Warum wird die CSU in Bayern seit 1945 fast immer wieder als stärkste Partei bestätigt und kann seit über 30 Jahren sogar mit absoluter Mehrheit regieren? Die Hochburgen der SPD in den Stadtstaaten und Nordrhein-Westfalen gelten als geschliffen oder zumindest stark gefährdet. Die CDU in Baden-Württemberg konnte zwar andauernd an der Regierung bleiben, musste dazu aber Koalitionen eingehen. Auf Bundesebene mussten sich die Parteien mit dem Regieren abwechseln, es gilt das Postulat von der ständig wachsenden Gruppe der Wechselwähler und sich auflösenden stabilen Wählermilieus. Worin liegen die Gründe und Ursachen für den ständigen Wählerzustrom, der sich nie von der bayerischen „Staatspartei” abwandte? Selbst gegenüber bundespolitischen Trends scheinen die bayerischen Mehrheitsverhältnisse immun zu sein. Die CSU scheint also ein Erfolgsrezept zu haben, welches es zu ergründen gilt.
Eine andere Sozialstruktur der bayerischen Wahlbevölkerung gegenüber dem Rest Deutschlands erklärt den CSU-Bonus nicht allein, zumal sich diese im Prozess der Modernisierung der Wirtschaft immer mehr den gesamtdeutschen Verhältnissen anpasst. Hat Bayern eine eigene - andere - Politische Kultur (PK), regiert die CSU einfach so erfolgreich oder nutzt die CSU eine regionale Politische Kultur erfolgreich, und trägt zugleich Sorge dafür, dass sich diese in ihrem Sinne entwickelt? Sozusagen ein sich selbst verstärkender Prozess: Die regionale Kultur wird von der Regierungspartei aufgenommen, mit eigenen politischen Werten und Einstellungen angereichert, dann wieder zurück in die Bevölkerung kommuniziert, wo diese das politische Denken der Bevölkerung bestimmt. Also eine Mischung aus Aufnehmen und Steuern vorherrschender Einstellungen und Werte.
Gehen die Uhren in Bayern anders, wie FALTER 1982 in einem Aufsatz folgert; hat Bayern eine eigene regionale Politische Kultur? Die erste vielversprechende Studie zur Unterstützung dieser These hat FALTER in diesem Aufsatz publiziert. Darin vergleicht er anlässlich der hessischen und bayerischen Landtagswahlen 1978 erhobene Daten der Forschungsgruppe Wahlen. Für Bayern stellt er darin in einigen Bereichen abweichende Einstellungen und anderes politisches Verhalten fest. Methodisch problematisch ist diese Untersuchung auf Grund der Fallzahlen. Einigen Kategorien liegen lediglich weniger als 20 Fälle zugrunde.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Politische Kultur als Querschnitt individueller Wertvorstellungen, Einstellungen, Meinungen und Verhaltensdispositionen
1.1. Einleitung
1.2. Politische Orientierungen
1.3. Konsequenzen
2. Politische Kultur als Muster gesellschaftlicher Identitätsfindung und Konfliktlösung auf kollektiver Ebene
2.1. Einleitung
2.2. Wertegemeinschaften und „the battle over meaning”
2.3. Eliten
2.4. Repräsentation und Responsivität
2.4.1. Externe politische Effektivität (epE)
2.4.2. Repräsentationstheorie
2.5. Symbole
2.6. Konsequenzen
3. Politische Kultur als Ergebnis historischer regionaler Schlüsselerlebnisse und Bedingungen
3.1. Grenzen und Historizität von Besonderheiten
3.2. Konsequenzen
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ursachen für die anhaltenden Wahlerfolge der CSU in Bayern seit 1945 durch eine Analyse der politischen Kultur, wobei insbesondere die Frage im Mittelpunkt steht, ob die CSU eine eigenständige regionale politische Kultur zur Festigung ihrer Macht nutzt oder gar aktiv steuert.
- Analyse des Konzepts der Politischen Kultur auf individueller und kollektiver Ebene
- Rolle von Werten, Einstellungen und Interessen bei der Identitätsbildung
- Untersuchung von Repräsentationsstrukturen und politischer Kommunikation
- Einfluss historischer regionaler Bedingungen und Schlüsselerlebnisse
- Mechanismen symbolischer Politik zur Legitimitätsbeschaffung
Auszug aus dem Buch
2.5. Symbole
In den vorhergehenden Kapiteln war schon das eine oder andere Mal vom `Symbol´ die Rede: symbolische Repräsentativität und Responsivität, an die Bevölkerung symbolisch vermittelte Effektivitätsgefühle. Wie kommt es, dass symbolisches Handeln, also Handeln ohne eigentlichen wesentlichen Inhalt, so eine Bedeutung zugeschrieben wird? MEIFERT schreibt dazu: „zunehmende Individualisierung und erhöhte Mobilität in der Gesellschaft (führt dazu), dass die Bindungen der Bürger an kollektive Akteure aufweichen und sich politische Akteure ihrer Stammkundschaft beraubt sehen.” Um diese Aufhebung der inhaltlichen Bindungen zu kompensieren, bedienen sich Akteure in ihren politischen Handlungen neben den instrumentell materiellen Aspekten von Politik zunehmend deren symbolhaft-expressiven Komponenten: optische und sprachliche Stimuli, die auf die Massenöffentlichkeit einwirken. Um Missverständnisse von vornherein auszuschließen, sei darauf hingewiesen, dass Symbole zwei Funktionen haben können und nicht per se manipulativen Charakter haben. Sie reduzieren Komplexität, indem sie Sachverhalte durch kollektiv bekannte Systeme erklären („Verstehens- und Erklärungsleistung”). Diese Analogiebildungen aktualisieren logische Teilstrukturen im menschlichen Denken. Darüber hinaus ergibt sich aber auch die Möglichkeit Werte und Wertungen im Symbol mit zu transportieren, wobei logische Relationen nur vorgespielt werden („Kampf um die Benennungsmacht”). Dadurch werden uneigentliche manipulative „Pseudo-Symbole” produziert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung formuliert die Forschungsfrage nach den Gründen für den dauerhaften Wahlerfolg der CSU in Bayern und führt in das Konzept der politischen Kultur als theoretischen Analyserahmen ein.
1. Politische Kultur als Querschnitt individueller Wertvorstellungen, Einstellungen, Meinungen und Verhaltensdispositionen: Dieses Kapitel betrachtet politische Kultur als subjektive Dimension und untersucht, wie individuelle Werthaltungen und Orientierungen politisches Verhalten beeinflussen.
2. Politische Kultur als Muster gesellschaftlicher Identitätsfindung und Konfliktlösung auf kollektiver Ebene: Hier wird der Fokus von Individuen auf kollektive Akteure wie Parteien und Eliten verschoben und analysiert, wie diese durch Repräsentation und symbolische Politik gesellschaftliche Identitäten prägen.
3. Politische Kultur als Ergebnis historischer regionaler Schlüsselerlebnisse und Bedingungen: Das Kapitel beleuchtet die historische Genese politischer Kulturen und erklärt, wie spezifische regionale Traditionen und territoriale Grenzen das politische Denken dauerhaft prägen.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung führt die verschiedenen Ansätze zusammen und betont, dass nur die Kombination aus individuellen Orientierungen, kollektiven Konfliktlösungsmustern und historischer Entwicklung den Wahlerfolg der CSU erklären kann.
Schlüsselwörter
Politische Kultur, CSU, Bayern, Wahlverhalten, Politische Orientierung, Wertegemeinschaften, Eliten, Repräsentation, Responsivität, Symbolpolitik, Identitätsfindung, Historische Regionen, Politische Kommunikation, Macht, Sozialstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Analyse der anhaltenden Wahlerfolge der CSU in Bayern und nutzt das Konzept der Politischen Kultur, um diese „bayerische Anomalie” zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind individuelle und kollektive politische Orientierungen, die Rolle von Eliten, Repräsentationsmodelle, symbolische Politik sowie der Einfluss historischer regionaler Bedingungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob Bayern eine eigene regionale politische Kultur besitzt, die von der CSU erfolgreich für ihre politischen Zwecke genutzt oder sogar aktiv geformt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Konzepten der Politikwissenschaft, um ein Analyseraster für eine künftige empirische Untersuchung zu entwerfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Ansätze zur politischen Kultur diskutiert, von der individuellen Einstellungsebene über kollektive Akteure und Symbolpolitik bis hin zu historischen Entstehungsbedingungen regionaler Besonderheiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Politische Kultur, CSU, Bayern, Politische Orientierung, Identitätsfindung, Repräsentation und Symbolpolitik.
Wie unterscheidet sich der Ansatz der CSU von dem der SPD laut der Analyse?
Die Analyse deutet an, dass die CSU durch eine erfolgreiche Verknüpfung von moderner Politik mit traditionsgebundener Identität und symbolischer Sinnstiftung eine stabilere Wählerbasis halten konnte als die SPD.
Welche Rolle spielt die „Symbolik” für den Wahlerfolg der CSU?
Symbole dienen dazu, Komplexität zu reduzieren, Gefühle anzusprechen und politische Loyalität zu sichern, wobei die CSU laut Autorin diese symbolische Kommunikation besonders effektiv einsetzt.
- Arbeit zitieren
- David Runschke (Autor:in), 2004, Politische Kultur: Wahlerfolge der CSU. Ansatz zur Untersuchung der 'bayerischen Anomalie', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48339