Skulptur als hyperrealistische Variante


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

14 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

1. Ron Mueck
1.1. Biografie
1.2. Werkbeschreibung „Boy“
1.3. Werkbeschreibung „Dead Dad“
1.4. Eigene These
1.5. Reaktionen der Fachwelt
1.6. Selbsteinschätzung des Künstlers

2. Maurizio Cattelan
2.1. Kurzbiografie
2.2. Werkbeschreibung „La Nona Ora“
2.3. Reaktionen

3. Jake und Dinos Chapman
3.1. Kurzbiografie
3.2. Werkbeschreibung „Zygotic Acceleration, Biogenic, De-Sublimated, Libidina Model (Enlarged x 1000)
3.3. Reaktionen

4. Patricia Piccinini
4.1. Kurzbiografie
4.2. Werkbeschreibung “Still Life with Stem Cells”
4.3. Reaktionen
4.4. Wie erklärt die Künstlerin selbst ihr Werk?

5. Charles Ray
5.1. Kurzbiografie
5.2. Werbeschreibung „No“

6. Duane Hanson
6.1. Kurzbiografie
6.2. Werkbeschreibung „Bowery Derelicts“
6.3. Reaktionen

7. John de Andrea
7.1. Kurzbiografie
7.2. Werkbeschreibung „Paar“
7.3. Reaktionen

8. Zum globalen Anspruch der hyperrealistischen Skulptur

1. Ron Mueck

1.1. Biografie

Ron Mueck wird 1958 als Sohn zweier Spielzeugmacher in Melbourne, Australien geboren. Nachdem er an der Kunsthochschule abgelehnt worden war, schlug er den Weg ein, der durch seine Eltern vorgezeichnet war und wurde Puppenmacher. In der Werbung und beim Film - u.a. bei Jim Henson - feierte er Erfolge und machte Karriere nicht als Künstler, aber als ein sehr begabter Handwerker. Trotzdem störte Ron Mueck, dass er immer nur die Geschichten anderer mit seinen Figuren erzählen durfte. 1996 wurde Mueck von seiner Schwiegermutter, der britischen Künstlerin Paula Rego gebeten, ihr für das Bild „Gepetto“ Modell zu sitzen. Also fertigte der Puppenmacher Mueck einen kleinen Jungen nicht aus Holz sondern aus Silikon und Fiberglas, um der Künstlerin mit dieser Skulptur Modell zu sitzen. Und was sich wie ein absurdes Märchen anhört, geht genauso weiter: Paula Rego beschloss, dass diese Skulptur es wert war, ausgestellt zu werden und stellte kurzerhand den kleinen Jungen aus Fiberglas mit in den Ausstellungsraum, als sie 1996 ihre Schau „Spellbound“ zeigte. Dort entdeckte Charles Saatchi die nur 84 x 20 x 18 cm kleine Skulptur, kaufte sie und vier weitere Werke von Ron Mueck, die bis dahin entstanden waren. Unter diesen Werken war auch die Skulptur „Dead Dad“, die von September 1997 bis Januar 1998 in der Ausstellung „Sensation – Young British Artists from the Saatchi Collection“ in der Royal Academy in London gezeigt wurde. Soviel zum Märchen vom Puppenmacher zum gefeierten Bildhauer.[1]

Ron Mueck durfte nun seine Geschichten erzählen. Das sind bis jetzt nur eine Handvoll, was nicht zuletzt an dem großen Arbeitsaufwand und hohen Grad an Perfektionismus liegt, mit dem der Künstler seine Skulpturen fertigt. Zwischen 2000 und 2002 war Ron Mueck als Associate Artist an die Royal Academy in London berufen worden.

Neben einigen Gruppenausstellungen, zeigte unter anderem das Museum of Contemporary Art in Sydney von Dezember 2002 bis März 2003 eine Einzelausstellung. Auf internationalem Parkett bewegte sich Ron Mueck erstmals mit seiner Figur „Boy“ die 2000 im Millenium Dome in London und 2001 auf der 49. Biennale in Venedig auf dem Plateau der Menschheit gezeigt wurde.

1.2. Werkbeschreibung „Boy“

1999, Mixed Media, Größe: 490 x 490 x 240 cm, Kunstmuseum Aarhus

Die Skulptur „Boy“ fällt zunächst durch ihre immense Größe ins Auge. Mit einer Höhe von 490 cm stößt das Objekt fast an die Decke und die Ausmaße in der Breite (490 x 240 cm) füllen den Platz zwischen den Säulen des Ausstellungsraumes beinahe komplett aus. Der Besucher kann die Skulptur von allen Seiten betrachten. Trotzdem gibt es eine vom Künstler konzipierte Hauptansicht, die Seite auf die der Junge seinen Kopf neigt. „Boy“ stellt einen in sich zusammengekauerten Jungen von übermenschlicher Größe dar. Er ist altersmäßig schwer einzuschätzen, hat in etwa die Statur eines Zwölfjährigen. Bis auf eine hellbraune kurze Hose ähnlich einer Badehose, ist der Junge vollkommen nackt. Er sitzt in der Hocke und hat seinen Oberkörper fest gegen die Oberschenkel gepresst. Die Füße ruhen stämmig auf dem nackten Boden. Die Oberarme liegen auf den Knien, die Unterarme hat der Junge angewinkelt und schützend vor seinem Gesicht gefaltet, die Hände sind locker zu Fäusten zusammengeschlossen. Der Kopf ist zur Dreiviertelansicht auf die linke Seite geneigt. Sein Gesicht vergräbt der Junge in seinem linken Oberarm, so dass es von der Seite nur ab der Nase aufwärts zu sehen ist. Der Blick des Jungen geht direkt geradeaus zur Seite, er fixiert einen Punkt auf seiner Augenhöhe.

Der Künstler kreiert die fast perfekte Illusion eines menschlichen Körpers. Die Haut des Jungen ist zum Beispiel an den Fußsohlen leicht gerötet, die Zehen glänzen leicht und man gewinnt den Eindruck, man könnte die Knochen der einzelnen Zehen durch die Haut schimmern sehen. Auch das Gesicht hat der Künstler offensichtlich ebenfalls mit größter Sorgfalt modelliert und ausgestattet. Die Glasaugen glänzen nass, die zarte Haut um die Augen schimmert leicht rötlich. Die dunkelbraunen Haare des Jungen wurden einzeln eingeknüpft, die Augenbrauen und Wimpern ebenfalls. Die Haare sind kurz geschnitten, zu einem Seitenscheitel gekämmt und wirken ungewaschen.

Die Physiognomie des Jungen wirkt absolut natürlich, jedoch befremdet die extreme Pose den Betrachter. Die Haltung wirkt zufällig und etwas ungelenk. Der zusammengekauerte Körper sieht angespannt aus und die Position des Jungen spielt nicht mit seiner tatsächlichen Größe zusammen. Würde der Junge sich aufrichten wäre er ein wahrer Riese von gut 12 Metern. Trotzdem macht er sich so klein er nur kann, wirkt auf den Betrachter verunsichert und ängstlich. Er möchte nicht auffallen, blickt skeptisch mit gerunzelter Stirn auf eine gedachte Horizontlinie und somit über alle Betrachter hinweg. Obwohl er jeden durchschnittlich großen Besucher um gut 3 Meter überragt, fühlt man sich durch seine Größe nicht bedroht.

Der Besucher möchte diese perfekte Illusion gerne aus der Nähe betrachten, möchte vielleicht nach Fehlern suchen, nach etwas, das ihm die Gewissheit gibt, es handele sich tatsächlich „nur“ um eine Skulptur. Andererseits ist die emotionale Wirkung so groß, dass man diesem Jungen fast nicht zu nahe treten möchte, um ihn nicht noch mehr zu verunsichern. Die perfekte Illusion schafft Nähe und Distanz gleichzeitig.

1.3. Werbeschreibung: „Dead Dad“

1996/ 97, Mixed Media, Größe: 20 x 38 x102 cm, The Saatchi Gallery London

Vor dem Betrachter liegt eine kleine Skulptur, gerade einmal 102 cm in der Länge. Sie zeigt einen älteren Mann, auf dem Rücken liegend. Die Skulptur kann am besten von oben betrachtet werden, der Besucher kann aber auch um sie herum laufen und die verschiedenen Seiten ansehen. Der Mann ist ganz nackt. Seine Beine liegen ausgestreckt parallel nebeneinander, die Füße fallen locker auseinander. Die Arme der Figur liegen ebenfalls parallel neben dem Körper, wobei der rechte Arm näher am Körper liegt als der linke. Die Hände sind fast vollständig geöffnet und die Handinnenflächen zeigen nach oben. Die Schultern wirken ganz leicht angehoben. Der Kopf der Figur ist etwas nach hinten geneigt, die Gesichtszüge sind leblos, die Wangen etwas eingefallen und die Augen geschlossen.

Auch hier kreiert der Künstler die perfekte Illusion eines Körpers, diesmal jedoch nicht eines lebenden sondern eines toten. Der Körper ist mit der natürlichen Behaarung eines erwachsenen Mannes ausgestattet. Die Unterschenkel sind stark behaart, auch die Genitalien sind mit leicht ergrauten Haaren übersäht. Die Kopfbehaarung weißt mit den Geheimratsecken und den grauen Schläfen ebenfalls auf das Alter des Mannes hin. Sogar einen Schatten des Bartwuchses kann der Betrachter ausmachen. Die Haut wirkt auch bei diesem Werk täuschend echt, glänzt an manchen Stellen und ist an anderen Stellen leicht gerötet. Gerade im Gesicht sieht man wieder die äußerste Sorgfalt des Künstlers. Die Gesichtszüge sind erschlafft und ausdruckslos, die Augen schon in die geröteten Augenhöhlen eingefallen.

Der Körper liegt ausgestreckt vor dem Betrachter. Durch die geringe Größe und die völlige Ausgeliefertheit wirkt die Skulptur wie etwas sehr zerbrechliches und wertvolles. Die Assoziation mit einem echten Leichnam ist durch den verkleinerten Maßstab nicht so offensichtlich. Genau wie bei „Boy“ hat diese Figur etwas schutzbedürftiges an sich und man fühlt sich fast unwohl bei dem Gedanken, diese Figur so voyeuristisch zu betrachten, möchte unbewusst die Privatsphäre oder gar Totenruhe achten.

1.4. Eigene These

Vor jeder Galerie und jedem Museum, wo Ron Mueck ausstellt, bilden sich Besucherschlangen. Seine Skulptur „Schwangere Frau“ (Mixed Media, 252 x 73 x 68,9 cm) wurde von der National Gallery in Canberra für 461 300 Dollar angekauft[2] – der höchste Preis, der bis dahin für das Werk eines lebenden Australiers je bezahlt wurde. Doch was macht diese Faszination, diesen Hype aus?

Natürlich ist eine Gruppenausstellung unter Charles Saatchi mit dem reißerischen Namen „Sensation“ ein guter Start, aber was gefällt dem gemeinen Besucher, dem Konsumenten so gut an dieser Kunst?

Ich denke, der leichte Zugang zu Ron Muecks Kunst spielt hier eine zentrale Rolle. Muecks Skulpturen haben keinen soziologischen oder historischen Hintergrund, sondern einen psychologischen. Sie stellen Menschen in genau den Lebenssituationen dar, die emotional stark behaftet sind. Es sind zweifelnde, ängstliche, ratlose aber auch neugierige und wachsame Menschen und jeder Betrachter kann sich sofort in diese Gefühlslagen hineinversetzen, die einem im Alltag selbst unzählig oft begegnen. So braucht der Besucher weder kunsthistorische Bildung noch anderes Hintergrundwissen, die Skulpturen erschließen sich auf dem einfachsten Weg – dem des Mitfühlens. Der Betrachter, der vielleicht vor einem Werk Damien Hirsts erst einmal ratlos kapituliert, „versteht“ die Kunst von Ron Mueck. Die Skulpturen von Ron Mueck sind oft nackt, in Tücher gehüllt oder haben Kleidung an, die sie weder in eine Zeit noch eine soziale Schicht pressen. Sie werden trotz ihrer individuellen Züge zu einem allgemeinen Identifizierungsobjekt.

Dazu kommt noch ein Aspekt, der der Kunst über alle Jahrhunderte hinweg beim breiten Publikum Anerkennung verschafft hat: Man staunt als handwerklich weniger begabter Mensch einfach über solch eine Perfektion.

Die Fragen, die nach dem ersten Staunen aufkommen, sind: Was steckt noch dahinter? Gibt es eine Ebene hinter der perfekten Oberfläche? Und erschöpft sich dieses Spiel mit der perfekten Illusion nicht genauso schnell wie es uns zuerst in seinen Bann zieht?

1.5. Reaktionen der Fachwelt auf Ron Muecks Werk

Die Reaktionen der Kunstkritiker auf das Werk Ron Muecks könnten unterschiedlicher kaum sein:

Peter Plagens, Kunstkritiker der Newsweek, meint: „Er definiert das Wort Realismus neuRon Mueck ist das Beste, was der figurativen Skulptur seit Generationen passiert ist.“[3]

Craig Raine: „Ron Muecks Werk macht deutlich, warum der Mensch die Notwendigkeit sah, die Idee von der Seele zu erfinden.“[4]

Jerry Saltz, Kunstkritiker der Village Voice: „I’m not even sure that what the 43-year-old Meck makes is art.“[5]

Andere Kritiker bezeichnen ihn als “one-hit-wonder”, model maker” oder als “cheap shot”[6]

1.6. Selbsteinschätzung des Künstlers

Ron Mueck würde sich als eher scheuer, zurückhaltender Mensch gegen solcherlei Vorwürfe nicht verteidigen. Er gibt selbst gerne Auskunft über die Technik, in der er die Skulpturen herstellt oder über seinen Bezug zu ihnen. Was seine Skulpturen zu Kunst macht, diese Antwort bleibt er bis jetzt schuldig: „Meine Arbeiten sind mein Statement.“[7]

Auszug aus einem Interview mit Sarah Tanguy für das Sculpture Magazine (Vol. 22 No. 6, Juli/ August 2003)

S.T.: How and why did you get the idea of manipulating scale with your figures?

[...]


[1] Bastian, Heiner (Hrsg.): Ron Mueck, Ostfildern-Ruiden 2003, S.80, 81

[2] Tanguy, Sarah: The Progress Big Man – A Conversation with Ron Mueck in: The Sculpture MagazineVol. 22 No. 6 July/ August 2003

[3] Krug, Christian: Der Puppenmacher in: MAX 5/ 2003,

[4] Pietsch, Hans: Allein mit sich selbst in: ART 5/ 2003,

[5] Saltz, Jerry: Like Life in The Village Voice über www.artnet.com

[6] ebd.

[7] Pietsch, Hans, ART 5/ 2003,

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Skulptur als hyperrealistische Variante
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Zum globalen Anspruch zeitgenössischer Kunst im 21. Jahrhundert
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V48330
ISBN (eBook)
9783638450706
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Skulptur, Variante, Anspruch, Kunst, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Tanja Ludwig (Autor), 2004, Skulptur als hyperrealistische Variante, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48330

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