn, jemand hätte ständig Herzschmerzen und würde so die linke Seite seines Kör- pers stärker wahrnehmen als seine rechte. Die 2. Horizontale teilt sich also dementsprechend so auf, dass wir als links bezeichnen, was mit der linken Hand besser zugänglich ist und das was wir sehen, wenn wir den Kopf nach links drehen. Mit der rech- ten Seite verhält es sich entsprechend.

Entsprechend dieser zwei Horizontalen weisen wir auch Tieren, anderen Menschen und unbelebten Objekten Pole zu, insofern diese Asymmetrien aufweisen. Die Vorderseite einer Puppe, einer Figur, eines Stofftieres lässt sich eindeutig identifizieren, indem man die 1. Horizontale aus der menschlichen Erfahrung auf diese Objekte überträgt. Auch Tieren werden so Vorder- und Rückseiten zugeschrieben. Vorne ist dort, wo ein Tier üblicher- weise hinblickt, vorne ist der Raum, in den es sich am besten hin bewegen kann8.

Rechts-links-Zuweisungen (2. Horizontale) werden nicht einheitlich vorgenommen.

Kleidungsstücken werden Seiten zugeschrieben, je nach dem wie sie im täglichen Gebrauch verwendet werden; so ist der rechte Ärmel eines Pullovers der, den wer über unseren rechten Arm ziehen würden, wenn wir den Pullover tragen würden; anders verhält es sich mit Vehikelobjekte, z.B. Autos. Auch diesen Objekten können aufgrund ihrer Asymmetrie Pole zugeschrieben werden. Ihr Hauptmerkmal ist die Eigenschaft, sich bewe- gen zu können. So werden ihnen Pole auf der Basis ihrer Bewegungseigenschaften zugeschrieben. Die Bewegungsrichtung konstituiert eine 1. Horizontale (eine Vorderseite/ Rückseite), auf deren Basis sich die Seiten nach anthropomorphen Gesichtspunkten bestimmen lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.2.1 Polzuweisung bei Vehikelobjekten

Anders verhält es sich bei Objekten, denen wir gegenüber stehen, wenn wir sie benutzen. Die Vorderseite eines Schrankes ist eindeutig, sie ergibt sich aus dem üblichen Gebrauch;

[...]


1 Grabowski, Joachim: “Kognitive Auffassung und sprachlicher Ausdruck”, Seite 35.

2 Vgl. Talmy, Leonard: „How Language Structures Space“, Seite 230 ff.

3 Das heißt nicht, dass nur solche Objekte Zielobjekte sein können, die perzeptuell zugänglich sind, ein Messer, das hinter den Ofen gerutscht ist, kann man durchaus als hinter dem Ofen befindlich benennen, der Sprecher muss eben nur wissen, dass es sich dort befindet. Bei Objekten, die kleiner sind und im Vordergrund, ist die Wahrnehmung beider Gegenstände dagegen nicht von einem solchen Faktor abhängig.

4 vgl. dazu auch Grabowski, Seite 36.

5 vgl. Grabowski, Seite 43 ff.

6 Grabowski, Seite 47.

7 In weniger expliziter Form hat auch Wolfgang Klein unter dem Begriff „Deictic Space“ die oben genannten Prinzipien der menschlichen Raumauffassung beschrieben. Was Grabowski mit den Begriffen Eigenort und Region bezeichnet, begreift Klein als topologische Struktur eines Raumes. Ein Raum wird so nicht als komplexes Gebilde mit all seinen Eigenschaften wahrgenommen, sondern in der menschlichen Wahrnehmung abstrahiert, er wird in ähnlicher Weise wie eine Landkarte abgespeichert, auf der sich bestimmte Landmarken befinden, z.B. Objekte. Erst durch das Abstrahieren eines Raumes in eine topologische Raumstruktur können Distanzen und Dimensionen in einem Raum wahrgenommen werden. Vgl. Klein, Wolfgang, „Deixis and Spatial Orientation“, Seite 290 ff.

8 Davon gibt es sicherlich Ausnahmen. Ein Krebs bewegt sich seitlich und doch schreiben wir ihm eine Vorderseite zu, die nicht mit seiner Bewegungsrichtung korrespondiert. Es gibt auch Tiere, deren Augen sich nicht vorne, sondern seitlich befinden, diese Tiere sehen dann Objekte, die sich seitlich von ihnen befinden besser als solche, die sich direkt vor ihnen befinden; das trifft z.B. für die meisten Fische zu. Trotzdem würden wir keine der beiden Seiten, zu der eine solches Tier besser sehen kann, als Vorne bezeichnen. Ich gehe also davon aus, dass es sich bei der Konstituierung der 1. Horizontalen um eine Abstraktion gängiger menschlicher Erfahrungen handelt. Dass bedeutet aber auch, dass diese Abstraktion nicht in allen auftretenden Fällen einleuchtet, so dass einem Gegenstand oder Tier eine Vorderseite auch dann in Anlehnung an den menschlichen Körper zugesprochen wird, wenn dafür die entsprechenden Merkmale fehlen oder nicht identisch sind. Das trifft in dieser Weise auch für die Konstituierung der 2. Horizontalen auf andere Lebewesen/ Objekte zu.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Wahrnehmung von Raumrelationen und die Interpretation raumrelationaler Äusserungen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V4831
ISBN (eBook)
9783638129510
Dateigröße
818 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrnehmung, Raumrelationen, Interpretation
Arbeit zitieren
Miriam Kruppa (Autor), 2002, Die Wahrnehmung von Raumrelationen und die Interpretation raumrelationaler Äusserungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4831

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