"The safest generalization that can be made about the history of western philosophy is that it is all a series of footnotes to Plato." Dieser Satz von Whitehead ist weithin bekannt und in der Tat, von Aristoteles bis Cicero, von Plotin bis Augustinus, von Machiavelli bis Nietzsche, von Popper bis Gadamer, kaum ein westlicher Philosoph, der nicht auf Platon bezug nähme. Im Zentrum von Rezeption und Diskussion stehen v.a. der „ideale Staat“ wie er in der Politea entwickelt wird und das Konzept der Ideen selbst, die „Ideenlehre“ als Kern der platonischen Philosophie.
Nach Aristoteles war es v.a. Heraklits Auffassung, dass alles in der Welt der Erscheinungen im Fluss sei, die Platon und später auch seine Anhänger nachhaltig prägte und zum Konzept der Ideen führte. Aristoteles Darstellung wird zwar kontrovers diskutiert, unbestreitbar scheint jedoch, was auch immer Platon zur Annahme der Ideen letztlich veranlasst haben mag, die Vorstellung einer veränderlichen Welt im Fluss ohne irgendetwas Beständiges, Ewiges, Unveränderliches, ist nicht spurlos an ihm vorrübergegangen. Im Dialog Kratylos etwa lässt er Sokrates sagen: „Ja es ist nicht einmal möglich zu sagen, dass es eine Erkenntnis gebe, wenn alle Dinge sich verwandeln und nichts bleibt…und von diesem Satze aus gibt es weder ein Erkennendes noch ein zu Erkennendes. Ist aber immer das Erkennende und das Erkannte, ist das Schöne, ist das Gute, ist jegliches Seiende, so scheint mir dies, wie wir es jetzt sagen, gar nicht mehr einem Fluss ähnlich oder einer Bewegung. Ob nun dieses sich so verhält oder vielmehr so, wie Herakleitos mit den Seinigen und noch viele andere behaupten, das mag wohl gar nicht leicht sein, zu untersuchen.“
Mit der Annahme von ewigen und unveränderlichen Ideen hinter den Erscheinungen suchte Platon einen Ausgleich zu schaffen, einen Ausgleich zwischen Heraklit und Parmenides. Die platonische Welt der Erscheinungen, in der sich alles in Veränderung befindet, wird von Heraklit bestimmt. Das feste Sein, an das Parmenides geglaubt hatte ("Mir ist das Sein das allen (Seienden) Gemeinsame. Von wo ich auch beginne, immer wieder komme ich darauf zurück."), findet dagegen Eingang in die Ideenlehre.
Eine solche Hypothese wie die „Ideenlehre“ birgt in sich zwangsläufig eine Reihe von Problemen. Die wichtigsten dieser Probleme zu benennen und zu diskutieren, ist Ziel dieser Arbeit. Dabei soll insbesondere das Problem des ‚Dritten Menschen’ näher untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Ideen und Erscheinungen
2.1.1. Aristoteles und das ‚Chorismos-Problem’
2.1.2. Parmenides und der ‚Dritte Mensch’
2.1.3. Timaios und die ‚Chôra’
2.2. Die Idee des Guten und die Hierarchie der Ideen
3. Diskussion
4. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale platonische Ideenlehre hinsichtlich ihrer inneren philosophischen Probleme, mit besonderem Fokus auf das Verhältnis zwischen Ideen und Erscheinungen sowie der logischen Konsistenz der Ideen zueinander. Ziel ist es, insbesondere das Problem des ‚Dritten Menschen‘ im Parmenides-Dialog kritisch zu analysieren und zu prüfen, ob Platon diese Aporien als Scheitern seiner Lehre oder als notwendige Auseinandersetzung betrachtete.
- Analyse des ‚Chorismos-Problems‘ und der Teilhabe (Methexis) der Einzeldinge an den Ideen.
- Kritische Untersuchung des ‚Dritten Menschen‘-Arguments und der damit verbundenen Problematik des unendlichen Regresses.
- Untersuchung der Rolle der ‚Chôra‘ im Timaios als Vermittlungsinstanz zwischen Ideenwelt und sinnlicher Welt.
- Hierarchisierung der Ideen mit Fokus auf die Bedeutung und Sonderstellung der Idee des Guten.
- Diskussion der aristotelischen Kritik an der Ideenlehre und der Frage nach Platons eigener Haltung zu den Aporien seines Spätwerks.
Auszug aus dem Buch
2.1.2. Parmenides und der ‚Dritte Mensch’
Mit dem ‚Dritten Menschen’, den Aristoteles erwähnt, wird im allgemeinen auf folgende Textstelle im Parmenides bezug genommen (Parmenides spricht zu dem jungen Sokrates): „Wenn es doch offenbar viele grosse Dinge gibt, dann scheint Dir vielleicht, wenn man auf die alle hinblickt, ein und dieselbe Idee vorzuliegen. Deswegen nimmst Du an, dass das Grosse eines ist…Wie ist es aber nun mit dem Grossen selbst und den anderen grossen Dingen? Wenn Du in gleicher Weise auf sie alle im Geiste blickst, wird dann nicht wiederum ein einziges Grosses sich zeigen, durch das diese alle gross erscheinen?...Noch eine andere Idee der Grösse also wird da sichtbar vor uns stehen, die sich neben der Grösse selbst und den an ihr Teilhabenden eingestellt hat. Und nochmal wird sich an allen diesen zusammen wieder ein anders sichtbar vor uns zeigen, durch das alle diese grossen gross sind. Und dann wird es überhaupt nicht mehr die eine Idee geben, sondern unzählig viele.“ Es scheint hier also zu einem unendlichen Regress zu kommen und damit zu einer unendlichen Anzahl von Ideen.
In seinem 1954 erschienenen Artikel The Third Man Argument in the Parmenides schreibt Gregory Vlastos die beiden Teile dieses Argumentes – die er als (A1) und (A2) bezeichnet - formal um. (A1): „If a number of things, a, b, c, are all F, there must be a single Form, F-ness, in virtue of which we apprehend a, b, c, as all F.” Und (A2): “If a, b, c, and F-ness are all F, there must be another Form, F1-ness, in virtue of which we apprehend a, b, c, and F-ness as all F.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in den historischen Kontext der Ideenlehre ein und erläutert Platons Beweggründe zur Annahme einer Welt jenseits der Erscheinungen, wobei insbesondere der Einfluss Heraklits beleuchtet wird.
2. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in drei zentrale Themenbereiche: die Problematik der Teilhabe von Einzeldingen an Ideen, das berühmte ‚Dritte Mensch‘-Argument als Herausforderung der logischen Konsistenz und die Funktion der ‚Chôra‘ als Vermittlerin.
2.1. Ideen und Erscheinungen: Hier wird das Verhältnis zwischen der sichtbaren Welt und der Welt der Ideen erörtert, wobei die Frage nach der Trennung (Chorismos) zwischen diesen beiden Seinsbereichen im Vordergrund steht.
2.1.1. Aristoteles und das ‚Chorismos-Problem’: Dieses Kapitel widmet sich der aristotelischen Kritik an Platons Teilhabe-Begriffen (Methexis, Parousia, Koinonia) und der daraus resultierenden Problematik der Weltverdopplung.
2.1.2. Parmenides und der ‚Dritte Mensch’: Der Fokus liegt auf der Analyse des unendlichen Regresses, der entsteht, wenn die Idee der Grösse selbst Teil ihrer eigenen Prädikation wird, und der daraus folgenden wissenschaftlichen Debatte.
2.1.3. Timaios und die ‚Chôra’: Dieses Kapitel untersucht, wie Platon in seinem Spätwerk mittels des Demiurgen und der ‚Chôra‘ als Raum-Medium versucht, die Verbindung zwischen der Ideenwelt und der sinnlichen Welt zu erklären.
2.2. Die Idee des Guten und die Hierarchie der Ideen: Hier wird die Stellung der Idee des Guten als Ursache für Erkenntnis und Sein analysiert sowie die aristotelische Kritik an der Einheitlichkeit des Guten betrachtet.
3. Diskussion: Das abschließende Kapitel diskutiert die Relevanz der Aporien, hinterfragt den Status der Ideenlehre in Platons Gesamtwerk und beleuchtet die unterschiedlichen Forschungsmeinungen bezüglich einer vermeintlichen Selbstkritik Platons.
4. Literatur: Dieses Verzeichnis listet sämtliche primäre und sekundäre Quellen auf, die für die Analyse der platonischen Ideenlehre und des ‚Dritten Menschen‘ herangezogen wurden.
Schlüsselwörter
Platon, Ideenlehre, Dritter Mensch, Parmenides, Aristoteles, Teilhabe, Methexis, Chorismos, Chôra, Idee des Guten, Unendlicher Regress, Gregory Vlastos, Ontologie, Dialektik, Erkenntnistheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Hausarbeit widmet sich einer kritischen Untersuchung der platonischen Ideenlehre unter besonderer Berücksichtigung der inhaltlichen Hauptprobleme und der logischen Aporien, insbesondere des ‚Dritten Menschen‘-Arguments.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den zentralen Feldern zählen das Verhältnis zwischen Ideen und sichtbaren Erscheinungen, die logische Konsistenz der Ideen-Prädikation, die Rolle der ‚Chôra‘ als Vermittlungsinstanz und die hierarchische Stellung der Idee des Guten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die interne Kohärenz der Ideenlehre zu prüfen und zu analysieren, ob Platon selbst die im Parmenides-Dialog aufgezeigten Probleme als unüberwindbare Krisen oder lediglich als Herausforderungen betrachtete.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-analytische Methode, die sich auf die Exegese platonischer Dialogtexte sowie die Auseinandersetzung mit bedeutenden Sekundärquellen der Platon-Forschung stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das ‚Chorismos-Problem‘, das ‚Dritte Mensch‘-Argument anhand formaler Logikansätze von Vlastos und Sellars sowie die ontologische Bedeutung der Idee des Guten und der ‚Chôra‘.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Teilhabe (Methexis), unendlicher Regress, Ideenwelt, Erscheinungswelt, Parmenides-Dialog und ontologische Hierarchie geprägt.
Wie bewertet der Autor Platons Umgang mit den aufgezeigten Aporien im Spätwerk?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Platon Schwierigkeiten mit den logischen Konsequenzen hatte, jedoch bis an sein Lebensende an der Ideenlehre festhielt und die Probleme eher als ernste Denkanstöße denn als fatalen Bruch mit seinem System verstand.
Warum spielt die aristotelische Kritik eine so zentrale Rolle?
Die Kritik des Aristoteles dient in dieser Arbeit als wichtiger Kontrapunkt, um die Schwachstellen des platonischen „Chorismos“ sowie die Unzulänglichkeit einer universalen „Guten“-Idee aufzuzeigen, was den philosophischen Diskurs über das Universalienproblem maßgeblich prägte.
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- Dr.rer.nat., M.A., PhD Christian Grimm (Author), 2005, Die Platonische Ideenlehre - Analyse ihrer Hauptprobleme unter besonderer Berücksichtigung des 'Dritten Menschen', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48324