Zur aktuellen Krise der Gewerkschaften in Deutschland: Phänomene und Ursachen


Vordiplomarbeit, 2004

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problembeschreibung
2.1. Entwicklung der Mitgliederstatistik
2.2. Auswirkungen des Mitgliederrückganges

3. Ursachen des Mitgliederrückganges und Erklärungsmuster
3.1. Zyklische Erklärungsmuster
3.1.1. Lohnentwicklung und Inflation
3.1.2. Arbeitslosigkeit
3.1.3. Regierungsparteien
3.2. Strukturelle Erklärungsmuster
3.2.1. Wirtschaftsstruktur
3.2.2. Beschäftigtenstruktur – Arbeiter und Angestellte
3.2.3. Beschäftigtenstruktur – Männer und Frauen
3.2.4. Jugendliche und Gewerkschaften
3.2.5. Wertewandel und Individualisierung
3.3. Institutionelle Erklärungsmuster
3.3.1. Zugang der Gewerkschaften zum Arbeitsplatz
3.3.2. Struktur des Tarifsystems

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die deutschen Gewerkschaften befinden sich in einer Krise und ihre Zukunft wird durch eine Vielzahl von Problemen bedroht und in Frage gestellt. Zunehmende Massenarbeitslosigkeit, Strukturwandel und Krise der Wirtschaft, Dezentralisierung der Tarifvereinbarungen auf Betriebsebene und Tarifflucht der Unternehmen bedrohen die Stellung der Gewerkschaft. Außerdem erfordert der zunehmende Druck durch die Europäisierung und Globalisierung der Wirtschaft neue Antworten und Konzepte auf sich verändernde Rahmenbedingungen. Eines der Hauptprobleme der deutschen Gewerkschaften ist jedoch der kontinuierliche Rückgang der Mitgliederzahlen, welcher als Ausgangspunkt aber auch als Resultat der gewerkschaftlichen Misslage gesehen werden kann.

Aus diesem Grund werde ich den Fokus meiner Arbeit auf das Problem des Mitgliederrückganges der deutschen Gewerkschaften legen und versuchen, diejenigen Faktoren und Einflüsse zu identifizieren, die für die sinkenden Mitgliederzahlen verantwortlich sind. Ich werde jedoch in meinen Erläuterungen auch auf die oben genannten Problemlagen zurückkommen, da der Mitgliederrückgang nicht losgelöst von der Gesamtproblematik der Gewerkschaften betrachtet werden kann und die Einzelprobleme vielseitig miteinander verknüpft sind.

Bei der Untersuchung sollen die deutschen Gewerkschaften in ihrer Gesamtheit und nicht vornehmlich die Rekrutierungsprobleme einer einzelnen Gewerkschaft oder speziell eines einzelnen Teilbereiches betrachtet werden, da dies den Rahmen einer Vordiplomarbeit übersteigen würde und außerdem eine differenzierte Analyse auf Ebene der einzelnen Fachbereiche und entsprechender Teilbranchen erfolgen müsste, um begründete Schlüsse ziehen zu können. Außerdem wäre der Zugang zu den entsprechenden Daten, die für eine solche Auswertung benötigt würden, begrenzt oder nicht vorhanden. Des Weiteren werde ich mich bei der Ausarbeitung auf den Zeitraum nach der Wiedervereinigung Deutschlands beschränken, da die Arbeit zum Ziel hat, vorrangig die aktuelle Problemlage der Gewerkschaften zu analysieren. Zudem werde ich nicht auf unterschiedliche regionale Probleme der Gewerkschaften in Deutschland eingehen, da dies wiederum eine tiefergehende Betrachtung erfordern und außerdem nicht primär relevante Informationen zur Erklärungen der gesamten Mitgliederproblematik liefern würde. Als letzte Abgrenzung werde ich mich bei der Betrachtung und Analyse der Mitgliederdaten auf die Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbunds beschränken, da dieser Dachverband und seine Einzelgewerkschaften die wichtigsten gewerkschaftlichen Organisationen in Deutschland sind und nur der Deutsche Beamtenbund in seinem Bereich einen ähnlich vergleichbaren Stellenwert hat. Außerdem ist die Deutsche Angestellten Gewerkschaft mit der Gründung von ver.di im Jahr 2001 in dieser Gewerkschaft aufgegangen und somit Teil des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Christliche Gewerkschaftsbund auf Grund seiner geringen Mitgliederstärke keine relevante Größe in der deutschen Gewerkschaftslandschaft.

Im Folgenden werde ich zunächst den Verlauf der Mitgliederzahlen und Organisationsgrade seit 1991 beschreiben, um einen Eindruck von der Problemlage zu vermitteln. Daran anschließend sollen kurz die Auswirkungen des Mitgliederrückganges und die damit verbundene Motivation, sich mit dieser Problemlage intensiver zu beschäftigen, erläutert werden. Im darauf folgenden Hauptteil werde ich die verschiedenen Bestimmungsfaktoren und Erklärungsansätze für den gewerkschaftlichen Mitglieder-rückgang beschreiben und analysieren und darauf aufbauend abschließend ein kurzes Fazit ziehen, in dem ich die Ergebnisse meiner Ausführungen zusammenfassen und meine persönliche Meinung zum Thema des Mitgliederrückganges darlegen werde. Bei meinen Ausführungen werde ich mich dabei vollständig auf Fremddaten und Literatur verschiedener Autoren stützen und keine eigenständig erhobenen Daten diskutieren.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass diese Arbeit auf Grund der Komplexität des Themas und des geringen Ausarbeitungsrahmens nicht den Anspruch haben kann, das Problem in seiner vollständigen Gesamtheit zu erfassen und zu analysieren, um darauf aufbauend fundierte Problemlösungsansätze geben zu können. Es sollen jedoch die verschiedenen Erklärungsansätze der gewerkschaftlichen Mitgliederproblematik dargelegt und bewertet werden, so dass auf dieser Grundlage eine Einschätzung der zukünftigen Mitgliederentwicklung der deutschen Gewerkschaften gegeben werden kann.

2. Problembeschreibung

2.1. Entwicklung der Mitgliederstatistik

Zu Beginn möchte ich zunächst kurz den Verlauf der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen und des gewerkschaftlichen Organisationsgrades darstellen, um einen konkreten Eindruck des Mitgliederproblems der deutschen Gewerkschaften zu vermitteln und um zu zeigen, in welchem Umfang sich die Mitgliederstärke und das Maß gewerkschaftlicher Organisation verändert haben.

Betrachtet man zunächst den Verlauf der gewerkschaftlichen Mitgliederzahlen seid der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 so lässt sich bis 1990 abgesehen von den Jahren 1959, 1966-68, 1975 und 1982-84 ein kontinuierliches Ansteigen der Mitgliederzahlen auf etwa 8 Millionen Mitglieder erkennen (Müller-Jentsch 1997: 129).

Seit der Wiedervereinigung 1990, in dessen Zuge sich der Einzugsbereich der Gewerkschaften auf die fünf neuen Bundesländer ausweitete und sich damit zunächst zum Jahr 1991 die Mitgliederzahl sprunghaft um circa 4 Millionen Mitglieder erhöhte, ist jedoch ein steter Mitgliederrückgang zu verzeichnen, so dass die Mitgliederzahlen schon 1994 wieder unter die 10 Millionengrenze gefallen sind[1] (Müller-Jentsch 1997: 131). Dieser Trend setzte sich auch in den Jahren danach fort, was zur Folge hat, dass heute weniger Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sind, als jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Ebbinghaus 2003: 174).

Nur zum Jahr 2001 ist ein Anstieg der Mitgliederzahlen des DGB zu erkennen, welcher aber durch die Eingliederung der DAG in ver.di und somit in den DGB erklärt werden kann. Da der Anstieg jedoch nur knapp 130.000 Personen umfasst, die DAG im Jahr 2000 aber über 400.000 Mitglieder umfasste, ist dieser Anstieg wohl eher als ein Mitgliederverlust zu werten und nur rechnerisch ein Gewinn für den DGB.

An hand der Tabelle 1 lässt sich diese Entwicklung für die Jahre 1991-2003 nachvollziehen. Bei der Betrachtung der Einzeldaten der jeweiligen Gewerkschaften wird ebenfalls deutlich, dass nicht nur eine Branche oder ein Teilbereich von diesem Problem betroffen ist, sondern sich die Negativentwicklung bei allen Einzelgewerkschaften des DGB erkennen lässt. Bis auf die GdP, deren Mitgliederzahlen 1995 leicht gestiegen sind und auch 1996 stabil bleiben, haben alle Gewerkschaften jedes Jahr in dem beschriebenen Zeitraum einen Mitgliederverlust verzeichnen müssen.

Tabelle 1: Mitgliederentwicklung der DGB-Gewerkschaften 1991-2003

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Bis 2000 GdED

** ver.di vereint ÖTV, HBV, IG Medien, DPG und die DAG

*** Der Gesamtbetrag ist nicht die Summe der Tabellenwerte, sondern die gerundete Summe der ungerundete Originalwerte

Quellen: (Müller-Jentsch / Ittermann 2000: 101ff); http://www.dgb.de/dgb/mitgliederzahlen/mitglieder.htm

Die Steigerungen der Zahlen der IG Metal in den Jahren 1998 und 2000 können ebenfalls nicht als eine Umkehr der Entwicklung gedeutet werden, da diese hauptsächlich durch die Eingliederungen der Mitglieder der ehemaligen GTB und GHK hervorgerufen wurden, wobei der Anstieg unter der Summe der Einzelgewerkschaften im Jahr zuvor liegt und somit eher als Mitgliederverlust gedeutet werden sollte. Ebenso verhält es sich bei den Zusammenschlüssen zu IG BCE, IG BAU und ver.di, wobei ebenfalls die Mitgliederzahlen der neu entstandenen Gewerkschaften unter der Summe der vorherigen Einzelgewerkschaften bleiben. Auf die Gründe eines Mitgliederverlustes bei Zusammenschlüssen von Gewerkschaften möchte ich in dieser Arbeit jedoch nicht eingehen und auch die unterschiedlichen Ausprägungen des Mitgliederrückganges bei den jeweiligen Gewerkschaften sollen in dieser Betrachtung nicht erläutert werden.

Neben den absoluten Mitgliederzahlen ist zusätzlich der Organisationsgrad der Gewerkschaften von hoher Bedeutung, da dieser die gewerkschaftlichen Rekrutierungserfolge am besten kennzeichnet (Müller-Jentsch 1997: 123).

Ich werde mich in meiner Betrachtung des Organisationsgrades auf den Bruttoorganisationsgrad I beziehen, welcher sich aus dem Quotienten der Gewerkschaftsmitglieder und den abhängigen Beschäftigten multipliziert mit 100 ergibt (Müller-Jentsch 1997: 123).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Maßzahl hat jedoch den Nachteil, dass man mit der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder ebenfalls Arbeitslose, Senioren etc. in die Berechnung mit einbringt, die man bei einer Berechnung des genaueren Nettoorganisationsgrades aus dem Zähler heraussubtrahiert hätte. Da die Zahlen dieser Mitgliedergruppen meist aber nicht verfügbar sind, werde ich mir mit dem tendenziell überhöhten Bruttoorganisationsgrad behelfen (vgl. Müller-Jentsch 1997: 124).

Tabelle 2: Bruttoorganisationsgrad I des DGB 1991-2003*

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Die Berechnung erfolgte auf der Grundlage der Ergebnisse des Mikrozensus – Deutschland

Quellen: (Müller-Jentsch 1997: 45); (Statistisches Bundesamt 2000ff);

http://www.dgb.de/dgb/mitgliederzahlen/mitglieder.htm;

http://www.destatis.de/basis/d/erwerb/erwerbtab1.php; eigene Berechnungen

Hier ist ein ähnlicher Trend wie bei den Mitgliederzahlen zu erkennen, wenngleich bemerkt werden muss, dass auch schon in den 80er Jahren eine fallende Tendenz des Organisationsgrades zu erkennen war (vgl. Müller-Jentsch 1997: 131, Müller-Jentsch / Ittermann 2000: 85). Diese Entwicklung wurde auch nur kurz durch den sprunghaften Anstieg der Mitgliederzahlen im Zuge der Wiedervereinigung unterbrochen und skizziert für die Zeit nach 1991 ein deutliches Absinken der gewerkschaftlichen Rekrutierungserfolge.

2.2. Auswirkungen des Mitgliederrückganges

Gewerkschaften sind Mitgliederorganisationen (vgl. Müller-Jentsch 1997: 119) und die Entwicklung der Mitgliederbestände ein wichtiger Indikator, an dem der Erfolg der Gewerkschaftsarbeit und die Akzeptanz dieser Arbeit seitens der Beschäftigten abgelesen werden kann.

[...]


[1] Insbesondere ist diese Entwicklung in Ostdeutschland zu erkennen. Nach der Wiedervereinigung 1990 traten fast 50% der Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern in eine DGB-Gewerkschaft ein, am Ende der 90er Jahre waren jedoch nur noch 25% der ostdeutschen Beschäftigten DGB-Mitglieder (Ebbinghaus 2003: 185).

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Zur aktuellen Krise der Gewerkschaften in Deutschland: Phänomene und Ursachen
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie und Sozialpsychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
32
Katalognummer
V48419
ISBN (eBook)
9783638451376
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krise, Gewerkschaften, Deutschland, Phänomene, Ursachen
Arbeit zitieren
Dirk Marquardt (Autor:in), 2004, Zur aktuellen Krise der Gewerkschaften in Deutschland: Phänomene und Ursachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48419

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