„The pictorial conquest of the external visual world had been completed and refined many times and in different ways during the previous half millennium. The more adventurous and original artists had grown bored with painting facts. By a common and powerful impulse they were driven to abandon the imitation of natural appearance.” Alfred H. Barr diagnostiziert hier den Künstlern des 20. Jahrhunderts eine Art Überdruss an naturalistischer Darstellung. Zugespitzt formuliert er: „die wagemutigeren und originelleren langweilte es, Tatsachen zu malen.“
Was sich bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts leise andeutet, hat sich in Rückblick auf das vergangene Jahrhundert längst vollzogen - ja sich selbst beinahe schon wieder überholt: die Hinwendung zur Abstraktion. Ich möchte das Wort „abstrakt“ oder „Abstraktion“ hier im Sinne von Abwendung vom Naturalistischen, Realistischen und vor allem dem Menschen als dem jahrhundertealten zentralen Thema verwenden und in dieser Hinsicht kurz untersuchen. Die Abwendung vom Menschen hat gerade im zwanzigsten Jahrhundert viele mögliche Ursachen, die auch außerhalb der Kunstgeschichte zu suchen sind. Einige möchte ich näher beleuchten.
Auch wenn der Mensch in vielen Kunstrichtungen der klassischen Moderne und des 20. Jahrhunderts noch als Ursprung oder Kürzel auftaucht, als (einziges) Sujet in seiner reinen realistisch abgebildeten Form eignete er sich nicht mehr, etwas vollkommen Neues zu schaffen. So formuliert Jose Ortega Y Gasset in seiner 1925 erstmals erschienen Schrift „Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst“: „Ein gut Teil dessen, was ich „Entmenschlichung“ und Ekel vor der lebenden Form nannte, rührt von dieser Abneigung gegen die traditionelle Interpretation des Wirklichen her.“ Dieser „Ekel vor der lebenden Form“, den Ortega Y Gasset hier in den Raum stellt, möchte ich auf folgenden Aspekt ausweiten: Es liegt durchaus auf der Hand, dass sich der Mensch in einem Zeitalter der Kriege, der grausamen Diktaturen und der unsagbaren Verbrechen, die von Menschenhand begangen wurden, von deren „Verursacher“, also dem Menschen selbst abwenden muss - sozusagen um seines eigenen Seelenheil willens. Während vor der Zeit des Zweiten Weltkriegs die menschliche Darstellung allenfalls als rückschrittlich und zu akademisch angesehen wurde, bekam sie mit der Propaganda-Maschinerie des Nazi-Regimes eine zusätzliche Färbung, die man in den folgenden Jahren um jeden Preis vermeiden wollte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Gedanken
1.1. Zur Epoche der Abstraktion
1.2. Selbstbildnis als möglicher Weg zur Selbsterkenntnis?
1.2.1. Zur Entstehung der Bildnisse
1.2.2. Von der Außensicht zur Innensicht?
2. Käthe Kollwitz
2.1. Das Blatt Selbstbildnis zeichnend 1933
2.1.1.Linienführung
2.1.2. Einordnung in das Gesamtwerk
2.2. Künstlerisches Selbstverständnis?
2.3.Rezeption
3. Horst Janssen
3.1. Das Blatt Selbst 14.7.71
3.1.1. Linienführung
3.2. Sind Janssens Selbstbildnisse Seelenbilder?
3.3. Künstlermensch vs. Kunstmensch
4. Zur Wahl der Mittel
4.1. Käthe Kollwitz und die weichen Zeichenmittel
4.2. Horst Janssen und der harte Strich
5. Zur Unmittelbarkeit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das gezeichnete Selbstporträt als unmittelbare künstlerische Äußerung, wobei die spezifischen Ansätze von Käthe Kollwitz und Horst Janssen gegenübergestellt und analysiert werden, um die Rolle der Zeichnung als Medium der Selbstreflexion in der Moderne zu ergründen.
- Die Entwicklung des Selbstporträts im Kontext der modernen Abstraktion
- Die psychologische Dimension und das künstlerische Selbstverständnis bei Kollwitz und Janssen
- Der Einfluss technischer Mittel (Kohle vs. Bleistift) auf den Ausdruck der Zeichnung
- Die Abgrenzung von Zeichnung und Fotografie in Bezug auf Unmittelbarkeit
Auszug aus dem Buch
1.2.2. Von der Außensicht zur Innensicht?
Aber was bewegt den Künstler ein Selbstbildnis anzufertigen? Ist es nur die bloße Verfügbarkeit des Modells zu jeder Zeit oder erhofft er sich durch die Außen(an)sicht gleichsam eine Innen(an)sicht?
Ich will diese Frage aus der Sicht der klassischen Moderne und des zwanzigsten Jahrhunderts aus versuchen zu beantworten, um mich so meinem Thema zu nähern.
Bleistift und Kohle sind mittlerweile gängige Zeichenmittel, sie sind stets verfügbar, ja sogar ohne Probleme korrigierbar. Papier ist auch fast immer zur Hand und so fehlt dem Zeichner, wenn ihn die Lust überkommt, nur noch ein passendes Modell. Das findet er im Spiegel vor sich. Die Intentionen, die außerhalb und nach dieser pragmatischen Situationsbeschreibung liegen, sind wohl von Persönlichkeit zu Persönlichkeit sehr unterschiedlich.
Der eine mag einfach Gefallen an seinem Gesicht finden, es gerne und aus purer Eitelkeit abzeichnen. Der andere sieht das Selbstbildnis als Möglichkeit zum Ausdruck jenes Selbstverständnisses als Künstler. Und wieder ein anderer erhofft sich vielleicht einen Blick in sich selbst zu erhaschen – das Zeichnen als eine Art Selbstreflexion mit anderen Mitteln. Möglich ist auch, dass der Künstler Erkenntnis erlangen möchte über das menschliche Wesen an sich.
Denn in der Verobjektivierung liegen unendliche Möglichkeiten. Jean Paul Sartre beschäftigte sich – nicht als erster - mit diesem Phänomen unter anderem in seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts.“ Er kommt zu der Erkenntnis, dass der Mensch – oder vielmehr sein Bewusstsein – das Ziel des Selbst anstrebt, das für ihn jedoch unerreichbar ist. Die Verobjektivierung ist eine Möglichkeit diesem Ziel zumindest nahe zu kommen. Der Andere ist für diesen Blick auf sich selbst eigentlich unerlässlich. Wenn man „erkannt wird“, entwickelt man einen reflexiven Bezug zu sich selbst. Ein anderer erkennt einen jenseits der Erkenntnis, die man selbst haben kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Gedanken: Dieser Abschnitt erörtert die Hinwendung zur Abstraktion im 20. Jahrhundert und fragt, warum Künstler dennoch am menschlichen Sujet des Selbstporträts festhielten.
2. Käthe Kollwitz: Das Kapitel analysiert das Werk „Selbstbildnis zeichnend 1933“, reflektiert das künstlerische Selbstverständnis der Künstlerin in Phasen der Krise und betrachtet die Rezeption ihrer Arbeit.
3. Horst Janssen: Die Analyse konzentriert sich auf das Blatt „Selbst 14.7.71“, diskutiert die Frage nach Janssens Selbstbildnissen als „Seelenbilder“ und untersucht die Spannung zwischen Künstlermensch und Kunstmensch.
4. Zur Wahl der Mittel: Es wird untersucht, wie die Wahl der Zeichenmittel, speziell Kohle bei Kollwitz und der harte Strich bei Janssen, biografisch und psychologisch begründet ist.
5. Zur Unmittelbarkeit: Das abschließende Kapitel vergleicht die Unmittelbarkeit der Zeichnung mit der Fotografie und definiert das Selbstbildnis als Ideal der künstlerischen Lebendigkeit.
Schlüsselwörter
Selbstporträt, Käthe Kollwitz, Horst Janssen, Zeichnung, Abstraktion, Selbstreflexion, Verobjektivierung, Linienführung, Künstlerpersönlichkeit, Kohlezeichnung, Bleistiftzeichnung, Unmittelbarkeit, Kunstgeschichte, Moderne, Porträtkunst
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert, warum sich Künstler in der modernen Epoche der Abstraktion intensiv mit dem Selbstporträt auseinandersetzten und welche Bedeutung diese Zeichnungen als Mittel zur Selbsterkenntnis haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Geschichte des Selbstbildnisses, den Einfluss psychologischer Faktoren auf den künstlerischen Ausdruck sowie die vergleichende Analyse der Zeichentheorien von Käthe Kollwitz und Horst Janssen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, inwieweit das Selbstporträt eine unmittelbare Äußerung des Künstlers darstellt und wie die Wahl des Zeichenmediums die Darstellung des eigenen Ichs beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt kunstgeschichtliche Analysemethoden, kombiniert mit biografischen Bezügen und philosophischen Perspektiven, insbesondere unter Rückgriff auf Sartre und Kant.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Untersuchung der Werke von Käthe Kollwitz und Horst Janssen, gefolgt von einem Vergleich ihrer unterschiedlichen Zeichenstile und Materialwahl.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Unmittelbarkeit, Selbstreflexion, Verobjektivierung und die spezifische Gegenüberstellung von weichen (Kohle) und harten (Strich) Zeichenmitteln charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Kollwitz und Janssen bezüglich ihres künstlerischen Selbstverständnisses?
Während bei Kollwitz das Selbstbildnis oft mit Phasen der Selbstbefragung und des Zweifels verbunden ist, nutzt Janssen das Medium stärker zur spielerischen Konstruktion einer unnahbaren Künstlerrolle.
Welche Rolle spielt der Begriff der „Seelenmillimeter“ in dieser Untersuchung?
Der Begriff, zurückgehend auf ein Zitat von Horst Janssen, verdeutlicht die notwendige Distanz des Künstlers zu seinem eigenen Zustand während des Schaffensprozesses, um das Ideal der Lebendigkeit in der Zeichnung zu erreichen.
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- Tanja Ludwig (Author), 2004, Das gezeichnete Selbstporträt als unmittelbare Äußerung - Eine Untersuchung an Beispielen von Käthe Kollwitz und Horst Janssen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48331