„Die Vermutung ist ausgesprochen worden, daß unterschiedliche Sprechweisen (forms of spoken language) mit der Organisation besonderer sozialer Gruppen zusammenhängen. Linguistische Unterschiede - und hiermit sind keine Dialektformen gemeint - finden sich in der alltäglichen sozialen Umwelt, und soziale Schichten können durch ihre Sprechweisen (forms of speech) unterschieden werden.“ Mit dieser Einleitung zu seinem Aufsatz über den Zusammenhang von Sprache und sozialer Schicht hat Bernstein das beschrieben, was später die Basis der Defizit-Hypothese werden sollte: Nämlich die Tatsache, dass es einen grundlegenden Unterschied in der Realisierung von Sprache gibt zwischen Sprechern der so genannten Arbeiterschicht und der Mittelschicht. Diese Realisierung geht ihrerseits einher mit bestimmten lexikalischen und syntaktischen Merkmalen, die Bernstein später zu der dichotomen Einteilung in die Kategorien „restringiert“ und „elaboriert“ veranlasste, da sich die Sprache der Mittelschicht durch eine gewisse „Wohlorganisiertheit“ auszeichnet, wohingegen sich die Sprechweise der Arbeiterschicht im direkten Vergleich als verbal eingeschränkt erweist. Die Folge dieser Beschränkung sei schließlich eine nur begrenzte soziale Mobilität, da ein Mitglied der restringierten Sprachgemeinschaft mit seiner Sprechweise von den Angehörigen der vergleichsweise höheren Schicht nicht anerkannt und entsprechend an dieser Barriere scheitern wird. Die folgende Ausarbeitung wird sich schwerpunktmäßig mit der Konzeption von Bernsteins Defizit-Hypothese auseinander setzen, die heute noch zu den elementaren, wenn auch viel kritisierten Forschungsansätzen der Soziolinguistik zählt und deren Rezeption vor allem in den 60er und 70er Jahren für eine Vielzahl von gesellschaftspolitischen Kontroversen sorgte.
Der erste Teil der Arbeit wird sich zunächst mit der Entwicklung der Code-Theorie auseinander setzen und einen Überblick darüber geben, in welcher Weise Bernstein die Unterteilung der Gesellschaftsstruktur in zwei Schichten vorgenommen und wie er die beiden konstitutiven Codes im Hinblick auf die Schichteinteilung definiert hat. Der zweite Teil wird sich schließlich mit der Sozialisation als bestimmenden Faktor bei der Entstehung schichtspezifischer Codes beschäftigen und auf die Rolle eingehen, die die Organisationsstruktur einer Familie bei der Entwicklung von unterschiedlichen Sprechweisen spielt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklung der Code-Theorie
2.1. Ältere Forschungsansätze
2.2. Einteilung der Schichten bei Bernstein
2.3. Unterscheidung von elaboriertem und restringiertem Code
3. Sozialisation als Determinante bei der Herausbildung schichtspezifischer Codes
4. Die Entwicklung von Sprechcodes anhand familientypischer Rollensysteme
5. Der gesellschaftspolitische Ansatz der Defizit-Theorie
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Bernsteins Defizit-Hypothese und den Zusammenhang zwischen sozialer Schichtung, Sprachentwicklung und gesellschaftlichen Erfolgsaussichten. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern die Verwendung des sogenannten "restringierten Codes" durch Sprecher aus der Unterschicht eine soziale Barriere darstellt und als Ursache für gesellschaftliches Versagen in einer mittelschichtorientierten Gesellschaft interpretiert werden kann.
- Bernsteins Code-Theorie und ihre soziolinguistischen Grundlagen
- Sozialisationsprozesse in der Familie als Determinante für Sprechweisen
- Die Dichotomie zwischen "elaboriertem" und "restringiertem" Code
- Gesellschaftspolitische Implikationen und Kritik der Defizit-Hypothese
Auszug aus dem Buch
2.1. Ältere Forschungsansätze
Der Gedanke, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen über nur begrenzte sprachliche Fertigkeiten verfügen, ist kein Novum, das auf Bernstein zurückgeht. Bereits 1955 hatten Leonard Schatzmann und Anselm Strauss diese These aufgestellt, die auf eine empirische Untersuchung des Sprachverhaltens von Unterschicht- und Mittelschichtangehörigen zurückgeht, welche zum Hergang einer Unwetterkatastrophe befragt wurden. Dabei hatten sie festgestellt, dass ein grundlegender Unterschied vor allem in der Explizitheit bzw. der Implizitheit in den Bedeutungen zwischen Sprechern beider Schichten vorliegt.
Ein weiterer Bezugspunkt Bernsteins für die Unterscheidung schichtspezifischer Codes ist die These, dass verbale Ausdrucksfähigkeiten durch diverse psychische und soziale Erfahrungen ihrer Sprecher determiniert werden, wobei die Erfahrungen in engem Zusammenhang stehen mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht. Die ursprüngliche Darstellung dieses Abhängigkeitsverhältnisses findet sich u.a. im linguistischen Relativitätsprinzip von Benjamin Lee Whorf. Dieser hatte versucht durch einen empirischen Vergleich von Indianersprachen mit europäischen Sprachen (Basis war der Wortschatz sowie grammatische Regeln) zu beweisen, dass „Wahrnehmung und Denken eines Individuums durch dessen Muttersprache gesteuert werden.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Defizit-Hypothese von Bernstein und Erläuterung des Zusammenhangs zwischen Sprache, sozialer Schicht und begrenzter sozialer Mobilität.
2. Die Entwicklung der Code-Theorie: Überblick über historische Forschungsansätze, die Definition von Schichten sowie die Differenzierung zwischen elaboriertem und restringiertem Code.
3. Sozialisation als Determinante bei der Herausbildung schichtspezifischer Codes: Untersuchung der familiären Sozialisation als wesentlichen Faktor für die Ausprägung individueller Sprechweisen.
4. Die Entwicklung von Sprechcodes anhand familientypischer Rollensysteme: Analyse der Zusammenhänge zwischen Familienstruktur, Rollenverteilung und den daraus resultierenden Kommunikationssystemen.
5. Der gesellschaftspolitische Ansatz der Defizit-Theorie: Diskussion der kritischen gesellschaftspolitischen Folgen der Defizit-Theorie und die Rolle der Schule als Instanz sozialer Kontrolle.
6. Schluss: Zusammenfassende Einordnung von Bernsteins Theorie in die aktuelle Bildungsdebatte und kritische Reflexion über die heutige Relevanz von Sprachbarrieren.
Schlüsselwörter
Bernstein, Defizit-Hypothese, Soziolinguistik, restringierter Code, elaborierter Code, Sozialisation, soziale Schicht, Sprachbarriere, Sprechweise, Bildungsbenachteiligung, Sprachkodierung, Kommunikation, soziale Kontrolle, Familienstruktur, Sprachnorm.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Basil Bernsteins Defizit-Hypothese, die besagt, dass die soziale Schicht eines Sprechers dessen Sprachverwendung bestimmt und dadurch den schulischen sowie gesellschaftlichen Erfolg beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der restringierten und elaborierten Codes, die Bedeutung der familiären Sozialisation sowie die gesellschaftspolitischen Konsequenzen, die sich aus der sprachlichen Normierung an der Mittelschicht ergeben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu erörtern, ob die von Bernstein beschriebene restringierte Sprechweise der Unterschicht ein tatsächliches kognitives Defizit darstellt oder ob es sich um eine durch soziale Machtverhältnisse induzierte Barriere handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und einer kritischen Auseinandersetzung mit soziolinguistischen Forschungen sowie theoretischen Modellen von Bernstein, Whorf, Dittmar und anderen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung der Code-Theorie, den Einfluss der Sozialisation durch die Familie, die Unterscheidung von Rollensystemen und die gesellschaftspolitische Kritik an kompensatorischen Sprachprogrammen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Defizit-Hypothese, Soziolinguistik, restringierter Code, elaborierter Code, Sozialisation und soziale Schichtung.
Inwiefern beeinflusst der Familienstatus die Sprache eines Kindes laut Bernstein?
Bernstein argumentiert, dass verschiedene Familienrollensysteme (statusorientiert vs. personenorientiert) unterschiedlich starke Anreize bieten, logische Zusammenhänge verbal zu explizieren, was Kinder unterschiedlich auf die Anforderungen der Schule vorbereitet.
Was ist das "kumulative Defizit" in diesem Kontext?
Es beschreibt den Domino-Effekt, bei dem anfängliche sprachliche Schwierigkeiten in den unteren Klassen im weiteren Verlauf der Schullaufbahn zu einer allgemeinen Lernunlust und zu größeren Wissenslücken führen, da der Schüler den elaborierten Code nicht beherrscht.
Warum wird Bernsteins Theorie heute oft als antiquiert oder einseitig kritisiert?
Moderne Ansätze wie die Differenz-Hypothese betrachten sprachliche Unterschiede eher als "Andersartigkeit" und kritisieren Bernstein dafür, dass er die sprachlichen Ausdrucksformen der Unterschicht als bloßen Mangel definiert hat, anstatt das Bildungssystem selbst zu hinterfragen.
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- Nicole Rösingh (Author), 2003, Die Defizithypothese Bernsteins - Der restringierte Code als Ursache gesellschaftlichen Versagens?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48327