Sigmund Freuds ,,Massenpsychologie und Ich-Analyse"


Hausarbeit, 2005
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Ziele und Vorgehensweisen

Diese Ausarbeitung bezieht sich auf das Werk ,,Massenpsychologie und Ich-Analyse“(1921!) von Sigmund und stellt die zentralen Prozesse, die eine Masse bzw. eine Massenseele verursachen dar.

Der Freudsche Text wird gemäß seiner Gliederung wiedergegeben. Psychoanalytische Fachbegriffe werde mit Hilfe des ,,Vokabular der Psychoanalyse“ von Laplanche / Pontalis in Fußnoten erklärt, wodurch gleichzeitig eine Einführung in die Psychoanalyse bzw. deren Grundbegriffe gewährleistet wird.

Da sich diese Hausarbeit an die Struktur des Freudschen Textes hält, werden lediglich längere Zitate mit genauer Angaben der Herkunft (Textausgabe, Seitenzahl etc.) versehen.

Freuds Ziel ist die Erforschung der Einflüsse, durch welche die Bindung der Massemitglieder untereinander und von Masse und Führer sowie die Unterwerfungsbereitschaft von Massen unter die Autorität einer Person oder einer Ideologie zustande kommt.

Das konkretisierte Ziel der Ausarbeitung ist es, die Freudsche Erklärung dieser drei Phänomene zusammenfassend und vereinfacht wiederzugeben.

I. Einleitung

Der scheinbare Gegensatz von Individual- und Sozial- oder Massenpsychologie verliert bei genauerer Betrachtung seine Kohäsion.

Die Individualpsychologie beschäftigte sich zwar mit dem psychologischen Vorgängen des Einzelnen, kann aber nicht von dessen Umfeld absehen, da dieses erstens die Existenz des Einzelnen erst geschaffen hat und zweitens sein Denken, Fühlen und Handeln durch die Sozialisation am Anfang direkt und später mit graduell unterschiedlicher Ausprägung indirekt steuert. Als Konsequent ist Individualpsychologie in einem hohen Grade auch immer Sozialpsychologie.

Alle menschlichen Beziehungsstrukturen bzw. soziale Phänomene sind Gegenstand der psychoanalytischen Untersuchung geworden und werden als Gegensatz zu gewissen narzisstischer[1] Vorgängen, ,,bei denen die Triebbefriedigung sich dem Einfluss anderer Personen entzieht oder auf sie verzichtet“ (ebd.: 9) betrachtet. Das zuerst Genannte fällt in den Bereich der Sozialpsychologie, das Letztere in den der Individualpsychologie. Psychoanalyse ist also schon immer eine Verbindung beider Wissenschaftszweige gewesen.

Bei der Betrachtung menschlicher Beziehungsstrukturen hat man sich in der Sozial- bzw. Massenpsychologie angewöhnt, die Bedeutung, welche der Einzelne dem jeweiligen Beziehungspartnern und der Beziehung an sich zuschreibt, auszublenden.

In der bisherigen massenpsychologischen Forschung wird der einzelne Mensch als Mitglied eines ,,Stammes, eines Volkes, einer Kaste, eines Standes, einer Institution oder als Bestandteil eines Menschenhaufens, der sich zu einer gewissen Zeit für einen bestimmten Zweck als Masse organisiert hat“ (ebd. 19) analysiert.

Man fragte nicht nach den Voraussetzungen und deren Erwerb, die der Einzelne mitringen muss, um in der Masse ,,aufzugehen“. Die Kraft, durch die eine Masse entsteht, wird lapidar dem ,,sozialen Trieb[2] “ bzw. dem ,,Herdeninstinkt“ zugeschrieben. Dieser soziale Trieb kann nicht erst in der Masse seinen Ursprung haben; er muss notgedrungen in der Familie liegen, die den prägendsten Einfluss auf das Individuum ausübt. Die psychologischen Veranlagerrungen, die eine Bedingung der Möglichkeit einer späteren Beeinflussbarkeit durch die Masse darstellen, werden von einem Menschen im Laufe seines familiären Lebens erworben. Die psychoanalytische Massenpsychologie sieht also in der Psychogenese des Kindes den zentralen Kern des massenpsychologischen Phänomens.

II. Le Bon’s Schilderung der Massenseele

Freud sieht in den Anfängen der Massenpsychologie die bessere Einstiegsmöglichkeit in das Thema, als mit einer Begrifferklärung zu beginnen.

Wäre die Psychologie in der Lage, die psychischen Prozesse des Individuum restlos aufzudecken, müsste sie auch die Tatsache erklären können, warum ein Individuum in einer Masse auf einen Schlag ganz anders denkt, fühlt und handelt als sie erwartet hätte. Die Aufgabe einer theoretischen Massenpsychologie umfassen drei Fragestellungen:

1. Was ist eine Masse?
2. Wodurch erwirbt sie die Fähigkeiten, dass Seelenleben des Individuums so entscheidend zu beeinflussen?
3. Worin besteht die seelische Veränderung, die sich im Individuum vollzieht?

In diesem Kapitel wird vor allem die dritten Frage mit Hilfe der Ansichten des französischen Arztes Le Bon behandelt.

Le Bon geht davon aus, dass der einzelne Mensch eine Art Kollektivseele besitzt, durch die er in der Lage ist, in einer Masse ganz anders zu denken, handeln und fühlen, denn als Einzelner. So entsteht aus der heterogenen Anzahl Einzelner eine homogene Masse.

Für Freud geht diese Feststellung nicht weit genug. Er sieht in dem ,,Bindemittel“, durch das die Menschen miteinander verbunden werden, die entscheidende Charakteristik einer Masse.

Freud stimmt Le Bon zu, dass neben unserem bewussten Geistesleben ein viel größerer Anteil ,,Unbewusstes’’[3] im Menschen existiert und wesentlich unser Handeln mitbestimmt. Nach Freud werden in der Masse die individuellen Sozialisationszüge des Einzelnen ,,abgetragen“ und das ,,uns allen gleichartige unbewusste Fundament“ (ebd.: 13) zeigt seine Wirkung.

Dennoch erlangen die Individuen in einer Masse - nach Le Bon - Eigenschaften, die sie vorher nicht besaßen. Drei Ursache zählt er hierfür auf:

1.) Machtgefühl: In der Masse erlangt der Einzelne ein Machtgefühl, das ihn dazu befähigt Triebe auszuleben, die er sonst notwendigerweise gezügelt hätte. Zudem ist der Einzelne in der Masse mehr oder weniger anonym, wodurch das Verantwortlichkeitsgefühl für die eigenen Taten sinkt oder gar ganz verschwindet. Freud sieht darin keineswegs neue Eigenschaften, sondern lediglich eine Äußerung des Unbewussten, in dem ,,alles Böse der Menschenseele in der Anlage enthalten ist“ (ebd.)
2.) Ansteckung: In der Masse sind Emotionen und Handlungen im so hohen Maße ansteckend, dass der Einzelne seine persönlichen Interessen dem Gesamtinteresse opfert.
3.) Suggestibilität: In der Masse verliert der Einzelne seine bewusste Persönlichkeit. Die Ansteckung ist lediglich eine Wirkung der Suggestibilität; sie selber kann mit Hypnose gleichgestellt werden. Ist die Bedingung der Möglichkeit zur Suggestion geschaffen, gehorcht der Einzelne, wie in der Hypnose auch, demjenigen (in diesem Fall der Masse), der ihm die bewusste Persönlichkeit genommen hat.

Die Hauptmerkmale einer Masse sind demnach ,,Schwund der bewussten Persönlichkeit, Vorherrschaft der unbewussten Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken und Gefühle in derselben Richtung durch Suggestion und Ansteckung, Tendenz zur unverzüglichen Verwirklichung der suggerierten Ideen“ (ebd.: 15).

Freud sieht als Verursacher der Suggestibilität den Führer (Hypnotiseur) und kritisiert, dass dieser bei Le Bon als solcher nicht erwähnt wird.

Ein weiterer Blick auf das Massenindividuum zeigt, dass der einzelne Mensch in der Masse ,,mehrere Stufen auf der Leiter der Zivilisation“ (ebd.: 16) herabsteigt. Häufig sinkt das intellektuelle Niveau der Massenmitglieder ab und im Gegenzug wird ihr affektives[4] Potential verstärkt.

Die Massenseele ist nach Le Bon – Freud schließt sich dem an – folgendermaßen gekennzeichnet: Die fast ausschließlich vom Unbewussten gesteuerte Masse ist impulsiv, leicht reizbar, will ihre Ziele sofort verwirklichen, im höchsten Grade affektiv, und absolut kritiklos gegenüber sich selber und ihren Führern. Um sich dieser Masse zu bemächtigen bedarf es keiner logischen Argumente. Notwendig sind bildhafte Sprache und maßlose Übertreibungen und viele Wiederholungen. Die Masse fordert Illusion. Sie lässt sich von ihr mehr beeinflussen als von der Realität. Die Realitätsüberprüfung des Massenindividuums verschwindet hinter den ,,affektiv besetzten Wunschregungen“ (ebd.: 19).

,,Die Masse ist eine folgsame Herde, die nie ohne Herrn zu leben vermag“ (ebd.). So bringt nicht der Führer eine Masse zustande, sondern die Masse bringt ihren Führer hervor, dessen Eigenschaften ihren Bedürfnissen entsprechen.

Die Eigenschaften von führenden Personen einer Masse sind – nach Le Bon - durch Ausstrahlung von Autorität und Prestige, sowie durch die bedingungslose Überzeugung von einem Ideal gekennzeichnet.

[...]


[1] Narzissmus: Bezeichnet für die Selbstliebe, die ein Mensch seinem Selbstbild entgegenbringt. Der Antagonist Ichlibido – Objektlibido spielt hierbei eine wichtige Rolle. Je mehr Ichlibio desto weniger Objektlibido steht zur Verfügung und desto größer ist der Narzissmus. Freud unterscheidet den primären vom sekundären Narzissmus (vgl. Laplanche1973: 317-320). ,,Der primäre Narzissmus bezeichnet einen frühen Zustand, in dem das Kind sich selbst mit seiner ganzen Libido besetzt. Der sekundäre Narzissmus bezeichnet eine Rückwendung der von ihren Objektbesetzungen zurückgezogenen Libido“ (ebd.: 320) (siehe auch Fußnote ,,Libido“ und ,,Objektbesetzung“)

[2] Trieb: ein körperlicher Spannungszustand dessen Ziel die Aufhebung an der Triebquellen ist und für das Erreichen ein Objekt benötigt. Freud geht von zwei Grundtrieben aus: den Eros- und den Destruktionstrieb. Die Energie des Erostriebes ist die Libido. Für den Destruktionstrieb gibt es keinen vergleichbaren Begriff. (vgl. Laplanche/Pontalis 1973:

[3] Das Unbewusste: Ist als ein psychischer ,,Ort“ zu verstehen, indem sich verdrängte Wünsche, Phantasien etc. aufhalten, und mit Hilfe von Triebenergien immer wieder versuchen und es auch oft schaffen ins Bewusstsein zu dringen und auch ihre Wirkung zu entfalten (vgl. Laplanche1973: 562-565)

[4] Affekt:,,Der Affekt ist die qualitative Äußerungsform der Quantität an Triebenergie und ihrer Variationen“ (Laplanche/Pontalis 1973: 37)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Sigmund Freuds ,,Massenpsychologie und Ich-Analyse"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie und Sozialpsychologie)
Veranstaltung
Individuum und Kultur
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V48430
ISBN (eBook)
9783638451468
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit ist eine Darstellung des Freudschen Werkes "Massenpsychologie und Ich-Analyse, und hat lediglich den Anspruch, den Inhalt des Originals verkürzt und vereinfacht darzustellen.
Schlagworte
Sigmund, Freuds, Massenpsychologie, Ich-Analyse, Individuum, Kultur
Arbeit zitieren
Christoph Egen (Autor), 2005, Sigmund Freuds ,,Massenpsychologie und Ich-Analyse", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48430

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