Die Lektüre des Panegyricus des Plinius auf den Kaiser Traian erscheint den meisten heutigen Lesern unerträglich und schwer verdaulich. Zu übertrieben ist die Schmeichelei, die der Untergebene dem Princeps entgegenbringt. In der jüngeren Forschung wurde die These von der Liebesdienerei des Plinius aber kaum mehr angebracht, der Panegyricus wurde v.a. als Quelle zur Erschließung der kaiserzeitlichen Programmatik genutzt. Eine Forschungsrichtung versucht etwa die Lobrede als Teil der Traianischen Propaganda zu sehen, der der Senator Plinius opportunistisch gedient habe. Ein anderer Ansatz wiederum deutet den Panegyricus als eine Art Fürstenspiegel, der die besten Eigenschaften eines Kaisers aus Senatssicht darlege. Die These mit der ich mich in dieser Arbeit kritisch auseinandersetzen möchte, stammt aber von Frank Beutel: Er nämlich sieht im Panegyricus das „positive politische Programm der Opposition“.
Ich werde diese These zweiteilen und mich zunächst der Opposition (I) widmen. In I.1 soll zunächst allgemein auf die Schwierigkeiten bezüglich des Oppositionsbegriffes im römischen Senat eingegangen werden. Da die Lobrede eine reine Angelegenheit zwischen Senat und Princeps darstellte, sollen andere Arten der Opposition, wie z.B. aus der plebs urbana, außen vor bleiben. Auf diesem Hintergrund werde ich überprüfen, ob der Panegyricus tatsächlich auf die von Beutel identifizierte Gruppe einer „stoischen Opposition“ zurückgeht. Dazu sollen diesem Kreis zunächst aus den Quellen ein Gruppenstatus überhaupt zugerechnet und die Ziele und Forderungen dieser Männer so weit wie möglich erarbeitet werden. Die Ergebnisse werden dann zu einem Vergleich mit den Inhalten des Panegyricus genutzt, um eine Beziehung zwischen Opposition und Lobrede im Sinne Beutels prüfen zu können. Das Zwischenfazit nach den Ergebnissen aus I.1 wird dann durch eine Betrachtung der Widersprüche in Beutels Arbeit untermauert werden (I.2.)
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Hauptteil
I. Opposition
1. Die stoische Opposition im Senat
2. Opposition und Senat bei Beutel
II. Programm
1. Vorwurf des Eklektizismus
2. Der Panegyricus als institutionalisierte Dankesrede
3. Der Zukunftsaspekt
C. Schluss
Quellen und Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die These von Frank Beutel, dass der Panegyricus des jüngeren Plinius als ein „positives politisches Programm der Opposition“ gegen den Kaiser zu verstehen sei. Dabei wird insbesondere hinterfragt, ob die sogenannte „stoische Opposition“ als homogene Gruppe existierte und ob die Lobrede tatsächlich einen ideologisch-programmatischen Geltungsanspruch über die Regierungszeit Traians hinaus besaß.
- Analyse des Begriffs und der Struktur der senatorischen Opposition
- Untersuchung der Behauptung einer stoisch geprägten Oppositionsgruppe
- Kritische Würdigung der These eines „politischen Programms“ in der Lobrede
- Einordnung des Panegyricus in die Konvention der „gratiarum actio“
- Deutung der Rede als aktuelles Instrument der Herrschaftsdarstellung
Auszug aus dem Buch
2. Der Panegyricus als institutionalisierte Dankesrede
Seelentag übt direkte Kritik an Beutel, der die innovative Leistung des Senators Plinius überbewerte. Es werde erstens unhaltbare Einzigartigkeit der Dankesrede angenommen und zweitens behauptet, inhaltliche Überschneidungen kämen nur über persönliche Vorlieben und Freundschaften zustande. Die Berücksichtigung „eines aktuellen politischen Klimas“ komme zu kurz. Dieses „politische Klima“ – verstanden als in Senatskreisen zirkulierende Gedanken – war ja auch das, was wir als ausschlaggebend für den Panegyricus vermutet hatten.
Den für uns hier wichtigen Kern von Seelentags Argumentation bildet die Behauptung, der Konsul Plinius habe den Panegyricus nicht in persönlicher Mission, sondern als Exponent des gesamten Senates verfasst: „Es war seine [Plinius`] Aufgabe, eine kollektive Meinung zu artikulieren; nicht seine persönliche.“ So seien solche Dankesreden auch „keine persönliche Danksagung für den verliehenen Consulat“ gewesen. Das belegt Seelentag simpel und einleuchtend. Wäre der Panegyricus nämlich tatsächlich ein Dank für das Amt des Konsuls, hätte auch der Kollege des Plinius, Cornutus Tertullus, persönlich und nicht nur über seinen Amtskollegen dem Kaiser danken müssen. Alles andere hätte sowohl als Majestätsbeleidigung als auch als harsche Zurückweisung eines gleichberechtigten Konsulkollegen gelten müssen.
Aber auch Plinius selbst machte in seinen Briefen und sogar im Panegyricus klar, dass er den Redeauftrag als Konsul vom Senat erhalten habe: „Officium consulatus iniunxit mihi, ut rei publicae nomine principi gratias agerem.“ und: „Sed parendum est senatus consulto (Hervorheb. durch d. Verf.) quod ex utilitate publica placuit, ut consulis voce sub titulo gratiarum agendarum boni principes quae facerent recognoscerent, mali quae facere deberent.“
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsdebatte um den Panegyricus ein, stellt die These von Frank Beutel vor und umreißt das methodische Vorgehen der Arbeit.
B. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Oppositionsgruppen und die Überprüfung des programmatischen Gehalts der Lobrede, wobei sowohl die historische Existenz einer stoischen Opposition als auch die Originalität der Rede kritisch hinterfragt werden.
C. Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, widerlegt die Beutelsche These und ordnet den Panegyricus als institutionalisiertes Konsensritual und Form aktueller Herrschaftsdarstellung ein.
Quellen und Literatur: Dieses Verzeichnis listet die primären antiken Quellen sowie die verwendete wissenschaftliche Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Plinius, Panegyricus, Kaiser Traian, Senatsopposition, libertas senatus, stoische Opposition, Herrschaftsdarstellung, Gratiarum actio, politisches Programm, Frank Beutel, Gunnar Seelentag, Prinzipat, Konsensritual, senatorische Freiheit, Römische Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Panegyricus des jüngeren Plinius auf Kaiser Traian und hinterfragt kritisch, ob dieses Werk als politisches Programm einer Opposition gegen den Kaiser zu verstehen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die historische Einordnung der senatorischen Opposition, das Verhältnis von Senat und Kaiser sowie die Frage nach dem Gehalt und der Intentionalität der Lobrede.
Welches primäre Ziel oder welche Forschungsfrage verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die These von Frank Beutel zu prüfen, die den Panegyricus als „positives politisches Programm der Opposition“ definiert, und diese These anhand von Quellenanalysen kritisch zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine quellenkritische Analyse an, indem sie antike Zeugnisse (Plinius-Briefe, Tacitus, Cassius Dio) mit der modernen Forschungsliteratur vergleicht und so die Plausibilität der aufgestellten Thesen prüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst die sogenannte „stoische Opposition“ auf ihre Gruppenidentität hin untersucht und anschließend der programmatische Gehalt des Panegyricus im Kontext römischer Traditionen und Dankesreden analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind „libertas senatus“, „gratiarum actio“, „institutionalisierte Dankesrede“ und das „Konsensritual“ zwischen Senat und Princeps.
Wie bewertet die Arbeit die Verbindung zwischen Plinius und der stoischen Opposition?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass die stoische Opposition keine so eng verbundene Gruppe mit klarem politischem Profil war, als dass Plinius hieraus ein kohärentes „Programm“ hätte ableiten können.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Autorin bezüglich des Panegyricus?
Die Autorin schlussfolgert, dass der Panegyricus kein in die Zukunft gerichtetes politisches Programm ist, sondern ein institutionalisiertes Konsensritual, das aktuelle Herrschaftsdarstellung und wechselseitige Anerkennung zwischen Kaiser und Senat zum Ziel hatte.
- Citar trabajo
- Sebastian Brandt (Autor), 2005, Programmatik im Panegyricus des jüngeren Plinius. Eine Lobrede als positives politisches Programm der Opposition?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48404